Erinnerungen des KPD-Mitglieds Hans Sussmann (*1897)
aus Berlin

(DHM-Bestand)
   Widerstand gegen den Nationalsozialismus


Widerstand im Umfeld von Schulze-Boysen/Harnack (Rote Kapelle)


Kommunistische Tarnschrift [...] In dieser Zeit [1933/34] wurde festgelegt, daß meine Wohnung und das unauffällige Geschäft zu einem Stützpunkt der Partei ausgebaut würden. Mit Willi Jochim und seinem Bruder Otto wurden sofort die Vorbereitungen getroffen zur Herstellung der illegalen Stadtteilzeitung des Unterbezirks Berlin-Südost der KPD und von Flugblättern zur Information für die Bevölkerung. Zu meiner Aufgabe gehörte ferner, Geldmittel und Kleidung für die in der Illegalität lebenden Genossen und deren Angehörige oder solchen zu organisieren, die ins Ausland gehen mußten.

Hierunter befanden sich auch jüdische Bürger. Über einen mir sehr gut bekannten katholischen Assistenzarzt des neben unserem Geschäft befindlichen St.Marienkrankenhauses, einen Dr. Höllen, seine Eltern in Trier und ein katholisches Kloster in Bayern Nähe der Schweizer Grenze, alles glühende Hitlergegner, bestand eine Fluchtlinie nach der Schweiz für jüdische Bürger. In zwei Fällen benutzten wir sie auch für unsere Genossen.

Aus eigenen Mitteln des Geschäfts und Spenden von Freunden aus dem Kreis von Albert Voigts und seiner Freundin Martha Freudenberger - hier besonders mit sehr viel Kleidung - brachte ich fast allein die Mittel auf, die notwendig waren, unsere illegalen Pflichten zu erfüllen.

Kommunistische Tarnschrift Die Herstellung der illegalen Schriften erfolgte dergestalt, daß ich bei lauter Radiomusik auf der Schreibmaschine die Matrizen schrieb, die dann von den Genossen Gebrüder Jochim auf einem drehbaren Abziehapparat in Hunderten von Exemplaren vervielfältigt wurden. Die hergestellten illegalen Schriften wurden sofort in Soda- oder große Persilpakete verbracht, und zwar dergestalt, daß der Inhalt der Pakete ausgeschüttet wurde, ein Teil der Zeitungen oder Flugblätter in die nunmehr leere Hülle gesteckt und dann das übrige Pulver wieder hineingeschüttet und die Pakete wieder sorgfältig verschlossen wurden, so daß man sie von Originalpaketen nicht mehr unterscheiden konnte. Die Gebrüder Jochim, die Freundin des Willi und meine Freundin brachten dann in der Einkaufstasche oder -netz die Pakete unauffällig zu vorbereiteten Treffs mit - bei meiner Freundin wenigstens - unbekannten Genossinnen. Das war die eine illegale Gruppe, der ich angehörte. [...]

Völlig unabhängig davon bestand eine zweite illegale Gruppe aus dem Genossen-Ehepaar Schmidt, Lausitzerstraße 40 und mir. Nachdem durch die Verhaftung des Genossen Willi Jochim 1935 und dem in die Illegalitätgehen des Genossen Schmidt im Jahre 1936 die beiden vorgenannten Gruppen ihr Ende fanden - Otto Jochim war wegen übermäßigen Trinkens kein Partner mehr für mich - änderte sich meine illegale Tätigkeit vollkommen.

Kommunistische Tarnschrift Zuerst aber einige Worte zur illegalen Arbeit selbst. Sie ist wie eine chronische Krankheit. Wenn man mit ihr einen bis auf den letzten Zipfel seines Herzens gehaßten Gegner bekämpft, kommt man nicht mehr von ihr los. Man ist wie besessen und hat stets das Gefühl, mit ihr eine unabdingbare Pflicht zu erfüllen. Man lebt ständig in Angst, in Todesangst, und es gab Momente, in denen man glaubte, es geht vor Angst einfach nicht mehr weiter. [...]

Nach einer Erholungspause von mehreren Wochen weihte ich Genossen Albert Voigts in meine bisherige illegale Tätigkeit ein und beriet mit ihm, wie es nun weitergehen sollte, nachdem jeder Kontakt zur Partei verlorengegangen war.

Albert war über die Eröffnung meiner illegalen Tätigkeit für die Partei nicht sonderlich erstaunt. Er ahnte seit längerer Zeit solche Verbindungen von mir zu einer illegalen Gruppe. Auch er erzählte mir nun von Zusammenkünften von Hitlergegnern in der Wohnung von Elfriede Paul und Walter Küchenmeister und hielt es unbedingt für notwendig, daß ich mich dieser Gruppe anschließen sollte. Er vereinbarte im Wald zwischen Grünau und Eichwalde einen Treff mit mir, an welchem außer ihm das Genossenehepaar Schumacher - die ich damals nur unter Nennung von x-beliebigen Vornamen zum ersten Male kennenlernte - teilnahm. Es wurde vereinbart, daß ich, wenn auch jetzt nur noch in ganz bescheidenem Umfange, die Herstellung illegaler Flugblätter weiterführen sollte. Mein Kontakt zu Elfriede Paul und Walter Küchenmeister sollte verstärkt aufgenommen werden.

