Günter Roski
Zeughaus Berlin, 26. März - 15. Juni 1993
Jugendliche in der DDR
  Link zur Homepage des DHM  
Teil 1 Teil 2 Teil 3
Teil 4

Katalog

Vorwort
Einführung

Deutschland um 1900

DDR
BRD


Aufsätze

Günter Roski


Ausstellungsarchitektur



Besucherreaktionen



Virtueller Spaziergang



Ausstellungsgrundriss



Weitere Informationen


 

In den Untersuchungen des ZIJ zeigten sich diese Entwicklungen 1978 und 1979 als erste stagnative und rückläufige Trends bei fast allen politischen Einstellungen und Wertorientierungen. Im Grunde war damit aus heutiger Sicht bereits das Ende der uniformen sozialistischen Gesellschaft prognostiziert: Nie wieder zeigte sich die Jugend in ihrer Gesamtheit so stark auf die DDR und den Sozialismus als einzige akzeptable Gesellschaftsordnung ausgerichtet wie zur Mitte der siebziger Jahre. Ebenso wurde deutlich (und bestimmte fortan auch das Bewußtsein der jungen Generation), daß die DDR und das sozialistische Gesellschaftssystem sich nicht abgekoppelt vom welthistorischen Prozeß entwickeln konnten. Die gesellschaftswissenschaftliche Forschung zeigte andererseits auf, daß das spezifische Zusammenwirken von internationalen und nationalen Ereignissen von erheblicher Bedeutung für die tendenzielle Veränderung politischer Einstellungen, Überzeugungen und Wertorientierungen bei Jugendlichen ist, insbesondere dann, wenn diese Verhaltensdispositionen noch nicht in einem Maße habitualisiert sind, die eine Änderung erschweren könnten.

Anfang der achtziger Jahre bewirkten zunehmende Belastungen durch das Wettrüsten eine weitere Zuspitzung der wirtschaftlichen Lage in der DDR. Ein weiteres Mal zeigte sich, daß weder das sozialistische Staatensystem noch die DDR in der Lage waren, diese Belastungen abzufangen. Dennoch versuchte die SED-Führung, aus dieser Situation politischen Gewinn zu erzielen, indem sie sich mit einer starken propagandistischen Offensive an der Spitze der weltweiten Friedensbewegung etablieren wollte. Dieser Führungsanspruch wurde ihr zwar international verwehrt, trug jedoch innenpolitische Früchte. Nachweisbar durch Studien in den Jahren 1983 bis 1986, kam es vorübergehend zu einer gewissen Stabilisierung der Identifikation mit der DDR und dem Sozialismus und diesbezüglicher Einstellungen und Wertorientierungen. Im Grunde handelt es sich hierbei jedoch um eine Scheinstabilisierung, die in keiner Weise in einer Veränderung des Systems selbst begründet war, sondern allein als Resultat einer geschickten Propagandakampagne zu werten ist. Folgerichtig bewirkte sie nur ein kurzes Aufhalten des allgemeinen, bereits Ende der siebziger Jahre eingeleiteten Verfallsprozesses des "sozialistischen Bewußtseins". Von ihm wurden alle wesentlichen Überzeugungen und Werte erfaßt, wenn auch zum Teil zeitlich inkongruent. Wenn man dennoch in der Mitte der achtziger Jahre eine weitere Zäsur ansetzt, so vor allem deshalb, weil von diesem Zeitpunkt an der Niedergang sozialistischer Einstellungen und Wertorientierungen bei DDR-Jugendlichen in einem Tempo erfolgte, das eine tiefe gesellschaftliche Krise als unabwendbar erscheinen ließ.

Als Ursachen für diesen rasanten Verfall sind sowohl innen- als auch außenpolitische Prozesse verantwortlich zu machen. Die sehr differenzierten Entwicklungen im Ostblock, vor allem in der Sowjetunion, in Polen und Ungarn, stellten die Allgemeingültigkeit der "Gesetzmäßigkeit" vom Übergang des Kapitalismus in den Sozialismus/Kommunismus aus der Sicht der Jugendlichen zunehmend in Frage. Ein großer Teil der Jugend, darunter häufiger Studenten und Intellektuelle, setzte große Hoffnungen in die von Gorbatschow seit 1985 praktizierte Politik der Öffnung und sah hier Ansätze für längst fällige Reformen im realen Sozialismus der DDR. Diese Hoffungen erfüllten sich nicht. Die DDR-Führung verschärfte vielmehr die "ideologische Kontrolle" und ignorierte die Entwicklungen im Bruderland Nummer eins. Zunehmend erfolgte nunmehr eine totale Ideologisierung aller Alltagsbereiche, wovon besonders Jugendliche betroffen waren. Politische Agitation begleitete den DDR-Bürger vom Kindergarten bis in die Rente. Man griff auf die längst vergessenen "Schwarz-Weiß-Darstellungen" aus der Zeit des Kalten Krieges zurück und baute Identifikationsmuster mit SED und DDR auf der einen Seite,


