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  DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE EINE KLEINE WERKSCHAU ZU GERHARD LAMPRECHT

 

DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE EINE KLEINE WERKSCHAU ZU GERHARD LAMPRECHT

 

Im August 1951 veröffentlichte der Berliner Kurier eine kleine Geschichte von Gerhard Lamprecht mit dem Titel Das Schiffchen. Darin erzĂ€hlt der Filmregisseur und GrĂŒnder der Deutschen Kinemathek (1897-1974) davon, wie er an einem vertrĂ€umten Nachmittag in einem Fluss ein Papierschiffchen auf den Wellen schaukeln sah und es mit MĂŒhe herausfischte. Es erschien ihm wie ein Gruß seines kleinen Freundes, der zuvor eine Zeit lang mit ihm auf den Fluss geschaut hatte. Nun erfand er eine Geschichte zu diesem Schiffchen, sorgfĂ€ltig gefaltet, so erdachte er sich’s, aus dem frischen Liebesbrief eines einstigen Geliebten der Mutter des Jungen. Am Ende seiner kleinen Fantasie klappt der ErzĂ€hler Lamprecht das nasse Papier auseinander und liest mit MĂŒhe einen Reklametext: „Ich warf das Blatt Papier ins Wasser, wo es langsam versank.“ Als eine EnttĂ€uschung, eine falsche Erinnerung und auch als ein falsches Versprechen. Ein etwas kitschiger Text, der aber einen Hinweis gibt auf die Intentionen von Gerhard Lamprecht.
Er war ein Dokumentarist des alltĂ€glichen Lebens, das ihm unzĂ€hlige Sensationen bot, wollte das Archiv einer Welt anlegen, die er verschwinden sah. Und so versammelte er, ob inszeniert oder einfach vor die Kamera gekommen, seine eigene Gegenwart und ihre Werte und GefĂŒhle. War er ein politisch denkender Mensch? Wohl interessierte er sich fĂŒr die LebensumstĂ€nde der einfachen Leute und der Armen, doch politisch war er eher konservativ. Steckte in ihm ein politischer MitlĂ€ufer des Nationalsozialismus? Konnte er sich politischen Vorgaben entziehen? Oder blieb er auch in der NS-Diktatur ein Dokumentarist des Alltags? Solchen Fragen spĂŒrt diese Werkschau nach, die kaum bekannte Dokumentarfilme Lamprechts aus den 1920er Jahren mit Filmen aus der Zeit von 1933 bis 1945 zusammenbringt und beispielhaft auch Nachkriegsproduktionen hinzuzieht. „Das Schiffchen“ – es könnte eine Metapher sein fĂŒr Lamprechts filmisches ƒuvre, das auf den bewegten Wellen unruhiger Zeit schaukelt. Heutige Zuschauer seiner Filme mĂŒssen es mit Geduld entfalten, wobei manchmal weniger ihr manifester Inhalt als die immensen Assoziationsmöglichkeiten zu faszinieren vermögen. (Rolf Aurich / Wolfgang Jacobsen)
Eine Filmreihe in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinemathek – Museum fĂŒr Film und Fernsehen

 

DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE

MĂ€dchen im Vorzimmer
D 1940, R: Gerhard Lamprecht, B: Walther von Hollander, unter Verwendung eines Motivs von Edmund Sabott, D: Magda Schneider, Heinz Engelmann, Erich Fiedler, Rudolf Platte, 85' 35 mm

