Auf dem Vereinigungsparteitag vom 22. bis 27. Mai 1875 in Gotha
gründeten der ADAV
und die SDAP
die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Ihre Ziele
wurden im "Gothaer Programm" durch einen Kompromiss
aus den Parteiprogrammen beider Parteien formuliert. Die bei ihrer
Gründung rund 25.000 Mitglieder zählende SAP richtete
sich organisatorisch am Konzept der SDAP aus. Es existierte ein
sechsköpfiger Vorstand, dem unter anderem die ehemaligen
SDAP-Mitglieder Ignaz Auer (1846-1907) und August Geib (1842-1879)
sowie die ADAV-Vertreter Carl Derossi (1844-1910) und Wilhelm
Hasenclever (1837-1889) angehörten. Der Vorstand spielte
jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Statt dessen besaß
der flächendeckende Aufbau lokaler Strukturen mit relativ
eigenständigen Regionalorganisationen Priorität. Die
bedeutendsten lagen anfangs in Berlin, Hamburg und Leipzig sowie
in Nürnberg und Bremen.
Neben Karl Marx und Friedrich Engels, die mit ihren
theoretischen Schriften vor allem in der Parteizeitung "Vorwärts"
entscheidenden Einfluss auf die SAP ausübten, waren August
Bebel und Wilhelm Liebknecht die bedeutendsten Köpfe.
Zusammen mit zunächst sieben weiteren Abgeordneten im Reichstagsparlament
vertraten sie dort in Fundamentalopposition ihre Ziele. Gemäß
dem "Gothaer Programm" verfolgte die SAP zudem langfristige
revolutionäre Kernziele, die sie außerparlamentarisch
zu erreichen gedachte. Als solche verkündete das Programm
die selbstständige "Befreiung der Arbeiter" durch
die Abschaffung des "Privateigentums an Produktionsmitteln"
sowie die Überführung derselben in "gesellschaftliches
Eigentum". Dabei nutzte die Partei das Parlament als Bühne
für ihre Ziele, indem sie auch konkrete demokratische Forderungen,
wie beispielsweise das Frauenwahlrecht, einbrachte. Weitaus stärkeres
Gewicht legte die Partei auf gewerkschaftliche Kämpfe und
organisierte Streiks. Nicht zufällig fand ebenfalls
1875 in Gotha eine Gewerkschaftskonferenz statt, auf der zur Vereinigung
der bestehenden Einzelgewerkschaften und zur engeren Bindung an
die SAP aufgerufen wurde. Die Partei trug dementsprechend häufig
gewerkschaftsnahe sozialpolitische Forderungen über die parlamentarische
Ebene an die Öffentlichkeit. Unter diesen besaßen der
10-Stunden-Arbeitstag beziehungsweise der 8-Stunden-Tag für
Frauen und unter 18-jährige Arbeiter, das Verbot von Kinderarbeit,
Arbeitsschutzbestimmungen, obligatorische Fortbildungsschulen
sowie das Verbot von Sonntagsarbeit besondere Bedeutung.
Als erste geeinte Arbeiterpartei besaß die SAP einen Vorbildcharakter
für die Arbeiterbewegung in ganz Europa. Es gelang
trotz beschränkter finanzieller Mittel relativ rasch, eine
funktionierende Infrastruktur aufzubauen. Die Gesamtauflage der
parteinahen Zeitungen - darunter neben dem "Vorwärts"
die "Berliner Freie Presse" und das "Hamburg-Altonaer
Volksblatt" mit zusammen rund 45.000 Abonnements - betrug
1877 circa 160.000. Bereits 1876 wurden auf einem Kongress in
Gotha 38.254 SAP-Mitglieder durch 98 Delegierte aus 291 Orten
vertreten. Der steigende Zuspruch der SAP spiegelte sich auch
in den Wahlergebnissen wieder. Bei der Reichstagswahl am 10.
Januar 1877 erzielte die Partei einen Stimmenanteil von 9,1
Prozent, auch wenn er sich aufgrund des Mehrheitswahlrechts
in nur zwölf Sitzen niederschlug. Diese wachsende Bedeutung
versuchte die Reichsregierung durch repressive Maßnahmen
einzudämmen. Vom Reichskanzler Otto von Bismarck als
"Reichsfeinde" und "Vaterlandslose Gesellen"
betitelt, war die Partei zunehmend Schikanen ausgesetzt. Neben
Hausdurchsuchungen kam es zu regelmäßigen Verhaftungen
und Ausweisungen von Mitgliedern, weshalb viele Sozialisten ins
Exil gingen. Anfang 1876 wurde die SAP zunächst in Berlin,
ab 30. März in ganz Preußen verboten. Die Parteimitglieder
konnten sich im gesamten Reich kaum noch legal treffen. Deshalb
setzte sich die Praxis durch, unverfängliche Namen wie "Volksverein"
oder "Volksversammlung" für ihre Organisationen
und Zusammenkünfte zu benutzen.
