9. Nobember 1918
Als ich um 10 ins Büro gehe, stehen einzelne Gruppen interessiert
auf der Straße, aber sonst ist überall ein ruhiges
Bild wie gewöhnlich. Um ½2 kommt die erste Ausgabe der
B. Z. "Der Kaiser hat noch nicht abgedankt, die sozialistischen
Minister sind aus dem Ministerium ausgetreten".
Ernste Sorge, denn das bedeutet Bürgerkrieg. Auf der Straße
wird erzählt, daß soeben der König von Bayern
abgedankt hat. Die Abdankung des Kaisers soll bereits da sein,
aber noch nicht bekannt gegeben. Endlich neue Zeitungen; die
Menschen stürzen sich auf die Zeitungsträger und reißen
und prügeln sich um die Blätter:
"Der Kaiser hat abgedankt"
Alle atmen auf. Endlich! Schade, daß nicht vor Wochen mit
der Geste des großen Patrioten ein freiwilliger Verzicht
erfolgt ist. Jetzt ist er erzwungen und niemand hat Sympathie.
Merkwürdig, ich fühle keine tiefe innere Erregung und
alle meine Freunde bestätigen mir die gleiche Empfindung,
und doch ist von den ersten Tagen meiner Jugend an das Wort "Kaiser",
der Ruhm des neugegründeten Kaiserrreichs ein Teil meines
Lebens, meiner Weltanschauung gewesen.
In der Person des Kaisers symbolisierte sich die ganze Größe
und Gewalt des Vaterlandes. Wie wenig hat Wilhelm II. es verstanden,
diese tiefbegründeten Ernpfindungen in dem Herzen seines
Volkes zu verankern und wie sehr sind wir durch diese vier Jahre
Krieg in unseren Empfindungen dem Kaiserhaus entfremdet. Wilhelm
II. hatte sich stets mit einer Hofluftatmosphäre umgeben,
die wahre Gefühle der Volkstümlichkeit nicht aufkommen
ließ.
Seine schwankende Politik hat es zuwege gebracht, daß alle
Parteien in Lande, alle Völker der Welt sich verletzt fühlten,
keiner hat unbedingtes Vertrauen zu seinem energischen Willen.
Sein angeregter Geist faßt schnell auf und ist für
vieles interessiert, aber es fehlt die Beharrlichkeit, das Durchdenken
und das energische Durchführen. [...]
Auf den Straßen um die Linden sind viele Menschen, aber
keine besondere Fülle. Man sieht viele Matrosen, ein ungewöhnliches
Bild in den Straßen Berlins. Es wird mir erzählt, daß
in der Chausseestraße bei Schwartzkopff und der A. E. G.
alles schon des morgens schwarz von Menschen gewesen sei.
Man hätte schießen gehört und Leichen fortgetragen.
Ich meide die Gegend und gehe um 2 Uhr zu meinem Notar am Wilhelmplatz.
Aus dem Fenster sehe ich in der Wilhelmstraße Menschenzüge.
Alles läuft zusammen, Autos fahren. Heulender Lärm schallt
bis ins Zimmer. Ich gehe hinunter. Auf dem Wilhelmplatz laufen
die Menschen bereits auseinander. Ein Soldat kommt rot im Gesicht
und ohne Mütze mir entgegen, Menschen dringen auf ihn ein
und er wehrt sich. Ich verstehe nicht was los ist. Ich fühlte
an der Bewegung der Menschen, daß etwas Außergewöhnliches
passiert sein muß, aber ich weiß nicht was.
Als ich die Wilhelmstraße nach der Leipzigerstraße
hinunter gehe, sehe ich schwarze Menschenreihen stehen. Alle reden
und gestikulieren. Eine bewegte Massenszene. Man erzählt
aufgeregt, daß Schüsse beim Kriegsministerium gefallen
seien, aus den Fenstern sei geschossen, die Türen seien verrammelt.
Von der Straße aus sei das Schießen erwidert. Automobile
kommen herangesaust, rote Fahnenfetzen flattern. Soldaten und
Zivilisten rnit und ohne Gewehr kleben wie Bienen innen und außen
auf den Automobilen und schreien: es lebe die Republik. Jetzt
erst erfahre ich, in Berlin ist,die sozialistische Republik ausgerufen.
Am Kriegsministerium hatten junge Burschen von 16 und 18 Jahren
mit Flinten geschossen, weil die Tore nicht geöffnet wurden.
Aus den Fenstern soll gegengefeuert sein. Zwecklose Kindereien.
Ernste Männer mahnen zur Ruhe und untersagen das Schießen.
