Am 28. April 1916 früh um 8 Uhr abgerückt in Richtung
Verdun. Das ganze Aussehen dieser Gegend ließ erkennen,
daß wir der Front schon merklich näher gekommen waren.
Links von der Chaussee, die nach Azannes führt, bezogen wir
in einem Walde, genannt "Deutsch Eck", ein Lager. Am
nächsten Tage luden wir die mitgenommene Munition auf dem
Felde kurz vor Azannes ab. Nachmittags war auch schon Pferde-Appell.
Am 30. April mußte ich mit dem Ober-Feuerwerker nach Ornes
reiten, wohin von einer anderen Kolonne ein Leutnant und sein
Bursche mitkamen. Als wir hinter Azannes in einen Feldweg einbogen,
hörte ich ein Sausen, Heulen und Pfeifen in der Luft, das
in ein Krachen endete. Da mir diese Wahrnehmungen noch neu waren,
fragte ich den neben mir reitenden Kameraden, was das sei. Ob
das Schüsse von unserer oder feindlicher Seite wären;
worauf er erwiderte, daß es feindliche seien.
Ich muß offen gestehen, daß ich mir den Krieg ganz
anders vorgestellt hatte und bis dahin immer glaubte, die Artillerie
stände so weit zurück, daß sie von der feindlichen
Artillerie nicht erreicht würde und der Vorteil des einen
gegenüber dem anderen in der Tragweite seiner Treffsicherheit
der Geschütze zu erblicken wäre. Also ich war der Annahme,
daß die Artillerie außerhalb des Feuerbereichs stände.
Aber bald erfuhr ich, in was für einen Irrtum ich mich befand.
Als wir auf den ersten Berg kamen, sah ich, wie die Granaten in
das vor uns liegende Dorf und Umgebung einschlugen. Ich hörte,
wie der Ober-Feuerwerker zu dem Leutnant sagte: Wir müssen
von der anderen Seite in das Dorf reiten. Darauf fragte ich meinen
Kameraden, ob wir dort hin müssen, wo hingeschossen wird,
was er bejahte. Ich stellte dann noch die Frage, was wir dort
zu tun hätten, worauf er erwiderte, daß ein vor kurzem
in die Luft gegangenes Munitionslager aufgeräumt würde.
So kamen wir dem unter Feuer liegenden Gebäude immer näher.
Einige hundert Meter im Dorfe lagen auf der Straße zwei
in der vergangenen Nacht gefallene Pferde, was mir sehr unheimlich
anmutete. Wir ritten durch das Dorf bis kurz vor dem anderen Ende,
wo sich das Munitionslager befand, was unter Leitung unseres Ober-Feuerwerkers
aufgeräumt wurde. Ich konnte gar nicht begreifen, daß
in dem zerschossenen sowie unter Feuer liegenden Orte Truppen
lagen, die ganz ruhig und gelassen neben den in ihrer Nähe
einschlagenden Granaten vor ihren Quartieren ihre Dienstobliegenheiten
erledigten.
Während der Ober-Feuerwerker und der Leutnant auf dem Munitionslager
ihren Dienst versahen, ritt ich mit meinem Kameraden zurück.
Ich blieb in Azannes und habe die Pferde gefüttert. Nachmittags
um vier mußte ich die Herren wieder abholen. Als ich vom
Lager aus beobachtete, daß gerade an der Stelle, wo ich
hin mußte, die meisten Granaten einschlugen, klopfte mir
doch das Herz ziemlich stark und zögerte ich einen Augenblick,
weiter zu reiten. Es blieb mir aber weiter nichts übrig,
als meinen Weg fortzusetzen, zumal auch die Granaten in meiner
Nähe, wo ich hielt einschlugen. Aber wie leicht mir war,
als wir auf dem Rückweg Azannes erreicht hatten, kann ich
gar nicht beschreiben.
21. Juni 1916
Wir fuhren drei Wagen mit nur 100 Schuß. Unter den Kameraden
wurde erzählt, daß der Bursche des Oberfeldwebel Henning
das Eiserne Kreuz bekommen und nur aus diesem Grunde mitfahren
sollte. Also nur, um solch einen Stiefelputzer das Eiserne Kreuz
zu verschaffen, mußten sich Mannschaften von unserer Kolonne
in Gefahr begeben. Die Leute, die immer mit waren, bekommen es
nicht. Obwohl keinem etwas daran gelegen war und jeder zufrieden
war, so lange er gesund war, so war es doch eine Ungerechtigkeit.
