Durch den Tod eines Pferdes kurz vor Karlsbad war unser Flüchtlingstreck
gezwungen, an Ort und Stelle zu bleiben. Das war aber nicht möglich,
das Dörfchen war zu klein! So kamen wir in einen Ort in der
Nähe, wo ein großer Maierhof Arbeitskräfte suchte.
Wir wurden mit einem Gespann abgeholt, im Dorf Zwolln (heute:
Stvolny) verteilt und hatten das erste Mal seit Monaten Zeit,
alle unsere Sachen auszupacken. Diese Tätigkeit muß
alle sehr beansprucht haben, denn erst als es dunkel wurde, bemerkten
wir: In keinem der Räume, auch nicht der unserer Wirtsleute,
hing eine Lampe, es gab keinen Schalter, keinen Stecker - keine
Elektizität!! Doch auch das wurde gemeistert, gab's kein
Licht, gab's mehr Schlaf.
Alles normalisierte sich so stark, daß ich sogar wieder
zur Schule gehen mußte! Naja, viel brachte das nicht, flog
ein Rabe oder irgend ein Vogel am Fenster vorbei, brüllte
jemand: "Tiefflieger!!", jeder stürzte über
jeden und der Unterricht war gelaufen, die wohl 18 oder 19-jährige
Lehrerin war machtlos! Ich erinnere mich, daß sie kleiner
als ich war!! Schließlich war es mit der Schule vorbei,
Tiefflieger gab es wirklich, sie beschossen einem auch beim Brotholen.
Der Weg war damals weit bis nach Manetin, dafür gab es dort
blütenweißes Brot.
Völlig ungefährdet waren die Bewachungen des Todesmarsches,
der eines Tages in Zwolln auftauchte. Hatte ich geglaubt, eigentlich
schon genug erlebt zu haben für meine damals 13 Jahre, so
sollte es nun erst richtig grausam werden. Auch heute nach über
50 Jahren sträubt sich alles in mir, wenn ich es aufschreiben
soll.
Erst munkelte man etwas von Einquartierung, etwa 8.000 Mann sollte
das kleine Dorf aufnehmen, schon befürchtete man verstärkte
Luftangriffe, denn es konnte sich ja nur um Militär handeln.
Und dann kamen sie, eigentlich querfeldein, eine Masse, aus der
man keine einzelnen Menschen erkennen konnte, grau-gestreift,
die Köpfe gesenkt, die Hände in den Ärmeln der
erbärmlich dünnen Jäckchen versteckt, immer 8 oder
gar 12 Frauen nebeneinander. Auch beim besten Willen konnte man
kein Ende der Menschenmasse erkennen. Auffällig elegant daneben
die Bewacherinnen, in einem feldgrauen Kostüm den üblichen
Uniformen durch die silbernen Knöpfe angeglichen. Zum engen
Rock wurden Stiefeln getragen und jede der Aufseherinnen hatte
am Handgelenk eine Lederpeitsche baumeln. Soldaten mit Gewehr
waren zu dieser Masse nur eine Handvoll zugeteilt.
Ich wußte nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte, heute glaube
ich, daß ich mich geschämt habe in einem Ausmaß,
das ich noch nicht kannte. Mein Spielplatz, die Dorfstraße,
war mir erstmal genommen, zum Glück ist der Dorfplatz in
Zwolln groß genug, Kommandos wurden gebrüllt, irgendwie
wurden aus der Masse Gruppen gebildet - ich weiß es nicht,
ich war von der Straße verbannt. Unser Wirt, Herr Lifka,
hatte eine große Scheune, die war voll gefüllt worden
mit diesen Frauen und der Lifka hatte sofort Streit mit den SS-Leuten:
Sie hatten verlangt, einen Kartoffeldämpfer voll Schweinekartoffeln
zu garen, um damit die Frauen zu füttem. Lifka lehnte das
ab, er wollte richtige Speisekartoffeln dämpfen, aber er
konnte sich nicht durchsetzen gegen die Verbrecherqlique. Kaum
war dieser Streit zu Ende, gab es neuen, es gefiel dem erzkatholischen
Mann nicht, daß die Frauen einzeln ihre Notdurft auf dem
zentral im Hof gelegenen Misthaufen erledigen mußten, die
Schreierei war noch lauter und länger als vorher, aber es
nutzte nichts, unter Androhung von Strafmaßnahmen mußte
sich der alte Mann wieder fügen.
Ich habe an diesem Tage mehr gelernt, als in vielen Jahren davor
und danach!! Doch mein Part für diesen Tag stand noch aus,
und wenn ich mit einer Feder schreiben würde, spätestens
hier würden meine Finger streiken. Bei Lifkas hatte ich mich
mit kleinen Hilfsdiensten eingekratzt, denn da eigentlich kein
Mann auf dem Hof war, war auch die kleinste Hilfe willkommen.
