Es war wirklich zeitweise die Hölle, dieses Landeslebensmittelamt!
Man bedenke einmal, was es hieß, eine Bevölkerung,
die seit Unvordenklichkeit den Standpunkt einnahm, daß jeder
essen kann, was ihm schmeckt, und soviel als ihm sein Geldbeutel
erlaubt, allmählich zu der Einsicht zu bringen, daß
ihm die Menge an Brot, Fleisch, Butter, Milch, Zucker usw., die
er wöchentlich konsumieren darf, von der Behörde zugemessen
wird. Wie die gesamte Rationierung schließlich durchgeführt
worden ist, ist ein Ruhmesblatt für die Einsicht und die
Disziplin.
Ich bin während des Krieges im Inneren Böhmens gewesen.
Die hatten auch Lebensmittelkarten. Aber die Reichen warfen sie
lachend in den Papierkorb, weil sie alles freihändig bekamen.
Aber die Armen? Ich bin in Gottesgab gewesen und habe die Erwachsenen
und die Kinder gesehen, die von gekochtem Grase lebten und mit
Wassersäcken unter dem Halse, dem sogenannten Hungerödem,
herumliefen. Ich habe mich schließlich entschlossen, trotz
unser eigenen Knappheit den Leuten über der Grenze bei Reitzenhain
und Olbernhau, die am Verhungern waren, Brotkarten und Brot von
uns zuzuteilen. Und das gleiche habe ich mit den 400 Eisenbahnangestellten
in Bodenbach-Tetschen gemacht, damit sie nicht von den Weichen
wegliefen und auf Lebensmittelsuche gingen; denn Tag und Nacht
fuhren die Züge mit unseren Feldgrauen durch diese Bahnhöfe.
Wissen durfte das damals freilich niemand. [...] Aber in jeder
Tageszeitung konnten wir lesen, in jeder Elektrischen konnten
wir hören, daß wir alles verkehrt machten, daß
wir die größten Versager der ganzen Kriegsmaschine
seien.
Eine schwere Sorge war für uns von Anfang an die starke Schweinehaltung
der Bevölkerung. Das Schwein lebt von denselben Nahrungsmitteln
wie der Mensch, es verringert den Nahrungsvorrat des Landes. Solange
der Bauer Schweine aufzog und mästete, suchte er sich der
gewissenhaften Ablieferung der Vorräte, die zur Ernährung
der Städte gebraucht wurden, zu entziehen. Aber auf der anderen
Seite war das Schwein einer der wichtigsten Faktoren der Fettversorgung
der Bevölkerung.
Um den Bestand einigermaßen zu verringern, schloß
ich mit mehreren Konservenfabriken einen Vertrag auf Herstellung
von Schweinefleischkonserven und Wurstkonserven im Werte von etwa
9 Millionen Mark. Diese Konserven, die übrigens vorzüglich
waren, bot ich den sächsischen Städten an, die sie auch
annahmen. Einzelne Städte saßen allerdings damals noch
auf einem hohen Rosse und erwiderten, daß ihre Einwohnerschaft
keine Konserven esse. So insbesondere die Stadt Plauen, die auch
sonst zuweilen schwierig war. So hatte ich ihr, als die Kartoffeln
dort knapp wurden, 50 Sack Reis geschickt, um die Not zu steuern.
Sie sandte den größeren Teil zurück, da ein Teil
der Einwohnerschaft den Genuß von Reis ablehnte.
Je mehr sich die Nahrungsmittelknappheit verschärfte, um
so stürmischer verlangte ein großer Teil der Presse
die Abschlachtung aller Schweinebestände. "Das Schwein
ist der 9. Feind Deutschlands war ein Schlagwort weiter
Kreise. Selbst die angesehensten Rittergutsbesitzer des Landes
suchten mich auf und warnten vor der großen Verantwortung,
die ich auf mich nähme, wenn ich die Abschlachtung ablehne.
Ich frug beim Hauptquartier an, wie lange der Krieg noch dauern
werde. Die Antwort lautete: Mit 6 Monaten sei noch zu rechnen.
Da die Schweine etwa im Alter von 8 Monaten fortpflanzungsfähig
werden, so war eine schnelle Erneuerung des Bestande nach dem
Kriege möglich. So wurde die Abschlachtung beschlossen und
durchgeführt.
Der Krieg dauerte aber noch Jahre lang; und so trat der empfindliche
Fettmangel ein. Nun rief die gesamte Presse - auch diejenige,
die täglich die Notwendigkeit der Abschlachtung gepredigt
hatte: "Welcher Idiot hat denn die Schweine abschlachten
lassen!. Und alle die sachverständigen Ratgeber, die
mich gedrängt hatten, verhielten sich mäuschenstill
und waren nicht dabei gewesen!