Die deutsche Nationalbewegung war eine heterogene Mischung von
bürgerlichem Vereinswesen, liberaler Publizistik, wirtschaftlicher
Initiative und parlamentarischer Opposition und deswegen schwer
für eine klare Lösung der deutschen Frage zu mobilisieren.
Nach ihrer Niederlage in der Revolution von 1848/49 trat sie einstweilen
in den Hintergrund, um im Zusammenhang mit dem österreichisch-französischen
Krieg in Norditalien 1859 wieder zu erstarken. Der »Deutsche
Nationalverein« wurde jetzt gegründet, der in Preußen
die Vormacht einer künftigen deutschen Einheit sah. Das lief
auf die kleindeutsche Lösung hinaus, ein Deutschland ohne
Österreich.
Der preußische Ministerpräsident Otto
von Bismarck verfolgte ein ähnliches Ziel, allerdings ohne
Unterstützung der liberalen Nationalbewegung, der er die
politische Handlungsfähigkeit absprach: Nicht durch Reden
und Majoritätsbeschlüsse werde die deutsche Einheit
geschaffen, sondern durch Blut und Eisen. In den drei »Einigungskriegen«
1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich, 1870/71
gegen Frankreich erwies sich der Erfolg der Bismarckschen
Realpolitik. Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal des Schlosses
von Versailles der preußische König Wilhelm I. von
den deutschen Fürsten zum Deutschen Kaiser ausgerufen.
Daß damit kein Großpreußen, sondern ein Deutsches
Reich entstanden war, war allerdings das Verdienst der deutschen
Nationalbewegung, die generationenlang diesen Traum propagiert
und ihn den Regierenden aufgezwungen hatte. Insofern war die Reichseinigung
zugleich eine »Revolution von unten« wie eine »von
oben«.