Sonnabend früh gegen 9 Uhr plötzlich wieder wilde Schießerei
auf der Frankfurter Allee vom Eisenbahnverbinder her. Das Volk
lief und flüchtete wie toll. Besonders viele Frauen und Kinder.
Sobald das Schießen verstummte, waren alle wieder da wie
aus der Erde hervor gezaubert. Die Neugierde lockte sie hin. Das
Gesindel auf den Straßen wurde immer schlimmer, man sah
so recht, daß es Spartakusleute waren. Anständige Gesichter
waren nicht viele zu sehen. An allen Straßenecken bildeten
sich Gruppen, Radler und Autos sausten vorbei, einzelne finstere
Gestalten lungerten an den Ecken herum, gaben Apachenpfiffe. Dazwischen
Soldaten und Matrosen in Uniformen.
Wir waren völlig abgeschnitten, wie auf einer Insel, rings
umgeben von Spartakusleuten, die große Barrikaden um Lichtenberg
herum gebaut hatten, gegen die Regierungstruppen. Mehrmals des
Vormittags riefen uns die Mädchen in großer Erregung
ans Fenster. Ich hatte sie ruhig sogar noch Fenster putzen lassen
in der sicheren Annahme, daß uns nichts passierte und in
der Absicht, sie zu zerstreuen und abzulenken.
Das Volk schien unruhig zu laufen. Wiederholter Kanonendonner
ertönte dumpf. Wir sahen alles vom Erkerplatz aus. Wir deuteten
es uns als gutes Zeichen und freuten uns noch immer über
die nahenden Truppen. Mittags wurde das Straßengewühl
schlimmer. An den Häusern der Frankfurter Allee sahen wir
dichte Menschenmassen, in den Hauseingängen und auf allen
Balkons. Inzwischen traf bei meinem Mann die unangenehme Nachricht
ein, daß die Regierungstruppen noch fern seien, an Hilfe
für uns nicht zu denken sei. Alle Fenster waren mit Menschen
besetzt, die herausgafften, in der Richtung der Schießerei.
Auch aus den gegenüberliegenden Häusern der Alfredstraße
blickten Neugierige, vielleicht auch Spartakisten heraus. Dort
sollte ein berüchtigter Spartakusmann wohnen, der uns schon
lange beobachtete. [...]
Gegen 2 Uhr aßen wir am Sonnabend zu Mittag. Plötzlich
begann von der Hofseite unseres Hauses eine kurze Schießerei.
Die Mädchen stürzten erregt ins Zimmer und riefen, daß
unsere Küche vom Hof aus beschossen würde. Alle Mann
auf Posten! An den Fenstern der Hinterhäuser sahen wir einige
höhnisch lächelnde Frauenköpfe und einen Mann.
Aus welcher Richtung wir beschossen wurden, war nicht festzustellen.
Man hörte nur das Knallen, sah aber nicht das Aufschlagen
der Kugeln. Das Ganze dauerte etwa 5 Minuten. Das Volk auf der
Frankfurter Allee sammelte sich immer mehr an zu einer schwarzen
Masse. Es kam eine unheimliche Bewegung in die Leute. Radler rasten
dahin, Autos sausten wieder vorbei. Dann kam die telephonische
Nachricht, daß die Post gestürmt würde. Gleichzeitig
hob ein lautes Krachen von gebündelten Handgranaten, Maschinengewehren
und Minenwerfern in unserer nächsten Nähe an. Es war
das Ärgste, was wir bisher erlebt hatten. Die Post liegt
in der Magdalenenstraße, einer Parallelstraße der
Alfredstraße. Der Rückausgang der Post mündet
in unsere Alfredstraße dem Präsidium gegenüber.
Die Post hatte 50 Mann Besatzung und viel Munition und 4 Maschinengewehre
erhalten.
Plötzlich wurde mein Mann verzweifelt um Hilfe angeklingelt,
von einem blutjungen Leutnant auf der Post, der die Nerven verloren
hatte. Mein Mann bemühte sich sofort, bei der Division noch
Truppen heranzurufen. Leider vergeblich! Es hieß, man hätte
nicht genug Truppen. Ich riet ihm, Flieger alarmieren zu lassen.
Das tat er. Man antwortete auf seinen telephonischen Anruf, daß
diese in Potsdam seien und nicht so schnell herankommen könnten.
Er bemühte sich noch weiter bei anderen militärischen
Stellen, denn noch einige Male flehte ihn der Leutnant um Hilfe
an. Plötzlich Schluß des Telephongespräches! Noch
ein furchtbares Krachen von Minen und gebündelten Handgranaten.
Die Post war gefallen! Wildes Geschrei drang zu uns herüber.
Es waren furchtbare Minuten, die wir durchlebten. Man wußte,
daß die Besatzung der Post verloren sei, gefangen oder gar
sofort niedergemetzelt würde.
