Am 30. Januar trat der große Umbruch in Deutschland ein;
Hitler übernahm die Führung. Damit begannen für
mich die schwersten Jahre des Lebens.
Ich litt unter der Erniedrigung und der Schmach der Nachkriegsjahre
schwer. Eine Auflehnung dagegen war, solange Deutschland moralisch
zermürbt und materiell ohnmächtig war, unsinnig und
hätte nur zum Einmarsch der allzeit bereiten Kriegsgegner
und zur völligen Zerrüttung des Landes geführt.
Mit unendlicher Geduld und Kleinarbeit war immerhin in jenen Jahren
manches erreicht worden: Wir hatten uns aus den tödlichen
Fesseln der Reparationen befreit. Wir hatten den Rahmen eines
künftigen Reichsheeres geschaffen und den Spartakismus niedergeschlagen.
Wir hatten die Besetzung des Rheinlandes rückgängig
gemacht. Es ist historisch nicht richtig, und es ist nicht gerecht,
wenn der Nationalsozialismus die Sache so darstellt, als sei in
diesen 14 Jahren überhaupt nichts für den Wiederaufbau
Deutschlands geschehen.
Aber ich und viele andere sahen ein: das war alles nur Wegbereitung.
[...] Die alte Generation, zu der ich gehörte, war verbraucht;
sie würde nicht die Kraft haben, eine neue Zeit heraufzuführen.
Die mittlere Generation lag begraben auf den Schlachtfeldern.
Und die junge Generation, die 15-30jährigen schienen uns
noch nicht reif. Wie immer, wenn die tragende mittlere Generation
ausgefallen ist, standen sich Alter und Jugend verständnislos
gegenüber.
Aber dazu kam noch zweierlei: Infolge der Herabsetzung der Sterblichkeit
waren die alten Leute viel zu zahlreich geworden, und infolge
ihrer gegen frühere Zeit gestiegenen Rüstigkeit waren
sie wenig bereit, von der Bühne des Lebens abzutreten. Und
infolge der katastrophalen Arbeitslosigkeit fand andererseits
die heranwachsende Jugend keine Arbeitsplätze und lungerte
ohne Beschäftigung und Lebenszweck herum.
Es blieb der Jugend, die ein neues Ideal in sich trug und ein
neues Ziel erreichen wollte, gar nichts übrig, als mit Gewalt
die Alten aus ihren Stellungen herauszuwerfen und selbst die Zügel
der Regierung zu ergreifen.
Damals sah freilich auch ich die Dinge nicht in dieser schonungslosen
Beleuchtung. [...] Wohl hörten wir vom Aufstieg des Führers
und der gewaltigen Begeisterung der ihm zuströmenden Jugend.
Aber wir hatten in Prag keinen unmittelbaren Eindruck und vermochten
an dieser Begeisterung nicht teilzunehmen. Ich war, als ich nach
Prag ging, aus der Deutschen Volkspartei ausgetreten, also parteilos
geworden, weil ich als Vertreter des Reiches keine Bindung außer
meinem Amte tragen wollte. Ein Anschluß an die neue Bewegung
in der Heimat kam aus dem gleichen Grunde nicht in Frage. [...]
Das Vorgehen der Nationalsozialistischen Partei gegen die Juden,
Sozialdemokraten und Kommunisten erregte in der ganzen Welt Empörung
und Entsetzen. Und dies Gefühl wurde von der ausländischen
Presse um so eifriger gepflegt und vertieft, als es sich ja um
drei internationale Mächte handelte, die dabei die Angegriffenen
waren. Wenn in Deutschland der gesamte Adel hingeschlachtet worden
wäre - die internationale Presse hätte gleichmütig
zugeschaut. Aber das Bismarcksche Wort, daß sich in New
York ein Wehgeschrei erhebt, wenn man in Berlin einem Juden ein
wenig auf die Zehen tritt, bewahrheitete sich wieder.
In Prag waren alle Teufel los! Hier gingen die Wogen am höchsten.
Alles Gesindel, dem in Sachsen der Boden zu heiß wurde,
strömte hier zusammen. Auch eine ganze Anzahl prominenter
Juden und Sozialdemokraten suchte hier Zuflucht; meist ohne alle
Geldmittel, einige davon verwundet und bandagiert. Sie erzählten
den Passanten in den Straßen die schrecklichsten Greuelgeschichten
und logen das Blaue vom Himmel herunter. Aber die Prager Einwohner
glaubten alles.[...]
Die Gesandtschaft sah sich in ein paar Tagen vollkommen isoliert.
Kein Hund nahm mehr einen Bissen Brot von uns! Unsere tschechoslowakischen
und ausländischen Freunde und Bekannten zogen sich scheu
zurück. Die Blätter brachten ihre Greuelmeldungen in
großer Aufmachung, insbesondere der "Sozialdemokrat"
setzte darüber riesige Schlagzeilen: "Herr Gesandter
Koch, was sagen sie dazu?" "Herr Gesandter Koch, Ihr
Minister belügt Sie!" "Herr Gesandter Koch, warum
schweigen Sie jetzt?"
Es war schwer, die Ruhe zu bewahren; aber kaltes Blut war vonnöten.
Von Berlin kam in sehr energischen Tone die Weisung: zu dementieren,
den Greuelmärchen mit größter Energie entgegezutreten.
Ich schrieb sofort zurück: "Ich bin bereit, meine ganze
Person einzusetzen, wenn mir das Auswärtige Amt die Unterlagen
liefert. Aber ich lehne es ab, durch leichtfertige Dementis meine
Ehre, meinen durch lange Jahre erworbenen Ruf als Mann, der der
Wahrheit dient, hinzuopfern." [...]
Am 20. April 1933 wehte zum ersten Male die Hakenkreuzflagge vom
Gesandtschaftsgebäude. Aus dem Reiche kamen zeitweilig Parteigenossen
mit dem angeblichen Auftrage der Partei, die Haltung der Gesandtschaft
zu überwachen. Es waren üble Subjekte darunter, die
in den Cafes gegen uns hetzten; sie fielen gewöhnlich nach
einiger Zeit in die Hände der tschechischen Polizei. Denn
die tschechische Regierung verfolgte jeden, der sich zur nationalsozialistischen
Partei Deutschlands bekannte und in Böhmen getroffen wurde,
strafrechtlich und belegte ihn mit schweren Freiheitsstrafen.
Die Partei in Deutschland hatte zur strafrechtlichen Verfolgung
ihrer Mitglieder selbst die Handhabe geliefert: Punkt 1 des nationalsozialistischen
Programms, das nach §1 der Parteisatzung unabänderlich
ist, bestimmt, daß alle an Deutschland angrenzenden, von
Deutschen bewohnten Gebiete mit dem Reiche zu einem Großdeutschland
zu vereinigen seien. Jeder Nationalsozialist war auf diese Programm
verpflichtet, und, da es die Losreißung von Gebietsteilen
der Tschechoslowakei vorsah, nach tschechischem Recht ein Hochverräter
und wurde als solcher verfolgt.