16. Januar 1919
Liebknecht und Rosa Luxemburg sind verhaftet. Eine energische
aber notwendige Maßregel, um endliche Ruhe zu bekommen.
Die Abendausgaben berichten, daß Liebknecht im Tiergarten
entfliehen wollte und erschossen worden ist, während Rosa
Luxemburg von der Menge beim Einsteigen ins Auto niedergeschlagen
und dann später von einer hinzustürmenden Menge geraubt
worden sei.
Diese Lynchjustiz des Volkes ist sicher zu verurteilen, denn keiner
soll seinem Richter entgehen. Es war vorauszusehen, daß
diese Führer des Terrors und der Diktatur im Kampf gegen
die Allgemeinheit vor einem ordentlichen Richter fallen würden.
Ob für die Allgemeinheit das plötzliche, unerwartete
Ende besser ist, ist schwer zu sagen. Es kann sein, daß
durch die Auslegung ihrer Parteigenossen Märtyrer geschaffen
werden, deren Andenken fortgesetzt revolutionierend wirkt, es
könnte aber auch sein, daß durch ein ordentliches Gerichtsverfahren
noch ganz andere Leidenschaften hervorgerufen worden wären.
Es ist tragisch, daß diese beiden Personen, die sich sicher
vom reinsten Idealismus getrieben zu den fanatischen Führern
entwickelt hatten, so fallen mußten. Im Grunde genommen
ist es nicht so wohl ihre eigene Schuld als wie die logische Fortentwicklung
der von ihnen aufgepeitschten rohen Instinkte der Masse. Beide
hatten noch kürzlich für die Wahl der National-Versammlung
propagiert, waren aber von ihren eigenen Parteigenossen überstimmt.
Sie hatten nicht mehr die Führung ihrer Partei und fallen
daher als die Opfer der über ihre Intelligenz hinausgehenden
Entwicklung.