So war es seit Wochen meine Aufgabe, gegen Abend für das
Vieh Rüben zu schnitzeln, das geschah in einem Anbau an der
Scheune und mein "Lohn" war eine dicke Scheibe Brot
mit Sirup. So geschah es auch an diesem Tag, aber kaum begann
ich mit meiner "Arbeit", als ich Stimmen neben mir hörte,
der Schuppen hatte zur Scheune mehrere Löcher in die eigentlich
die Deichseln der Wagen hineingehörten, aber Wagen waren
eben keine da, alles lag voller Rüben. Erst achtete ich nicht
auf die Stimmen, es war wohl auch eine mir fremde Sprache und
ich wußte ja, daß die Scheune voller Menschen war.
Plötzlich wurden die Stimmen direkter, ich fühlte mich
angesprochen: "Hallo, Junge, was machst Du da?" "Ich
schnitzele Rüben fürs Vieh!" "Siehst Du den
Posten vor der Tür?" "Ja, aber der erzählt
mit jemanden dort drüben!" "Gut, laß Dir
nichts anmerken, arbeite normal weiter, aber gib mir durch das
Loch hier ein paar von den Schnitzeln!" Ich entsetzt: "Nein,
das kann man doch nicht essen!!" "Oh, Junge, wenn du
wüßtest, wir bekommen fast nichts zu trinken, wir haben
alle riesigen Durst und wir möchten die Rübenschnitzel
aussaugen, um den Durst zu stillen!" Ich arbeitete wie ein
Verrückter, das Vieh hat nicht viel bekommen an diesem Tag,
immer wieder wurde ich gewarnt vor dem Posten, aber der ahnte
nichts.
Hinter der Mauer wurden die Fragen genauer, wo ich her wäre,
wo meine Eltern sind, wie wir hierher kämen und schließlich,
wo die Front verlaufen würde. Auch ich hatte Fragen: Warum
sie so behandelt würden, was sie angestellt hätten und
wo sie herkämen - und dann kam die Antwort, daß sie
alle nur "eingesperrt" wären, weil sie Jüdinnen
wären und ob ich wüßte, was Juden wären.
Mir entwischte ein doofes "Und das ist alles??" Schließlich
kam die Tochter vom Lifka mit meinem "Arbeitslohn",
ich wurde angemeckert, weil so wenig Rüben gemahlen waren,
aber mein Stück Brot hatte ich in der Hand. Da kam wieder
die Stimme aus der Scheune, erst wollte sie wissen, wer das war,
dann, ob das täglich mein Lohn wäre und schließlich
die Erklärung, daß die Frauen seit Monaten kein Brot
mehr zu essen hatten. Sie bat mich, das Stück Brot ihr durchzureichen,
ich zögerte, aber dann tat ich es doch - und in der Scheune
prügelten sich die Frauen um einen Bissen Brot!!!
Das werde ich nie vergessen und es geht mir bis heute nah, was
Menschen anderen Menschen antun können. Meinen Verwandten
muß ich an diesem Tag ziemlich verstört vorgekommen
sein, am nächsten Tag kam der Horror zum schändlichen
Abschluß: Ein Rollkomando der SS durchstöberte die
Scheunen, in denen Häftlinge geschlafen hatten, fanden wohl
auch ein paar, gleich behauptete man, die wollten fliehen, daß
eine Erschöpfung hätte vorliegen können, war diesen
Menschen nicht zugestanden worden. Auf die Frage, was man mit
ihnen machen würde, war die lapidare Antwort: "Das werden
die schon merken!" Im Nachbarort Rabenstein (heute: Rabstejn)
stellte man sie auf die Brücke der Schnella und erschoß
sie!! Dort lagen sie tagelang, bis der Spuk endgültig vorbei
war!
Damals und noch bis zur Wende in Tschechien glaubte ich, daß
es sich um Häftlinge aus dem KZ Theresienstadt gehandelt
hätte. Erst danach erfuhr ich, daß dieser Todesmarsch
schon in Niedersachsen, Hessen und Thüringen begonnen hatte.
Man war mit der Bahn bis Scheles (heute: Ziehle) gekommen, dort
lud man u.a. über 60 Tote aus und begrub sie außerhalb
der Friedhofsmauer, sie waren ja nicht katholisch. Der Rest marschierte
etwa vier Wochen zwischen der russischen und der amerikanischen
Front hin und her, bis sie Anfang Mai 1945 in der Gegend von Pilsen
befreit wurden. Nach dem Krieg hat man in Scheles aus der Begräbnisstätte
eine Gedenkstätte gemacht und dort die Rekruten vereidigt.
Niemanden stört es bis heute, daß die Gedenkstätte
ein über vier Meter hohes Kreuz ziert, obwohl jüdische
Frauen dort verscharrt worden sind.