Im Februar des Jahres 1945 war ich 12jähriger Schüler eines
Internates in Klotzsche bei Dresden.
Klotzsche liegt auf dem östlichen "Hochland" von Dresden und grenzt
an die Dresdner Heide.
Dann kam die Nacht des Schreckens für die Dresdner Zivilbevölkerung.
Über den Sinn und den militärischen Nutzen dieses Bombardements
auf Frauen und Kinder wurde schon viel geschrieben, es kann aber nicht
genug sein.
Wir Schüler wurden vor Mitternacht geweckt und da wir keine ausreichenden
Kellerräume gegen Fliegerangriffe hatten, begaben wir uns in die im
Wald angelegten Splitterschutzgräben.
Wenn sich eine anglo-amerikanische Fliegerbombe verirrt hätte,
wären wir verloren gewesen. Die Spitterschutzgräben waren große
Gräben im Sandboden, zu ebener Erde mit Holzstämmen abgedeckt
und darauf ein Sandhaufen geschüttet. So saßen wir müde
und eng einander gepreßt, und durch die Bombeneinschläge bzw.
durch die Erschütterungen in der im Tal gelegenen Stadt, rieselte
der Sand auf uns nieder.
Schulbeginn war morgens wie immer, doch nach dem Frühstück
hieß es: Fertig machen zum Einsatz, wir müssen den Leuten aus
der Stadt helfen. Konkret sah das so aus:
Auf der Hauptstraße aus Richtung Dresden bewegte sich am Morgen
ein nicht endenwollender Zug kläglicher Gestalten, die wenig Menschliches
mehr zeigten. Diesen wie geistesgestörten Leuten sollten
wir ihre Habseligkeiten tragen helfen und sie zu Notunterkünften geleiten.
Viele hatten schwarze Brandwunden, alle waren total erschöpft.
Ich weiß noch genau, daß ich den Wäschebeutel einer
alten Frau trug, die immerzu etwas von ihrem Kanarienvogel murmelte und
ihren Möbeln. Ansprechbar waren diese Leute nicht, daher fragten wir
nicht lange und nahmen ihnen ihr Gepäck, soweit vorhanden, einfach
aus den Händen.
Es ging schon auf Mittag zu, als einige Jagdbomber aus allen Rohren
feuernd sich förmlich auf die Flüchtlinge stürzten.
Ein Inferno brach aus.
Etwa 2 bis 3 Meter vor mir sah ich einen Mann, der sich umdrehte und
nach seinem Hintern sah. Doch der war weg, jedenfalls der größte
Teil. Ich sah einen großen Knochen hervorstehen, doch es floß
kein Blut. Dann brach er zusammen. Andere lagen schreiend am Boden, Frauen
und Kinder, viele ohne Köpfe, Arme und Beine.
Die Angreifer flogen so tief, daß man ihre bebrillten Köpfe
in der Kanzel sah; d. h. sie mußten ebenfalls sehen, worauf
sie mit ihren Bordkanonen und Maschinengewehren feuerten.
So setzten die "tapferen" (eine Fliegerabwehr gab es nicht) anglo-amerikanischen
Flieger ihrem nächtlichen Morden auf die friedliche Stadt Dresden
noch einen drauf.
Diese Wahrheit zeigen sie nicht in ihren Hollywoodfilmen.
Aus reinem Selbstschutz warfen mein Schulkamerad und ich die Wäschebündel
der Flüchtlinge weg und rannten was wir konnten durch die Vorgärten
in den nahen Wald. Erst am späten Nachmittag meldeten wir uns wieder
in der Schule, die waren hocherfreut uns lebend wiederzusehen.
Zwei Tage später kam ein besorgter Vater mit seinem Holzgas-LKW
aus Zwickau um seinen Sohn zu holen. Ich holte mir die Erlaubnis zum Mitfahren,
packte etwas Kram ein, die Bettwäsche vergaß ich zum Ärger
meiner Mutter, und so kam ich auf Umwegen, aber gesund zur Freude meiner
Mutter wieder nach Hause.
Wenn wir nicht vergessen wollen, dann so etwas auch nicht.