Um einen Betriebsfrieden ganz besonderer Art geht es in MĂ€dchen im Vorzimmer, der am 31. Mai 1940, zwei Wochen vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris, Premiere hatte. Handlungsort ist ein Zeitungsverlag in Berlin, Hauptperson die SekretĂ€rin Beate Wilmerding, von Magda Schneider auf unnachahmliche Weise und mit hochgeschlossenem Sex Appeal durch den Film geboxt. Der Verlag braucht frisches Geld, doch um welchen Preis! Die ideologische Botschaft lautet, dass nicht der Einzelne das Maß der Dinge sei, sondern der Verlag. Denn der Verlag ist Heimat. Und in der Heimat sollen alle in Frieden leben können. Beate Wilmerding agiert als Friedensstifterin, wĂ€hrend zwei MĂ€nner um sie streiten und Krieg miteinander fĂŒhren. Den Sieg erringt der von Heinz Engelmann geradlinig gespielte Ingenieur, der fĂŒr ein nationales Aufbauwerk, die Autobahn, schuftet. Die Geschichte ist fest situiert im nationalsozialistischen Alltag der 1940er Jahre. Dieser Alltag, akkurat mit allen nur denkbaren Symbolen der NS-Kultur ins Bild gesetzt, bietet die Folie fĂŒr einen zuweilen auch melodramatisch aufgeladenen Appell, in Zeiten der Ă€ußeren Konflikte, des Krieges, die inneren Differenzen auszugleichen. (ra, wjc)
EinfĂŒhrung am 2.4.: Rolf Aurich

am 2.4.2013 um 20.00 Uhr
am 14.4.2013 um 20.30 Uhr


DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE


Misdroy
D 1928, R: Gerhard Lamprecht, 16' 16 mm

Frau im Strom
D 1939, R: Gerhard Lamprecht, B: Gerhard Menzel, D: Hertha Feiler, Attila Hörbiger, Oskar Sima, Fritz Rasp, 94' 35 mm

Misdroy ist ein filmisches StĂŒck privater Ferienpoesie. Neugierige Lamprechtsche Beobachtungen im Badeort Misdroy, an der Pommerschen Bucht auf der Insel Wollin gelegen, akzentuiert durch inszenierte Eingriffe in das dokumentierte Sommer- und WasservergnĂŒgen.
Frau im Strom wurde in Wien gedreht und ist innerhalb des ƒuvres von Lamprecht, bezogen auf jene Filme, die in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur entstanden, ein EinzelstĂŒck, nicht nur weil er außerhalb von Lamprechts eigentlichem Terrain, Berlin, realisiert wurde. WĂ€hrend der Dreharbeiten ĂŒberfielen deutsche Truppen Polen. Dass Krieg ausgebrochen ist, findet keinen Widerhall im Film. Auf geradezu beilĂ€ufige Weise wird eine Liebesgeschichte aus dem Jahr 1939 erzĂ€hlt, die auch eine Sozialreportage ist. Wiener Milieu. Im Mittelpunkt stehen drei Freunde, die am rechten Donauufer, auf einem schĂ€bigen IndustriegelĂ€nde, eine Autoreparaturwerkstatt betreiben. Attila Hörbiger, Oskar Sima und Fritz Rasp spielen diese drei MĂ€nner mit Witz, Granteln und einer zuweilen ĂŒberraschenden Hellhörigkeit fĂŒr das, was – noch unsichtbar – ihren Alltag verĂ€ndert. Eine Frau, Hertha Feiler, bringt Unruhe, die sich zu einem KriminalstĂŒck auswĂ€chst, weil sie geliebt wird, aber sich nicht lieben lassen will. Eine kleine Gesellschaft in einer großen, beide Gesellschaften werden sich einer BewĂ€hrungsprobe stellen mĂŒssen. „Das Leben ist schön“, so eine Zeile im Schlusslied. Doch diese Harmonie, die Lamprecht zulĂ€sst und mit naiver Geste ins Bild setzt, ist trĂŒgerisch. Ja, das Leben ist schön, doch geht es auch weiter, nun, wo Krieg ist? (ra, wjc)

am 3.4.2013 um 20.00 Uhr

DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE

Am Fuße des Aetna
D 1927, R: Gerhard Lamprecht, 14' 35 mm

Clarissa
D 1941, R: Gerhard Lamprecht, B: Ela Elborg, Georg C. Klaren, nach einer Idee von Georg Rothkegel, D: Sybille Schmitz, Gustav Fröhlich, Gustav Diessl, 88' 35 mm