26. Juni 1916
War der in Ruhestellung allgemein übliche Dienst. Zum Empfang
gab es Brot, Büchsenwurst, Zigarren und Zigaretten. Also
jetzt hatten wir es geschafft. Nun konnten wir uns in Ruhestellung
bei trocken Brot erholen. Die Büchsenwurst war eine Art falscher
Hahn, die man gleich aufessen mußte, da sie sich nicht bis
zum anderen Tage hielt.
9. Februar 1917
Morgens um 7.45 Uhr sind wir abmarschiert zur Front nach den Argonnen
und kamen dort um 12 Uhr an. Nach der Einteilung, wobei ich der
6. Kompanie, 2. Bataillon im Infanterie Regiment 477 zugeteilt
wurde, erhielten wir nach Ankunft bei der Kompanie zu Mittag Grütze.
Das ganze, mit Friedhöfen sowie Einzelgräber bedeckte
Gebiet bot einen niederschmetternden Anblick. Bis zu ungefähr
4 km hinter der Front war der nicht so herzliche Argonner Wald
vom Erdboden verschwunden. Das ganze Gebiet war von Laufgräben
durchzogen und mit Granattrichtern bedeckt. Durch die Laufgräben
wurden die Verbindungen zwischen den vordersten Infanterien und
den rückwärtigen Stellungen und Depots hergestellt.
Bis zu den Depots oder Lagerplätzen wurde alles mit der Feldbahn
befördert. Von da wurde es von den Mannschaften durch die
Laufgräben zur Stellung befördert. Die Beförderung
wurde von den in Reserve liegenden Kompanien ausgeführt,
wozu auch meine Kompanie gehörte.
Meine Kompanie lag also im 2. Graben, wo in kleinen Abständen
Unterstände mit 2 bis 3 Meter Deckung unsere Quartiere darstellten.
In solch einem Unterstand erhielt auch ich mein Quartier angewiesen.
Als Einrichtung waren ein paar Drahtgestelle als Bettstellen,
1 Tisch und 1 kleiner eiserner Ofen vorhanden. Als ich mich meines
Gepäcks entledigt hatte und so darüber nachdachte, was
wohl die Zukunft noch bringen könnte, kam ab und zu mal einer
nachsehen, was für Ersatz die Kompanie wohl bekommen hätte.
Als es Zeit zum Schlafen gehen war, da saß ich wie von Gott
verlassen allein in dem Erdloch.
Da es im allgemeinen ruhig und ich sehr müde war, glaubte
ich, die Nacht sehr gut schlafen zu können. Kaum hatte ich
mich hingelegt, da mußte ich schon wahrnehmen, daß
ich nicht ganz allein die Höhle bewohnte, sondern daß
außer mir noch eine nicht sehr beliebte Tiergattung die
Wohnung mit mir teilte. Die Tage danach wurde bekannt gemacht,
daß für Rattenfänger Prämien ausgesetzt seien
und es für jede abgelieferte Ratte 10 Pfennig gäbe.
Nach fast einjähriger Tätigkeit im Feld habe ich mich
zum ersten Male in meinem Leben gelaust, was sich wirklich lohnte.
7. April 1918
Auf dem Marsch von Mortiers bis Fretoy hatten wir manch unangenehme
Fraktur zu erleiden, die man keinem Hund gönnt. Bei Regenwetter
lagen wir auf Wiesen im Biwak. Um nicht auf dem nassen Boden zu
liegen, haben wir das nasse Gras abgeschüttelt und uns darauf
gelegt. Die Kleider wurden auf dem Körper abwechselnd naß
und trocken. Die Stiefel konnten wir gar nicht mehr ausziehen,
da sie auf den Füßen wie angewachsen waren, und hätten
wir sie mit größerer Mühe aus bekommen, dann hätten
wir sie nicht wieder an bekommen, da alles durchnäßt
war. Vor Kälte konnte man nicht schlafen und sind wir lieber
im Freien umhergelaufen, damit uns etwas warm wurde. Den Pferden
ging es nicht besser. Die standen buchstäblich bis zu den
Knien im Morast und haben vor Kälte gezittert.
Das Gelände, das wir durchquerten, war bedeckt mit Leichen,
Pferdekadaver, Munition und allerhand Ausrüstungsgegenständen.
Allen Anschein nach waren die Engländer fluchtartig zurückgegangen,
denn sonst hätten sie doch wenigstens die gefallenen Kameraden
mitgenommen.