Es ist wirkliche Revolution, aber merkwürdig - die großen
weltbewegenden Gedanken und Ergebnisse und diese Jungens, Kinder
mit roten, erhitzten Gesichtern mit unsympathischem Ausdruck,
die eher an Ritter- und Räuberspiele erinnern als an die
Träger der weltbewegenden Revolutionskraft.
Es fehlt jede Begeisterung in den Massen der Straße. Das
Publikum steht neugierig zur Seite und unterhält sich an
der Aufregung wie im Theater. Autos sausen vorbei und die gutgekleideten
Bürgersleute in der Leipzigerstraße drängen sich
bescheiden an die Seite. Am Potsdamer Platz ist ein anderes Bild.
Hier drängen sich die Menschenmassen zusammen. Die elektrischen
Wagen werden angehalten, indem der Transmissionshebel ausgehakt
wird.
"Kokarde herunter" schreit es von allen Seiten. Soldaten,
die auf dem Trittbrett stehen, sehen verdutzt herein und wissen
nicht, was gemeint ist. Schon aber klettern andere Soldaten und
Arbeiter auf die Wagen herauf, reißen den Soldaten die Mützen
vom Kopfe und nehmen die schwarz-weiß-rote Kokarde ab. Jetzt
verstehe ich erst, was auch auf allen anderen Wagen vorgeht und
was der Soldat am Wilhelmplatz ohne Mütze erlebt hat. Die
Zugehörigkeit zur Revolutionspartei soll symbolisch ausgedrückt
werden durch die Abnahme der Kokarde, bei den Offizieren auch
durch Abnahme der Achselstücke.
Die elektrischen Wagen reihen sich auf von beiden Seiten. Immer
wieder der Ruf "Kokarde herunter", und wenn nicht gefolgt
wird, so reißen Arbeiter und Soldaten die Zeichen des alten
Regimes herunter. Erst dann dürfen die Wagen weiter fahren.
Keine Mütze mit Kokarde kann den Potsdammer Platz passieren.
Ein Arbeiter steigt auf das Dach einer Elektrischen und spricht
zu den Massen. Man horcht auf und alle schreien: "Hoch die
Republik". Der verständige Mann warnt, daß die
Kinder und halbwüchsigen Burschen nach Hause gehen sollen,
damit nicht ihr kindischer Uebermut die ernste Arbeit der Männer
störe. Fast die Hälfte der Anwesenden scheint aus solchen
Jungens zu bestehen, die johlen und sich amüsieren, daneben
viel harmlos neugieriges Publikum.
Ganz wenig bewußte Kämpfer für die Freiheitsidee
leiten die ganze Bewegung.
Neues Leben in den Massen. Offene Lastautomobile kommen gerast
mit bewaffneten Zivilisten, vereinzelt auch mit Soldaten und Matrosen
vollgepackt. Ein roter Fetzen flattert und alle schreien vom Wagen
herab und vom Publikum herauf: es lebe die Republik. Ein Auto
wirft Flugblätter unter die Massen. Man prügelt sich
um die Zettel. Ich kaufe einer Frau einige ab.
Es ist ein sehr maßvoller Aufruf: "Wir und die Bolschewisten".
Was in dem Aufruf steht, kann jeder Bürger ohne weiteres
unterschreiben. Es ist die Absage von der Willkür und dem
Terror der Bolochewisten, eine Mahnung, daß durch
Gerechtigkeit, Unantastbarkeit der Personen und des Eigentums,
durch geordnetes Wirtschaftsleben das Recht auf Arbeit, Brot und
Lebensmittel erworben werde, um ein gesundes und kräftiges
Geschlecht zu sichern. Man will Ordnung und Ruhe, ein freies Deutschland
nach innen und außen. "Wir wollen den Frieden, der
Bolschewismus führt zum Bürgerkrieg".
Das Bild am Potsdamer Platz atmet Revolutionsluft. Nirgends hört
man Opposition, keinen Zwischenfall, alles geht glatt. Alle sind
dabei, obgleich die meisten - wie ich selbst - nicht recht wissen,
was im Einzelnen vorgegangen ist. Man fühlt, daß etwas
Neues, Lebenskräftiges im Werden ist auf den Trümmern
der ruhmlos untergegangenen alten Tradition.
Die Elektrischen sind vollgestopft mit Menschen. Man hängt
am Trittbrett, wie ich es sonst nur in Amerika gesehen
habe. In den Nebenstraßen ist alles ruhig. In der Lützowstraße
ist, als ich nach Hause gehe, kein anderes Leben wie sonst. Die
Abendzeitungen bringen die ersten Berichte. Prinz Max von Baden
hat abgedankt und den Führer der sozialistischen Partei,
den Genossen Ebert, zum Nachfolger vorgeschlagen.
Unter Führung der Matrosen haben Arbeiter und Soldaten Räte
gebildet. Die Regimenter haben sich ohne weiteres angeschlossen.
