Im Spätsommer 1943 mußten wir unsere Wohnung in Berlin-Tempelhof
verlassen. Wir wurden evakuiert. Mit der Eisenbahn kamen wir nach
Königsberg in Ostpreußen. Von dort aus ging es weiter
mit der Kutsche auf ein großes ländliches Anwesen.
Der Besitzer des Anwesens stand mit all seinen Leuten auf der
Treppe des großen Wohnhauses, um uns zu empfangen. Einer
nach dem anderen stiegen wir aus der Kutsche, wobei ich rasch
bemerkte, daß sich die Gesichtszüge der Leute merkwürdig
veränderten und regelrecht abweisend wirkten, als meine Geschwister
und ich vor ihnen standen, um sie mit Knicks bzw. Verbeugung zu
begrüßen. Wir blieben nur ein, zwei Tage auf diesem
Anwesen.
Später einmal fragte ich Mutti nach dem Grund dieses so kurzen
Aufenthaltes, an den ich mich dennoch sehr gut erinnerte. Da erzählte
sie mir, daß sie auf ihren Papieren "Mutter mit Kind
angegeben hatte. Kein Wunder, daß die Leute ihr Erstaunen
nicht verbergen konnten, als wir vier an der Zahl waren, die da
aus der Kutsche stiegen! Warum Mutti diese falschen Angaben gemacht
hat, habe ich nicht erfahren, nehme aber an, daß sie wohl
Angst gehabt hat, nirgendwo mit ihren vier Kindern aufgenommen
zu werden.
So kamen wir schließlich mit dem Zug nach Prenzlau in der
Uckermark und von dort aus auf ein Rittergut in einem nahegelegenen
Dorf.
Auf dem Land war es merkwürdig ruhig und friedvoll; anstelle
von Lärm durch Fliegeralarm und Bomben hörte ich nun
zum ersten Mal natürliche Laute wie das Muhen von Kühen,
das Gackern von Hühnern, das Krähen von Hähnen
und das Blöken von Schafen und entdeckte Tiere wie Hasen,
die zwischen den Zuckerrüben zickzack liefen, kleine Erdmäuse,
die zielstrebig in Löchern im Erdboden verschwanden, dunkelblau
glänzende Käfer, die planlos umherspazierten oder auf
dem Rücken gelandet waren und mit den Beinen in der Luft
zappelten.