Kommunistische Tarnschrift Genosse Albert Voigts brachte mir dann auch hin und wieder ähnliches Material, wie wir es die Jahre vorher schon erhalten hatten. In Miniaturbroschürenform auf überhauchdünn ausgepreßtem Seidenpapier gedruckte Anweisungen und Anleitungen für die illegale Arbeit, Berichte usw. des ZK der KPD über erfolgte wichtige Tagungen und Beschlüsse, Situationsberichte über das allgemeine Welt-, später Kriegsgeschehen, über Schicksale von führenden Genossen der KPD und SPD und von bürgerlichen Antifaschisten.

Meine Else und ich arbeiteten nun allein weiter an der Herstellung von Flugblättern. Teils wurden diese von uns beiden bei Abendspaziergängen in Telefonzellen, Aborten, auf Bahnhöfen und in Kinos abgelegt oder in sichere Hausbriefkästen gesteckt, teils nahm Albert in präparierten Persilpaketen sie zu eigener, uns unbekannter Verwendung mit.

Es fanden unregelmäßige Besuche bei Elfriede und Walter Küchenmeister statt, wo wir auch manchmal andere uns unbekannte und uns nur mit irgendeinem Vornamen vorgestellte Besucher antrafen. Andeutungen von Genossen Küchenmeister ließen darauf schließen, daß er und Elfriede mit einer großen Gruppe in Verbindung standen.

Als wir einmal vor großen Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Matrizen und Vervielfältigungspapier für unsere Flugblätter standen - der Kauf solcher Materialien in Buchhandlungen wurde durch die Staatsorgane unmöglich gemacht, da bei größerem Einkauf der Personalausweis vorgelegt werden mußte - berieten Albert Voigts, Kurt Schumacher und ich an einem neutralen Ort die Überwindung dieser Misere. Durch seine Beziehungen als Künstler konnte Genosse Schumacher beim Großhandel oder bei sonstigen Lieferstellen uns in ausreichendem Maße mit Matrizen und Papier versorgen.

Mit Ausbruch des Krieges änderte sich die Situation vollkommen. Der Kontakt zur Gruppe Elfriede Paul, Walter Küchenmeister und anderen Genossen erfolgte nunmehr fast nur noch über Albert Voigts. Von ihm wurde ich über alle wichtigen Ereignisse in der Gruppe ständig auf dem laufenden gehalten und auch weiterhin mit wichtigem Material versorgt. Auch änderte sich z.T. die Aufgabenstellung. In sogenannten "Soldatenbriefen" wandten sich unsere wenigen Flugblätter gegen den Hitlerkrieg und nach Abflauen der Blitzkriegerfolge der Hitlerwehrmacht gegen die nun einsetzenden Durchhalteparolen der Nazis und ihre frisierten Siegesmeldungen. [...]

Attest Anfang September 1942 kam Genosse Albert Voigts sehr niedergeschlagen und aufgeregt zu uns. Er sei bei Elfriede gewesen. Fremde Männer hätten ihn empfangen und gefragt, was er von Dr. Paul wollte. Also verhaftet! Wenige Tage nach diesen Ereignissen erschien Albert unter Benutzung der von ihm immer benutzten Umwege und Sicherheitsmaßnahmen bei uns, um uns eine schriftliche Aufforderung der Gestapo zu zeigen, daß er sich wegen einer "Formsache" am nächsten Vormittag in der Prinz-Albrecht-Straße einzufinden hätte. Wir rieten ihm dringend ab hinzugehen und forderten ihn auf, sofort den Fluchtweg des Dr. Höllen zu benutzen. Er lehnte das entschieden ab und bagatellisierte die ganze Angelegenheit.

Erleichtert teilte er uns am nächsten Tag mit, daß alles gut sei. Ende September 1942 erhielt er eine erneute Vorladung. Er ging wieder zur Prinz-Albrecht-Straße, und wir haben ihn nie wieder gesehen. Seine Handlungsweise ist uns immer ein Rätsel gewesen. War er so naiv, um nicht die Gefahr zu erkennen, in der er schwebte? War es eine Lebensfremdheit, die ihn immer irgendwie beherrschte? Wir werden es nie erfahren. Ich jedenfalls halte gerade seine Verahftung für die unnötigste und dümmste in der ganzen Schulze-Boysen-Gruppe. [...]

Ohne Albert den Prozeß gemacht zu haben, war er ins KZ Sachsenhausen transportiert worden. Hier verstarb er am 30. Juni 1943. Termin und seine KZ-Nr. 67181 Block 17 erfuhr ich kurz nach seinem Tode von seiner Mutter. Sie war aus Harburg bei Hamburg nach Berlin gekommen, um Alberts Urne in Empfang zu nehmen. Als Todesursache war auf dem Totenschein Typhus angegeben.

Nach diesem Zusammenbruch der Gruppe um Elfriede Paul, Walter Küchenmeister, Albert Voigts, Kurt und Elisabeth Schumacher u.a. und aufgrund eines völlig zerrütteten gesundheitlichen Zustandes war meine illegale Tätigkeit als beendet anzusehen.

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