Im Kaiserreich spielte die Jugend Räuber und Gendarm. Nach
1933 wurde daraus die Geländeübung der Hitlerjugend
( HJ ). Auch das Jungvolk, die Pimpfe, machte da schon mit und
empfand keinen Unterschied zu früheren Zeiten, zumal Nachtmärsche
und Campieren im Freien damit verbunden waren. Und etwas Disziplin
tat der Jugend doch gut.....
Man war dem Elternhause entronnen und eine ganze Reihe nützlicher
Dinge gab es von Staats wegen umsonst. So wurden schon früh
noch formbare Menschen in den Dienst einer Sache gestellt, die
damals fast von keinem durchschaut wurde. Wer heute klüger
gewesen sein will, ist in meinen Augen unglaubhaft.
Es gab aber auch schon bemerkenswerte Auswüchse des Systems.
Ein Junge in Uniform konnte seinen Eltern sagen: Ihr dürft
mich nicht schlagen, ich habe die Uniform an. Uniform, auch ein
Mittel, Loyalität zu schaffen. In meinem Berufsleben habe
ich erfahren, wie einfach es ist, Abhängige an sich zu binden,
wenn man Ihnen eine Uniform irgend einer Art gibt, was das Gefühl
vermittelt, Angehöriger einer Gruppe zu sein, die ja immer
stärker als ein Einzelner ist.
Mein Vater, dessen Einstellung zum System mir als Jungen vollkommen
uninteressant war, machte hin und wider schon mal die Bemerkung,
daß ihm die Unterscheidung zwischen Volks- und Parteigenossen
doch etwas suspekt war. Daraus entnehme ich heute, daß er
nicht so ganz linientreu war, was nicht ausschloß, daß
die Hakenkreuzfahne pflichtgetreu zu Zeiten heraus gehängt
wurde. Ich glaube auch, daß er mir bewußt zu ärztlichen
Attesten verholfen hat, die meine Teilnahme am HJ-Dienst einschränkten.
Eine elegantere Art war es, sich um den Dienst zu drücken,
wenn man in einer der Sondereinheiten war. Es gab da die Marine-HJ,
Reiter-HJ usw. und auch die Flieger-HJ. Die Vorstufe zu letzteren
war die Modellbau-Gruppe (beim Jungvolk).
Hier wurden unter Anleitung von Handwerkern Flugmodelle gebaut
und man lernte eine Menge technischer und handwerklicher Dinge.
Was lag da näher, als den Berufswunsch zu haben, einmal Flugzeugkonstrukteur
zu werden, eine Entscheidung, die mein ganzes Leben beeinflußt
hat.
Mit der Zugehörigkeit zur HJ, also "den Großen",
wurde dann auch richtig geflogen. Die erste Maschine war der Schulgleiter
SG 38, mit dem wir hier in der Nähe üben durften. Nötig
war ja immer eine ganze Mannschaft, um das Gummiseil zum Start
aus zu ziehen und dann die Maschine wieder zurück zu holen
zum nächsten Start. Das Leichtgewicht der Anfänger wurde
durch Gewichte unter dem Sitz ausgeglichen.
In geschlossenen Fluglagern erfolgte die weitere Ausbildung. Das
Einfügen in die Gemeinschaft war u.a. eine Erfahrung für
das ganze Leben.
Die handwerkliche und theoretische Ausbildung wurden natürlich
weiter betrieben. Ich kam so zu Kenntnissen, die doch etwas ab
vom alltäglichen liegen. Gelegentlich, bei einer Prüfung,
begegnete ich erstmals einem Menschen, der mein Verhalten nachhaltig
beeinflußt hat. Ich war sehr stolz auf das gute Prüfungsergebnis
und ließ es offensichtlich jedermann fühlen. Durch
eine kurze Bemerkung führte er mich zurück auf die Erde,
und ich habe seitdem Erfolge doch etwas stiller genossen. Jedenfalls
will ich damit zu erkennen geben, daß es auch noch sehr
hilfreiche und schlichte Menschen in jener Zeit gab.
