Als der Krieg im Jahre 1939 ausbrach, war ich gerade zwanzig Jahre
lang in Berlin und seit zehn Jahren deutsche Untertanin. Ich war
im Jahre 1919, nach dem Zusammenbruch im Osten, als meine Eltern
durch die »Agrarreform« in Lettland ihres seit Hunderten
von Jahren der Familie gehörenden Majorats beraubt worden
war, nach Deutschland gekommen und hatte in Berlin Arbeit gefunden.
Es war eigentlich ein Zufall, daß ich gerade nach Berlin
verschlagen wurde und dort hängen blieb. Die übrigen
Familienangehörigen wurden weit in der Welt verstreut. Wir
alle lernten zu arbeiten und zu dienen, wozu wir nicht erzogen
worden waren. Jeder von uns setzte seine Fähigkeiten ein.
Ich war erst lange Jahre in der Redaktion einer großen Berliner
Tageszeitung beschäftigt, dann wurde ich Bibliothekarin bei
einer großen Bank. Dort arbeitete ich seit 1930. Die Beschäftigung
mit Büchern war mir eine schöne Aufgabe.
Die Stellung war die einer Beamtin, also schien mein Alter durch
eine Pension gesichert. Das war damals eine sehr angenehme Aussicht.
Als ich die Stellung wegen meiner guten Sprachkenntnisse erhielt,
wurde mir gesagt, ich müßte schleunigst die deutsche
Staatsangehörigkeit erwerben. Bis dahin hatte ich auf einen
Paß des Berliner Polizeipräsidenten als »Staatenlose«
gelebt, den Paß mußte ich jedes Jahr erneuern lassen.
Nun reichte ich ein Gesuch ein und nach einem halben Jahr bekam
ich den deutschen Paß. Ich gab mein gelbes Ausreisepapier
mit gemischten Gefühlen ab. Ich freute mich nicht über
den neuen Paß. Meine Eltern waren lettländische Bürger,
eine Schwester war Engländerin, eine Staatenlose, ein Onkel
Algerier, eine Tante Brasilianerin, die meisten anderen Verwandten
lebten mit »Nansenpässen«.
Als Angehöriger einer solchen Familie hat man kein Verhältnis
zu dem Staat, der einem einen Paß gibt, man ist Weltbürgerin,
und ich dokumentierte das für meinen Teil, indem ich Mitglied
der »Paneuropäischen Union« wurde, für die
damals Graf Coudenhove-Calergie warb. Im Jahre 1931 reiste ich
nach Schweden zu einer sehr lieben Freundin und da sah ich, daß
das Reisen mit einem deutschen Paß bequemer war als mit
dem Staatenlosenpapier. Das war aber auch die einzige Annehmlichkeit,
die er mir bot.
Ich fühlte mich als Weltbürgerin, aber ich lebte gern
in Berlin, das mir Arbeit und seit 1930, nach zehn Jahren des
Hausens in möblierten Zimmern, auch ein Heim gegeben hatte.
Ich hatte damals genug auf der Sparkasse angesammelt, um mir eine
kleine Wohnung zu kaufen und die nötigsten Möbel. [...]
Berlin war damals eine schöne, lebhafte, rege Stadt. Heute,
da es in Trümmern liegt, liebe ich es noch mehr als damals,
da das Leben so bequem, sauber und billig war. Wenn ich durch
die Trümmer gehe, sehe ich nicht die Ruinen und Steinhaufen,
sondern hinter dieser Fassade stehen die schönen Gebäude,
die ich einst kannte. Damals sangen wir einen Schlager:
»Berlin, Berlin, wie hast du dich verändert ...«,
heute wissen wir, was es heißt, aus einer Stadt einen Schutthaufen
zu machen.
Die unglückseligen zwölf Jahre der Hitler-Herrschaft
und besonders die letzten sechs Kriegsjahre haben die Stadt und
die Menschen furchtbar verändert. Ich habe diese Zeit von
Anfang bis zu Ende bewußt miterlebt, ich sehe hinter die
Dinge, ließ mich nie blenden und sah das Ende kommen. Es
war eine grausame Zeit. Daß die Herrschaft der Nazis keine
tausend Jahre dauern würde, das wußten ich und meine
Freunde wohl, aber wie lange sie dauern würde, das konnte
man nicht abschätzen. Und doch hieß es verzichten auf
so vieles während dieser Zeit.
Bei jeder neuen Gehaltsregelung, deren es nach der »Machtübernahme«
mehrere gab, wurde ich jedesmal im Gehalt herabgesetzt, denn ich
war natürlich nicht Parteimitglied; ich bekam als Bibliothekarin
zuletzt ein Gehalt, das geringer war als das der Sekretärinnen.
Meine kleine Wohnung wurde mir fast zu teuer. Ich habe schon lange,
bevor Hermann Göring uns Kanonen statt Butter anbot, Margarine
statt Butter gekauft und auf Kaffee, Sonntagskuchen und manches
andere verzichten müssen.
Von meinem geringen Gehalt mußte ich die Beiträge zur
Arbeitsfront, zur Volkswohlfahrt, zum Luftschutz entrichten. Diesen
drei Organisationen konnte man sich nicht entziehen, wenn man
im Dritten Reich eine Anstellung hatte. Das Winterhalbjahr kostete
außerdem noch die Beiträge zur Winterhilfe; die paar
Mark summierten sich.
