Nach der Kapitulation 1945 fuhr meine Mutter, 26 Jahre alt, mit
meiner kleineren Schwester, 3 1/2 Jahre alt, und mit mir, 5 Jahre
alt, nach Berlin, um nach Überlebenden aus der Familie zu
suchen. Wir kamen abends am Schlesischen Bahnhof - heute Ostbahnhof -
an. Woher weiß ich nicht mehr.
Die Nacht verbrachten wir in einem nahe gelegenen Bunker, in dem
der typische, mir unvergeßliche Desinfektionsmittelgestank
lastete. Fensterlos, eng, überfüllt, schrecklich.
Am nächsten Morgen ging meine Mutter mit ihren zwei kleinen
Kindern an der Hand durch die zerbombte Stadt, verschüttete
Straßen, wir kletterten über Trümmer.
Der Weg war lang vom Ostbahnhof bis zum Görlitzer Bahnhof,
etliche Kilometer. Wir gingen ewig an der Hand unserer schweigenden
Mutter, nach langer Zeit erreichten wir die Naunynstraße.
Das Haus der Großmutter und der Urgroßmutter waren
zerstört, an manchen Wandresten klebten noch Möbel.
Ich sah ein Klavier auf einem Rest Fußboden an einer Mauer
"kleben".
Meiner Mutter liefen die Tränen über das Gesicht. Es
gab niemanden mehr. Und auch keine Wohnung.
Wir gingen einen weiteren Kilometer weiter, in die Görlitzerstraße,
dort wohnte eine Tante. Das Haus stand noch, wir durften bei der
Tante auf dem Fußboden schlafen.
Inzwischen hatte sich mein Vater, der in englische Kriegsgefangenschaft
geraten war, ebenfalls auf den Weg nach Berlin gemacht, um seine
Familie zu suchen. Die Engländer hatten ihn aufgrund seiner
Sprachkenntnisse zum Dolmetscher gemacht und ihm das Ehrenwort
als preußischer Offizier abgenommen, daß er nicht
flüchtet. Preußen gab es nicht mehr, damit auch kein
Ehrenwort. Mein Vater floh, zog auf einem Feld eine Vogelscheuche
aus, konnte somit seine Uniform gegen "Zivilkleidung"
tauschen, und kam mit Speck, Wurst, Brot und einigen Kartoffeln
in Berlin an. Er fand uns und nahm uns mit aufs Land, zu einem
Bauern in der Altmark, wo meine Eltern für das Essen und
Schlafen mitarbeiteten.
Für uns Kinder war es eine schöne Zeit. Wir hatten Freunde,
spielten gerne an einer Schleuse an einem tiefen Bach (was war
nicht durften), wir waren so frei, wie die Tiere auf den Weiden
und in den Ställen. Die Kälbchen lutschten an unseren
Händen, die Tenne war der liebste Spielplatz, wir
sprachen Plattdeutsch besser als Hochdeutsch. Wir sollten immer
Butter essen, aßen aber lieber Sirup.
Wir bewohnten ein kleineres weißes Haus gegenüber von
dem großen roten Bauernhaus, in dem der Bauer wohnte. Im
Garten war ein Birnbaum, in den ich gerne bis in die Spitze kletterte,
was mir eines Tages eine mächtige Tracht Prügel einbrachte,
meinen Vater beängstigte meine Waghalsigkeit.
1947 gingen wir nach Berlin zurück. Die schwere Zeit des
Wiederaufbaus begann, enge Wohnung, wenig zu essen. Wir durften
nicht allein auf die Straße, wir liefen in die Autos, die
wir nicht kannten.
Ich blieb bis 1989 in Berlin, genauer bis zum 31.8.89. Die Familienangehörigen
waren inzwischen fast alle gestorben. Ich war, wie alle, der Meinung,
daß sich an der eingesperrten Lage der Stadt wohl nie mehr
etwas ändern würde. So packte ich meinen Hausstand,
meine inzwischen 13 und 15 Jahre alten Töchter und suchte
mir einen Arbeitsplatz in Oberhessen. Dann fiel die Mauer und
endlose Tränenströme flossen.