„In seltsamer Laune hat der alles vernichtende Strom einzelne HĂ€user verschont“, sagt ein von Lamprecht selbst geschriebener Zwischentitel – und der Dokumentarist schwenkt Am Fuße des Aetna mit der Kamera ĂŒber die Lavafelder des letzten Vulkanausbruchs von 1923. In Italien regieren die Faschisten. Der Gast aus Deutschland richtet den Blick auf eine der Großstadt vollstĂ€ndig abgewandte Welt. Auf die Kinder in diesem verkrusteten Landstrich Siziliens schaut er mit besonderer Aufmerksamkeit. Was haben sie gemeinsam mit den Berliner Hinterhofgören?
Unter dem Decknamen Ela Elborg zeichnete die jĂŒdische Autorin Hilde Finkelnburg, Stieftochter des Schauspielers Rudolf Klein-Rogge, fĂŒr das Drehbuch von Clarissa mit. Ob Lamprecht von ihrer IdentitĂ€t wusste, ist nicht bekannt. Das stille Potsdam und das wilde Berlin sind die Antipoden in diesem Film, dessen Protagonisten fĂŒr noch verschiedene LebensentwĂŒrfe stehen, die im Verlauf der Geschichte ideologisch gleichgeschaltet werden. Da ist die adlige, einer alten und als veraltet dargestellten Gesellschaft verpflichtete Clarissa von Reckwitz, von Sybille Schmitz verkörpert, kĂŒhl und bis in die Fingerspitzen distanziert; und da ist Lutz Bornhoff, wie sie in der gleichen Bank beschĂ€ftigt, aber ein so ganz anderer Typ, ein Mann seiner Zeit, ein „Kamerad“ – und dieser Begriff ist politisch aufgeladen. Gustav Fröhlich spielt ihn, zupackend und von sich ĂŒberzeugt. Wie können Menschen so unterschiedlichen Wesens so ganz anders gesellschaftlich geprĂ€gt zueinander kommen? Die zentrale Szene des Films ist ein „Kameradschaftsabend“, der ĂŒppig mit Hakenkreuzfahnen drapiert ist. Angestrebt ist eine Gleichschaltung von „preußisch“, was fĂŒr individuell steht, und nationalsozialistisch, Synonym fĂŒr die neue Gemeinschaft. Doch der Film changiert – auch im Personal der Chargen. (ra, wjc)

am 5.4.2013 um 21.00 Uhr
am 10.4.2013 um 20.00 Uhr


DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE

Taormina auf Sizilien
D 1927, R: Gerhard Lamprecht, 10' 16 mm

Du gehörst zu mir
D 1943, R: Gerhard Lamprecht, B: Walther von Hollander, Richard Riedel, nach Motiven des BĂŒhnenstĂŒcks Kaland (Das letzte Abenteuer) von SĂĄndor MĂĄrai, D: Willy Birgel, Lotte Koch, Viktor Staal, 90' 35 mm

Lamprecht weilt unter sĂŒdlicher Sonne und prĂ€sentiert gleichmĂŒtig seine UrlaubseindrĂŒcke „aus dem Lande der Citronen“. Gleichsam wie Goethe schaut er auf Taormina, zeigt das Amphitheater, den Ätna, das Meerufer bis nach Catania und Syrakus.
Du gehörst zu mir beginnt mit einer RĂŒckblende. Professor Burckhardt, Chefarzt einer stĂ€dtischen Klinik, wird verabschiedet. Willy Birgel stellt ihn von Beginn an als einen Heroen dar. In dieser RĂŒckblende wird sogleich die zentrale Frage des Films gestellt – von Burckhardts Assistenten Groone, den Viktor Staal verkörpert: Lohnt es, eine Operation zu wagen, wenn fĂŒr den Patienten durch den Eingriff nur wenige Lebensjahre gewonnen werden können? Burckhardt bejaht diese Frage, doch ist die Antwort nicht endgĂŒltig. Als Variation wird sie hier immer wieder gestellt. Denn im Subtext des Films, der sich Ă€ußerlich als ein Melodram gibt und Burckhardts menschliches Versagen seiner Frau gegenĂŒber thematisiert sowie Groones Verlangen nach dieser, geht es um „wertes“ und „unwertes“ Leben. Und in diesem Kontext wird fĂŒr einen „Systemwechsel“ geworben. Diese in der Dramaturgie geschickt verdeckte politische und zutiefst nationalsozialistische Forderung rĂŒckt den Film retrospektiv in die NĂ€he von Wolfgang Liebeneiners Ich klage an (1941), der propagandistisch die Euthanasie bewarb. Lamprechts Filme, die zwischen 1933 und 1945 entstanden, sind keineswegs frei von NS-Formulierungen und -Vorstellungen, sondern sie sind zeitverhaftet und zuweilen, mehr oder weniger deutlich, auch zeitverpflichtet. Das fordert ein genaues Hinsehen heraus! (ra, wjc)

