An eines mußte ich mich in Prag freilich erst gewöhnen.
Ich hatte in Deutschland niemals gesellschaftlichen Umgang mit
Juden gehabt. Hier in Prag war fast jeder Deutscher der Gesellschaft
ein Jude oder Judenstämmling. Wenn hier einmal die Großeltern
nachgeprüft würden - es würden ganz wenige reine
Arier übrig bleiben. Deswegen ja auch die Spannung zwischen
dem Grenzlanddeutschtum und dem Prager Deutschtum: das erstere
ist durchaus antisemitisch und erkennt die Prager überhaupt
nicht als Deutsche an.
Ich habe immer ein stark ausgeprägtes Rassegefühl gehabt
und das Wesen des Juden als etwas mir vollkommen fremdes empfunden.
Einen Juden in meine Familie etwa durch Heirat eintreten zu sehen,
war mir ein unmöglicher Gedanke. Ich hielt einen gewissen
Abstand von fremden Rassen, insbesondere den Juden; aber ich haßte
sie nicht - wie ich überhaupt, zuweilen zum Leidwesen meiner
Frau, ein schlechter Hasser gewesen bin. Ich hielt es mit Geothe:
"Selig, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt!"
Hier in Prag freilich mußte ich die Distanz gegenüber
dem Judentum schon etwas verringern, und zwar im Interesse des
Reiches. Woher sollte ich sonst die Informationen, ohne die ein
Gesandter nicht wirken kann, erhalten? Die Finanzen, der Handel
und die Industrie lagen doch fast ausschließlich in den
Händen der Juden; von den Tschechen, die sich dazwischen
fanden, hatte ein Deutscher keine vertraulichen Mitteilungen zu
erwarten.
Ich habe unter den Juden Prags neben einer Unmenge von üblen
Typen auch eine Anzahl von Männern getroffen, denen ich meine
Hochachtung nicht zu versagen vermag. Männer, die zu Deutschland
mit Verehrung und Liebe aufblickten, die sich als Deutsche fühlten
und die ihre Gesinnung auch durch die Tat bewiesen, indem sie
insbesondere in der Zeit der deutschen Inflation deutsche Anstalten
und Familien mit Geld reichlich unterstützten.