Mittlerweile war Krieg. Bereits 1940 fielen in Frankfurt vereinzelt
die ersten Bomben. Mein Vater als Leiter einer Werksfeuerwehr
war natürlich in erster Linie gefordert. Im September war
wieder einmal Fliegeralarm und Vater radelte zum Einsatz. Diesmal
war es zuviel für sein Herz. Nun waren Mutter und ich allein.
Um so mehr war ich für den Beistand hilfreicher Menschen
dankbar.
Im Jahre 1943 kam es zum "totalen Krieg", was u.a. bedeutete,
daß auch unsere Schulklasse zum Dienst an der Flakkanone
(FLAK = FLieger Abwehr Kanone ) abkommandiert wurde, und zwar
in die Nähe von Frankfurt, zum Schutz der Stadt. Es war eine
8,8 cm Flak-Batterie, zu deren Bedienung wir nun ran mußten.
Nur das Laden des Geschützes mit den schweren Flak-Patronen
übernahm ein aktiver Soldat, die Richtkanoniere waren wir,
ebenso wie wir die Munition aus dem benachbarten Bunker heran
schleppen mußten.
Die Tageszeit war aufgeteilt in Schulunterricht und militärischer
Ausbildung. Der Schulunterricht fand in der Stellung statt. Dazu
kamen die Lehrer dorthin. Der Schulunterricht war natürlich
sehr bescheiden, denn die Lehrer hatten einmal die Wege zu bewältigen,
und wir selbst waren oft von nächtlichen Einsätzen ermüdet.
Bei der militärischen Ausbildung versuchte man klassischen
Militarismus in die Tat umzusetzen. Das gelang mit Oberschülern
aber nicht. Die Aufforderung, wer ist zuerst am Ende der Straße,
hatte zum Ergebnis, daß wir alle gleichzeitig dort ankamen.
Auch die Kommandos Hinlegen und Aufstehen (dies besonders) stießen
auf erhebliche Kommunikations-Schwierigkeiten. Alle diese Erfahrungen
waren bei späteren Gelegenheiten sehr hilfreich.
Wir konnten die Luftangriffe auf Frankfurt natürlich nicht
stoppen. Erfolgreicher waren wir bei den Schießübungen
an der Nordsee, was eine interessante Variante zu unserem Leben
in der Stellung bedeutete. Ein Zielflugzeug wurde optisch um 180
° verdreht anvisiert und beschossen. Hier hatten wir Treffer,
bei den Luftangriffen leider nicht in diesem Maße. Aber
wer will da schon wissen, was der Feind erlitten hat.
Nach einem Intermezzo zur Ablegung der Klasse C des Segelflugscheines
begann ein weiteres Zwischenspiel beim Arbeitsdienst, einer Organisation,
die auf guten alten Vorbedingungen basiert, aber inzwischen zu
einer Organisation der Drückeberger degradiert war und nur
noch die Aufgabe hatte, den Kadavergehorsam zu vertiefen. Wer
will schon darin einen Sinn sehen., den stets blank polierten
Spaten in alle möglichen Richtungen zu bewegen, d.h. "Hab
acht", "Rührt Euch", usw. Hier half natürlich
die Vorbildung (-Erfahrung) aus der Luftwaffenhelferzeit, das
Ungemach dieser Zeit zu überstehen.
Beim "Barras" (also der Wehrmacht) oder ähnlichen
Organisationen gilt nur ein Prinzip: Sich treiben lassen oder
Schwachstellen zu nutzen. Letztere habe ich ausfindig gemacht
und mich beim Arbeitsdienst als Gärtner verdingt. Das Schneiden
von Büschen und Bäumen habe ich so genau genommen, daß
es über die gesamte Zeit des Einsatzes dauerte. Damit habe
ich erreicht, nie am Stubendienst teilnehmen zu müssen.
Dem Arbeitsdienst folgte im üblichen Gang der Dinge die Einberufung
zur Wehrmacht. Mit meiner "Vorbildung" als Segelflieger
war es natürlich selbstverständlich, daß ich zur
Luftwaffe eingezogen wurde. Der Aufenthalt beim Stammbatallion
in Kaufbeuren dauerte nur die Zeit, die nötig war zur Einkleidung
und sich als Rekrut einigermaßen benehmen zu können.