am 6.4.2013 um 19.00 Uhr

DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE

Erstarrte MĂ€rchenwelt
D 1928, R: Gerhard Lamprecht, 7' 35 mm

Einer zuviel an Bord
D 1935, R: Gerhard Lamprecht, B: Fred Andreas, Philipp Lothar Mayring, Kurt Heuser, nach dem Roman von Fred Andreas, D: Lida Baarova, Albrecht Schoenhals, Willy Birgel, René Deltgen, 84' 35 mm

Eine Winterreise in den Harz – die zeigt Lamprecht in seinem Film Erstarrte MĂ€rchenwelt. Tiefverschneite Landschaft, BĂ€ume und Felsen zu eisigen Fabelwesen erstarrt.
War es Mord? Oder ein Unfall? Der KapitĂ€n eines Frachters ist auf hoher See verschwunden. Er könnte ĂŒber Bord gestĂŒrzt sein, doch stellt sich bei der Untersuchung heraus, dass es in der Mannschaft mindestens zwei MĂ€nner gab, die den KapitĂ€n hassten. Ermittlungen und auch ein Prozess klĂ€ren den Fall nur scheinbar, der eine unvermutete Entwicklung nimmt. Schon in den 1920er Jahren hatte Lamprecht sich am kriminalistischen Sujet versucht. Nicht Rasanz ist das Kennzeichen dieser Filme, und auch hier nicht, sondern ein beharrliches und akkurates Recherchieren. Action bleibt die Ausnahme, schauspielerische KabinettstĂŒcke dagegen sind manche zu sehen. Eines liefert Rudolf Platte ab, der einen drittklassigen Schauspieler unter Mordverdacht gibt. Aber wie Platte einen schlechten Schauspieler auf die Bretter bringt, auf denen er hier stehen darf, und nicht auf die Planken des Schiffes, das ist fulminant – und auch ein erstaunlicher Verweis auf den zurĂŒckliegenden Film der Weimarer Republik. Platte spielt in Einer zuviel an Bord, als kĂ€me er geradewegs aus dem Blauen Engel. (ra, wjc)

am 6.4.2013 um 21.00 Uhr

DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE

Madonna in Ketten
BRD 1949, R: Gerhard Lamprecht, B: Theo Rausch, nach einer Idee von H.C. Pelmann, D: Lotte Koch, Elisabeth Flickenschildt, Richard HĂ€ußler, 88' 35 mm

MĂŒtter und Kinder, deren Schicksal lag Lamprecht am Herzen. HĂ€ufig variiert er in seinen Filmen dieses Motiv. Er erzĂ€hlt von VerlustĂ€ngsten, von MĂŒttern, denen ihre Kinder genommen werden. Weil das Gesetz es so will. Weil ihnen durch andere, MĂ€nner zumal, Unrecht geschieht. Und er erzĂ€hlt – mit dokumentarisch geschultem Blick – von der BrutalitĂ€t, die Kindern angetan wird. In den Familien, auf der Straße, ĂŒberall. Im Mittelpunkt von Madonna in Ketten steht eine von Lotte Koch verkörperte Ärztin, die, falsch beschuldigt, ins GefĂ€ngnis gesperrt wird und deren Kind in ein Waisenhaus kommt. Nach ihrer Entlassung macht sie sich auf die Suche nach der Tochter. Was Lamprecht hier in Szene setzt, das könnte man einen seelischen TrĂŒmmerfilm nennen. Nicht die politische Vergangenheit wird problematisiert, sondern eine moralische Grundhaltung. Was ist Menschlichkeit? Das ist Lamprechts Frage. Man mag seine Inszenierung als melodramatisch verbogen ansehen, als naiv und pathetisch aufgeladen, doch gelingen ihm auch Bilder, die deutlich machen, dass er ein Regisseur des genauen Blicks ist, der immer wieder aus eigenem Erleben erzĂ€hlt, von dem, was er gesehen hat. So sind es Szenen, die in der Frauenhaftanstalt Anrath im Ruhrgebiet gedreht worden sind, Aufnahmen von Insassinnen des GefĂ€ngnisses, denen er einen individuellen Ausdruck ihrer Schuld, ihres Leids und ihrer Buße zugesteht. (ra, wjc)

