Am 6. Februar überreichte ich mein Beglaubigungsschreiben,
da noch kein Reichspräsident gewählt war, dem Reichsaußenminister
Grafen Brockdorff-Rantzau. Dieser Mann - der Graf malgré
lui wie ihn seine Feinde nannten - hatte aus durchaus ideellen
Gründen eine schwere Aufgabe übernommen und hat sie
mannhaft durchgeführt, solange er es vor seinem Gewissen
verantworten konnte. Zu seinen Ministerkollegen, wie Scheidemann,
Bauer, Preuß, Erzberger bildete dieser innerlich wie äußerlich
vornehme Mann zuweilen einen seltsamen Gegensatz.
Am gleichen Tag trat die Nationalversammlung zum ersten Male im
Nationaltheater zusammen, das von da ab der Schauplatz unserer
Tätigkeit wurde. Zuschauerraum und Bühne waren für
die Plenarsitzungen wohl adaptiert; aber die Sitzungen in den
niedrigen Nebenräumen (Ballettsaal usw.) waren wegen der
schlechten Luft und des Tabakrauchs zuweilen eine rechte Qual.
Am 10. Februar wurde die provisorische "Reichsverfassung"
verabschiedet; am 11. Februar Ebert zum Reichspräsidenten
gewählt. Seine Eidesleistung fand vor der Nationalversammlung
und dem Staatenausschuß in den frühen Nachmittagsstunden
statt, in denen ich, da ich Frühaufsteher bin, mein ganzes
Leben hindurch arbeitsunfähig gewesen bin. Infolgedessen
bin ich auf dem Lichtbild, das über die Vereidigung aufgenommen
wurde, neben Graf Brockdorff-Rantzau schlafend zu sehen. Viel
Sinn für Feierlichkeiten habe ich nie gehabt.
Es verstimmt mich auch heute noch, wenn ich Ebert absprechende
oder geringschätzige Worte höre. Das hat der Mann, der
in den Sielen gestorben ist, nicht verdient. Die 14 Jahre der
deutschen Demokratie haben viele Bonzen hervorgebracht, aber er
war keiner. Er hat in seiner Weise ehrlich um Deutschland gesorgt
und gemüht. Er hat mit eiserner Energie seine Bildung und
sein Wissen ergänzt. Er hat sich immer bemüht, gerecht
zu sein, und er ist bis zuletzt der einfache, schlichte, freundliche
Mann aus dem Volke geblieben.
Auch seine Frau hat zu den perfiden Witzen, die über sie
kolportiert wurden und unter denen sie seelisch litt, keinen Anlaß
gegeben. ("Als Frau Ebert beim Diner sich mit Gabel auf dem
Haupte kratzte, blieb sämtlichen Ministern vor Schrecken
das Messer im Munde stecken"). Meine Frau fand, daß
sie sich tadellos in Gesellschaft gebe und rühmte ihr schlichtes
und gewinnendes Wesen.
In Weimar bestand der Tag im Wesentlichen aus Sitzungen, zumal
nachdem der Verfassungsentwurf des Ministers Preuß vorlag
und der ruhelose Erzberger das Füllhorn seiner Finanzgesetze
über uns ausleerte. Früh und nachmittags Sitzungen des
Staatenausschusses, dazwischen und gleichzeitig Verfassungs-,
Haupt-, Finanzausschuß und Plenum der Nationalversammlung.
Wir genügten zu Dritt kaum, um überall Präsenz
zu leisten. Dann und wann kam auch der Ministerpräsident
Grandnauer oder einer der Minister von Dresden auf einen Tag herüber.
Mein Leben war ziemlich unstet. Zeitweise mußte ich nach
Dresden, um als Abgeordneter für die Volkskammer an deren
Sitzungen teilzunehmen; dann wieder war meine Anwesenheit in Berlin
nötig, wo ich in der Gesandtschaft nach dem Rechten sehen
mußte.