Verfolgungen, Untersagungen und Schikanen gipfelten 1878 im "Sozialistengesetz",
welches die Partei endgültig verbot. In der Folgezeit wurden
1.299 Druckschriften, 95 Gewerkschaften, 23 Unterstützungsvereine,
106 politische und 108 so genannte Vergnügungsvereine verboten.
Rund 1.500 Personen wurden zu Haftstrafen verurteilt, knapp 900
aus verschiedenen Orten des Reiches ausgewiesen. Die Ausgewiesenen,
die nicht ins Exil gingen, mussten meist in abgelegene Regionen
umsiedeln und versuchten dort, weiterhin politisch zu wirken.
Lediglich die Reichstagsfraktion der SAP blieb aufgrund des Persönlichkeitswahlrechts
unbehelligt und konnte ihre parlamentarische Arbeit fortsetzen.
Das "Sozialistengesetz" bot dem Staat nicht nur Möglichkeiten
zur Verfolgung, sondern sorgte zudem für Unstimmigkeiten
innerhalb der SAP. Bis 1876 hatte es oft Streitigkeiten um die
politische Linie zwischen verbliebenen Anhängern der Lehre
Ferdinand Lassalles und marxistischen Mitgliedern gegeben,
die letztere für sich entscheiden konnten. In der Illegalität
sprach sich der Parteiflügel um Eduard Bernstein für
die Umwandlung der SAP in eine legalistische Reformpartei aus,
um so das Verbot hinfällig erscheinen zu lassen. Ein anderer
Flügel um Johann Most (1846-1906) dagegen befürwortete
den Weg in den Untergrund und den offenen Kampf gegen den kaiserlichen
Staat.
Als Reaktion auf die offizielle Reichspolitik und um den internen
Richtungskämpfen zu begegnen, änderte die Partei eine
Formulierung ihres "Gothaer Programms": Auf dem ersten
Parteikongress seit der Illegalität 1880 im schweizerischen
Wyden wurde aus der bisherigen Formulierung, mit "allen gesetzlichen
Mitteln" arbeiten zu wollen, das Wort "gesetzlich"
gestrichen. Gleichzeitig bestimmten die Delegierten die Übertragung
der offiziellen Parteivertretung an die Reichstagsfraktion. Mittlerweile
waren die lokalen SAP-Sektionen meist in zwei Abteilungen organisiert:
die "innere" illegale, und die legal auftretende "äußere"
Organisation. Letztere sollte in Form von auf den ersten Blick
unpolitisch wirkenden Vereinen dazu dienen, auch unter erschwerten
Bedingungen in Vereinen den direkten Kontakt zu den Arbeitern
aufrecht zu erhalten, ohne die Parteistruktur eventuellen Spitzeln
preiszugeben. Die "innere" Organisation war die lokale
Führung, die in Kontakt zur Parteispitze und der Reichstagsfraktion
stand. Sie arbeitete meist konspirativ. Die recht unterschiedlichen
Orientierungen der dezentralisierten Ortsgruppen versuchte die
Spitze um die Reichstagsfraktion der SAP durch Spitzel nachzuspüren.
Zu diesem Zweck organisierte die Partei von der Schweiz aus -
später aus London - die "Rote Feldpost", eine Geheimdienstorganisation
unter maßgeblicher Leitung Julius Mottelers (1838-1907).
Das "Sozialistengesetz" besaß neben der Illegalisierung
der SAP auch mehrere unbeabsichtigte Effekte. Die offizielle Parteilinie
etwa, die auf einen revolutionären Umsturz der Gesellschaft
baute, konnte sich unter diesen Bedingungen leicht durchsetzen.
Erst jetzt wurde den meisten Mitgliedern das marxistische Gesellschaftsbild
eingängig. Die grundsätzliche Ablehnung des bestehenden
Staates unter den Arbeitern nahm zu. Daher lehnte die SAP auch
die von Bismarck initiierten Sozialgesetze ab. Die harten
Repressionen sorgten zudem für einen festen Zusammenhalt
der einzelnen Mitglieder. So war das Ergebnis der Reichstagswahl
am 20. Februar 1890, das die SAP mit rund 1,4 Millionen Stimmen
- fast 20 Prozent - zur wählerstärksten Partei werden
ließ, nicht verwunderlich. Infolge aller Stimmengewinne
für die Opposition wurde das Sozialistengesetz nicht mehr
verlängert. Vom 12. bis 18. Oktober fand in Halle der erste
legale Parteitag nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes statt,
auf dem neben der Anpassung der Organisation an die gewandelten
Verhältnisse die Umbenennung der Partei in Sozialdemokratische
Partei Deutschlands (SPD) beschlossen wurde.
(cs)