[...] In dieser Zeit [1933/34] wurde festgelegt, daß meine
Wohnung und das unauffällige Geschäft zu einem Stützpunkt
der Partei ausgebaut würden. Mit Willi Jochim und seinem
Bruder Otto wurden sofort die Vorbereitungen getroffen zur Herstellung
der illegalen Stadtteilzeitung des Unterbezirks Berlin-Südost
der KPD und von Flugblättern zur Information für die
Bevölkerung. Zu meiner Aufgabe gehörte ferner, Geldmittel
und Kleidung für die in der Illegalität lebenden Genossen
und deren Angehörige oder solchen zu organisieren, die ins
Ausland gehen mußten.
Hierunter befanden sich auch jüdische Bürger. Über
einen mir sehr gut bekannten katholischen Assistenzarzt des neben
unserem Geschäft befindlichen St.Marienkrankenhauses, einen
Dr. Höllen, seine Eltern in Trier und ein katholisches Kloster
in Bayern Nähe der Schweizer Grenze, alles glühende
Hitlergegner, bestand eine Fluchtlinie nach der Schweiz für
jüdische Bürger. In zwei Fällen benutzten wir sie
auch für unsere Genossen.
Aus eigenen Mitteln des Geschäfts und Spenden von Freunden
aus dem Kreis von Albert Voigts und seiner Freundin Martha Freudenberger
- hier besonders mit sehr viel Kleidung - brachte ich fast allein
die Mittel auf, die notwendig waren, unsere illegalen Pflichten
zu erfüllen.
Die Herstellung der illegalen Schriften erfolgte dergestalt, daß
ich bei lauter Radiomusik auf der Schreibmaschine die Matrizen
schrieb, die dann von den Genossen Gebrüder Jochim auf einem
drehbaren Abziehapparat in Hunderten von Exemplaren vervielfältigt
wurden. Die hergestellten illegalen Schriften wurden sofort in
Soda- oder große Persilpakete verbracht, und zwar dergestalt,
daß der Inhalt der Pakete ausgeschüttet wurde, ein
Teil der Zeitungen oder Flugblätter in die nunmehr leere
Hülle gesteckt und dann das übrige Pulver wieder hineingeschüttet
und die Pakete wieder sorgfältig verschlossen wurden, so
daß man sie von Originalpaketen nicht mehr unterscheiden
konnte. Die Gebrüder Jochim, die Freundin des Willi und meine
Freundin brachten dann in der Einkaufstasche oder -netz die Pakete
unauffällig zu vorbereiteten Treffs mit - bei meiner Freundin
wenigstens - unbekannten Genossinnen. Das war die eine illegale
Gruppe, der ich angehörte. [...]
Völlig unabhängig davon bestand eine zweite illegale
Gruppe aus dem Genossen-Ehepaar Schmidt, Lausitzerstraße
40 und mir. Nachdem durch die Verhaftung des Genossen Willi Jochim
1935 und dem in die Illegalitätgehen des Genossen Schmidt
im Jahre 1936 die beiden vorgenannten Gruppen ihr Ende fanden
- Otto Jochim war wegen übermäßigen Trinkens kein
Partner mehr für mich - änderte sich meine illegale
Tätigkeit vollkommen.
Zuerst aber einige Worte zur illegalen Arbeit selbst. Sie ist
wie eine chronische Krankheit. Wenn man mit ihr einen bis auf
den letzten Zipfel seines Herzens gehaßten Gegner bekämpft,
kommt man nicht mehr von ihr los. Man ist wie besessen und hat
stets das Gefühl, mit ihr eine unabdingbare Pflicht zu erfüllen.
Man lebt ständig in Angst, in Todesangst, und es gab Momente,
in denen man glaubte, es geht vor Angst einfach nicht mehr weiter.
[...]
Nach einer Erholungspause von mehreren Wochen weihte ich Genossen
Albert Voigts in meine bisherige illegale Tätigkeit ein und
beriet mit ihm, wie es nun weitergehen sollte, nachdem jeder Kontakt
zur Partei verlorengegangen war.
Albert war über die Eröffnung meiner illegalen Tätigkeit
für die Partei nicht sonderlich erstaunt. Er ahnte seit längerer
Zeit solche Verbindungen von mir zu einer illegalen Gruppe. Auch
er erzählte mir nun von Zusammenkünften von Hitlergegnern
in der Wohnung von Elfriede Paul und Walter Küchenmeister
und hielt es unbedingt für notwendig, daß ich mich
dieser Gruppe anschließen sollte. Er vereinbarte im Wald
zwischen Grünau und Eichwalde einen Treff mit mir, an welchem
außer ihm das Genossenehepaar Schumacher - die ich damals
nur unter Nennung von x-beliebigen Vornamen zum ersten Male kennenlernte
- teilnahm. Es wurde vereinbart, daß ich, wenn auch jetzt
nur noch in ganz bescheidenem Umfange, die Herstellung illegaler
Flugblätter weiterführen sollte. Mein Kontakt zu Elfriede
Paul und Walter Küchenmeister sollte verstärkt aufgenommen
werden.
