Ausbombung
Dieser Brief meiner Schwester Barbara Wenzel (1899-1976) an mich
beschreibt anschaulich die Luftangriffe und die Ausbombung unserer
Berliner Familienwohnung in der Keith-Straße 36 in der Nacht
vom 22. zum 23. November 1943.
"Berlin, 24.11.1943
Mein lieber, armer Heini!
Nun hat das Unglück auch uns getroffen und alles restlos
vernichtet, woran wir seit Kindertagen gehangen haben und was
teilweise schon lange vor uns unsere Eltern und Großeltern
erfreut hat, soweit es sich um Schätze handelt, die das Feuer
fressen kann. Du, mein Heinerchen, hast ganz besonders starke
Bindungen zu den Sachen und Erinnerungswerten gehabt, es war unser
Zuhause, für dich noch in eigener Weise das Daheim, in das
du soviel Liebe und Mühe hineingesteckt hast. Darum bin ich
für dich und für die Armen in Rio besonderes traurig.
Aber man darf nicht beim Nachdenken über den Verlust und
der Trauer stehenbleiben, sondern muß dankbar sein, Leben
und Gesundheit gerettet zu haben. Und wenn man sieht, wieviel
Hunderttausende das gleiche Schicksal haben, so überkommt
einen der große Jammer des ganzen Volkes, von dem das eigene
Leid nur ein winziger Ausschnitt ist. Dadurch, daß Ihr nicht
im Felde seid, ist uns andere Not erspart, und doch wollen wir
nicht ausgeschlossen sein, von den Opfern, die unser Volk zu tragen
hat.
Bis heute vormittag wußte ich nichts von Peter, konnte auch
seine Firma nicht erreichen und wollte schon nach Wannsee fahren.
Da erschien Peter gegen halb 12.00 Uhr bei mir im Büro. Er
ist gesund bis auf die Augen, die hoffentlich auch wieder in Ordnung
kommen. Sie haben unter Qualm und Staub sehr gelitten, im linken
ist wohl noch ein Fremdkörper, es war verbunden. Auch mit
dem rechten sieht Peter nur verschwommen. Er erklärte aber,
die Augen seien schon erheblich besser als zuerst. Maria und das
Kind sind wohlauf. Alle drei, dazu Tante Lotte und Paula sind
zur Zeit in einem Krankenhaus in Schmargendorf, Paretzer Str.
untergekommen, müssen dort aber hinaus, weil es für
Verletzte gebraucht wird. Peter möchte nun schnellstens mit
Familie aus Berlin heraus, irgendwohin, wo Maria mit mehr Ruhe
ihr Kind kriegen kann. Er möchte dabei bleiben, bis das alles
vorüber ist, ist selbst ja zur Zeit mit seinen Augen auch
nicht arbeitsfähig. Aber wohin? Falls Frl. Jahr morgen in
einer Evakuierungssache reisen kann und über Soldin kommt
und dort Aufenthalt machen kann, will sie Tante Elli bitten, sich
dort zu bemühen. Sonst versucht's Peter noch durch die NSV
[Nationalsozialistische Volkswohlfahrt].
Schlimm ist, daß wir von Ursel noch gar nichts wissen, als
daß das Haus sicher auch in Trümmern liegt. Telefonverbindungen
gibt es kaum noch. Ob das Haus ihrer Firma noch existiert? Ich
werde morgen nachsehen. Vom Rathaus Tiergarten aus war ich heute
noch in der Spenerstraße. Tante Luises Haus liegt auch in
Schutt und Asche. Über ihren Verbleib wußten Umstehende
nichts. Im Kohlenkeller brannte es noch. Die Menschen aus dem
Haus sollen aber alle geborgen sein.
Du kannst dir keinen Begriff machen von dem Trümmerhaufen
Berlin! Zwischen Zoo, Wittenbergplatz, Lützowufer, Einemstraße
steht kaum noch ein bewohnbares Haus. Das Gesandtschaftsviertel
ist ausgebrannt, Hansaviertel und Moabit liegen in Trümmern,
am Alexanderplatz, vom Oranienburger Tor über Stettiner Bahnhof
nach Reinickendorf, soll es nicht anders sein. Alle großen
Bahnhöfe sind schwer getroffen, Leipzigerstraße,
Potsdamerstraße, Zeughaus, Singakademie nicht minder. Kurfürstendam
und Charlottenburg brennen - dieser Ausschnitt genügt wohl!
In der letzten Nacht soll Spandau besonders heimgesucht worden
sein. Überall brennt es noch weiter, stürzen immer wieder
Ruinen zusammen. Aber ich will mit dieser Schreckensschilderung
aufhören und chronologisch berichten.
