Sommer 1934: Mit meinen Freunden spiele ich (8) in der Maillebahn,
der Allee, die zum Schloß Pillnitz führt. Auf der Laubegaster
Straße kommt Herr Wiesner, ein Gärtnergeselle, auf
seinem Fahrrad. "Warum hat Herr Wiesner einen grünweißen
Sachsenwimpel an seinem Rad und keinen Hakenkreuzwimpel"
fragt einer der Jungen.
"Weil er ein Kommunist ist", sage ich.
Später nimmt mich Horst Qu. (10) zur Seite: "Du weißt
doch, daß Herr Wiesner kein Kommunist ist. Wenn ich das
der Polizei melde, was du gesagt hast, wirst du eingesperrt. Aber
wenn du mich mit deinem Roller fahren läßt, sage ich
es nicht. Deinen Eltern darfst du nichts erzählen, sonst
sage ich es doch."
Natürlich verspreche ich ihm das. Ein ganzes Jahr lang erpreßt
mich Horst. Er braucht nur zu sagen "du weißt schon",
und er bekommt den Roller, oder die Bonbons, oder 5 Pfennige,
die ich in der Tasche habe. Erst nach einem Jahr bekommt meine
Mutter das zufällig mit und ich beichte. Sie beruhigt mich:
Kinder werden nicht eingesperrt. Horst Qu. ist im Krieg gefallen.
Volksschule Pillnitz: Unsere erste Lehrerin 1932, ein älteres
Fräulein, hat den Spitznamen "Schlampe", weil sie
zerrissene Strümpfe an hat oder der Unterrock schaut vor.
Nach einem Jahr wird sie pensioniert. Der nächste Lehrer
ist Herr Mai, ein Alkoholiker. Oft kommt er nicht oder zu spät
zum Unterricht. Herr Grenz übernimmt die Klasse im 3. Schuljahr
1935. Er hat große Mühe mit uns, denn wir haben in
den ersten beiden Jahren kaum was gelernt. Aber schon bald wird
er zur Wehrmacht einberufen, die ab 1935 aufgebaut wird. Seine
besten Schüler bekommen ein Foto von ihm in Uniform mit Widmung;
ich habe es heute noch.
Ostern 1936 komme ich auf das Realgymnasium Blasewitz. Mit der
Straßenbahn fährt man 20 Minuten bis zum Kömerplatz
Loschwitz, läuft dann über das "Blaue Wunder",
die berühmte Elbebrücke, der auch der Krieg nichts anhaben
konnte, und weiter zur Kretschmerstraße. Man könnte
auch am Körnerplatz in den Autobus umsteigen, der direkt
zur Schule fährt, aber das wäre ein teurerer Fahrschein.
Nicht alle unsere Lehrer sind Nazis. "Ossi" Oskar Halfter,
unser Musiklehrer, grüßt zwar zu Beginn der Stunde
mit hochgestrecktem Arm, weil das die Vorschrift ist, sagt aber
nur "Heil" und nie "Heil Hitler". Später
erklärt er uns, daß der zweite Teil der deutschen Nationalhymne
"Die Fahne hoch" falsch ist. Die Melodie geht nach unten,
wenn die Fahne hoch gehen soll. Halfter konnte bis Kriegsende
unterrichten und war einer der ganz wenigen Lehrer, die auch danach
bleiben konnten.
In unserer Schule, die bald in "Schillerschule Blasewitz"
umbenannt wurde, waren Sprüche an die Wand gemalt worden.
"Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig
setzt an ihre Ehre (Friedrich Schiller)". Im Klassenzimmer
hing neben dem Hitlerbild sein Spruch: "Ihr sollt
sein: Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde".
1936, mit 10 Jahren, wurde ich ein Pimpf, Angehöriger des
"Jungvolks in der deutschen Hitlerjugend". Mittwoch
abend hatten wir "Heimabend", Sonnabend nachmittag und
oft Sonntag hatten wir "Dienst". Wir lernten die Nazilieder,
wie "Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen
Krieg - wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben
fällt, denn heute gehört uns Deutschland, und morgen
die ganze Welt". Übrigens wurde 1943 im Krieg das Wort
"gehört" ersetzt mit "da hört"!
Wir lernten exerzieren, wie später auf dem Kasernenhof, machten
Fahrtenspiele, lernten Karte lesen. Schon damals begann planmäßig
die Vorbereitung auf den Krieg, während Hitler in seinen
Reden, die auch in die Schulaula übertragen wurden, immer
wieder auf seine Friedensliebe hinwies.
