Könige müßten Philosophen sein und Philosophen Könige
Zwölf von den ersten Jahren des vergangenen Jahrhunderts
waren fast vergangen, als ich geboren wurde. Zwei weitere sollten
noch in dem langen Frieden vergehen, bis ich mit dem Wort Krieg
auch das Wort "Sieg" gehört haben muß. Ich
verstand nichts davon, aber von dem Sieg, an den ich mich erinnere,
bekam ich auch einen deutlichen Begriff: Auf dem Arm meiner Mutter
hörte ich die Kirchenglocken läuten, der Himmel war
blau und überglänzt vom Sonnenlicht. Die Wörter
"Sieg", "Wir haben gesiegt" blitzten mit in
der Sonne. In den folgenden Jahren erschien mir der Himmel, ohne
daß ich mir dessen bewußt war, immer grauer. Ich hörte
an der Hand meiner Mutter immer wieder in ihren Gesprächen
die Sätze: "Der ist auch gefallen ....", "Der
ist im Felde geblieben....". Am Ende des Krieges kam mein
Vater heil zurück, in der Luft, in der Stimmung aber blieb
das Grau Hintergrund, auch wenn es sich dann immer mehr aufhellte.
Sparen, schonen und Sorgen wurden selbstverständlich. Da
die Kindheit und die Jugend fast immer - auch in Notzeiten - ihre
Freuden, ihren Übermut und ihr Vergnügen hat und leicht
entbehren kann, was sie nicht kennt, lachte uns das Leben ins
Gesicht. Aber wir bekamen auch einen Begriff von der wirklichen
Not: An den Straßenecken standen die arbeitslosen jungen
Männer oder Kinder aus elenden Familien und vom Krieg übrig
gebliebene Krüppel. Ich konnte mir dies und das Verhalten
vieler Menschen nicht erklären, ich litt bis in den Schlaf
hinein an schrecklichen Träumen, an der Angst vor Gewalt
und Rohheit. So blieb das Schwarz-Weiß der Geschichte immer
über uns.
Es lichtete sich bei mir auch nicht, als die Nationalsozialisten
allmählich auf den Plan traten. Als sie ihre Reden hielten,
dann die Jugend organisierten, fing ich an, die in die Richtung
Drängenden nach ihren Motiven zu fragen. Es konnte mich nicht
verlocken oder mitreißen. Auch meine Eltern sahen zu viele
Schwachstellen. Als ich in meinem ersten Studiensemester im Januar
1933 in Innsbruck im Krankenhaus lag, hörte, ich am 31. Januar,
daß Hitler zum Reichskanzler gewählt worden war. "I
bin a Hitler!" rief meine Bettnachbarin. Ich hielt sie für
verrückt und albern. In meinem zweiten Semester in München
fiel mir die Menge der in SA-Uniform gekleideten österreichischen
Studenten auf. In meinem Freundeskreis tuscheltelten wir uns die
neuesten schrecklichen Verse aus den SA-Liedern gegen die Juden
zu. Wir hörten die Fastenpredigten des Kardinals Faulhaber
und erlebten, wie ihm draußen laut zugejubelt wurde. In
den Vorlesungen wehrten sich Philosophie- und Theologieprofessoren
mit einigen deutlichen Sätzen gegen Anschuldigungen der Nationalsozialisten
gegen sie.
Niemand ahnte etwas von dem Ausmaß an Gewalt und Terror,
das sich damals vorbereitete. Auch die nicht, die man mahnen und
warnen hörte. Ich war mit einigen Münchner Familien
befreundet. Man politisierte so gut wie gar nicht. Aber mein Besuch
bei einer Diplomaten-Witwe stürzte mich in die düsterste
Stimmung: Sie hatte bei einem Gesandtschaftsessen neben wichtigen
Politikern des Auslands gesessen und Meinungen gehört, die
ein Gewitter am Himmel Europas aufsteigen sahen, das mit seinem
Wetterleuchten die weitausgestreute Begeisterung für Hitler
und sein Vorgehen gespenstisch beleuchtete, wenigstens immer wieder
für mich. Viele Arbeitslose konnten ja in Hitler den Befreier
begrüßen, viele in seinen bald erklärten Krieg
ziehen in der festen Überzeugung, nach einigen Wochen wieder
daheim zu sein. Dieser Glaube, der sich zunächst aus lauter
eigensüchtigen Wünschen zusammensetzte und natürlich
auch aus Not und Armut, der machte die Menschen zum Teil blind
für die Wahrheit. Es fingen auch nüchterne, sachliche
und intelligente Menschen an, Hitler zu bewundern, seine Erfolge
anzuerkennen.
Erst als Hitler Rußland den Krieg erklärte und in dieses
weite, weite Land einmarschierte, begann man umzudenken. Wer aus
dem einfachsten Schulunterricht behalten hatte, wie es Napoleon
dort ergangen war, mußte besorgniserregende Vorstellungen
bekommen. Denn nicht nur die Erfahrung eines russischen Winters,
sondern allein schon das geographische Bild dieses Landes mußte
alle erschrecken. Mir kam dazu immer der Gedanke: Wie ein kleiner
Schoßhund, der gegen einen Bären an will. Und politisch
gedacht: Sollten wir dort siegen und Fuß fassen, wie wollte
man das ganze Land regieren, besetzt halten und beherrschen? Wie
können Menschen mit Verstand - und den hat ja jeder - sich
so blenden lassen! Der Wunsch aufzuschauen zu einem Oberhaupt,
einem Vorbild, zu der schützenden, behütenden, anregenden
Macht steckt in den Menschen. Jeder wurde in dieses Netz der Entwicklung
hineingeflochten und so auch fast jedes Land der Erde in den Krieg.
Mein erster Mann ist über Prenzlau abgestürzt, aus einem
brennenden Flugzeug abgesprungen, aber der Fallschirm entfaltete
sich nicht mehr. Als Physiker bei einem Erpobungsflug mit 28 Jahren.
Erprobt wurden die Flugzeuge für die Sturz- und Trudelflüge
an der Front gegen den "Feind", den Feind, den es gar
nicht gab, der nur hingestellt wurde, um Kampf- und Machtgier
im Menschen zu wecken. Eine Gruppe von Menschen brachte es fertig,
einen Weltbrand zu entfachen. Wie ist das möglich? "Könige
müßten Philosophen sein und Philosophen Könige",
so dachte Platon. Nur die Weisheit kann die Gerechtigkeit herbeiführen.
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