8. Mai 1919
Heute ist der schwärzeste Tag des Krieges, die Friedensbedingungen
von Versailles! Alle Lebenslust versagt, das Herz stockt. Das
vae victis in grausamster, brutalster Gestalt verkünden
die siegreichen Feinde. Noch erscheint es unfaßbar, daß
ein solcher Frieden Wirklichkeit werden soll. Unmöglich!
Aber was dann?
Es scheint, als ob ein Entrinnen vor dem Zusammenbruch unmöglich
ist - mit dem Frieden durch die Feinde, ohne Frieden durch den
Bolschewismus. Innen und außen lauern die Feinde des Staates.
Der lange Krieg hat die tierischen Instinkte des Egoismus bei
den Feinden und bei den Proletariern der eigenen Heimat entfacht.
Wo sind die schönen Reden von Humanität und Recht! Wo
sind die Wilsonpunkte, nach deren Anerkennung vom Feind und von
uns der Waffenstillstand geschlossen wurde! Soll alles Betrug
gewesen sein? Soll jedes Recht und jeder Glaube schwinden?
Das kann nicht das Ende sein. Vorläufig steht es nur auf
dem Papier und das Leben geht ruhig weiter, aber langsam, von
Jahr zu Jahr steigend, entsprechend dem Aufbrauch der alten Vorräte,
wird Sorge und Not einziehen, wird das ganze Volk verarmen und
verzweifeln.
Nein, das kann noch nicht das Ende des militärisch im Felde
unbesiegten Staates sein! Der Bogen ist überspannt, aber
woher kommt die Rettung? Welche Wirkung würde die Ablehnung
erzielen? Neue Revolution bei uns oder bei den Anderen. Nirgends
scheint ein Lichtstrahl, nur schwarze Wolken!
Wozu noch das Leben?