Das Deutsche Reich, 1871 auf den Schlachtfeldern Frankreichs gegründet,
war ein Bündnis der deutschen Fürsten, gestützt
auf die preußischen Waffen, getragen vom Jubel des national
gesinnten Bürgertums. Diese drei Säulen des Reiches
spiegelten sich in der Reichsverfassung wider. Das Reich war ein
Bundesstaat. Die verbündeten deutschen Länder waren
in der Ersten Kammer vertreten, dem Bundesrat. Ihm stand als Zweite
Kammer der Reichstag gegenüber, aufgrund des fortschrittlichsten
Wahlrechts in Europa aus freien, gleichen und geheimen Wahlen
aller deutschen Männer ab 25 Jahre hervorgegangen. Das dritte
Element, die Armee, war allerdings vom Parlament ebenso unabhängig
wie die Reichsregierung, als deren einziger Minister der Reichskanzler
amtierte, bis 1890 Fürst Bismarck. Das Reichsheer, in der
Hauptsache die preußische Armee, sowie die Reichsregierung
und -verwaltung waren dem preußischen König zugeordnet,
der das Bundespräsidium innehatte und in dieser Rolle den
Namen »Deutscher Kaiser« führte.
Das neue Deutsche Reich bildete eine geballte Macht in der Mitte
Europas und wurde deshalb von den älteren europäischen
Mächten mit Argwohn beobachtet. Bismarck suchte diesen Argwohn
zu beschwichtigen, indem er mit Hilfe eines komplizierten Bündnissystems
eine Politik des europäischen Ausgleichs betrieb
und »ehrlicher Makler« zwischen den Mächten sein
wollte. Den Höhepunkt dieser Politik stellte 1878 der Berliner
Kongreß dar, der die Gefahr eines europäischen Krieges
vorerst bannte.
Nach innen mußte die nationale Einheit Deutschlands noch hergestellt werden. Im Kulturkampf suchte die Reichsregierung den deutschen Katholizismus mit seinen transnationalen Aspekten national zu mediatisieren. Das Sozialistengesetz von 1878 war die staatliche Antwort auf die Kampfansage der »Umsturzpartei«, wie Bismarck die erstarkende Sozialdemokratie nannte. Nationale Minderheiten Franzosen, Dänen, Polen widersetzten sich der Germanisierung, und welche Rolle die deutschen Juden zu spielen hätten, war heiß umstritten. So besaß das Bismarckreich ein Doppelgesicht: friedlich nach außen, repressiv gegen Minderheiten nach innen.