Alarm Montag 19.30 Uhr bei Nebel und leichtem Regen. Nach nicht
sehr langer Zeit begannen die Bombenabwürfe, auch bei uns
erschütterte der ganze Keller. Die Männer und beherzte
Frauen, zu denen ich nicht gehörte, machten sich sofort ans
Löschen, als die ersten Brandbomben unser Haus trafen, eine
ganz oben an der Hintertreppe. In der Nachbarschaft brannten bald
zahlreiche Häuser. In eineinhalb bis zwei Stunden hatten
die Engländer ihr Ziel erreicht. Es kam aber nach kurzer
Pause noch ein zweiter Alarm, der jedoch nicht lange dauerte.
Ich machte zwischen den beiden Alarmen und nach der zweiten Brandwache
in unsere Wohnung, in die ständig die Funken sprühten,
besonders im Eßzimmer, in der Küche und im Hinterflur,
während im neuen Kinderzimmer sogar die Scheiben heil blieben.
Dazwischen füllte ich immer wieder Wassereimer aus unserer
Badewanne und brachte sie zur Hintertreppe oder auch bis auf den
Boden. Vorn hatte ich noch alle Jalousien heruntergelassen, was
die Funken einigermaßen abhielt. Einige Gardinen holte ich
noch herunter, rückte alles leicht Brennbare von den Fenstern
fort, kehrte Scheiben zusammen, räumte Geschirr und Möbel
aus der Küche ins Kinderzimmer und Eßzimmer. Wir fürchteten
nämlich einen Durchbruch des Feuers von dem Knauerschen Hause,
das allmählich schon ganz herunter brannte, zu uns.
Auf dem Boden bzw. Dach, wo Peter, Hoecker, Parpart und andere
einen zähen Kampf führten, gelang es zunächst immer
wieder, die Brände zu löschen und einzudämmen,
die durch Funkenflug entstanden. Es war ein mächtiger Sturm,
teils durch das Wetter, teils durch die Hitzeentwicklung. So ging
es stundenlang, wohl bis um Viertel nach drei Uhr. Wir
hatten gehofft, unser Haus zu retten. In der Alarmpause, als Paula
angelaufen kam, hatte ich sie und Tante Lotte sogar zum Schlafen
eingeladen, da deren Wohnung schon ausgebrannt war. Dann auf einmal
ging es doch nicht mehr. Es brannte an zu viel Stellen, daß
Gesims geriet in Flammen, die Männer waren erschöpft.
Der Dachboden drohte einzustürzen. Peter flog durch unsere
Wohnung, ich ihm nach die Vordertreppe hinunter. Licht gab es
dort nicht mehr. Unten rief er nach Maria, hörte aber, daß
sie schon fort sei, hat dann später noch erfahren, daß
sie nach dem Franziskus-Krankenhaus gelaufen sei. Er selbst war,
wie er mir heute erzählte, sogar noch im Keller und hat Frau
Gurlt als letzte dort unten herausgeholt.
Ich selbst lief mit Mantel, Hut und Mutter's altem Cape in Richtung
Corneliusbrücke, zunächst in einen Hausflur, der noch
stand. Dort traf ich Kalitzkys und Frl. Erfurt. Weil aber zu sehen
war, daß jede Minute das Fortkommen durch Flammenmeer und
Trümmer schwerer machen würde, lief ich mit Frl. Erfurt
bald weiter zum Lützowufer, wo auch alles brannte und einige
gerettete Sachen an der Böschung auch Feuer fingen. Also
weiter durch das brennende Gesandtschaftsviertel zur Hofjägerallee.
Von dort allmählich über den Großen Stern und
die Charlottenburger Chaussee in Richtung auf den brennenden Bahnhof
Tiergarten und unter Zurufen "Vorsicht vor Blindgängern!"
in den Bunker am Bahnhof Tiergarten.
Dort war schon ein trauriges Heerlager von verrußten Menschen
und geretteten Habseligkeiten, alle im Zustand der Erstarrung,
einige leise weinend, manche erschöpft an der Erde liegend
und schlafend. Nur die kleinen Kinder rührend in ihrer unwissenden
Unbekümmertheit! Peter usw. fand ich nicht, dagegen Frau
Scheidt, die Wäschereibesitzerin (jetzt in Ruhestand!) aus
Tante Lottes Haus. Da saß ich nun auch. Gegen 7 Uhr versuchten
wir, in den großen Bunker am Zoo zu gehen. Es war aber so
windig, daß ich mit den Koffern nicht vorwärts kam.
