Das Mächtesystem Europas ertrug den deutschen Nationalstaat
gerade so lange, wie er bereit war, sich strikte Beschränkungen
aufzuerlegen. Die ausgleichende Außenpolitik Bismarcks,
den Wilhelm II. 1890 entlassen hatte, war von seinen Nachfolgern
jedoch nicht fortgesetzt worden. Das Reich trat ein in den Kampf
der Industriestaaten um Rohstoffe und Absatzmärkte, Interessenzonen
und Kolonien. Deutschland folgte auch den Vorbildern der älteren
Kolonialmächte, indem es seine Macht gegenüber den aufbegehrenden
Untertanen in den »Schutzgebieten« brutal durchsetzte.
Dabei ging es gelegentlich bis an die Grenze des Völkermords
(Herero-Aufstand 1904). Begleitet vom Jubel nationalistischer
Massenverbände baute Deutschland eine Kriegsflotte,
die Großbritannien als Herausforderung empfand und die auch
so gedacht war.
Die europäischen Mächte empfanden das neue, weltpolitisch
auftrumpfende Deutschland als bedrohlichen Störenfried. 1904
legten Großbritannien und Frankreich ihre kolonialen Streitigkeiten
bei und schlossen ein weitgehendes Bündnis, die entente cordiale;
nachdem 1905 der Versuch Wilhelms II. gescheitert war, das alte
deutsch-russische Bündnis zu erneuern, folgte zwei Jahre
darauf ein britisch-russischer Vertrag, mit dem die beiderseitigen
Rivalitäten im Mittleren Osten beigelegt wurden. Deutschland
sah sich isoliert, abgesehen von dem österreichischen Bündnispartner,
der aber wegen seiner dauernden Verwicklungen auf dem Balkan eher
eine Belastung darstellte.
Das Gefühl, eingekreist zu sein, löste in Deutschland
eine trotzige Stimmung des »Nun erst recht« aus, eine
Steigerung des neurotischen Massennationalismus, wie er in der
zunehmenden Agitation des »Alldeutschen Verbands« seinen
Ausdruck fand.