In Weimar war für die Ernährung ziemlich gesorgt, allerdings
unter Aufrechterhaltung des Markensystems. Nur eine Gastwirtschaft,
in der die Unabhängigen Sozialdemokraten ihr Lager aufgeschlagen
hatten --ich glaube sie hieß "Der Jungbrunnen"
- gab es Fleischportionen ohne Fleischmarken zu fordern, und deswegen
kehrten dort auch die Mitglieder des Staatenausschusses und der
Rechtsparteien gelegentlich verschämt ein. [...]
Der Anschluß Österreichs an Deutschland galt in den
Linksparteien der Nationalversammlung als ausgemachte Sache. Der
österreichische Gesandte, der Kommunist Dr. Hartmann, nahm
an allen Sitzungen der Nationalversammlung teil. Die Verhandlungen
zwischen den Regierungen über den Anschluß verliefen
freilich ziemlich mühsam und scheiterten schließlich
ganz; wir hatten den Österreichern schon allerhand zugestanden.
So sollte z.B. der Reichstag abwechselnd 3 Jahre in Berlin und
3 Jahre in Wien tagen, damit Wien sein hauptstädtischer Charakter
erhalten bleibe.
Die letzte Sitzung, an der ich teilnahm, war meines Erinnerns
am 23. Mai 1919. Dann kam der Versailler Vertrag, der den Anschluß
unmöglich machte. Hätten wir den Anschluß, bevor
der Friedensvertrag formuliert war, schnell vollzogen, so hätten
die alliierten Mächte vor einer vollendeten Tatsache gestanden,
die kaum von außen rückgängig zu machen gewesen
wäre. [...]
Die Beratung über die Reichsverfassung hielt uns viele Stunden
des Tags in den Ausschüssen der Nationalversammlung und im
Staatsausschuß fest. Es war schon eine seltsame Mischung,
die die Welle zur gesetzgebenden Nationalversammlung an den Strand
gespült hatte; Leute, von denen man nie vorher etwas gehört
hatte, die das große Wort führten und die genauso sang-
und klanglos wieder verschwanden, wie sie gekommen waren. Das
Unangenehmste, insbesondere für uns Sachsen, die wir an diesen
Kummer noch nicht gewöhnt waren, waren die zahlreichen Juden,
die sich überall in den Vordergrund drängten, vom Schöpfer
des Verfassungsentwurfes, dem Minister des Inneren Dr. Preuß,
einem reinrassigen Juden, angefangen. Ich schrieb darüber
aus einer Sitzung, ich glaube des sogenannten Untersuchungsausschusses
über die Kriegsschuldlüge am 7. November 1919, an meinen
Freund Surmann ein Gedicht, das ich hierher setze als Zeugnis,
daß lange vor den Nationalsozialisten das Rasseempfinden
schon wach war:
Im Reichstagssaale sitzt ein Kreis
Von Leuten, die mit viel Fleiß
Und vielen Fragen kreuz und quer
Das Rätsel lösen wollen: wer
Durch Wankelmut und Unverstand
Deutschland gebracht an Grabes Rand?
Wen rief das Deutsche Volk herbei,
Der seiner Führer Richter sei?
Den Kohn, den Bonn, den Katzenstein,
Den Sinzheimer, den David klein.
Das ist der Deutschen Staatsgericht!
Ich staun', daß man nicht "Jiddisch" spricht!
In Bildern an des Saales Wand
Sprach eines ernsten Künstlers Hand
Von Deutschen Reiches Herrlichkeit
In großer siegesstolzer Zeit.
Die große Zeit versank in Nacht -
Im Saale sitzt die Totenwacht.
Es peroriert mit Mund und Hand,
Wie wohl das Unheil kam zustand?
Der Kohn, der Bonn, der Katzenstein,
Der Sinzheimer, der David klein:
Das ist das krause Satyrspiel
Zu der Tragödie: Deutschland fiel.
Interessant war es, die sozialdemokratischen Führer zu beobachten.
Sie wurden ja nicht alle zu Bonzen, wie man das später behaupten
wollte. Aber sie wurden alle zu sorgenvollen Spießbürgern.
