Wenn die Sirenen auf den Dächern des St. Joseph Krankenhauses,
der Boelcke-Schule und einigen anderen öffentlichen Gebäuden
in der Nähe aufheulten, dann warnten sie uns vor dem Feind.
Uns Kindern gegenüber sprachen die Erwachsenen immer nur
vom Feind. Und diesen Feind stellte ich mir wie ein Ungeheuer
vor, das im Flugzeug hinter dem Steuerknüppel saß und
seinen Spaß daran hatte, Bomben über uns abzuwerfen.
Das Sirenengeheul ging mir jedesmal durch Mark und Knochen. Es
gab mir eine Gänsehaut, ließ kalte Schauer über
meinen Rücken laufen und lähmte mich einige Sekunden
lang. Doch ich hatte gelernt und wußte, daß ich derartige
Erscheinungen schnellstens überwinden mußte, um rasch
in den Luftschutzraum im Keller des Hauses zu kommen. Dieser Raum
war ein ganz gewöhnlicher Kellerraum hinter einer dicken
Eisentür, auf der die Buchstaben LSR (Luftschutzraum) geschrieben
standen. Ihre Bedeutung verstand ich allerdings nicht. Ich wußte
nur, daß ich mich bei Fliegeralarm rasch durch diese Tür
zu begeben hatte.
Im Luftschutzraum warteten wir, Erwachsene wie Kinder, eigentlich
nur darauf, den Raum wieder verlassen zu dürfen. Die Zeit
zwischen Warnung und Entwarnung war unterschiedlich lang; bestenfalls
nur einige wenige Minuten, schlimmstenfalls mehrere Stunden. Ich
empfand diese Aufenthalte im Luftschutzraum teils langweilig,
teils beängstigend. Die Erwachsenen sahen verbissen aus,
saßen mit steifen und angespannten
Körpern auf ihren Plätzen und konzentrierten sich nur
auf das Propellergeräusch der Flugzeuge. Je nach dem, was
sie hörten, wußten sie, ob die Flugzeuge weiterfliegen
oder ihre tödliche Last über unseren Köpfen abwerfen
würden. Angst bekam ich immer dann, wenn eine Bombe irgendwo
in der Nähe einschlug und explodierte. Dann erschütterte
das ganze Haus, die Deckenlampe fing an zu blinken oder erlosch
völlig. Meine Zwillingsschwestern Edith und Jutta (4) begannen
dann meistens zu weinen und Erika und Karin, die Mädchen
unserer Nachbarin, schlossen sich in der Regel dem Weinen meiner
Schwestern an. Das hatte zur Folge, daß die Erwachsenen
die Flugzeuge nicht hören konnten, lauthals schimpften und
das Quartett noch lauter weinte.
Manchmal konnte es auch vorkommen, daß meine Geschwister
und ich eine ganze Nacht im Bunker Flughafen Tempelhof verbrachten.
Mutti brachte uns am Abend des einen Tages dorthin und holte uns
am Morgen des anderen wieder ab. Dort, tief unter der Erde, gab
es viele ausgedehnte Korridore und eine Vielzahl Räume, die
unter anderem mit Etagenbetten ausgestattet waren. Ich war immer
dann mit mir und meiner Umwelt im Einklang, wenn ich das Glück
hatte, eines der oberen Betten zugeteilt zu bekommen. Dort oben
befand sich nämlich in der Wand ein Luftschacht, der zu einem
angrenzenden Raum führte. In diesem Raum lag ein anderes
Kind in seinem Bett und wartete ebenso ungeduldig wie ich, um
im Dunkel der Nacht seinem neugewonnenen unsichtbaren Freund verschiedenes
zuzuflüstern oder, falls man gerade dazu Lust verspürte,
laut ins Ohr zu brüllen.
Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück und
bevor wir wieder abgeholt wurden, mußten wir uns alle in
langen Reihen aufstellen, die Hände verschränkt auf
dem Rücken halten und der Reihe nach den Mund aufsperren,
um einen Eßlöffel Lebertran eingeflößt zu
bekommen. Diese widerwärtig schmeckende Flüssigkeit
stellte sozusagen den Abschluß des jeweiligen Bunkerbesuches
dar. Bevor wir aber endgültig den Bunker verlassen durften,
wurden wir nach unseren Geburtstagen befragt. Hatte man gerade
an diesem Tag Geburtstag und teilte dies auch voller Freude mit,
bekam man als Geburtstagsgeschenk eine große
Flasche Lebertran, die man mit nach Hause nehmen durfte. Bei solchen
Gelegenheiten wurde mir frühzeitig klar, daß es nicht
immer unbedingt ein Vorteil sein mußte, stets die Wahrheit
zu sagen.