So bat ich Frau Scheidt, meine Sachen zu beaufsichtigen, und ging
allein hinüber, um Peter und Maria usw. zu suchen und zu
sehen, ob drüben etwas Amtliches mit uns geschehen würde.
Durch drei Stockwerke hindurch suchte ich in allen Räumen,
fand aber nur Frau Wobersin, die nicht wußte, wo ihr Mann
geblieben war, einige andere Leute aus der Nachbarschaft und sah
auch Frau Rötger. Von allen Seiten waren die Leute zusammengeströmt
und man hörte nur: "In unserer Straße ist alles
zerstört".
Ich ging dann zum anderen Bunker zurück, ruhte dort noch
etwas aus, und zog dann doch mit Frau Scheidt und allen Sachen
wieder zum großen Flakbunker, weil dort Sammelstelle sein
sollte. Nach zehn Uhr kamen zwei Leute vom Bezirksamt und erklärten,
sie würden nun die nötigen Angaben aufnehmen, was aber
stundenlang dauern würde. Zu Mittag hofften sie, etwas Verpflegung
heranzukriegen. Wer irgend könne, solle sich selbst unterbringen.
Nun beschloß ich den Versuch, nach Nikolassee durchzukommen,
wo ich einige Sicherheit für meine Sachen und ein Unterkommen
erhoffte. Es gelang. Vom Zoo ging die Untergrundbahn nach Kaiserdamm,
von dort, d.h. Witzleben über Westkreuz konnte ich nach Nikolassee,
wo ich gegen zwölf Uhr im Büro ankam.
Pastor Wenzel lag mit Nierenschmerzen im Bett und bot mir gleich
Unterkunft im Waldhaus an, wo jetzt nicht alle Krankenzimmer besetzt
sind. Unter Umständen wird mir auch mein Büro als Schlaf-
und Wohnraum eingerichtet und ich ziehe mit der Arbeit in Bruder
Schochs Büro. Das wäre wohl bis auf Weiteres das Günstigste.
Zunächst habe ich es im Waldhaus gut, mit Bett, Ruhebett,
Schrank, Tisch, fließendem kalten und warmen Wasser, Tee
morgens und dem warmen Teil der Abendverpflegung. Da kann ich
nur dankbar sein.
An Sachen habe ich auch mehr als du fürchten wirst. - Eben
wieder eine Stunde Unterbrechung durch Alarm, Bomben im Stadtgebiet,
aber weniger Flugzeuge als gestern und vorgestern. - In der Ahnung,
daß ich nicht noch einmal in den Luftschutzbunker kommen
könnte, nahm ich meine Aktenmappe, Mutters Capes, die große
Werkzeughandtasche von Mutter mit meinen Schmucksachen zur Brandwache
mit nach oben. Der schwarze Luftschutzkoffer selbst blieb unten.
Oben packte ich zwischendurch in meinen großen Handkoffer
noch einige Kleider, etwas Leibwäsche, die Steppdecke und
die alte lila-graue Strickdecke, dazu einiges in mein kleines
schwarzes Handköfferchen. Meine Aktenmappe und Mutters Handtasche
nahm ich in den Rucksack, die beiden Koffer in die Hand. Dazu
kommt dann der Inhalt des Büroluftschutzkoffers und des Koffers
in Saarow, sowie des Kartons in Wehnde. Ich werde nächstens
Bestandsaufnahme machen. Waschzeug und andere wichtige Dinge aus
dem richtigen Luftschutzkoffer fehlen mir. Leider habe ich auch
meinen Muff, Bestecks usw. nicht mehr eingepackt. Immerhin habe
ich die nötigsten Kleidungs- und Wäschestücke während
Peter und Maria kein Kleid, keinen Anzug und nichts für das
Kind haben. Zwei Pfund Zucker für Frau Lefkes habe ich übrigens
auch! Aber all dein liebes schönes Eingemachtes und der reiche
Inhalt des Vorratsschrankes!
Ich aß im Büro Mittag, bat um Besorgung meiner Koffer
ins Waldhaus und Einkauf von Brot usw. und fuhr dann wieder auf
die gleiche Weise wie vorher zum Zoo. An der zerstörten Kaiser
Wilhelm Gedächtniskirche vorbei, gelangte ich zwischen Trümmern
und Bränden hindurch bis zur Stelle der früheren Pappel.
Das Franziskuskrankenhaus suchte die Feuerwehr noch zu retten.
Wilke und der Schuster bestehen noch - dann ist's aus. Paetzold
bedeutet für jeden von uns unter Umständen ein paar
geretteter Schuhe! Die Reste unseres stattlichen Hauses boten
einen trostlosen Anblick, die ganze Vorderfront eingestürzt,
nur ein paar Trümmer in die Luft ragend, mit dem Dachgitter
zu oberst. An der Stelle von Kalitzkys Laden brannte es noch.