Gerade die Besten von ihnen, die die soziale Revolution betrieben
und herbeigesehnt hatten, waren durch die Verantwortung, die nunmehr
auf ihren Schultern ruhte, so beeindruckt und bedrückt, daß
sie das Parteiprogramm still in den Tischkasten legten und unbekümmert
um Doktrinen sich ganz der Pflicht des Tages zuwendeten. Ich erinnere
mich noch einer Sitzung, in der der Reichsminister Wissell, ein
kluger und ehrlicher Mann, die von vielen erwartete Sozialisierung
der Produktionsmittel als bis auf Weiteres undurchführbar
und unmöglich fallen ließ.
Die schwerste Belastung in Weimar war das Friedensdiktat von Versailles;
im Juni 1919 war die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung
nicht mehr hinauszuschieben. Die Verantwortung, die damit verbunden
war, ging ins Ungeheure. Die Annahme entehrte und richtete die
Nation zu Grunde; die Ablehnung lieferte das Reich Erpressungen
aller Art aus und ließ mit Sicherheit die wenigstens zeitweise
eine Bolschewisierung Deutschlands erwarten.
Die Geister schieden sich: in der Reichsregierung stand Graf Brockdorff-Rantzau,
der vom Ehrenstandpunkt aus unbedingt ablehnte, dem leichtsinnigen
Optimisten Erzberger gegenüber, der für Unterzeichnung
war, "weil solche Sachen nie so schlimm werden, wie sie aussehen".
Die übrigen Mitglieder schwankten zwischen diesen beiden
Extremen, neigten aber doch aus der Erwägung, daß ein
Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende sei, der
Annahme zu.
Im Staatenausschuß waren alle Leute vom Ancien régime
für Ablehnung. Die Anerkennung der Schuld am Kriege und die
Auslieferung des Kaisers und der obersten Heerführer verstieß
gegen die Ehre der Nation; da konnte es kein Kompromiß geben.
Ich und andere Gesandte berichteten an ihre Regierung, daß
wir nicht in der Lage seien, die Stimmen, die wir vertraten, für
die Annahme des Vertrages abzugeben und stellten anheim, daß,
wenn man unsere Stellungnahme nicht billige, die Ministerpräsidenten
selbst nach Weimar kommen und die Stimmführung übernehmen
möchten. Das geschah denn auch. Die Mehrheit der Staaten,
darunter Sachsen durch Dr. Gradnauer, stimmten für die Unterzeichnung.
Interessant war die Stellung der Nationalversammlung. Eine Nacht
und einen Vormittag dauerten die Fraktionsitzungen, in denen immer
wieder und immer wieder mit anderem Ergebnisse abgestimmt wurde.
Ich glaube, man konnte die Herzensmeinung aller Parteien dahin
formulieren: Annahme des Vertrages - aber gegen die eigene Stimme.
Die Angst vor der eigenen Courage trieb kuriose Blüten. Das
Ergebnis der Abstimmungen in den Fraktionen wurde jeweils in den
Wandelgängen mitgeteilt; und wenn darnach momentan eine Mehrheit
für die Ablehnung ergab, war der Schrecken bei den ablehnenden
Parteien groß.
Nun, es kam schließlich zur Annahme des Vertrages. Was in
jener furchtbaren Lage für das deutsche Volk erträglicher
war, die Annahme oder die Ablehnung, das kann auch heute noch
niemand sagen und wird in alle Ewigkeit niemand sagen können.
Gewiß ist nur eines: ehrenhafter wäre die Ablehnung
gewesen!
[...] Ende Juli 1919 kehrte die Reichsregierung nach Berlin zurück;
wir brachen unsere Zelte in Weimar endgültig ab, nicht ohne
Bedauern: Weimar hatte uns in diesen Monaten oft die Möglichkeit
geboten, die unsäglich traurige Gegenwart wenigstens für
Stunden zu vergessen, wenn wir in den Spuren Goethes, Schillers,
Wielands und Herders wandelten.