Im Jahr 1944 fielen in Breslau die ersten Bomben, es kann kein
Angriff, wie es Städte im Westen erlebt haben, gewesen sein,
es fielen wohl nur 5 oder 6 Bomben, mitten am Tag, ungezielt,
sehr verstreut, an Schäden kann ich mich nicht erinnern.
Trotz gegenteiliger Propaganda des Regimes wurden Evakuierungspläne
für die Schulkinder bekannt. Meine Mutter tat etwas sehr
Gutes: Sie nahm mich von der Gustav-Freytag-Mittelschule herunter
und schickte mich zu Verwandten nach Postelwitz in den Kreis Oels,
nordöstlich von Breslau. Obwohl ich in der dreiklassigen
Dorfschule Anzeichen von Verwilderung zeigte, war das vielleicht
meine "Überlebenschance", auch wenn das hier von
einem fast 70-Jährigen, der damals 12 war, pathetisch klingt:
Über meine Klassenkameraden aus Breslau habe ich nach dem
Krieg nur erfahren, daß sie bei Nisky in ein Heim kamen
und schließlich als "Werwölfe" in der "Schlacht
um Liegnitz" eingesetzt wurden und umkamen.
Ich selbst war zu dieser Zeit schon seit dem Morgen des 20. Januar
1945 mit einem Treck des ganzen Dorfes in Richtung Westen unterwegs.
Die Dorfbewohner hatten gerademal eine Nacht Zeit um Vorbereitungen
für die Abreise zu treffen. Wagen wurden beladen, Hausrat
und Verpflegung, Betten und Kleider verstaut, alles unter Aufsicht
der "Goldfasane", wie man dort die Parteibonzen ziemlich
offen nannte. Längst nicht alles durfte mitgenommen werden,
die Propaganda machte den Leuten vor, es wäre nur für
ein paar Tage, die Wunderwaffen kämen sogleich zum Einsatz
usw. - Außentemperatur: minus 20 Grad C! Wir fuhren los,
das erste Geschrei: Keiner von den noch im Ort befindlichen Männern
durfte mit - der Volkssturm wartete! So schleppten sich die Bauernwagen
mit auf dem Schnee schreienden Rädern Richtung Oder, schon
wenige Kilometer hinter dem Dorf gab es den ersten Aufenthalt:
Der Traktor des Dominiums kam das Hügelchen nicht hoch vor
Glätte! Die in Schlesien im Winter nicht beschlagenen Pferde
taten ihm nach und saßen mehr auf den Hinterbeinen, als
daß sie die ihnen angehangenen Wagen ziehen konnten.
Mir war aufgetragen, ein Fahrrad durch den Schnee zu schieben,
an dem Hügel mußten alle ran zum Schieben, was Pferde
nicht schafften. In dieses Durcheinander kam der "Ortsgruppenleiter"
mit einem Kleinmotorrad gefahren, volltrunken, mit hochrotem Kopf
und schrie aus Leibeskräften: "Fahrt, fahrt, die Russen
sind schon in Namslau!!" Na ja, auch ich kam heil aus dem
Durcheinander heraus, ein Pferd war mir auf den Fuß gesprungen,
aber die Stiefeln, die ich retten mußte durch Tragen, waren
so groß, daß meine Zehen nichts abbekommen haben.
Im ersten Dorf auf dem Weg kam die nächste Begegnung: Der
Treck hatte sich wieder in eine Reihe Wagen formiert, hinter unseren
fuhr der Bäcker Stampe mit einem uralten Pferd und auch er
war wohl für den Volkssturm nicht mehr zu gebrauchen. Das
alte Pferd konnte sich ohne Eisen kaum auf den Füßen
halten und wir fürchteten nur, das Stampes Wagen in unseren
hinten rein knallt, weil niemand ihn bremsen konnte. Entsprechend
wenig hatten die Stampes auch geladen, keine Plane gegen die Kälte
- nichts! Das halbbeladene Fuhrwerk fiel auch dem "Goldfasan"
in Mühlatschütz auf, er forderte den Stampe-Bäcker
ultimativ auf, seine Freundin und deren Riesenreisekorb aufzuladen.
Na, da kam er an den Richtigen! Ein Wort gab das andere, Stampe
drohte mit der Peitsche, falls er auf den Wagen käme, der
"Goldfasan" zog eine Pistole! Doch auch das machte keinen
Eindruck auf den alten Mann, mit den Worten: "Schieß'
doch, schieß' doch, du Lackaffe!" setzte er seinen
Gaul behutsam wieder in Bewegung, es hat niemand geschossen, aber
ich hatte das erste Mal grausame Angst!!
Bis zum Abend erreichten wir einen Ort vor der Oder, Flüchtlingstrecks
aus allen Richtungen wollten über die Oderbrücke bei
Brieg, Panzersperren versperrten den Weg, um in zwei Spuren die
Oder zu passieren, wir mußten einen Tag warten, bevor wir
weiterfahren konnten. Das Schönste an diesem Abend war, daß
alle Männer dem Volkssturm ade gesagt hatten und wieder bei
ihren Familien waren.