Also keine Aussicht, daß vor Kriegsende die Trümmer
weggeschafft werden und festgestellt werden kann, ob aus den Kellern
noch etwas zu bergen ist. Bis heran ans Haus konnte ich gar nicht,
weil ein riesiger See alles überschwemmt hatte.
Ich konnte auch nicht rechts in die Keithstraße, sondern
mußte durch die Burggrafenstraße zurück durch
die Kurfürstenstraße gehen, Tante Lottes ist Haus auch
ganz ausgebrannt. Weiter. Einbiegen in die Nettelbeckstraße,
vor Trümmern und Rauch unmöglich! Weiter zur Woyrschstraße,
wo es besser war und wo ich eine Sammelunterkunft vermutete, die
ich dann im Bachsaal fand. Von Verwandtschaft wieder nichts zu
finden. Bei Kerzenlicht schrieben Beamte die ersten Fliegerschädenausweise
aus, so daß ich einen solchen bekam. Im übrigen wurde
ich ans Rathaus verwiesen. Ich konnte dann vom Nollendorfplatz
mit der U-Bahn bis Uhlandstraße fahren ohne Halt am Wittenbergplatz,
weiter über Zoo, Kaiserdamm, Witzleben hierher.
Frau Oberin empfing mich freundlich, nachdem ich als erstes hörte,
es sei schon Voralarm. Im Zimmer standen von ihr Blumen und Äpfel,
von Frl. Neumann usw. Blumen und eine liebe Karte, dazu meine
Sachen, auch von Frau Kagel für ihren Sohn gebackene Kekse.
Ich bekam dann auch gleich Abendbrot, und als ich gegessen hatte,
ging die Sirene. Zwei Stunden Alarm und Angriff, aber hier draußen
nicht schlimm. Danach sank ich nach gründlicher Reinigung
todmüde ins Bett. Aus einem angebotenen Bad war durch den
Alarm nichts geworden. Ich schlief fest.
Heute ging ich ins Büro. Es fehlten drei von uns aus dem
Norden, um die wir in großer Sorge sind. In der Nacht vorher
hatten wir nur einige, auch geringere Schäden. Dann kam Peter.
Er berichtete - ich war glücklich - über die nach Umständen
guten Nachrichten von ihm und den Seinen, Tante Lotte und Paula.
Er bekam bei uns noch Mittagessen, dann fuhren wir zusammen über
Westkreuz bis zur heutigen Endstation Beusselstraße und
liefen von dort zum Rathaus Tiergarten. Die S-Bahn fuhr nur stückchenweise,
desgleichen die U-.Bahn, während Straßenbahnen gar
nicht verkehren und Autobusse nur nach einigen Vororten, die sonst
nicht erreichbar sind. Auch auf diesem Weg ein Bild des Grauens
und viele noch anhaltende Brände. Das Rathaus steht noch,
hat aber auch starke Schäden. Leider war der Besuch erfolglos.
Peter bekam nicht einmal den Fliegerausweis. Wegen Unterkunft
für Maria wurde an die NSV verwiesen. Die Lebensmittelkartenausgabe
und die Geldauszahlung war schon gesperrt, weil es anfing dunkel
zu werden und kein Licht gab, auch Fenster und Verdunklungen meist
zerfetzt waren.
Wegen sonstiger Bezugsscheine verwies man uns an die alte Kartenstelle.
Abreisebescheinigungen gibt es erst, wenn Maria weiß wohin.
Das Abreisen ist auch dadurch ein Problem, daß zur Zeit
nur vom Götlitzer Bahnhof, von Wustermark und von Potsdam
Fernzüge fahren. S-Bahnzüge durch die Stadt gibt es
auch nicht. Wir trennten uns dann. Peter wollte vielleicht noch
wegen des Fliegerschadenausweises zur Derfflingerstraße
und unter Umständen zur Nettelbeckstraße 20. Ich ging
durch Turmstraße und Alt Moabit zur Spenerstraße.
Trümmerhaufen! Lotte Rogalls Haus steht noch. Sie war nicht
da. Ich habe sie gebeten zu versuchen, über Tante Luises
Verbleib etwas festzustellen. Nun wieder zu Fuß zurück
zum Bahnhof Beuselstraße und von dort hierher.
Nun will ich lieber schlafen gehen. Hoffentlich bekomme ich auch
von Dir Post. Irgendetwas an Sachen nach Berlin zu schicken scheint
jetzt zwecklos.
Herzlich grüßt und küßt Dich
Deine Barbara"
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