Die nächste Station war dann eine Kaserne französischen
Stils in Vesoul. Von fliegerischer Ausbildung konnte natürlich
keine Rede sein und war es in der Zukunft auch nicht. Wir lernten
bald den Alltag in einem Gebiet kennen, in dem die französische
"Resistance" merklich vertreten war. So mußten
wir nächtlich auf Streife gehen, zusammen mit einem Unteroffiziers-Dienstgrad.
Kontrolliert wurde das Ausgehverbot auf den Straßen.
Da passierte es dann, daß wir eine Bewegung in der Nähe
bemerkten. Augenblicklich, d.h. ohne weitere Überlegung,
rissen mein Kamerad und ich den Karabiner hoch und schossen in
Richtung der Geräusche. Ich erwähne diese Begebenheit,
weil sie zeigt, daß der Mensch bei (auch vermeintlicher)
Bedrohung sofort seine Verteidigung betreibt. Erst viel später
wurde mir klar, daß ich hier u.U. auf einen Menschen geschossen
und ihn getötet haben könnte.
Dieses Phänomen besteht auf Grund der menschlichen Evolution
und wer von Moral und Pazifismus in einer solchen Situation
redet, der geht an der Realität vorbei.
Auch eine Ausbildung geht mal zu Ende, besonders dann, wenn es
in der Region zu einer kritischen Lage kommt, wie bei den damaligen
Kämpfen in der "Burgundischen Pforte", wie es im
Wehrmachtsbericht immer hieß. Unser unerfahrenes Häuflein
war sehr schnell dezimiert und der Rest verstreut.
Ich erlebte, daß es auch hier noch menschliche Menschen
gab, in Form einer Feldjäger-Streife, die hinter der Front
kontrollierten. Man begegnete uns nur mit dem Hinweis, sucht Euch
eine neue Einheit, d.h. lauft wieder in Richtung Front und laßt
Euch hier nicht mehr sehen. Ein Standgericht wegen Fahnenflucht
wäre auch möglich gewesen.
Wir fanden bald eine Einheit, die uns gerne aufnahm, war doch
deren Mannschafts-Bestand auf ein Bruchteil der Sollstärke
dezimiert. Es war die Aufklärungs-Abteilung der 11. Panzerdivision,
der ehemaligen Stammdivision von Rommel. Die Zugehörigkeit
zu dieser Einheit hat mich nach dem Kriege nochmals eingeholt,
als man auf der Suche nach Leuten war, die gegen die Regeln der
üblichen Kriegsführung verstoßen haben. Doch davon
später.
Um es ganz salopp auszudrücken, neben dem Krieg spielen bestand
meine Hauptbeschäftigung im Kochen für die 40 Mann.
Fleisch fand einer der Unseren genug auf der Weide. Ob die ordentlich
ausgestellten Requisitionsscheine den Bauern später genutzt
haben, um ausbezahlt zu werden, entzieht sich natürlich meiner
Kenntnis. Es gelang mir jedenfalls ganz gut, mit den Mitteln einer
kleinen Küche, 40 Steaks zu braten, wozu zum warm halten
eine Fußbadewanne auf dem Ofen diente.
Bei den Einsätzen und Übernachten im Gelände gruben
wir unter unserem Panzerspähwagen (SPW) ein Kuhle, um geschützt
zu sein gegen möglichen Beschuß. Darin schliefen wir
dann.
In dieser Zeit war es auch, daß ich die ersten Toten sah,
die unbestattet im Gelände lagen oder gar aufgedunsen im
Kanal schwammen.
Am 15. September 1944 fuhren wir einen Angriff. Im Nachhinein
ist es schon erstaunlich, wenn man selbstkritisch betrachtet,
welche Genugtuung wir hatten, wenn unsere Geschosse den Feind
zum Rückzug brachten, ohne zu bedenken, wieviel Menschen
nun u.U. tot waren. Schließlich traf es uns selbst. Eine
PAK-Granate (Panzer Abwehr Kanone ) explodierte
im Fahrgestell und eine Stichflamme schoß in den Mannschaftsraum
des SPW. Mit Verbrennungen an Händen und im Gesicht ließ
ich mich über die Bordwand fallen und wurde kurz darauf von
einem Sanitätspanzer auf genommen.