Aus dem Hinterausgang der Post winkte ein Soldat zu unserem Präsidium
herüber. Er flüchtete zu uns über die Straße
und berichtete uns folgendes: Die Post hätte kapituliert,
und alle Munition nebst 4 Maschinengewehren wären den Spartakisten
in die Hände gefallen. Der Leutnant sei verwundet, 6 Soldaten
tot, viele verwundet, die anderen würden jetzt gefangengenommen.
Der Leutnant hätte unvorsichtigerweise Verwundete abtransportieren
lassen, dabei seien die Spartakisten in die Tür gestürmt
und somit in die Post gelangt. Leider hätte man die 4 Maschinengewehre
nicht mehr zerstört!
Unsere Beamten, die teilweise gerade versammelt waren, erblaßten.
"Dann sind wir verloren", riefen sie, "denn gegen
solche Übermacht sind wir nicht imstande uns zu halten. Die
Spartakusleute werden jetzt die ganze Munition der Post gegen
das Präsidium verwenden!"
Und richtig! Kaum dauerte es 20 Minuten, da ging von den Dächern
der gegenüberliegenden Häuser und von den seitlich gelegenen
Häusern der Frankfurter Allee und vom Wagner-Platz her ein
wildes Schießen auf unser Präsidium los. Ueberall waren
die Maschinengewehre in Stellung gebracht. Zu sehen war nichts.
Mein Mann lief durch alle Etagen, um Befehle zu geben, mein Sohn
Curt begleitete ihn als sein Adjutant.
Und nun ging die Hölle los! Die Kugeln sausten nur so um
uns herum und prallten mit lautem Getöse an den Häusern
und am Präsidium ab. Die Handgranaten krachten nur so. Nach
10 Minuten wurde das Feuer wilder. Von den gegenüberliegenden
Dächern bewarf man uns jetzt mit gebündelten Handgranaten,
da einfache nicht auszureichen schienen. Ich rannte zu den vor
Angst halbtoten Mädchen, um sie etwas zu beruhigen, und fand
das Stubenmädchen laut weinend, zitternd, mit den Füßen
strampelnd vor. Das arme Ding klammerte sich förmlich an
mich und die Köchin und bat mich flehentlich, nicht in die
Büros zu gehen, sondern bei ihr zu bleiben. Aber ich mußte
fort, zu Mann und Sohn hinüber, um nach ihnen zu sehen, die
in größter Gefahr waren. [...]
Ich hielt die Sache für verloren. Mein Mann und die Beamten
auch. So hielt ich es auch für unrecht, noch mehr brave Schutzleute
unnötig zu opfern. 3 waren schwer verwundet, einer tot. Ich
wurde aus dem Zimmer geschickt, mein Mann beriet sich mit einem
Polizei-Offizier. Zurückgerufen, bat mich dann mein Mann,
ihm doch schnell eine lange Stange und ein weißes Tuch zu
geben. Ich rannte nun in die Küche, holte einen großen
Besen, da ich nichts anderes in der Eile fand, und ein Küchentuch.
Jede Sekunde war kostbar und konnte Menschenleben retten.
Mein Mann und unsere gesamte Besatzung schrieen nun förmlich
aus den Fenstern: "Aufhören, nicht mehr schießen".
Endlich hörte man auf. Dann ein lautes Brüllen und wie
die wilden Tiere stürzte eine Horde von 400-500 Mann auf
unser Präsidium zu und einige stürzten durch den Torweg
die Treppe herauf, den Beamten entgegen. [...]
Ich mußte wissen, was mit meinem Mann geschah, und es bot
sich mir ein nervenerschütternder Anblick. An 20 Beamte,
mein Mann in der Mitte, alle ohne Kopfbedeckung, umringt von schreienden,
drohenden Spartakusleuten, die mit Stöcken und Kolben auf
sie einhieben. Etwas weiter weg, die ganze Straße bis zur
Frankfurter Allee schwarz voll brüllender, johlender Volksmenge.
Mir fiel die Christusszene ein: "Kreuziget ihn! Kreuziget
ihn!" Es war furchtbar. "Stellt die Schweine doch gleich
an die Wand und schießt die Hunde tot. Ihr Schweine, Ihr
Hunde!" brüllte alles durcheinander. Mein Mann, der
sonst so frische Farbe hat, war still und totenbleich, die anderen
auch. Plötzlich holte ein Mann zum Schlage aus auf den Kopf
eines etwas korpulenten Beamten. Es war dieser der eine Wachtmeister,
den diese Bestien später zu Tode geprügelt und getreten
haben.
Ich sah noch, daß man alle abführte, unter Brüllen
und Johlen des Volkes. Ein Segen, daß ich nicht hinuntergelaufen
war. Man hatte, wie ich richtig vermutete, meinen Mann nicht als
Präsidenten erkannt. Wäre ich hinuntergelaufen, hätte
ich ihn verraten. So ahnte die Bande nicht, welchen Fang sie gemacht.
Meinem Mann konnte ich nicht mehr helfen, dieses Bewußtsein
war trostlos. Da kam mir der Gedanke an Curt. Ihn zu retten, zu
erhalten war jetzt meine Aufgabe.