am 7.4.2013 um 20.30 Uhr
am 14.4.2013 um 18.30 Uhr



DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE

Das Haus ohne Lachen
D 1923, R: Gerhard Lamprecht, B: Luise Heilborn-Körbitz, Gerhard Lamprecht, D: Henrik Galeen, Mathilde Sussin, Harry Nestor, Edith Posca, 68‘ 35 mm, restaurierte Fassung

Die nackte Lust am Leid anderer, die treibt einen Familientyrannen an. Henrik Galeen fĂŒhrt diese Figur in eine bedrohliche EntĂ€ußerung. Das Haus ohne Lachen ist eine psychopathologische Studie. Das Wort Sex kennen die zeitgenössischen Zwischentitel noch nicht, doch Sex ist das Triebwerk dieses Mannes, der durch die Hand seiner Frau stirbt. Eine andere gerĂ€t in Verdacht und nimmt die Schuld auf sich – aus Mitleid und Mitleiden mit der geschundenen Geschlechtsgenossin. Als Regisseur hat Lamprecht schon jetzt ein GespĂŒr fĂŒr die kleinen Dinge des alltĂ€glichen Lebens, in denen er eine Ordnung erspĂŒrt, die ihm verloren zu gehen scheint. Er zeigt, wie eine Apfelsine geschĂ€lt wird, eine Serviette gefaltet oder ein Fenster verglast wird. Er lĂ€sst dies in Realzeit aufnehmen, so dass diese Szenen aus der ErzĂ€hldramaturgie herausfallen, doch enthalten sie den Kern seines erzĂ€hlerischen und filmischen Interesses. Im Anschluss an den Film, der in einer vom Bundesarchiv-Filmarchiv restaurierten Fassung hier erstmals gezeigt wird, gibt Barbara SchĂŒtz Auskunft ĂŒber diese Arbeit wie ĂŒber die Sicherung der Filme von Gerhard Lamprecht ĂŒberhaupt. (ra, wjc)
Am FlĂŒgel: Peter Gotthardt
EinfĂŒhrung: Barbara SchĂŒtz


am 9.4.2013 um 20.00 Uhr



DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE

Buch + Film: Edition Gerhard Lamprecht

Ohne Gerhard Lamprecht wĂ€re die Deutsche Kinemathek nicht denkbar. Der Berliner Regisseur, 1897 geboren und 1974 gestorben, war an knapp 70 Filmen als Schauspieler, Autor und Regisseur beteiligt und trug bereits als ZehnjĂ€hriger Filme, GerĂ€te und Dokumente, die zum Film gehören, zusammen. Aus seiner ĂŒber Jahrzehnte gewachsenen Privatsammlung entstand 1963 die Deutsche Kinemathek, eine öffentliche Institution, deren GrĂŒndungsdirektor Lamprecht wurde.
50 Jahre spĂ€ter wĂŒrdigt die Deutsche Kinemathek das Gesamtwerk ihres GrĂŒnders mit einer dreibĂ€ndigen Edition Gerhard Lamprecht. Sie beschreibt das filmische Werk Lamprechts, fĂŒhrt ein in die Geschichte des Filmsammelns in Deutschland und spĂŒrt der Entstehung einer filmhistorischen Methode nach – dem auf Tonband fixierten Zeitzeugeninterview, dessen Ziel die subjektiv angeordnete Versammlung von möglichst vielen geschichtlichen Fakten ist. Im Rahmen der Buchvorstellung werden AuszĂŒge aus Lamprechts privat entstandenem und bislang unveröffentlichtem Biografischen Querschnitt von 1943 gezeigt.
GesprÀch mit den Autoren Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen und Eva Orbanz
Eintritt frei


am 11.4.2013 um 20.00 Uhr



DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE

Meines Vaters Pferde. Teil 1: Lena und Nicoline BRD 1954, R: Gerhard Lamprecht, B: Horst Budjuhn, nach dem Roman von Clemens Laar, D: Martin Benrath, Curd JĂŒrgens, Eva Bartok, Ernst Stankovski, 111’ 35 mm