Auf dem Feldverbandsplatz mußte ich das ganze Grauen des
Krieges, trotz meiner eigenen Schmerzen, wahrnehmen. Gliedmaßen
wurden pietätlos auf einen Misthaufen geworfen.
Die nächste Station war ein Feldlazarett in Hagenau. Von
hier aus hat eine liebe Krankenschwester ein paar Zeilen an meine
Mutter geschrieben, die schon eine Vermißtenanzeige für
mich hatte. Der Brief begann mit: "Ihr Mann".Ich war
damals gerade 18 Jahre alt, was unter den Verbänden aber
nicht zu sehen war.
Die endgültige Station war ein Kriegslazarett in Ulm, wohin
wir per Eisenbahn gebracht wurden. Da ich sitzen konnte, kam ich
in ein ganz normales Abteil eines Personenwagens, zusammen mit
einem englischen Flieger, der abgeschossen und gefangen genommen
war. Er hatte nur eine leichte Verwundung und bemühte sich,
eine Konversation zu beginnen, wohl um mich von meinen Schmerzen
abzulenken. Da er mit meinem Schul-Englisch wenig Erfolg hatte,
versuchte er es mit Gebärden. Sein lautes Kikerikie machte
mir dann klar, daß ich wohl wie ein gerupftes und gebrühtes
Huhn aussehen mußte.
Nach wenigen Wochen Aufenthalt wurde dieses Lazarett durch Bomben
getroffen (obwohl es gut sichtbar als Lazarett gekennzeichnet
war). Daraufhin wurde ich in einem Heimatlazarett ausgeheilt.
Im Januar 1945 trat ich wieder beim Stamm-Batallion in Kaufbeuren
an.
Es folgte ein Einsatz im Osten, im Gebiet der damaligen Tschechoslowakei.
Wir wurden oft per Eisenbahn hinter der Front hin und her geschoben,
hatten mal wenig, mal zuviel zum Essen und zum Trinken. Vor allen
Dingen Wein, den die Bauern lieber versoffen, als ihn den Russen
in die Hände fallen zu lassen.
In diese Zeit fällt die Begegnung mit einem Menschen, der
mal wieder Schicksal gespielt hat, in Form meines Kompanie-Chefs.
Zunächst mußte er als Vorgesetzter bekannt geben, was
ihm selbst vorgegeben war, nämlich der Aufruf, sich zum Wehrwolf,
der Partisanen-Organisation der Wehrmacht, zu melden, wobei insbesondere
auch an Segelflug-Piloten gedacht war. Es sollten per Segler Komando-Trupps
hinter den feindlichen Linien abgesetzt werden.
Auch ich wollte den Krieg noch gewinnen helfen und meldete mich.
Ich habe nie wieder etwas in dieser Sache gehört und nehme
an, daß hier Schicksal gespielt wurde. Die Person des Hauptmanns,
wie er mir noch heute vor Augen steht, läßt mich ziemlich
sicher sein.
Bei einem Angriff unsererseits gegen die Russen gerieten wir in
deren Abwehrfeuer, vor allen Dingen Granatwerfer. Um mich herum
waren viele gefallen oder schwer verletzt. Ich habe lange und
auch heute noch zeitweise darunter zu leiden, daß ich Stimmen
höre, die sagen : "Kamerad nimm mich mit oder erschieße
mich, ich will nicht den Russen in die Hände fallen."
Ich fühle mich heute noch schuldig, ohne damals helfen zu
können, angesichts russischer Scharfschützen und überhaupt
, nach Lage der Dinge.
Wenig später bezogen wir Stellung in einem vom Landsturm,
also dem letzten Aufgebot aus ganz alten und ganz jungen Menschen,
hergestellten tiefen Graben mit Erd-Bunkern. Hier geschah wieder
eines jener seltsamen Dinge, da ich im Bunker wohl Schutz gehabt
hätte, im offenen Graben aber von einem Granatsplitter getroffen
wurde. Aber diese Verwundung hat mich davor bewahrt, später
in russische Gefangenschaft zu geraten und nach Rußland
verschleppt zu werden. Hinzu kommt, daß wir mittlerweile
zur SA-Division "Feldherrnhalle" gehörten und diese
wiederum zur 8. Armee des berüchtigten General Schörner.
