Tagebucheintrag, Sommer 1914
Erzherzog Franz Ferdinand ist mit seiner Gemahlin, der Herzogin
von Hohenberg, erschossen worden. Der Täter war ein Serbe.
Ich kann nichts darüber schreiben. Mir ist der Tod fast jetzt,
nach 8 Tagen, noch unfaßbar. Über die Worte seines
greisen Oheims hinweg: "So ist mir nichts erspart geblieben"
müssen wir sagen: So ist uns auch, uns Deutschen, der große
Vorkämpfer im Kampf gegen die östliche Flut geraubt!
Wer wird nun die Welt regieren? Bismarck ist tot, Franz Ferdinand
ist tot, ringt sich noch einmal Wilhelm II. zu einer solch ernsten,
arbeitsamen Lebensauffassung und Energie durch? Wir bitten darum
den Gott Deutschlands, des ganzen Germaniens!
Tagebucheintrag, 28. Juli 1914
Es ist so schön. Ich machte Bestellungen über Wäsche,
Pistolen u.s.w., schreibe Briefe an alle, die ich lieb gehabt,
und befinde mich dauernd in gehobener Stimmung. Wenn ich aber
nachts mich, während es draußen regnet, immer tiefer
in die Decken schlage und denke, vielleicht ein Vierteljahr weiter,
litauisches Schneegestöber, Zeltbahnen nasser Mantel - Aber
daran dürfen wir nicht denken. Ich habe noch nicht Weib und
Kind.
Tagebucheintrag, 30. Juli 1914
Frühstückstafel im Schloß: Auf einmal meldet ein
Kammerdiener: "S. Majestät haben die Mobilisierung der
Armee u. Flotte befohlen." Maria Theresia blickte ernst auf
uns herab. Der Park lag draußen in tiefer Ruhe. Hoch sprangen
die Wasser. Langsam gingen die Posten. Der Herzog sagte nur: "Ein
historischer Moment". Darum drehte sich dann ruhig ohne Aufregung
die weitere Unterhaltung. Dann befahl mir der Herzog, beim Generalkommando
anzufragen.
Gebe Gott, was er will, nur gebe er uns das Beste, sei es Unglück
oder Glück.
Tagebucheintrag, 4. August 1914
Wir stehen allein, Österreich, Deutschland. Feinde ringsum,
Serbien, Frankreich, Rußland, England, Belgien, Feinde.
Ob wir Sieger bleiben werden, wir wissen es nicht. Wir lügen
uns nichts vor. Wir vertrauen nur unserer Stärke. Wir kämpfen,
daß unsere Mütter und Schwestern uns einst froh entgegenjauchzen
und in zehn Jahren auf Scharen von blonden blauäugigen Kindern
schauen, die alle Lücken wieder ersetzt haben, und da wir
jetzt unmöglich ganze Arbeit tun können, die germanische
Weltmacht der höchsten Weltmacht begründen. Wir kämpfen
für unsere Frauen und unsere Kinder, daß sie ein schönes
freies Leben ohne Armut führen können, sich entwickeln,
wie wir es durften. 1864, 1866, 1870 waren es nur praktisch erreichbare
Ziele, diesmal handelt es sich um das Ideal der höchsten
Kultur der Welt.
Wir wollten keinen Krieg! Wenn ich nun bleibe, so ist es auch
recht. Meine Jugend war schön. Ich bin dankbar für mein
Leben. Kehre ich zurück, so will ich froh den zweiten Teil
des Lebens das Dankweitergeben erfüllen.
"Lebe wohl, du süße Heimat.
Liebe Heimat, kehr zurück.
Deutsche Treue, deutsche Frauen,
Deutscher Kaiser.
Sie leben Hurrah!
Und nun als letztes: Hurrah! Du Eisenbraut!"
Brief Stutterheims an seine Mutter, 4. August 1914
Mutter, wir siegen. Das weiß ich jetzt, wo ich diesen heiligen
Ernst, diese einmütige Ruhe sehe. Auch für Euch, wenn
es anders kommen sollte, gilt das Wort: Lieber ein Ende mit Schrecken,
als ein Schrecken ohne Ende. Denn der Tod ist der Übel größtes
nicht. Es kann der Tod neues Leben erwecken, und erst recht kann
er das in diesen Zeiten. Aber wir wollen nicht sterben, denn noch
mehr Nutzen hat das Vaterland von uns, wenn wir leben bleiben
und danach wieder einen schönen, herrlichen Frieden genießen.