Eine groß angelegte filmische GeschichtserzĂ€hlung ĂŒber Deutschland und ein Heimkehrerfilm. Einem Mutlosen und Maladen wird zu Beginn der 1950er Jahre die Geschichte seines Vaters erzĂ€hlt, die dieser aufgeschrieben hat, um zu fixieren, was er seit dem spĂ€ten 19. Jahrhundert erlebt hat. Am Krankenbett sitzt eine Frau – eine psychologische Maßnahme, um den jungen Mann zu krĂ€ftigen, ihm Mut fĂŒr eine Operation zu machen. Deutschland hat zu dieser Zeit zwei Weltkriegskatastrophen hinter sich – und der zeitliche Abstand zwischen beiden war so gering, daß der historische Hintergrund hier mit demselben Personal erzĂ€hlt werden kann. Den Garde-Ulanen Michael Godeysen, von Martin Benrath beeindruckend gespielt, haben zwei Dinge sein Leben lang begleitet: das MilitĂ€r und die Pferde. Die Tiere sind unverzichtbarer Teil der KriegsfĂŒhrung vor der Moderne, sind Kriegsmaterial, bevor die Tanks die Schlachtfelder dominieren. Das MilitĂ€r, die Monarchie und der Kapitalismus sind die Verbindung, an der der Film Interesse zeigt. Wenn er von MentalitĂ€ten, von sozialem GefĂŒge, von Schichten und Klassen redet, so redet er – immer konkret – von den Grundlagen und Voraussetzungen fĂŒr die Kriege. Der damals junge Schauspieler Ernst Stankovski empfand eine „angenehm patriarchalische Stimmung“ bei den Dreharbeiten mit Lamprecht und verglich dessen Inszenierungsmethode mit dem lockeren Lenken von Pferden: „an der langen Leine“. (ra, wjc)

am 13.4.2013 um 18.30 Uhr



DAS SCHIFFCHEN. REALISMUS UND FANTASIE

Meines Vaters Pferde. Teil 2: Seine dritte Frau BRD 1954, R: Gerhard Lamprecht, B: Horst Budjuhn, nach dem Roman von Clemens Laar, D: Josef Sieber, Reinhold SchĂŒnzel, Dagmar Altrichter, Otto GebĂŒhr, 109’ 35 mm

Michael Godeysens Heimkehr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erinnert in seiner IntensitĂ€t und Tiefe an eine Ă€hnliche Szene in Nicholas Rays Film The Lusty Men (1952), der wĂ€hrend Lamprechts Dreharbeiten in die deutschen Kinos kam: Das tote Inventar ist geblieben, trĂ€gt die Erinnerungen, doch die Menschen sind gestorben, verstĂŒmmelt oder abwesend. Meines Vaters Pferde leistet eine Analyse des Übergangs zwischen Gesellschaftssystemen und Epochen, der Film untersucht den Preis, den die Menschen dann zu zahlen haben – dies auch fĂŒr die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der es auf zweierlei ankommt, das hier untrennbar miteinander verbunden ist: Mut machen und aus der Geschichte lernen. Gerhard Lamprecht meinte 1962, dass ihm der zweite Teil sehr ans Herz gewachsen sei, „da er im Gegensatz zum vielleicht bloß unterhaltenden ersten Teil menschlich sehr vertieft ist. Ganz herrlich SchĂŒnzel in seiner letzten Filmrolle. Wir hatten wundervoll zusammengearbeitet.“ Hier irrt der Filmhistoriker Lamprecht leicht – der im Herbst 1954 verstorbene Reinhold SchĂŒnzel war zu dieser Zeit noch in weiteren Filmen engagiert. (ra, wjc)
am 13.4.2013 um 20.30 Uhr



 

 
 
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