Aber damit nicht genug. Widersinniger Weise schleppte ich seit
der letzten Einquartierung in einer Schule ein Exemplar des Urfaust
mit mir herum. Dieses Buch war bis zum letzten Einbanddeckel von
Granatsplittern durchlöchert, und das im Bereich der Wirbelsäule.
Andere Splitter trafen "nur" Weichteile.
Im Lazarett-Zug erfuhren wir vom Ende des Krieges. Was das bedeutete,
hat unsere Sorge um das Überleben verdrängt. Waffen
und Papiere, die wir noch bei uns hatten, wurden zerlegt und stückweise
aus dem Zug geworfen. Später habe ich meine Ausbildungseinheit
als harmlose Adresse angegeben.
Der ganze Zug und noch ein weiterer landeten im Machtbereich tschechischer
Milizen, die sich schnell gebildet hatten. Wir standen auf einem
Abstellgleis einer kleinen Bahnstation in der Nähe von Budweis,
neben einer Hauptstraße und in der Nähe einer Mühle.
Beides hat eine traurige Bedeutung.
Mein Vater hat mir während meiner Kindheit manchmal gedroht
"Du wirst das Essen noch suchen", wenn ich mal meinen
Teller nicht leer gegessen hatte. Hier habe ich mich an seine
Worte erinnert, wenn wir die einzelnen Getreidekörner aus
dem Dreck auf gelesen haben, die vom Wagen der Bauern fielen,
die ihr Getreide zur Mühle brachten. Kaum gewaschen, ohne
Salz haben wir diese Körner gekocht, zusammen mit dreckigen
Brennesseln, die im Mund noch brannten.
Hauptstraße, Straße des Leidens und der Kriegsverbrechen,
von denen ich später nie mehr etwas gehört habe. Neben
den lokalen Milizen waren auch russische Einheiten vor Ort. Für
sie waren die Mädchen und Frauen, die auf der Straße
nach Osten getrieben wurden, Freiwild. Vergewaltigung und Erschießen
waren die täglichen Eindrücke, die wir vom Lazarett-Zug
aus erleben mußten. Viele Frauen kamen zu uns in den Lazarett-Wagen
(einem Vieh-Waggon mit Etagenbettgestellen) und flehten uns an,
sie doch als Krankenschwestern aufzunehmen. Wir mußten ablehnen,
also wieder eines der Schuldgefühle, nichts tun zu können.
Die Flüchtlingstrecks waren Frauen und Mädchen, die
aus dem Ruhrgebiet ins Allgäu evakuiert waren und von den
Amerikanern an die Russen ausgeliefert worden sind, im Zuge der
Zoneneinteilung. Es ist viel Unrecht geschehen in dieser Welt,
über das nicht oder nicht mehr gesprochen wird.
Ich selbst habe bei den periodischen Appellen meine Wunde schön
angekratzt, so daß sie eiterte und ich der Auslese zum Dienst
in Rußland entkam.
Da ich recht beweglich war, hatte ich immer als Ausweg die Flucht
nach Westen im Hinterkopf und mir dazu eine Landkarte im Futter
meiner Stiefel versteckt. Bei einem Gang zur Toilette (Donnerbalken,
auf dem am Morgen zig Leute ihre Notdurft verrichteten) hielt
mich ein russischer Soldat an und verlangte meine Stiefel. "Karosch"
war sein Kommentar und ich meine Landkarten los, aber im Besitz
schweißgetränkter ..., ich weiß nicht, wie ich
diese Ausgabe von Fußbekleidung noch nennen soll (sie haben
mich noch bis in die Heimat begleitet).
Schließlich gelang es unseren Ärzten, mit den amerikanischen
Besatzungstruppen in Kontakt zu kommen, die dann zwei Lokomotiven
schickten und unsere Lazarett-Züge nach Karlsbad brachten.
Nach einigen Nächten in Erdlöchern, dem Nachtlager von
Kriegsgefangenen, erhielten wir unsere Entlassungspapiere. Wir
wurden auf LKWs verfrachtet, umfallen konnten wir nicht, die uns
an einem Spätnachmittag in Fürth mehr oder weniger abkippten.
