Von 1871 bis 1914 wuchs die deutsche Bevölkerung fast auf
das Doppelte. Industriezentren und Großstädte begannen
nun Deutschlands Bild zu prägen. In den modernen Industrien
wie der Chemie-, Elektro- und Maschinenbaubranche wurde das Deutsche
Reich zum Pionierland; Unternehmen wie Siemens oder AEG in der
Elektrobranche, Krupp oder Thyssen in der Schwerindustrie, Bayer
oder Hoechst in der Großchemie waren in vielen Ländern
der Welt Symbole deutscher Wissenschaft und Industrie. Aber auch
traditionelle Wirtschaftszweige wie Landwirtschaft, Bergbau und
Eisenindustrie wurden motorisiert und elektrifiziert. Die Naturwissenschaften
rückten ins Zentrum der Forschung, vom Staat energisch unterstützt.
Großbanken und Aktiengesellschaften mobilisierten die Wirtschaft.
Riesige Konzerne und Kartelle entstanden. Deutschland trat unter
dem Zeichen »Made in Germany« in die Weltkonkurrenz
der großen Exportländer ein.
Im stürmisch wachsenden, von krassen sozialen Gegensätzen
gezeichneten Berlin erhielt Deutschland zum ersten Mal in seiner
Geschichte eine wirkliche Hauptstadt. Berlin lag im Zentrum eines
ins ganze Reich ausstrahlenden Eisenbahnnetzes. Die Nähe
zur politischen Macht begünstigte die industrielle Konzentration.
Ausgezeichnete Ausbildungsstätten, von den kostenlosen Volksschulen
bis zu einer der angesehensten Universitäten Europas, nicht
zuletzt auch der kulturelle Glanz der Reichshauptstadt zogen die
Unternehmer an. In wenigen Jahrzehnten holte Berlin, verspätete
Metropole eines verspäteten Nationalstaats, den größten
Teil des Vorsprungs auf, den Paris und London in Jahrhunderten
gewonnen hatten.