Kurze Zeit später fuhr ich in die Altmark, dorthin, wo ich
als kleines Kind frei wie ein Vogel und glücklich war, was
ich nie vergessen hatte. Ich fand das Dorf - Zonenrandgebiet -
unverändert vor. Ich ging mit gesenktem Blick über eine
uralt gepflasterte Straße, ich kannte dieses Pflaster, ich
orientierte mich weniger mit den Augen als mit dem Gefühl,
den Gefühl aus der Erinnerung. Leise sagte ich zu meinen
Töchtern: "dort drüben hat das große rote
Bauernhaus gestanden". Es stand noch immer da - ein kleines,
ärmliches rotes Haus.
Schräg rechts gegenüber stand das kleine weiße
Haus, in dem wir damals wohnten. Es stand noch immer da, klein,
grau, schäbig. Es war das Haus, ich fühlte es genau.
Wir gingen auf den Hof, dort stand kein Baum. Eine Frau meines
Alters trat zu uns: "Suchen Sie jemanden?" "Wo
ist der Birnbaum?" "Wir haben ihn letztes Jahr gefällt,
er trug nicht mehr." "Sie sind fremd hier, suchen sie
jemanden?"
Ich erzählte von 1945, wie ich als fünfjähriges
Kind mit meiner kleinen Schwester und meinen Eltern aus Berlin
hierher kam, um zu überleben. Meine Eltern haben bei einem
Bauern gearbeitet, der schräg gegenüber wohnte, den
Namen hatte ich vergessen.
Sie sagte "Bartel" Ja, das war der Name.
Und sie erzählte, daß der alte Bauer schon lange tot
sei, aber die alte Bäuerin würde noch leben, und sie
bringe mich jetzt zu ihr.
Wir betraten das kleine rote alte Haus auf der gegenüber
liegenden Straßenseite. Im Wohnzimmer saß eine sehr
alte Frau, abgemagert, die nackten Oberarme kaum von einer Kittelschürze
bedeckt. Das ehemals üppige feste Fleisch der Oberarme hing
in langen Hautfalten herab. Unwahrscheinlich leuchtende blaue
Augen ohne Alter strahlten uns entgegen.
Schockiert stammelte ich: "Sie hatten nach Ende des Krieges
eine junge Berlinerin mit ihren zwei kleinen Töchtern hier,
die eine hieß Monika, die andere Dagmar. Ich bin die Dagmar."
Sie sah mich einen Moment ganz ruhig an und sagte dann "Frau
Schymiczek".
Mir liefen die Tränen über die Wangen. Frau Schymiczek,
das war meine Mutter.
Und dann wurde schnell ein Tisch gedeckt, wir mußten zum
Essen da bleiben, und die alte Frau erzählte von damals.
Der alte Bauer habe sich vor langer Zeit im Kuhstall erhängt,
er habe nicht verkraften können, daß sein Hof zur LPG
zugeordnet wurde. Die Jungen seien aus dem Zonenrandgebiet alle
weggezogen, man hätte ja da nichts werden können. Nur
die Alten seien geblieben. Auch meine damaligen Freundinnen lebten
nicht mehr dort.
Sie sprach mit leuchtenden Augen von meiner Mutter, der schönen
Berlinerin, die im weißen Kittel zum Schweinefüttern
in den Stall gegangen sei: "Sie wußte es nicht besser,
aber sie konnte so schön erzählen".
Es wurde ein langer Abend.
Als wir gingen, sagte meine 15jährige Tochter: "Mama,
ich habe noch nie so strahlend blaue Augen gesehen."
Ich sagte: "Stephanie, das ist eine Frau, die aus dem Glauben
lebt."