Auf den Kasernen weht die rote Flagge. Nirgends ernsthafter Widerstand,
keine Kämpfe und nur wenige Opfer, die mehr dem Zufall als
der politischen Notwendigkeit zum Opfer gefallen sind. Generalstreik
wird für den nächsten Tag verkündet. Blutvergießen
soll wenn irgend möglich verhindert werden. Aus dem Reiche
kommen gleiche Nachrichten.
Am Vormittag des 9. November ist die Revolution siegreich durchgeführt
und die Republik begründet. Was wird sich aus dem Wirrwarr
gestalten, wie wird die weitere Entwicklung? Von den Waffenstillstandsbedingungen
wird kaum noch gesprochen. Schließlich ist er auch nur ein
vorübergehender Zustand, aber die Republik bringt ein dauerndes,
unerwartetes und viel gewaltigeres Neues.
Damit Helen einen Eindruck des aufgeregten Lebens empfängt,
gehe ich mit ihr des Abends nach der Potsdamerstraße. Die
Abendblätter bringen bereits weitere Einzelheiten. Die deutsche
Republik ist schon in vielen Städten ausgerufen. Scheidemann,
der sozialistische Minister unter Prinz Max von Baden, hat von
der Terrasse des Reichstagsgebäudes herab die neue Republik
verkündet.
In der Potsdamerstraße stehen im Halbdunkeln Menschenruppen
umher und sprechen über Politik. Ein in Deutschland ungewohntes,
in den demokratischen Ländern England und Amerika ganz alltägliches
Bild. Dazwischen kommen Autos gesaust und werden mit Zurufen begrüßt.
Ich habe den Eindruck, daß nur Neugierige wie wir selbst
auf der Straße stehen. Die wirkliche Politik wird nur von
wenigen Menschen hinter verschlossenen Türen betrieben und
die Straße hat keinen Einfluß.
10. November 1918
Die Zeitungen bringen weitere Einzelheiten. Ebert ist Reichskanzler,
Karl Liebknecht hat die rote Fahne auf dem Schloß gehißt.
Man weiß nicht, ob die radikale Spartakusgruppe unter dem
fanatischen Liebknecht obsiegen wird oder die Mehrheitssozialisten
unter Ebert und Scheidemann. Jedenfalls, der Kaiser ist geflohen,
die Republik verkündet und kein Mensch denkt mehr an eine
Rückkehr der alten Politik. Nur eine große Sorge bewegt
Alle, die ich spreche: wird die verständige Leitung durchhalten
können oder siegt der Bolschewismus, d. h. der Terror des
Bolschewistentums mit Zertrümmerung und Chaos.
Ein Freund telefoniert, daß er am Sonnabend Vormittag in
voller Uniform mit seinem kranken blonden Knaben im Am in der
Karlstraße eine Klinik aufsuchte. Wie gewöhnlich wurden
seiner Uniform die Ehrenbezeugungen des Offiziers gegeben. Als
er nach einer Stunde wieder heraustritt auf die Straße,
sieht er ein ganz anderes Bild; Geschrei "Kokarde herunter",
kein Respekt mehr vor dem Offizier. Er übersieht die Situation,
geht zurück ins Haus, nimmt selbst Kokarde und Epauletten
ab und geht als Büger einer Republik von dannen. So überraschend
schnell und erfolgreich ging die ganze Umänderung vor sich.
[...]
Der "Vorwärts", früher das Blatt der radikalsten
Linken, ist Regierungsblatt geworden. Im vollen Bewußtsein
der Verantwortung warnt es vor Bruderkampf und mahnt zur Ruhe
und Ordnung. Nach dem Zick-Zack-Kurs der früheren Regierurg
fühlt man eine feste Hand.
Noch wird an einzelnen Stellen geschossen und es heißt,
daß kaisertreue Offiziere sich im Marstall und im Schloß
verteidigen. Unterirdische Gänge sollen vom Schloß
aus Verbindungen schaffen. Auch von den Dächern des Viktoria-Kaffees
und der Kgl. Bibliothek wurde geschossen. Es scheint wahnsinnig,
daß in einer Fünfmillionen-Stadt gegen die Masse des
Volkes ein Einzelner mit Maschinengewehr und Flinte ankämpfen
will. Bald heißt es auch, daß gar keine Offiziere
vorhanden sein und noch weniger Waffen, das Ganze Geschieße
sei nur provoziert von Anhängern der bolschewistischen Spartakusgruppe,
die Putsch hervorrufen will, um den Terror zu verkünden.
Abends sind wir bei Elkans. Ein Dinner wie in Friedenszeit, eine
harmlose Abendgesellschaft, nur der Gesprächsstoff erinnert
an die Revolution, sonst ist alles wie gewöhnlich.