Da waren wir nun, in Freiheit, aber ohne Beziehung zum Neuanfang.
Den verschafften uns liebe Mitmenschen, die uns erst einmal Wasser
zum Trinken brachten. Ihr Kommentar war, das machen die Amerikaner
immer so. Abladen, aus. Die Nacht verbrachten wir auf Parkbänken,
es war noch immer Ausgehverbot.
Am nächsten Morgen war die Suche nach einem Eisenbahnzug
in Richtung Heimat doch schon erfolgreich. Mit einem Güterzug
erreichte ich Aschaffenburg, von wo aus ein schon regulärer
Personen-Zug mich nach Frankfurt brachte. Wie es so kommen mußte,
Mutter war unterwegs, aber liebe Nachbarn haben mich gewissermaßen
in den Arm genommen, bis Muttern da war.
Meine Reaktion zu jener Stunde war, der Krieg ist noch nicht zu
Ende, wobei ich nicht den Krieg als heiße Auseinandersetzung
meinte, sondern den Krieg der Gesellschaftsordnungen. Ich habe
den Eindruck, daß wir heute noch immer tief darin verstrickt
sind.
Was war geschehen? Die Befreiung vom täglichen Überlebenskampf
gab endlich die Gedanken frei, die Situation einmal zu überdenken.
Die Weltanschauung, geformt durch eine bürgerlich, christliche
Kinderstube, war ersetzt worden durch die Weltanschauung des Nationalsozialismus.
Aus tausend Jahren waren nur zwölf geworden und die lagen
nun auch in Trümmern. Was blieb, war ein Vacuum der Gefühle
über den Standort in der Welt jener Tage.
Ich habe mich aus der Verwirrung der Zeit selbst befreit, frage
mich aber immer wieder, wo denn die Kirchen und Parteien in der
damaligen Zeit geblieben sind. Besonders die Kirchen hatten und
haben einen hohen moralischen Anspruch, den Menschen Wegweiser
zu sein im täglichen Leben.
Was folgte waren die Jahre, in denen ein gesunder und auch recht
trickreicher Überlebenswille gefragt waren. Davon wurde schon
viel berichtet, aber nicht von den Ungereimtheiten des Alltags.
Es wurden Hausdurchsuchungen von den amerikanischen Streitkräften
gemacht. Jeder Zinnsoldat einer ganz harmlosen Sammlung wurde
beschlagnahmt und der Besitzer des Militarismus bezichtigt. Wenig
später wurde die Bundeswehr ins Leben gerufen.
Meine Schwiegermutter wurde als Agentin verhaftet, weil sie einen
einfachen Detektor-Radioapparat besaß. Wo bleibt da der
Sinn? Mich selbst hat die Vergangenheit im Jahre 1998 eingeholt,
als ich zur Zeugenvernehmung vernommen wurde in der Angelegenheit
"Kriegsverbrechen innerhalb der 11.Panzer-Division".
Erst zu dieser Zeit wurden Dokumente von den Amerikanern frei
gegeben, um nach Schuldigen zu suchen.
Erstens habe ich in der wenigen Zeit meiner Zugehörigkeit
keine Unregelmäßigkeiten erlebt, zweitens erhebt sich
die Frage, was nach so einer langen Zeit, diese Untersuchung noch
soll.
Das, was heute als Kriegsverbrechen der Wehrmacht verbreitet wird,
ordne ich als sehr tendenziös ein. Meine Kriegserfahrung
ist zwar auf ein Jahr beschränkt, aber was ich erlebt habe,
sieht ganz anders aus, als es einige Zeitgenossen, die nie Teilnehmer
des Krieges waren, als der Wahrheit letzte Erkenntnis glauben
machen wollen.
Daß es andere Organisationen als die der Wehrmacht gab,
die sich schuldig gemacht haben, ist ein ganz anderes Kapitel.
Es gäbe noch viel zu erzählen, aber ein Mehr muß
nicht immer ein Besser sein. Außerdem haben "die Jahre
danach" die meisten der heute Lebenden ja noch selbst mit
gemacht.