In Rabenstein (heute: Rabstejn, Tschechien) waren im Schloß
russische Wlassow-Soldaten stationiert, sie besetzten plötzlich
den Friedhof in Zwolln, postierten ein Maschinengewehr in einer
Ecke und sagten lauter als es viele hören wollten: "Auf
unsere Landsleute schießen wir nicht!!" Zwei Tage später
war diese Episode vorbei, oft rauschten nachts Fahrzeugkolonnen
durchs Dorf, am Tage ging gar nichts, wie die Hornissen kurvten
die Tiefflieger umher und plötzlich war es auch am Tage totenstill.
Da kein Strom da war, dauerte es, bis es sich herumgesprochen
hatte: Hitler hat Selbstmord begangen, Dönitz kämpft
weiter! In Zwolln wurden vom Putz der Häuser die Hakenkreuze
abgeschlagen!! Vor Luditz (damals Kreisstadt) soll die SS noch
ein paar Hitlerjungen aufgehängt haben, die nicht mehr mit
der Panzerfaust spielen wollten.
Und in Zwolln war es nur ruhig, tagelang! Doch eines Tages kommt
ein komisches Brummen aus der Richtung Clum. Plötzlich rollt
ins Dorf ein ganz komischer Panzer: Vorn wie ein Auto, hinten
Ketten, oben gucken die Wespenhelme raus, man fragt uns was auf
tschechisch, erst jetzt merke ich, daß meine Spielkameraden
antworten können, man sucht die Russen, nein, keine gesehen
- noch nicht!! Kaum war dieses komische Gefährt wieder in
Richtung Clum verschwunden, als aus Richtung Rabenstein in höllischem
Galopp ein Pferdefuhrwerk angerast kam: Die ersten Rotarmisten!
Auch sie wollten was wissen, wieder ohne Verständnis für
mich, aber aus der Frage konnte ich erkennen, man suchte die "Amerikankis".
Als sich dieses Spielchen ein paar Tage wiederholt hatte, war
uns klar: Wir waren im Niemandsland zwischen dem weißen
und dem roten Stern!
Bald verloren wir die Scheu, ich erinnerte mich daran, einmal
englisch gelernt zu haben, frug frech nach chocolade and cigarettes
und staunte nicht schlecht, als aus dem Gefährt Kaugummi
und Schokolade geflogen kam, so gute Schokolade habe ich bis heute
nicht wieder gefunden!! Kaum hatte man sich an solche Dinge gewöhnt,
war es schon wieder vorbei. Die Amis zogen sich aus vielen Gebieten
zurück, handelten sich dafür Berlin ein und ich hatte
lange Zeit keine Schokolade mehr!
Die Rote Armee strömte nach, nach Zwolln kamen Soldaten,
die aus deutscher Kriegsgefangenschaft befreit worden waren, was
man den Menschen wieder angetan hat, war auch unbeschreiblich:
Tag und Nacht wurde marschiert und gedrillt, aber einen Sowjetstern
durften sie nicht tragen. Aus einer alten Zigarettenschachtel
aus Blech mit roten Stücken drin bastelten sich die Soldaten
einen Stern, hefteten ihn irgendwie an das Käppi. Viele sprachen
gut deutsch und frugen mich nach Vater und Mutter, als ich ihnen
keine erschöpfende Auskunft geben konnte, merkte ich, daß
ich ihnen leid tat. Zu der Zeit hatte ich immer satt zu essen!!
Eine Episode war für die damalige Zeit typisch: Man hatte
die Nazifahnen aus den Häusern geholt und da wir den Soldaten
irgendwie vertrauenswürdiger erschienen als die einheimische
Bevölkerung, durften wir das Hakenkreuz von der Fahne entfernen,
die Russen hatten herrliche rote Tischtücher und wir konnten
den Rest für Geschirrtücher, Lappen usw. gut gebrauchen.
Die tiefere Symbolik dieses Geschehens ist mir allerdings erst
später aufgegangen: So viel hatte sich gar nicht geändert,
nur das Emblem war entfernt worden und bei der Wende 1989 durfte
ich das wieder erleben!!
Unsere Tage in Zwolln waren gezählt, Pferde, die wir uns
von einer durch Tiefflieger versprengten Einheit der Wehrmacht
"besorgt" hatten, waren wieder futsch, der Weg "nach
Hause" damit wohl auch. Mit Handgepäck sollten wir "Ortsfremden"
ausreisen, einige verstanden nicht, was Handgepäck ist, andere
duften nicht ausreisen, Anarchie total, trotzdem war das Handgepäck
nach ca. 200 Metern auf den Pferdewagen verladen und wir wurden
in offene Kohlewaggons verladen und zur Grenze gebracht.
Nach nochmaliger Kontrolle an der Grenze konnten wir dann richtige
Personenwagen besteigen und es ging weiter durch das Elbsandsteingebirge
in Richtung zerstörtes Dresden.
Dort kamen wir im Dunkeln an, in irgendwelchen Gewölben sollten
wir übernachten, alles war schwarz und so komisch dreckig
und ein ganz eigenartiger Geruch lag in der Luft - heute weiß
ich, was ich da in der Nase hatte!!
Bei Tagesanbruch trauten wir uns aus dem Gewölbe und sahen
nur eine große ebene Fläche. Vor dem Bahnhof waren
Feldgleise für Loren gelegt und etwas weiter schaufelten
Leute im Schutt. Erst jetzt erkannten wir, daß die große
ebene Fläche eine riesige Schuttfläche war und das Niveau
der Straße viel tiefer lag. Dort schaufelte man und plötzlich
kam im Schutt irgendwas zum Vorschein, die Arbeiter liefen zusammen,
halfen sich gegenseitig und zogen etwas heraus, daß mir
wie ein totes Kind vorkam. Die Erwachsenen erklärten mir,
daß Menschen, die im Phosphor verbrennen, so schrumpfen.
Da hatte man also einen Toten entdeckt, doch was geschah, er wurde
auf eine volle Lore gelegt, der Lore einen Schubs gegeben und
damit war der Fall erledigt.
Wir kamen an diesem Tag in ein Lager außerhalb oder am Stadtrand
von Dresden. Es waren Tausende schon dort, mir fielen zwei Menschenschlangen
auf. Eine wartete auf das Essen dieses Tages, die andere stand
schon für den nächsten Tag an. Ein Glück, daß
wir etwas zu essen von den Tschechen mitbekommen hatten, das wären
schlimme Wochen in Dresden geworden!! Meine Verwandtschaft hatte
noch andere Verwandtschaft in Dresden, die wollten wir besuchen,
um zu zeigen, daß wir überlebt haben und um anderen
bekannt zu geben, in welche Richtung wir wohl weiterziehen würden.
Auf dem Weg zu dieser Verwandten konnten wir die Straßenbahn
nehmen. Wir staunten nicht schlecht, daß wir bald eine halbe
Stunde fuhren, ohne an einer Haltestelle anzuhalten.
Auf einem Platz wechselten wir die Bahn und da ging es ebenso
weiter, nach jeder Biegung glaubten wir, da stehen wieder "richtige"
Häuser und wenn man näher kam, konnte man auch hier
durch die Fensterhöhlen in den Himmel schauen. So hat man
mir noch einmal nach Kriegsende vorgeführt, was es heißt
"Totalen Krieg" zu führen. Nach etwa einer Stunde
kamen wir bei der Verwandtschaft der Verwandtschaft an. Dieser
Besuch hat ein Jahr später meine Mutter auf meine Fährte
gebracht, wir aber waren froh, daß wir bald Dresden verlassen
konnten in Richtung Erfurt.