11. November 1918
Die Waffenstillstandsbedingungen werden bekannt gegeben. Auf den
ersten Blick erscheinen sie furchtbar hart, aber sicher ist, daß
wenn wir gesiegt hätten, die Militärpartei unter Ludendorffs
Leitung noch viel härtere Bedingungen gestellt hätte.
Haben wir doch erst im Frieden zu Brest-Litowsk die Abtrennung
aller Provinzen verlangt, über deren Zukunft wir selbstherrlich
entscheiden sollten. Für die Militaristen des alten Regime
ist die Auslieferung von Teilen der Flotte, der Kanonen und Maschinengewehre,
die Räumung von Festungen unerträglich. Aber die neue
demokratische, friedliche Regierung will keine Kriege mehr führen,
daher sind die Kanonen und Schiffe so wertlos wie das zinslose
Geld in der Reichsbank. Sie haben nur Wert, wenn man sie gebraucht,und
da im Zukunftsstaat kein Gebrauch mehr davon gemacht werden
soll, so sind sie wertlos geworden.
Auch die Besetzung der Rheinfestungen hat mehr etwas Demütigendes
als unter den jetzigen Verhältnissen wirklich Ausschlaggebendes. Ein Volk von 70
Millionen kann nicht niedergeschmettert werden. [...]
9. Dezember 1918
[...] Ich kaufe Lebensmittel und fahre nach Hause. Zu meinem Erstaunen
lese ich in den Abendzeitungen, daß zwischen 1 und ½3
Uhr, also gerade in der Zeit meiner Vorbeifahrt, am Brandenburger
Tor und am Reichtag feiernde Arbeiter in Zügen von 4 - 6000
Mann in der Siegesallee unter Auffahren von Maschinengewehren
demonstriert haben. Liebkncht sprach von einer der Hohenzollern-Mamorgruppen
herab an das Volk.
Eine merkwürdige Revolution! In einer Stelle ballen sich
Massen zusammen, die zum Kampf auf Leben und Tod bereit sind,
die vielleicht über Deutschlands Zukunft entscheiden und
wenige Schritte entfernt geht die übrige Welt ruhig ihrem
Geschäft und ihrem Vergnügen nach. Im Grunde genommen
sorgt jeder für sich und die große Masse, besonders
die der Bürgerlichen, steht apathisch beiseite und läßt
alles über sich ergehen bis es ihr selbst an den Kragen geht.
Aber so weit ist es Gott sei Dank nicht. Der oberflächliche
Beobachter merkt überhaupt kaum einen Unterschied gegen früher.
10. Dezember 1918
Erster Einzugtag der keimkehrenden Truppen in Berlin. Wie anders
hatte ich mir diesen Einzug vorgestellt. Siegreiche Truppen, geführt
von gefeierten Generälen, Sonnenschein, glitzernder Prunk,
Stolz und innere Glückseligkeit. Heute ist Nebelwetter, warm
und regnerisch. Ich fahre mit Helen und Marie Anna in die Stadt,
um aus einem Fenster unter den Linden dem Einzug zuzusehen.
Ich nahm das Kind mit mir im Gedenken meiner eigenen Jugend. Geht
doch meine früheste Erinnerung zurück auf die Zeit von
1871, auf den glänzenden Abschluß eines ruhmreichen
Krieges. Damals war ich als sechsjähriger Junge mit Papa,
Mama und den drei Brüdern auf der Holzveranda unseres Langfuhrer
Hauses in der Hauptstraße 48. Ich stand auf dem graugestrichenen
Holzgeländer, als die schwarzen Husaren in die gegenüberliegende
Kaserne ihren Einmarsch hielten. In den kurzen Flinten über
dem Rücken steckten Blumensträuße! Sieg! Begeisterung!
[...]
So hoffe ich, daß auch bei Marie Anna dieser Eindruck der
Menschenmassen, Flaggen, der Soldaten und Musikbanden einen lebenslänglichen
Nachklang finden wird, um in ihr Menschheitsideale höheren
Wertes zu erziehen. Es war ein scheinbar fröhliches Bild.
Hurrahgeschrei und Tücherschwenken, abe r grauer Nebel lagerte
doch wie ein Schatten über der Stimmung. Mehr als anderthalb
Millionen Deutsche kehren nicht wieder und alle Opfer, alle herrliche
Tapferkeit für diesen Ausgang! Und doch, wenn man diese Volksmassen,
diese prächtigen Soldaten sah, dann wurden alle Bedenken
über die Zukunft Deutschlands von einer aus tiefer Seele
quellenden Kraft übertönt. Dieses Volk kann nicht zugrunde
gehen. Diese Tüchtigkeit wird sich durchringen zu einem neuen
Leben.