Doch wenn es mich trifft, so ist es auch gut. Für Eure Sicherheit,
daß Ihr ein ruhiges Leben führt, würde ich gern
bleiben. Aber daran denke ich nicht, ich will leben bleiben, um
möglichst viel meinem Vaterland dienen zu können. Also
als Sieger werde ich wieder Euch umarmen. Tut Eure Pflicht, seid
ruhig, ernst! Und wenn dies nicht so kommt, so seid glücklich
in ernster, stiller, einsamer Arbeit an unserem Volk. Und nun
noch eine Fabel. Als eine Äffin, die viele Kinder hatte,
einer Löwin sagte voll Hohn, die nur einen Sohn hatte: "Wieviel
Kinder hast Du?" Da sagte die Löwin: "Eins, aber
einen Löwen."
Der Löwe will ich sein.
Und nun mit Gott für Euch, für mein Volk!
Brief von Hauptmann von Frobel, Kompanie-Chef im Braunschweiger
Inf. Regt.92, an Stutterheims Mutter, Aachen 30. 9. 1914
In der Nacht vom 21. Auf den 22. August waren wir für
wenige Stunden in dem Dorfe Bouillet untergebracht. Morgens um
2 Uhr am 22. 8. traten wir den Vormarsch an, um bald die Sombre
zu überschreiten. Nicht lange nachdem wir den Fluß
überschritten hatten, kamen wir in ein Dorf, wie wir später
erfuhren, Roselies. Als die Kompanien des Bataillons in Marschkolonnen
im Dorfe waren - die Spitze hatte das Dorf schon fast durchschritten
-, erhielten wir plötzlich rasendes Feuer aus allen Häusern,
Gärten, Hecken und wo sonst sich eine Gelegenheit für
den Feind bot. Es herrschte vollkommene Dunkelheit, so daß
man immer nur das Aufblitzen der feindlichen Schüsse sah.
Ich ordnete an, daß sich die Kompagnie in dem freien Raum
zwischen den Häusern hinlegen sollte. Hier lagen wir etwa
eineinhalb Stunden, immerfort vom Feind beschossen. Erfolg hatte
der Feind hierbei so gut wie gar nicht. Ich selbst erhielt einen
leichten Streifschuß und mußte mich auf wenige Minuten
von der Kompagnie entfernen. Wir warteten nun sehnsüchtig
das Anbrechen des Tageslichts ab, um dann endlich gegen den Feind
vorgehen zu können. Als es endlich langsam hell wurde, erhielt
die Kompagnie Feuer aus einem einsam gelegenen weißen Hause
und bekam den Befehl vorzugehen. Ich schickte den 3. Zug dagegen
vor. Inzwischen hatten sich auf dem auf der Höhe halbrechts
vor uns liegenden Walde Franzosen entwickelt und nahmen das Feuer
gegen den Ort auf. Ich entwickelte den Zug Ihres Herrn Sohnes,
der, zunächst gedeckt hinter einer Hecke liegend, das Feuer
erwiderte. Im Verein mit anderen Kompagnien und dem gegen das
weiße Haus angesetzten Zug wurde nun der Angriff gegen die
auf der Höhe liegenden Franzosen angesetzt. Unter Benutzung
der zahllosen Hecken, die das Gelände durchzogen, arbeiteten
sich die Schützen bis an einen kleinen, vor uns liegenden
Steilabfall heran. Hier fanden sie vollkommene Deckung, konnten
aber selbst im Augenblicke nicht schießen. Ihr Herr Sohn,
der inmitten seiner Leute in voller Deckung lag, richtete sich
einen Augenblick etwas auf, um über den niedrigen Steilabfall
hinwegsehen zu können und dabei nach dem Feinde Ausschau
zu halten. In dem Augenblick, den er dazu benötigte, traf
in das feindliche Geschoß. Die Kugel traf ihn in den Hals
und gewiß die Schlagader. Ihr Herr Sohn sagte in dem Augenblick:
"Grüßen Sie meine guten Eltern". Dann sank
er in sich zusammen und war sofort tot.