1938 marschierten die deutschen Truppen zuerst in Österreich,
später in der Tschechoslowakei ein. Im Radio und in der Wochenschau
im Kino hörten wir Hitler in Linz mit "der größten
Vollzugsmeldung seines Lebens: Ich habe meine Heimat in das Großdeutsche
Reich geführt". In der Schule mußten wir Landkarten
mit den neuen Grenzen zeichnen, Presseberichte und Bilder in eine
Mappe kleben. Es ist fast ein Wunder, daß wir trotzdem das
schulische Pensum schafften.
November 1938: Die Synagogen brennen. An vielen Geschäften
in der Prager Straße hängen Schilder "In der Arisierung
begriffen" - meist wußte wir nicht, daß diese
Geschäfte Juden gehört hatten. Mein Vater läßt
sich am Postplatz die Haare schneiden. Der Friseur, er stammt
aus Böhmen, ist ein strammer SA-Mann. Er erzählt uns,
daß er seinen entsetzten Kunden sagt, die Juden hätten
ihre Synagogen selbst angezündet. Wenn er das mit genügender
Überzeugungskraft erklärt, wird ihm das sogar geglaubt,
lacht er.
August 1939: Mein Vater wird als Soldat nach Königsbrück
eingezogen, seine zahnärztliche Praxis ist plötzlich
verwaist. Die Patienten kommen trotzdem und wollen wissen, wie
sie weiter behandelt werden. Meine Mutter hat zwar seit 1928 einen
Führerschein, ist aber nie mehr Auto gefahren. Unseren alten
Fiat kann sie allein gar nicht in Gang setzen, aber ich kann das
mit meinen 13 1/2Jahren. Wir fahren mehrmals die Woche nach Königsbrück
zu meinem Vater, um alles zu klären. Ende August wird "Verdunklung"
angeordnet, auch die Autoscheinwerfer müssen zu einem schmalen
Schlitz verdunkelt werden. Meine Mutter kann bei Dunkelheit nicht
gut sehen, ich dirigiere.
Am 1. September bricht der Krieg aus, ich glaube das aber nicht.
Hitler hatte in seiner Rede davon gesprochen, daß die Polen
den Reichssender Gleiwitz in Oberschlesien überfallen hätten,
"seit 5 Uhr schießen wir zurück". Aber das
Wort Krieg hat er doch nicht gesagt? Meine Mutter fährt aber
sofort mit mir zum Postscheckamt in Dresden, um das Bargeld abzuheben.
Ob sie Angst hatte, bald nichts mehr zu bekommen? Sie hatte wohl
noch das Ende des 1. Weltkrieges in Erinnerung.
Kurz darauf bekam meine Mutter einen jungen Dentisten, der nicht
Soldat werden mußte, als Vertreter in die Praxis. Im Frühsommer
1940 wurde mein Vater entlassen - 1943 mußte er wieder einrücken,
dann mit immerhin 49 Jahren. Er kam erst im Winter 1946/1947 aus
britischer Gefangenschaft in Ägypten zurück.
1940 wurde ich 14 und damit in die "Hitlerjugend" übemommen.
Weil ich mich weniger für Exerzieren und Schießübungen
interessierte, meldete ich mich zur Motor-HJ. Ausbilder von der
Motor-SA ließen uns Motoren zerlegen und erklärten
uns den Unterschied zwischen 2Takt- und 4-Taktmotor. An eine Diskussion
erinnere ich mich. Wir fragten, was mit den Fußgängern
geschieht, wenn nach dem Sieg ("nach dem Krieg" durfte
man nicht sagen) alle Leute Volkswagen bekommen sollten. "Die
paar Fußgänger fahren wir einfach tot!", meinte
der Ausbilder. Bei schönem Wetter durften wir sogar auf Kleinmotorrädern
üben, was uns viel Spaß machte, und den Führerschein
4 machen.
Der Kriegsbeginn hatte noch eine andere Wirkung: Nicht nur mein
Vater (44 und Teilnehmer des 1. Weltkrieges mit schweren Verwundungen),
sondern auch alle jüngeren Lehrer wurden Soldat. Dafür
wurden bereits pensionierte Lehrer wieder zum Schuldienst berufen.
Im Sommer mußten wir Erntehilfe beim Bauern machen. Das
anfängliche Fähnchenstecken auf den großen Landkarten,
die den Vormarsch der deutschen Truppen anzeigten, wurde bald
eingestellt. Dafür mußten wir im enorm kalten Winter
1942/1943 Wollhandschuhe und Pelzsachen für unsere Soldaten
in Rußland sammeln. In diesem Winter hatten wir auch über
6 Wochen "Kohleferien". Sogar die Elbe war wochenlang
zugefroren.
