UMBRĂCHE: FILM ALS ZEITGENĂSSISCHER AKTEUR
Wie bilden sich gesellschaftliche UmbrĂŒche im Kino ab? Wie wird kollektiv Erlebtes zu Film? Wann greifen Filme in GeschichtsverlĂ€ufe ein? Anhand markanter Beispiele untersucht die Reihe UMBRĂCHE: FILM ALS ZEITGENĂSSISCHER AKTEUR die Wechselwirkungen zwischen Film und Zeitgeschichte. Meist kann die Filmarbeit auf einschneidende Ereignisse erst nachtrĂ€glich reagieren, mischt sich aber oft umso nachhaltiger in ihre Geschichtswerdung ein. Indem Filme reinszenieren, Rollen zuschreiben, Gegenschnitte einfĂŒhren und Höhepunkte setzen, machen sie aus disparaten GeschichtsverlĂ€ufen ErzĂ€hlungen und liefern uns die Bilder, die im kollektiven GedĂ€chtnis hĂ€ngen bleiben. Als fortlaufende Reihe, die in den kommenden Monaten fortgesetzt werden wird, hat UMBRĂCHE nicht den Anspruch einer Gesamtschau, sondern lĂ€dt ein zur Revision einschneidender Momente, in denen Film- und Zeitgeschichte sich ĂŒberlagert haben. UMBRĂCHE nimmt bekannte Daten aus weniger bekannten Perspektiven in den Blick und konfrontiert die eurozentrische Geschichtsschreibung mit GegenerzĂ€hlungen. Die Programme im April und Mai umfassen Filme von Ruy Guerra, Thomas Harlan, JosĂ© Filipe Costa und Abderrahmane Sissako. Sie setzen filmgeschichtlich in Afrika an und folgen von dort Spiegelungen und SpĂ€tfolgen nach Portugal und Russland. UMBRĂCHE: FILM ALS ZEITGENĂSSISCHER AKTEUR wird von Tobias Hering kuratiert. Die Reihe entsteht in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut e.V.
UMBRĂCHE: FILM ALS ZEITGENĂSSISCHER AKTEUR
Mueda, MemĂłria e Massacre
Mueda: Erinnerung und Massaker
MOC 1981, R: Ruy Guerra, B: Ruy Guerra, K: Ruy Guerra, Fernando Silva, D: RomĂŁo Canapoquele, Filipe Gunoguacala, Mauricio Machimbuco, Baltazar Nchilema, 75' 35Â mm, OmU
Ruy Guerras Mueda, MemĂłria e Massacre ist ein Meilenstein des mosambikanischen Kinos. Zu sehen ist ein öffentliches Re-Enactment der Ereignisse von Mueda, wo am 16. Juni 1960 portugiesische Soldaten das Feuer auf eine protestierende Menge eröffneten und hunderte Menschen töteten. Das Massaker ist als Auslöser des anti-kolonialen Kampfes in die Geschichtsschreibung Mosambiks eingegangen. Seit 1968, also bereits wĂ€hrend des Befreiungskrieges (1964-1974), wurde das Ereignis in populĂ€ren Theaterinszenierungen erinnert. Das von Ruy Guerra gefilmte Re-Enactment war eines der ersten nach der UnabhĂ€ngigkeit und fand am Originalschauplatz statt. Im Vordergrund steht nicht so sehr die BrutalitĂ€t der Kolonialmacht, sondern die Ignoranz und LĂ€cherlichkeit ihres Personals. Mueda, MemĂłria e Massacre entstand in Zusammenarbeit mit dem neu gegrĂŒndeten nationalen Filminstitut und wurde als âerster Spielfilm des unabhĂ€ngigen Mosambikâ vermarktet. Guerra war sich jedoch bewusst, dass die Inszenierung der Ereignisse Teil der kollektiven Geschichtsarbeit war, und ging das Filmprojekt dokumentarisch an. Durch seine ambivalente Form erzĂ€hlt der Film daher auch von unterschiedlichen Erwartungen an ein Kino der Dekolonisierung. (th)
EinfĂŒhrung: Tobias Hering
Nach der VorfĂŒhrung findet ein FilmgesprĂ€ch auf Englisch statt, zu Gast: Catarina SimĂŁo (unabhĂ€ngige Filmforscherin, Lissabon).
am 16.4.2013 um 20.00 Uhr
UMBRĂCHE: FILM ALS ZEITGENĂSSISCHER AKTEUR
Torre Bela
P/F/I/CH 1975, R: Thomas Harlan, B: Thomas Harlan, K: Russell Parker, 106â Beta SP, OmU
Im April 1975, ein Jahr nach der portugiesischen âNelkenrevolutionâ, filmt Thomas Harlan die Besetzung des GroĂgrundbesitzes âTorre Belaâ in der Region Ribatejo durch die Bevölkerung der Umgebung. Ăber mehrere Monate begleiten er und sein Team die Umwandlung einer der gröĂten portugiesischen Latifundien in eine sozialistische Kooperative. Der Film Torre Bela ist laut und erregt, alles geschieht live und spontan, so scheint es: die Wut, das Zögern, die Aneignung, das Finden einer neuen Sprache, die Erweiterung der Welt; spĂ€ter das Misstrauen, der Frust, die Hackordnung. Aber Torre Bela ist nicht nur ein einzigartiges Zeitdokument, sondern auch ein Grenzfall des dokumentarischen Arbeitens. Allen voran Harlan selbst hat ihn als einen Film beschrieben, der den Dokumentarismus auf den Kopf gestellt habe. âDas meiste, was vor der Kamera passiert, wĂ€re ohne uns nicht geschehenâ, sagte er im GesprĂ€ch mit Christoph HĂŒbner in dessen Film Thomas Harlan â Wandersplitter: âEs wurde Wirklichkeit hergestellt, Wirklichkeit, die es sonst gar nicht gegeben hĂ€tte.â (th)
EinfĂŒhrung: Tobias Hering
Nach der VorfĂŒhrung findet ein FilmgesprĂ€ch statt, zu Gast: Bert Rebhandl.
