Erinnerungen von Walter Koch (* 1870)
aus Dresden, ab 1921 deutscher Botschafter in Prag
, (DHM-Bestand):
   Antisemitismus


Juden in Prag


An eines mußte ich mich in Prag freilich erst gewöhnen. Ich hatte in Deutschland niemals gesellschaftlichen Umgang mit Juden gehabt. Hier in Prag war fast jeder Deutscher der Gesellschaft ein Jude oder Judenstämmling. Wenn hier einmal die Großeltern nachgeprüft würden - es würden ganz wenige reine Arier übrig bleiben. Deswegen ja auch die Spannung zwischen dem Grenzlanddeutschtum und dem Prager Deutschtum: das erstere ist durchaus antisemitisch und erkennt die Prager überhaupt nicht als Deutsche an.

Ernennungsurkunde Ich habe immer ein stark ausgeprägtes Rassegefühl gehabt und das Wesen des Juden als etwas mir vollkommen fremdes empfunden. Einen Juden in meine Familie etwa durch Heirat eintreten zu sehen, war mir ein unmöglicher Gedanke. Ich hielt einen gewissen Abstand von fremden Rassen, insbesondere den Juden; aber ich haßte sie nicht - wie ich überhaupt, zuweilen zum Leidwesen meiner Frau, ein schlechter Hasser gewesen bin. Ich hielt es mit Geothe: "Selig, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt!"

Hier in Prag freilich mußte ich die Distanz gegenüber dem Judentum schon etwas verringern, und zwar im Interesse des Reiches. Woher sollte ich sonst die Informationen, ohne die ein Gesandter nicht wirken kann, erhalten? Die Finanzen, der Handel und die Industrie lagen doch fast ausschließlich in den Händen der Juden; von den Tschechen, die sich dazwischen fanden, hatte ein Deutscher keine vertraulichen Mitteilungen zu erwarten.

Ich habe unter den Juden Prags neben einer Unmenge von üblen Typen auch eine Anzahl von Männern getroffen, denen ich meine Hochachtung nicht zu versagen vermag. Männer, die zu Deutschland mit Verehrung und Liebe aufblickten, die sich als Deutsche fühlten und die ihre Gesinnung auch durch die Tat bewiesen, indem sie insbesondere in der Zeit der deutschen Inflation deutsche Anstalten und Familien mit Geld reichlich unterstützten.

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