In Büßleben bei Erfurt habe ich meine Schule beendet,
mehrere Lehren begonnen und wieder abgebrochen. Schließlich
wurde ich als Landesbester beim Lehrabschluß im Schmiedehandwerk
zur Ingenieurschule nach Ilmenau "delegiert", doch dort
war ich politisch nicht einwandfrei. Ich war kein FDJ-Mitglied,
nicht in der Gesellschaft für DSF [Deutsch-Sowjetische Freundschaft],
nichtmal in der Deutsch-Polnischen Freundschaft.
In Ilmenau im Übernachtungszimmer konnte man viel besser
als in Erfurt den RIAS hören, naja, da war ich wohl wirklich
nicht politisch einwandfrei. Ich arbeitete in einer kleinen Maschinenbude,
in den Baracken, in denen wir ein Jahr zuvor in Erfurt ausgeladen
wurden. Bald war der kleine Betrieb geschluckt von dem SAG-Betrieb
Energie- und Kraftmaschinenbau, Erfurt-Nord.
Meine Familie war bald wieder komplett, Vater war aus russischer
Gefangenschaft gekommen, aber einen Anreiz hat mir nichts gegeben,
kein sozialistischer Wettbewerb, keine Prämie, nur der Sport.
Ich hatte gute Arbeitskollegen, die mir mehr erzählten, als
mein Vater das tat. Einer war in englischer Gefangenschaft, wenn
er erzählte, hing ich an seinen Lippen, um ja nichts zu verpassen.
Auch Fragen wich er nicht aus, egal welchen Quatsch ich mir ausdachte.
Eines Tages sprach er davon, daß er ein Rennrad im Keller
hätte, allerdings fehlten die Räder. Ich bekam es, ich
besorgte aus dem Westen Räder aus Aluminium, Großvater
aus dem Weserbergland schickte mir Reifen und Beleuchtung. Ich
jubelte, ich wurde Mitglied bei Motor Erfurt, ich wurde mitgenommen
zu Rennen, ich fuhr selbst Rennen, schwitzte über den Thüringer
Wald, kam nach Leipzig und Berlin, entdeckte, daß man dort
auf der Straße einfach so in den Westen" kann,
wer wird schon einen Radfahrer kontrollieren. Es war eine schöne
Zeit, alle Verwandten habe ich per Fahrrad besucht, immer gab's
was zu futtern und zu fuggern!
Und dann war wieder ganz plötzlich alles vorbei. Die Flucht
aus der SBZ war nicht mehr aufzuhalten. Es fing ganz harmlos an
im Betrieb: Proteste gegen Normenerhöhung, Einladung zur
Ausbildung als Refa-Mann. Nach der Ablehnung dazu wurde man deutlicher:
Da wäre ein FDJ-Kollektiv in Aue zu beschicken, freiwillig
natürlich, ich wäre ja Facharbeiter, brauchte bestimmt
nicht unter die Erde, allerdings, falls ich mich weigere, gäbe
es nur die Delegierung zum Schiffsbau nach Warnemünde - naja,
ich unterschrieb also nach Aue in den Erzbergbau, ging heim, packte
meinen Rucksack, sagte den Eltern ade und fuhr aus Sicherheitsgründen
mit dem Rennrad nach Berlin! Den Großeltern konnte ich in
Stücken bei Beelitz noch Lebewohl sagen, die Tante Lotte
brachte mich auf einen Schleichweg nach Potsdam, ich fand die
Glienecker Brücke, fuhr mit dem nach Westen" aussehenden
Rad an die Schranke, hob es auf die andere Seite und fuhr davon.
Zum Glück hat mich der Posten nicht angesprochen, mein "Diringer
Dialekt" hätte mich nicht weiterfahren lassen!!
Die Polizei in Wannsee staunte nicht schlecht, als ich mich bei
ihnen meldete, haarklein mußte ich ihnen erzählen,
wie meine Frechheit siegte. Auf ihre Frage, was ich nun zu machen
gedenke, bot ich ihnen an, die Avus entlang nach Spandau zur anderen
Verwandtschaft zu fahren und über das Notaufnahmeverfahren
in ein Lager zu gehen. So geschah es dann auch, bei der Notaufnahme
in Charlottenburg mußte ich erst lernen, daß ich wieder
Jugendlicher war, aber bald wurde ich ausgeflogen, kam durch mehrere
Lager bis nach Kaiserslautem, wo ich den Fußballersieg von
Bern mit der ganzen Stadt feiern durfte. Es wäre mir nur
lieb, wenn alle, die das damals wollten, so gut aus der SBZ herausgekommen
wären.