am 17.4.2013 um 20.00 Uhr
UMBRĂCHE: FILM ALS ZEITGENĂSSISCHER AKTEUR
Linha Vermelha Red Line
P 2011, R: José Filipe Costa, B: José Filipe Costa, K: Paulo Menezes, Pedro Pinho, João Ribeiro, 80' DigiBeta, OmeU
In Linha Vermelha rekapituliert JosĂ© Filipe Costa die von Mythen und GerĂŒchten durchsetzte Entstehung von Thomas Harlans Film Torre Bela. Einen Anlass dafĂŒr findet er in Harlans wiederholter Auskunft, dass er und sein Team die dokumentierte Wirklichkeit seinerzeit aktiv manipuliert hĂ€tten. Mag dieses Bekenntnis letztlich Harlans IntegritĂ€t belegen, so ist es ebenso sehr Teil des Mythos' âTorre Belaâ geworden. War die Kollektivierung des Landguts weniger real, weil sie Teil einer filmischen Dramaturgie war? Haben Harlans Motive das Handeln der aufstĂ€ndischen Bauern kompromittiert? Und was ist aus der Revolution geworden, auf die sich Portugal bis heute beruft? Gibt es eine klare Linie zwischen Mythos und Geschichte? Costa zieht in seinem dichten Essayfilm alle Register der filmischen Recherche, fĂŒhrt GesprĂ€che mit Zeitzeugen, seziert SchlĂŒsselszenen von Harlans Film, lauscht den Zwischentönen auf der begleitenden Tonspur und stellt letztlich auch die LegitimitĂ€t seiner eigenen Geschichtskonstruktion zur Diskussion. (th)
Mit freundlicher UnterstĂŒtzung des Goethe-Instituts Lissabon.
EinfĂŒhrung: Tobias Hering
Nach der VorfĂŒhrung findet ein FilmgesprĂ€ch auf Englisch statt, zu Gast: JosĂ© Filipe Costa.
am 18.4.2013 um 20.00 Uhr
UMBRĂCHE: FILM ALS ZEITGENĂSSISCHER AKTEUR
Oktjabr Oktober
RIM/F/RUS 1993, R: Abderrahmane Sissako, B: Abderrahmane Sissako, K: Georgi Rerberg, D: Irina Apeksimowa, Wilson Buyaya, 36' 35Â mm, OmU
Rostov â Luanda
ANG/RIM/F/D/B 1997, R: Abderrahmane Sissako, B: Abderrahmane Sissako, K: Jacques Besse, 76' Beta SP, OmU
Mit der politischen UnabhĂ€ngigkeit begann in den meisten afrikanischen Staaten auch der Aufbau einer nationalen Filmarbeit, die jedoch selten völlig unabhĂ€ngig war. Als Gegengewicht zum Einfluss der ehemaligen KolonialmĂ€chte spielten innerafrikanische Allianzen, aber auch die UnterstĂŒtzung sozialistischer Staaten wie Kuba und der Sowjetunion eine wichtige Rolle. Als Abderrahmane Sissako 1982 zum Sprachstudium nach Rostov und dann zum Filmstudium nach Moskau ging, gehörte er bereits zur dritten Generation afrikanischer Filmemacher, die in der Sowjetunion ausgebildet wurden. Als er dann in Moskau seinen Abschlussfilm drehte, war die Sowjetunion schon in Auflösung begriffen. Oktober (1992) erzĂ€hlt von der scheiternden Liebe zwischen einem Afrikaner und einer Russin und fĂ€ngt im Moskauer Winter Momente der Desillusionierung und des Stillstands ein. In Rostov âLuanda (1997) nimmt Sissako die Spuren seiner Studienzeit auf. Die Suche nach einem ehemaligen Kommilitonen fĂŒhrt ihn von Mauretanien nach Angola, in ein von Jahrzehnten des BĂŒrgerkriegs gezeichnetes Land, in dem sich ihm viele TĂŒren öffnen, der Gesuchte jedoch ein blinder Fleck bleibt. Als er schon fast zum Phantom geworden ist, spĂŒrt ihn Sissako schlieĂlich doch noch auf: in einem Reihenhaus in Berlin. (th)
Mit freundlicher UnterstĂŒtzung des Institut Français Paris.
EinfĂŒhrung: Tobias Hering
Nach der VorfĂŒhrung findet ein FilmgesprĂ€ch statt, zu Gast: Marie-HĂ©lĂšne Gutberlet (Filmwissenschaftlerin).
am 24.5.2013 um 20.00 Uhr
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