Am nächsten Abend waren wir über der Oder, die Erwachsenen
gebärdeten sich, als wären sie nun in Sicherheit und
ich hatte meine nächste, sehr wichtige Begegnung: In dem
völlig überfüllten Ort Peisgerau stellten die sogenannten
"Ostarbeiter" uns ihre bescheidenen Räume zum Schlafen
zur Verfügung. Es waren ein Mann und eine Frau, die wohl
einmal in ihrer Heimat Lehrer waren. Ich hatte gegen die Kälte
- und auch weil mir meine Mutter nichts "Gutes" aufs
Dorf mitgeben wollte - die schwarze Kluft der "Pimpfe"
an, zu dem auch das "Käsemesser" gehörte.
Von den beiden "Ostarbeitern wurde ich nach der Verwendung
dieses Messers gefragt, ich stotterte was von "verteidigen,
"zustechen, " wehren" und erntete nur ein
Lächeln. Ich schämte mich, wollte und konnte nicht zugeben,
daß diese Beiden eigentlich Recht hatten. Trotzig brach
ich das Gespräch ab, doch ich hoffe, daß die Beiden
am nächsten Tag ihr Zimmer aufgeräumt haben, hinter
dem Ofen müssen sie mein "Käsemesser" und
auch die Raute von der Mütze gefunden haben!
Der Treck kroch immer weiter, bei einem längeren Aufenthalt
in Saarau hätte es mich auch erwischen können: Ein russischer
Tiefflieger griff eine Flakstellung nicht an, als er sah,
wieviel Kinder sich dort versammelt hatten vor Neugier. Von Weitem
konnte ich zusehen, wie Bomben auf Schweidnitz geworfen wurden
und dann ging's plötzlich sehr schnell weiter, als in unserer
Straße der Hauptverbandsplatz eingerichtet wurde!!
Der Treck und das tägliche Laufen wurden immer mehr zur Routine,
ich war ein großgewachsener Junge und hatte das Fahrrad
zu versorgen, ich wurde zur Leitung des Trecks beordert. Meine
Aufgaben: Mit dem "Ortsgruppenleiter" dem Treck vorausfahren,
an wichtigen Kreuzungen dem ersten Fahrzeug des Trecks die Richtung
zeigen. So kamen wir irgendwo über das Gebirge, ich entsinne
mich noch der Plackerei für die Gespanne und die nun schon
ausgemergelten Pferde, und wir waren auf dem Gebiet der Tschechen.
Hier gab es immer was zu futtern, auch für die Tiere und
auf einer dieser Tagestouren war die nächste Begegnung fällig:
Der "Goldfasan wurde auf unserem Weg durstig, wir betraten
gemeinsam eine Gastwirtschaft und der Mann mit dem riesigen Parteiabzeichen
am Revers bestellte an der Theke ein Bier und für mich eine
Limonade. Die höfliche Antwort des Kellners war: "Wir
haben leider kein Bier!" Auch für mich war nichts zu
haben. Ich verstand gar nichts mehr: Aus dem Hahn floß
unaufhörlich doch wohl Bier, das gelbe Zeug muß doch
Bier sein!!?? Der "Goldfasan" rastete aus: "Dann
gebt dem Jungen doch wenigstens ein Glas Wasser", schrie
er, doch er erntete nur Kopfschütteln. Ich stand da, rührte
mich nicht von der Stelle und mir fiel der Unterkiefer herunter.
Wo war ich denn da hineingeraten? Ich stand immer noch da, als
der Fasan schon fort war, da kam der Kellner zu mir und entschuldigte
sich bei mir: "In ein paar Wochen wirst Du wissen warum!!"
Doch die Wochen hatten noch Schreckliches für mich: Einmal
mußten alle Jungen, die so um 14 - 15 Jahre waren, ganz
schnell den Treck verlassen, ich sollte mit, ich war zu groß
um erst 13 zu sein. Natürlich dauerte es viel länger
als geplant, bis wir unseren Treck wiederfanden, mir kam es irgendwie
wie Indianerspielen vor, ich hatte den Emst der Lage noch immer
nicht kapiert!
Das änderte sich blitzartig, als eines Tages mein Großcousin
hinter uns im Treck fuhr. Ihm wurde nach einer schweren Verwundung
vor Leningrad als 19 Jähriger der rechte Arm amputiert, und
er war rechtzeitig vor dem Fluchtbeginn ausgemustert worden. Natürlich
hatte er keinerlei Zivilkleidung mehr, fuhr also sein Gespann
halbverdeckt durch die Plane mit der linken Hand und hätte
als Soldat verkannt werden können. Und genau das geschah,
bis ich bemerkte, was da los war, war schon der schönste
Tumult im Gange: "Kettenhunde" waren auf den "Soldaten"
aufmerksam geworden, ohne lange zu fragen, sprangen sie mit wüsten
Beschimpfungen auf den Wagen und wollten Rudi herauszerren. Der
war aber auch nicht faul, meine Tante noch mehr und ehe man sich's
versah, lief dem einen "Kettenhund" Blut aus der Nase
- Rudi hatte eine Abwehrbewegung mit seinem rechten Armstummel
gemacht!! Das Palaver ging noch eine Weile weiter, aber das Grauen
des Endes einer Diktatur hatte mich voll getroffen! Unser Treck
zerfiel kurz vor Karlsbad durch den Tod eines Pferdes, einige
Dorfbewohner schafften es bis Bayern, viele andere kehrten gleich
nach Kriegende wieder um und kamen fast wieder heim, doch da
war dann plötzlich eine Grenze, und so wurden viele zwischen
Bautzen und Görlitz heimisch.