Dieser Eintrag stammt von Manfred Bresler (* 1932)
aus Frankfurt/M.
(bresler@tmp.fh-frankfurt.de) 09.01.2000:
   Das Geteilte Deutschland


Flucht aus Thüringen 1951

In Büßleben bei Erfurt habe ich meine Schule beendet, mehrere Lehren begonnen und wieder abgebrochen. Schließlich wurde ich als Landesbester beim Lehrabschluß im Schmiedehandwerk zur Ingenieurschule nach Ilmenau "delegiert", doch dort war ich politisch nicht einwandfrei. Ich war kein FDJ-Mitglied, nicht in der Gesellschaft für DSF [Deutsch-Sowjetische Freundschaft], nichtmal in der Deutsch-Polnischen Freundschaft.

In Ilmenau im Übernachtungszimmer konnte man viel besser als in Erfurt den RIAS hören, naja, da war ich wohl wirklich nicht politisch einwandfrei. Ich arbeitete in einer kleinen Maschinenbude, in den Baracken, in denen wir ein Jahr zuvor in Erfurt ausgeladen wurden. Bald war der kleine Betrieb geschluckt von dem SAG-Betrieb Energie- und Kraftmaschinenbau, Erfurt-Nord.

Meine Familie war bald wieder komplett, Vater war aus russischer Gefangenschaft gekommen, aber einen Anreiz hat mir nichts gegeben, kein sozialistischer Wettbewerb, keine Prämie, nur der Sport. Ich hatte gute Arbeitskollegen, die mir mehr erzählten, als mein Vater das tat. Einer war in englischer Gefangenschaft, wenn er erzählte, hing ich an seinen Lippen, um ja nichts zu verpassen. Auch Fragen wich er nicht aus, egal welchen Quatsch ich mir ausdachte.

Eines Tages sprach er davon, daß er ein Rennrad im Keller hätte, allerdings fehlten die Räder. Ich bekam es, ich besorgte aus dem Westen Räder aus Aluminium, Großvater aus dem Weserbergland schickte mir Reifen und Beleuchtung. Ich jubelte, ich wurde Mitglied bei Motor Erfurt, ich wurde mitgenommen zu Rennen, ich fuhr selbst Rennen, schwitzte über den Thüringer Wald, kam nach Leipzig und Berlin, entdeckte, daß man dort auf der Straße einfach so in den ”Westen" kann, wer wird schon einen Radfahrer kontrollieren. Es war eine schöne Zeit, alle Verwandten habe ich per Fahrrad besucht, immer gab's was zu futtern und zu fuggern!

Und dann war wieder ganz plötzlich alles vorbei. Die Flucht aus der SBZ war nicht mehr aufzuhalten. Es fing ganz harmlos an im Betrieb: Proteste gegen Normenerhöhung, Einladung zur Ausbildung als Refa-Mann. Nach der Ablehnung dazu wurde man deutlicher: Da wäre ein FDJ-Kollektiv in Aue zu beschicken, freiwillig natürlich, ich wäre ja Facharbeiter, brauchte bestimmt nicht unter die Erde, allerdings, falls ich mich weigere, gäbe es nur die Delegierung zum Schiffsbau nach Warnemünde - naja, ich unterschrieb also nach Aue in den Erzbergbau, ging heim, packte meinen Rucksack, sagte den Eltern ade und fuhr aus Sicherheitsgründen mit dem Rennrad nach Berlin! Den Großeltern konnte ich in Stücken bei Beelitz noch Lebewohl sagen, die Tante Lotte brachte mich auf einen Schleichweg nach Potsdam, ich fand die Glienecker Brücke, fuhr mit dem nach ”Westen" aussehenden Rad an die Schranke, hob es auf die andere Seite und fuhr davon. Zum Glück hat mich der Posten nicht angesprochen, mein "Diringer Dialekt" hätte mich nicht weiterfahren lassen!!

Die Polizei in Wannsee staunte nicht schlecht, als ich mich bei ihnen meldete, haarklein mußte ich ihnen erzählen, wie meine Frechheit siegte. Auf ihre Frage, was ich nun zu machen gedenke, bot ich ihnen an, die Avus entlang nach Spandau zur anderen Verwandtschaft zu fahren und über das Notaufnahmeverfahren in ein Lager zu gehen. So geschah es dann auch, bei der Notaufnahme in Charlottenburg mußte ich erst lernen, daß ich wieder Jugendlicher war, aber bald wurde ich ausgeflogen, kam durch mehrere Lager bis nach Kaiserslautem, wo ich den Fußballersieg von Bern mit der ganzen Stadt feiern durfte. Es wäre mir nur lieb, wenn alle, die das damals wollten, so gut aus der SBZ herausgekommen wären.

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