 

Feindbilder gegenüber dem "BRD-Imperialismus" auf der anderen Seite auf.

In den Medien der DDR erfolgte eine fast ausschließliche Nur-Erfolgsberichterstattung und Argumentation, die in krasser Diskrepanz zu den ernüchternden Alltagserfahrungen der Jugendlichen (vor allem in der Berufstätigkeit) stand. Abgesehen von der Lächerlichkeit solcher Berichterstattung, bewirkte diese Art von Journalismus, daß ein großer Teil der Jugendlichen im Bedürfnis nach umfassender und wahrer politischer Information auf die Medien der Bundesrepublik zurückgriff.

Obwohl in der DDR bis zur "Wende" 1989 kaum jemand Not litt, war der Alltag in den achtziger Jahren doch überwiegend durch einen Mangel an Waren des täglichen Bedarfs, durch geringes technisches Niveau von Konsumgütern, durch überalterte Produktionsanlagen, eine schleichende Inflation und die zunehmende Dominanz der Schattenwährung D-Mark für die Erlangung von Dienstleistungen und hochwertigen Gütern charakterisiert. Zugleich traten die für eine Mangelwirtschaft typischen Erscheinungsformen von Korruption, Vetternwirtschaft und Privilegierung immer krasser zutage, wurden andererseits jegliche Leistungsprinzipien außer Kraft gesetzt.

Die von Jugendlichen im Alltag gewonnenen Erfahrungen standen immer häufiger im Gegensatz zu dem von Schule, Medien und FDJ-Versammlung vermittelten Bild der DDR und des Sozialismus. Sie mußten im Verlauf der achtziger Jahre den Eindruck gewinnen, daß die Gesellschaftskonzeption des Marxismus-Leninismus keine Prognose künftiger Entwicklung gestattete, nicht einmal die aktuellen Problemfelder erklären konnte. Permanent einer Disziplinierung und sozialen Kontrolle durch Lehrer, Polizei und Vorgesetzte (zum Teil zusätzlich der Eltern) ausgesetzt, blieb häufig kein Raum für individuelle Gestaltungsfelder. Angesichts der zunehmenden Erfahrungsmöglichkeiten westlicher Lebensqualität wurde das an sich immer vorhandene Gefühl des Eingesperrtseins zu einem dominanten Lebensgefühl der DDR-Jugend und führte nicht selten zur totalen Resignation. Im Zuge dieser durch innen- und außenpolitische Faktoren bestimmten Entwicklung war ein Vertrauensverlust in die politische Organisation der DDR, insbesondere in die SED-Führung, ein Abbau politischer Werte des Sozialismus und diesbezüglicher Einstellungen, damit letztlich für viele junge Menschen eine tiefe politisch-weltanschauliche Identifikations- und Orientierungskrise absehbar und stellte sich zunehmend ein. Der Glaube an die Überlegenheit und Zukunftsfähigkeit des Sozialismus wurde immer mehr in Frage gestellt und schließlich als Illusion bewertet. Im Sommer 1989 war ein größerer Teil der DDR-Jugend - mit unterschiedlicher Gewichtigkeit in den verschiedenen sozialen Gruppen - nicht mehr bereit, sich für eine weitere sozialistische Entwicklung in der DDR einzusetzen, hegte prinzipiell Zweifel an der Durchsetzung des Sozialismus im Weltmaßstab, lehnte den Marxismus-Leninismus ab und identifizierte sich weder mit den politischen Zielen der SED noch der FDJ. Die sozialistische DDR war es nicht mehr wert, erhalten, geschweige denn verteidigt zu werden.

 
           
 
 
GO! Link zur Homepage des DHM Zurück Zurück zur Homepage Sitemap Gästebuch Nach Oben Zur nächsten Seite Vergrößern "Jugendweihe"