Im Februar 1943 wurden die Geburtsjahrgänge 1926 und 1927
als Luftwaffenhelfer zur Heimatflak eingezogen. Unsere Uniform
glich im Anfang einer HJ-Uniform, was uns nicht gefiel. Mit Genehmigung
unserer Ausbilder entfernten wir die Hakenkreuz-Armbinden und
brachten dafür Luftwaffenadler an der Uniform an. Morgens
hatten wir Schule, die Lehrer kamen zu uns in die Stellung auf
der Dresdener Vogelwiese; manchmal schickte der Spieß sie
wieder nach Hause, "meine Jungs müssen schlafen, haben
heute Nacht bei Voralarm an den Geschützen gestanden".
Nachmittags war Ausbildung an der russischen Beute-8,8 cm-Flak,
nachts oft Bereitschaftsdienst, wenn Voralann kam. Während
meiner Zeit als Luftwaffenhelfer bis Herbst 1943 feuerten wir
keinen einzigen Schuß ab, niemand dachte damals im Emst
daran, daß Dresden das Ziel eines Großangriffs werden
würde. Im Herbst 1943 kam meine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst,
einer Vorbereitungszeit für den Wehrdienst.
Im März 1944 wurde ich zur Luftwaffe nach Eger eingezogen.
Die Grundausbildung erfolgte in Douai in Nordfrankreich und in
Auxerre, südlich von Paris. Zu dieser Zeit bereiteten die
Alliierten die Invasion in der Normandie vor, indem sie die Bahnhöfe
als Nachschublinien bombardierten und mit Tieffliegern angriffen.
Wir wurden dann zum Entladen der beschädigten Waggons kommandiert.
Bei einem Tieffliegerangriff auf den Bahnhof von Arras wurde ein
Kamerad wenige Meter neben mir durch einen Bombensplitter getötet.
Ich hatte gehofft, Flieger zu werden. Aber im Sommer 1944 war
die Luftwaffe derart minimiert worden, daß keine Piloten
mehr ausgebildet wurden. Ich wurde zur 5. Fallschirmjägerdivision
nach Gardelegen in der Mark versetzt. Diese Division wurde als
die "falschen Jäger" bezeichnet, es wurden keine
Fallschirmabsprünge mehr geübt. Wir waren eine Infantrietruppe
in Luftwaffenuniform. Durch meine Ausbildung bei der Flak wurde
ich zur Fallschirm-Artillerie kommandiert. Wir hatten 12-cm-Granatwerfer,
wie schon bei der Flak russische Beutegeräte. Im Dezember
1944 begann die Rundstedt-Offensive im Westen. Wir wurden per
Bahn von Gardelegen nach Erdorf bei Trier befördert. Die
Fahrt dauert 3 Wochen, weil die Bahnstrecke ständig repariert
werden mußte. Von Erdorf ging es per LKW nach Nordluxemburg.
An der belgischen Grenze, nahe Bastogne, wurden wir das erste
Mal Weihnachen 1944 eingesetzt. Am 1. Feiertag mußten wir
vor einem US-Panzerangriff fliehen. Schon wenige Tage darauf kam
ich in US-Gefangenschaft, für mich war der Krieg zu Ende.
Die ersten Monate in Frankreich waren grausam: Kälte und
Hunger. Später kam ich nach Le Havre, den einzigen Nachschubhafen,
den die Amerikaner so erobert hatten, daß er für den
Nachschub verwendet werden konnte. Ich arbeitete als Lagerarbeiter,
lernte Kran und Schiffwinde zu bedienen, und vervollkommnete mein
Englisch so weit, daß ich bald Dolmetscher spielen konnte.
Als zum Kriegsende Mai 1945 die französischen Hafenarbeiter
streikten - sie wollten nicht mehr nachts und sonntags arbeiten
- übergaben die Amerikaner den ganzen Hafen an ihre deutschen
Kriegsgefangenen. Plötzlich wurden wir reichlich verpflegt,
bekamen Zigaretten und Tabak, auch Musikinstrumente für die
Lagerkapelle.
Nur drei Sachen hatten wir nicht: Kein Geld, kein Alkohol und
keine Frauen. Aus Zucker und Hefe und mittels selbst gebastelten
Destilliergeräten machten wir uns einen entsetzlichen Fusel
- nur einmal, denn uns wurde furchtbar schlecht.
