Zwar bin ich im September 1908 in Magdeburg geboren, betrachte
mich aber als Berliner da meine Mutter - nach dem frühen
Tode des Vaters - bereits im Frühjahr 1910 mit mir und meinen
3 älteren Geschwistern nach Berlin übersiedelte, wo
in ihrem Elternhaus eine passende Wohnung zur Verfügung stand.
In Berlin wuchs ich auf, ging da auf das Luisenstädtische
Realgymnasium und studierte an der Technischen Hochschule (heute
TU). Meine erste Berufstätigkeit war in Hennigsdorf bei Berlin.
Erst 1937 ging ich nach Westdeutschland.
Das Elternhaus meiner Mutter lag in der Luisenstadt "diesseits
des Kanals", unweit vom Spittelmarkt. Dort erlebte ich das
Ende des Ersten Weltkrieges und ab dem 9. November 1918 auch ziemlich
hautnah die Revolution und die Zeit der Spartakus-Aufstände.
Denn unser Haus lag nicht weit vom Königlichen Marstall (beim
Schloß), vom Polizeipräsidium am Alexanderplatz und
vom Druck- und Redaktionshaus des sozialdemokratischen "Vorwärts"
in der Lindenstraße. Besonders nah lag die Reichsdruckerei
(Ecke Ritter-Straße und Alte Jakob Straße). Alle vier
genannten Gebäude waren Haupt-Brennpunkte der Kämpfe
zwischen den Spartakisten (Kommunisten) und den bewaffneten Verbänden
(u.a. Freikorps), die die provisorische Regierung, den "Rat
der Volksbeauftragten" (SPD und anfänglich auch USPD),
stützten.
Mit Unterbrechungen zogen sich diese Kämpfe wochenlang hin.
Von unserer Wohnung hörten wir das MG- und -vom Schloß
her- gelegentlich Geschützfeuer. Am Tage ließen wir
bei näheren Schußwechseln die Jalousien der Fenster
herunter, um uns vor verirrten Kugeln zu schützen. Wir fanden
auch einmal einige im Treppenhaus. Nachts ließ uns unsere
Mutter manchmal aufstehen, um eventuell in den Keller flüchten
zu können. Dazu kam es aber nie.
Überhaupt - im Rückblick kaum verständlich - ging
das Leben leidlich normal weiter, gingen wir ohne nennenswerte
Unterbrechung zur Schule. Anfang 1919 allerdings einige Wochen
in die benachbarte Luisenstädtische Oberrealschule - halbwöchentlich
alternierend im Vor- und Nachmittag-Unterricht -, da unser Schulgebäude
zur Unterbringung von Truppen geräumt werden mußte.
Ich bin heute noch erstaunt, daß unsere sorgliche Mutter
mich 10-Jährigen mit meinem 13-jährigen Bruder am Morgen
des Heiligabend 1918 zu einem Besuch nach Neukölln, einem
damals recht unruhigen Vorort, gehen ließ.
Auch ist es erstaunlich, daß die provisorische Regierung
bereits für den 19. Januar 1919 die Wahl zur Verfassungsgebenden
Nationalversammlung ausschreiben konnte (die dann in Weimar zusammentraf)
und sich dafür auch bürgerliche Parteien organisieren
konnten. Meine Mutter engagierte sich für eine dieser Parteien.
Meine Schwester, die damals schon Studentin der Staatswissenschaften
war, hielt in einem evangelischen Gemeindehaus eine überparteiliche
Rede vor Frauen, um diese in ihre neuen Rechte und Pflichten
als Stimmbürgerinnen einzuführen. Aber sie ging
auch - mit mir als "männlichem Schutz"- durch Häuser,
um Werbezettel für die bürgerliche Partei zu verteilen.
Ich erinnere mich, daß wir im Treppenhaus eines Vielfamilienhauses
eine junge Frau an einer offenen Wohnungstür antrafen. Die
rief in die Wohnung zurück: "wat wähln wir'n?"
Eine Männerstimme aus dem Hintergrund: "Scheidemann"
(SPD). Meine Schwester: "Lesen Sie sich das mal durch. Wenn
der Herr auch Scheidemann wählt, können Sie doch eine
andere Partei wählen".
Damals gab es noch keine "Amtlichen Stimmzettel". Jede
Partei druckte und verteilte Stimmzettel (etwa DIN A6) mit ihrem
Namen und den der ersten Kandidaten in dem betreffenden Wahlkreis.
An dem eisig kalten 19.01.1919 standen wir 13 bzw. 10 Jahre alten
Brüder stundenlang - mit gelegentlicher Ablösung - vor
einem Wahllokal in der Ross-Straße in Berlin-Mitte und teilten
Stimmzettel der von unserer Mutter favorisierten Partei an die
hineingehenden Wähler aus.
In den Schulklassen - auch in meiner Quinta- bildeten sich eine
blaue und eine rote Partei, je nach Einstellung der Eltern in
mehr nationaler oder sozialistischer Richtung. Aber es kam nie
zu ernstlichen Auseinandersetzungen.