Genosse Albert Voigts brachte mir dann auch hin und wieder ähnliches
Material, wie wir es die Jahre vorher schon erhalten hatten. In
Miniaturbroschürenform auf überhauchdünn ausgepreßtem
Seidenpapier gedruckte Anweisungen und Anleitungen für die
illegale Arbeit, Berichte usw. des ZK der KPD über erfolgte
wichtige Tagungen und Beschlüsse, Situationsberichte über
das allgemeine Welt-, später Kriegsgeschehen, über Schicksale
von führenden Genossen der KPD und SPD und von bürgerlichen
Antifaschisten.
Meine Else und ich arbeiteten nun allein weiter an der Herstellung
von Flugblättern. Teils wurden diese von uns beiden bei Abendspaziergängen
in Telefonzellen, Aborten, auf Bahnhöfen und in Kinos abgelegt
oder in sichere Hausbriefkästen gesteckt, teils nahm Albert
in präparierten Persilpaketen sie zu eigener, uns unbekannter
Verwendung mit.
Es fanden unregelmäßige Besuche bei Elfriede und Walter
Küchenmeister statt, wo wir auch manchmal andere uns unbekannte
und uns nur mit irgendeinem Vornamen vorgestellte Besucher antrafen.
Andeutungen von Genossen Küchenmeister ließen darauf
schließen, daß er und Elfriede mit einer großen
Gruppe in Verbindung standen.
Als wir einmal vor großen Schwierigkeiten bei der Beschaffung
von Matrizen und Vervielfältigungspapier für unsere
Flugblätter standen - der Kauf solcher Materialien in Buchhandlungen
wurde durch die Staatsorgane unmöglich gemacht, da bei größerem
Einkauf der Personalausweis vorgelegt werden mußte - berieten
Albert Voigts, Kurt Schumacher und ich an einem neutralen Ort
die Überwindung dieser Misere. Durch seine Beziehungen als
Künstler konnte Genosse Schumacher beim Großhandel
oder bei sonstigen Lieferstellen uns in ausreichendem Maße
mit Matrizen und Papier versorgen.
Mit Ausbruch des Krieges änderte sich die Situation vollkommen.
Der Kontakt zur Gruppe Elfriede Paul, Walter Küchenmeister
und anderen Genossen erfolgte nunmehr fast nur noch über
Albert Voigts. Von ihm wurde ich über alle wichtigen Ereignisse
in der Gruppe ständig auf dem laufenden gehalten und auch
weiterhin mit wichtigem Material versorgt. Auch änderte sich
z.T. die Aufgabenstellung. In sogenannten "Soldatenbriefen"
wandten sich unsere wenigen Flugblätter gegen den Hitlerkrieg
und nach Abflauen der Blitzkriegerfolge der Hitlerwehrmacht gegen
die nun einsetzenden Durchhalteparolen der Nazis und ihre frisierten
Siegesmeldungen. [...]
Anfang September 1942 kam Genosse Albert Voigts sehr niedergeschlagen
und aufgeregt zu uns. Er sei bei Elfriede gewesen. Fremde Männer
hätten ihn empfangen und gefragt, was er von Dr. Paul wollte.
Also verhaftet! Wenige Tage nach diesen Ereignissen erschien Albert
unter Benutzung der von ihm immer benutzten Umwege und Sicherheitsmaßnahmen
bei uns, um uns eine schriftliche Aufforderung der Gestapo zu
zeigen, daß er sich wegen einer "Formsache" am
nächsten Vormittag in der Prinz-Albrecht-Straße einzufinden
hätte. Wir rieten ihm dringend ab hinzugehen und forderten
ihn auf, sofort den Fluchtweg des Dr. Höllen zu benutzen.
Er lehnte das entschieden ab und bagatellisierte die ganze Angelegenheit.
Erleichtert teilte er uns am nächsten Tag mit, daß
alles gut sei. Ende September 1942 erhielt er eine erneute Vorladung.
Er ging wieder zur Prinz-Albrecht-Straße, und wir haben
ihn nie wieder gesehen. Seine Handlungsweise ist uns immer ein
Rätsel gewesen. War er so naiv, um nicht die Gefahr zu erkennen,
in der er schwebte? War es eine Lebensfremdheit, die ihn immer
irgendwie beherrschte? Wir werden es nie erfahren. Ich jedenfalls
halte gerade seine Verahftung für die unnötigste und
dümmste in der ganzen Schulze-Boysen-Gruppe. [...]
Ohne Albert den Prozeß gemacht zu haben, war er ins KZ Sachsenhausen
transportiert worden. Hier verstarb er am 30. Juni 1943. Termin
und seine KZ-Nr. 67181 Block 17 erfuhr ich kurz nach seinem Tode
von seiner Mutter. Sie war aus Harburg bei Hamburg nach Berlin
gekommen, um Alberts Urne in Empfang zu nehmen. Als Todesursache
war auf dem Totenschein Typhus angegeben.
Nach diesem Zusammenbruch der Gruppe um Elfriede Paul, Walter
Küchenmeister, Albert Voigts, Kurt und Elisabeth Schumacher
u.a. und aufgrund eines völlig zerrütteten gesundheitlichen
Zustandes war meine illegale Tätigkeit als beendet anzusehen.