19. Januar 1919
Heute gegen 3 Uhr ging ich mit Helen an die Wahlurne. Zum ersten
Mal konnte eine Frau in Deutschland gleichberechtigt mit den Männern
das Recht der politischen Wahl ausüben. Die Lokale sind überfüllt.
Reich und Arm, Alt und Jung, Männer und Frauen standen in
langer Polonäse oft stundenlang zur Erfüllung der neuen
Pflicht der Wahl zur ersten National-Versammlung der neuen Republik.
Alles ging ruhig und geschäftemäßig zu. Die Straßen
sahen weiß aus voller Flugblätter, die Häuserwände
bunt voller angeklebter Plakate, aber sonst fehlt die laute, aufdringliche,
nervenerregende Reklame wie in Amerika und England. Alles ist
sachlich und ordentlich. Jeder betrachtet die Wahl als seine Pflicht
und geht pünktlich in das vorgeschriebene Wahllokal.
Wie schnell der demokratische Gedanke durch alle Schichten gedrungen,
die demokratische Wahlpflicht alle Kreise erfaßt hat. Ich
selbst habe zum ersten Mal in meinem Leben gewählt. Bisher,
unter der alten Regierung, wußte ich, daß meine Stimme
doch keinen Einfluß hat. Der Reichstag war eine Rednertribüne
aber kein bestimmender Machtfaktor. Die vom Kaiser ernannten Minister
verfügten alle wichtigen, wirklich politischen Maßnahmen
nach geheimen Sitzungen mit den Hofleuten, Adelsführern und
mächtigen Kapitalisten.
So konnte es auch kommen, daß die Kriegserklärung vollkommen
überraschend das Volk traf. Nichts war vorbereitet, noch
Minuten vor der Kriegserklärung hatte kein Mensch eine Ahnung.
Ich selbst war zufällig "Unter den Linden" und
wollte gar nicht begreifen, wußte gar nicht, um was es sich
handelte, als gegen 4 Uhr eine Bewegung unter den Menschen stattfand
und von Mund zu Mund die Schreckenskunde ertönt, die Mobilisation
der Armee sei verfügt.
Ich hoffe, daß eine solche Politik niemals wieder möglich
sein wird.