Den Tag des Waffenstillstandes erlebte ich in Le Havre mit stundenlangem
Heulen der Schiffssirenen, Maschinengewehrschüssen in die
Luft, keinem Gang zur Arbeit (dafür mußten wir im Lager
Löcher graben und diese dann wieder zuschütten, für
uns sollte ja kein Feiertag sein). Bis Herbst 1946 arbeitete ich
dort als Dolmetscher und Motorpool-Dispatcher.
Schon kurz nach dem Eintreffen im Lager Le Havre durften wir zum
ersten Male nach Hause schreiben. Auch anschließend bekamen
wir jeden Monat ein Rot-Kreuz-Briefformular und genaue Anweisungen,
was wir nicht schreiben durften. Bis Weihnachten 1945 bekamen
wir aber keine Post von daheim. Auch meine Mutter berichtete später,
daß sie erst kurz vor Weihnachten meine erste Post bekam.
Von meinem Bruder, der in französischer Gefangenschaft war,
kam erst nach Weihnachten Post, von meinem Vater erst im März
1946. Nach und nach bekam sie aber alle Briefe, die ich geschrieben
hatte.
Die Postausgabe jeden Tag erzeugte freudige und traurige Gesichter:
Leben meine Angehörigen noch? Wie geht es daheim? - Später
erfuhr ich, daß die Alliierten bewußt als Strafe für
die Deutschen alle Post zurückgehalten hatten. Die Genfer
Konvention bestimmt lediglich, daß Kriegsgefangene schreiben
dürfen; über den Transport der Briefe wird nichts ausgesagt.
Im August 1946 begann der Transport Richtung Heimat. Am ersten
Tag ging es bis per Sattelschlepper-LKW nach Compiègne,
dann per Bahn weiter über Saarbrücken bis nach Babenhausen
bei Darmstadt. Dort wurden erstmals die Nazis aussortiert.
Ein gut deutsch sprechender US-Offizier (ich glaube, es war Henry
Kissinger, der spätere US-Außenminister) stand "auf
dem Balkon der Reichskanzelei", wie er sagte, in Wirklichkeit
auf einem Kasernenbalkon, und begrüßte uns mit folgenden
Worten: "Im Namen der Lagerleitung soll ich Sie auf das herzlichste
hier begrüßen, bis ich Ihnen den Schädel einschlage.
Sie sind alle Lügner und Fragebogenfälscher. Ich gebe
Ihnen eine letzte Chance: Wer sich zur Fälschung bekennt,
kann vortreten, und kommt ohne Strafe weg. Die anderen rennen
im Laufschritt um das Lager herum, bis sie tot umfallen."
Zwischendurch ließ er uns immer mal wieder vor seiner "Reichskanzelei"
antreten, appellierte an unsere mangelnde Kameradschaft, daß
alle darunter leiden mußten, weil einige zu feig waren,
sich zu bekennen. Aber man habe in Berlin alle Unterlagen erbeutet,
kein Nazi hätte eine Chance, durchzukommen. Er hatte mit
seiner Methode, wie er uns nach ca. 5 Stunden sagte, großen
Erfolg. Einige hundert Leute meldeten sich als Fragebogenfälscher,
mehr als er erwartet hatte. Denen wurde zur Strafe die Haare geschoren,
sie bekamen drei Tage lang nichts zu essen.
Kurz darauf wurden diejenigen entlassen, deren Heimat in der US-
und britischen Besatzungszone lagen. Wer aus der Sowjetzone stammte,
kam nach dem Lager Marburg, und wurde nach 14 Tagen über
Eisenach zum "Quarantänelager" Leipzig transportiert.
Dort wurden alle Offiziere aussortiert, die in ein sowjetisches
Lager kamen, wir anderen durften endlich heim.
Dresden im Herbst 1946: Der Hauptbahnhof lag - wie die ganze Dresdner
Altstadt - immer noch in Trümmern. Ich stieg am Neustädter
Bahnhof aus dem Zug. Per Straßenbahn fuhr ich nach Hostervitz.
Zuhause öffnete ein fremdes Mädchen die Tür, mehrere
Familien waren in unserem Haus einquartiert worden. Meine Mutter
und meine Schwester waren erst nicht daheim, die Wiedersehensfreude
war groß. Alle Mitglieder unserer Familie hatte den Krieg
überlebt, nun hatten wir die Nachkriegszeit zu meistern.