1876-1914
Aus einer Sammlung unterschiedlicher konservativer Gruppierungen
ging 1876 die Deutschkonservative Partei hervor. Sie war eine
monarchisch gesinnte Partei und vertrat vor allem die wirtschaftlichen
und politischen Interessen der preußischen Eliten. Sie erkannte
die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs an und widersetzte sich
Eingriffen gegen die monarchischen Vorrechte. Ihre Forderung nach
einer Stärkung der Religion war von einer strikt antisozialdemokratischen
Politik begleitet. Die von Ernst von Heydebrand und der Lasa
geführten Deutschkonservativen vertraten zwar vorrangig die
Interessen der Agrarier, aber sie setzten sich auch für eine
Stärkung des Mittelstands ein. Ihren geographischen Schwerpunkt
hatten die Deutschkonservativen in den preußischen Ostprovinzen
sowie in Sachsen und Mecklenburg. Begünstigt durch das preußische
Dreiklassenwahlrecht, waren die Deutschkonservativen die beherrschende
Kraft im Preußischen Abgeordnetenhaus. Noch stärker
war ihr Einfluß im Herrenhaus. Ihre dominierende Stellung
im Preußischen Abgeordnetenhaus sicherte ihnen nicht nur
den Einfluß auf das Offizierskorps, die Beamtenschaft und
den Klerus, sondern über den Bundesrat auch auf die Reichspolitik.
Gemeinsam mit den Freikonservativen, dem Zentrum und mit Teilen
der Nationalliberalen Partei setzten die Deutschkonservativen
die von Agrariern und Schwerindustriellen gewünschten Schutzzölle
durch. Sie wandten sich gegen den "Kulturkampf" des
Reichskanzlers Otto von Bismarck, unterstützten
ihn aber bei der Bekämpfung der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands (SPD). Nach der Entlassung Bismarcks gingen die
Deutschkonservativen in Opposition zur wirtschaftsliberalen Politik
des neuen Reichskanzlers Leo von Caprivi. Unter dem
Einfluß des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stoecker
ersetzten sie 1892 ihr altes Parteiprogramm durch
das Tivoli-Programm, das sich ausdrücklich gegen den "zersetzenden
jüdischen Einfluß" und gegen die Sozialdemokratie
wandte. Die stärker agrarprotektionistische Politik unter
Fürst Bernhard
von Bülow sorgte zwar nach 1900
für eine gewisse Annäherung der Deutschkonservativen
an die Reichsregierung, aber sie lehnten liberale Reformen in
der Innen-, Wirtschafts- und Finanzpolitik konsequent ab. Demgegenüber
stimmten die Deutschkonservativen allen Militär- und
Flottenvorlagen
zu, der expansiven
Kolonialpolitik folgten sie eher zögerlich.
Konsequent widersetzten sich die um den Erhalt ihrer preußischen
Machtbasis besorgten Deutschkonservativen jeder Stärkung
des Reichs zu Lasten der einzelnen Bundesstaaten. Die Partei geriet
immer stärker unter den Einfluß des Bundes der Landwirte
(BdL) sowie des
Alldeutschen Verbands. Aus der ehemals
konservativen Weltanschauungspartei wurde eine reine Interessenspartei,
deren Fraktionsstärke von 73 Mandaten (1893) auf 43 Mandate
(1912) sank.
1914-1918
Im Ersten Weltkrieg vertraten die von Graf Kuno von Westarp (1864-1945) geführten Deutschkonservativen die illusionären Annexionsziele des Alldeutschen Verbands. Sie befürworteten
den uneingeschränkten
U-Boot-Krieg und lehnten die
Friedensresolution des Reichstags vom Juli 1917 vehement
ab. Innenpolitisch widersetzten sich die Deutschkonservativen
der Parlamentarisierung des Reichs und der von der Reichstagsmehrheit
geforderten Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts.
Nach der Abdankung von Kaiser
Wilhelm II. löste
sich die Deutschkonservative Partei im November 1918 auf. Ein
Großteil ihrer Mitglieder wechselte in die neugegründete
Deutschnationale Volkspartei (DNVP).
(ba)