Damals, Ende August 1939, fieberte die Stadt, es lag die Entscheidung
in der Luft. Schon meldete der Rundfunk eine Greuelnachricht aus
Polen nach der anderen. Wir ahnten alle, daß der Konflikt
diesmal nicht würde beigelegt werden. Das Volk war wild begeistert
für den Krieg! Vor einem Jahr hatten einige ihn gefürchtet,
nun war diese Zahl nur noch minimal klein. Sie hofften und beteten,
es möge doch ja Krieg geben.
Abends um acht Uhr traf ich meinen Bekannten Kotik, wir wollten
am Kurfürstendamm essen. Alle Lokale waren überfüllt,
man fand keinen Platz. Überall spielte die Musik, bis weit
auf die Trottoire hatte die Lokale ihre Tische und Stühle
hinaus gestellt. Es war warm und der Mond stand über den
lauten Straßen. Wir fanden einen Tisch im Garten von »Gruban«.
An diesem Abend packte uns ein Übermut, ganz im Gegensatz
zu den meist sehr nachdenklichen und resignierten Gesprächen,
die wir sonst führten, warfen wir diesmal alle schwarzen
Gedanken über Bord. Wir tranken Sekt und blieben dort sitzen
als die letzten Gäste. Ich weiß, daß Kotik mich
erst um halb zwei Uhr in der Frühe in ein Taxi setzte. Zum
Abschied sagte er: »Und wenn es morgen losgeht, waren wir
wenigstens noch einmal vergnügt ...«
Ich erinnere mich, daß mir damals nachts beim Wachliegen
die Verse des Dichters Georg Heym in den Sinn kamen, die dieser
schon 1912 allzu jung Verstorbene in einer Vision des herannahenden
ersten Weltkrieges geschrieben hatte:
»Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
aufgestanden unten in Gewölben tief.
In der Dämmerung steht er, groß und unbekannt,
und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.«
Ein Vierteljahrhundert später wurde das furchtbare Gegenwart,
was er geschaut hatte:
»Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühenden Trümmern steht
der in wilde Himmel seine Fackel dreht
über sturmzerfetzter Wolken Widerschein
in des toten Dunkels kalte Wüstenein,
daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.
Seit ich die Synagogen brennen sah, ahnte ich, welch Strafgericht
dieser Stadt und diesem Lande bereitet war. Jetzt hieß es,
allen Mut zusammenfassen und alles das auf Gottes Hand zu nehmen,
was er uns vorbestimmt hatte.
Die Krise wurde noch um einige Tage hinausgezögert. Aber
am ersten September, an einem Freitag, marschierten die deutschen
Truppen in Polen ein. Berlin schwamm in einem Taumel der Begeisterung.
Sofort wurde der Luftschutz aufgerufen und mobil gemacht. Ich
war als Sanitäterin ausgebildet worden. Mir wurde befohlen,
die nächsten zehn Nächte Luftschutzwache im Bankgebäude
zu übernehmen, dafür war ich am Tage frei. Am Abend
des ersten Kriegstages hatten wir auch schon den ersten Alarm.
Einige polnische Flugzeuge waren bis nach Frankfurt an der Oder
vorgedrungen und ganz Berlin wurde durch die Sirenen in die Keller
gejagt. Es dauerte nur ein paar Minuten. Ein Vorspiel von dem,
was wir später kennenlernen sollten...
Nachts saßen die zum Luftschutz befohlenen Kollegen und
ich vor dem Gebäude der Bank. Die Straßen der City,
die sonst spät abends so still dalagen, waren erfüllt
von einer lustigen, aufgeregten Menge, die sich die Verdunkelung
ansah. Die ungewohnte Dunkelheit war Anlaß zu manchem Scherz
und zu mancher Handgreiflichkeit, man hörte Kichern, Schelten
und Lachen. Die großen Autobusse fuhren mit blau angemalten
Fenstern, sie schaukelten wie riesigen Meerungeheuer durch die
enge Schlucht der Friedrichstraße.
So verbrachte ich die Tage zu Hause und schlief nachts im Sanitätsraum
der Bank auf einem Wachstuchsofa. Die Siegesmeldungen aus Polen
überstürzten sich. Die Stimmung der Bevölkerung
war gehoben.
Am Tage nach dem Kriegsausbruch rief mich mein Bekannter Ri an.
Ich fragte in der spöttischen Art, die ich manchmal ihm gegenüber
annahm: »Nun, wirst du nicht auch zu den Waffen eilen - Herr
Oberleutnant?« (diesen militärischen Rang hatte er seit
der Ableistung mehrerer Übungen in der Flakkaserne erhalten
und er stand ihm merkwürdig zu seinen grauen Haaren). »Noch
nicht«, sagte er, »man braucht uns ältere Jahrgänge
nicht in diesem Krieg, der ja in wenigen Monaten, spätestens
zu Weihnachten, beendet sein wird. Aber hätte ich doch einen
Sohn, der an meiner Stelle ...« »Jawohl!« sagte
ich, »der Junge würde mit neunzehn Jahren Ritterkreuzträger
werden und mit neunzehneinhalb Jahren fallen! Ich bin froh, daß
ich weder Mann noch Sohn habe, die in diesen Krieg ziehen müßten.«
»Das verstehst du nicht ... du mußt verstehen, was
es für einen Mann bedeutet, untätig daheim zu sitzen,
wenn der Führer losschlägt.« Wieder verstanden
uns wieder einmal ganz und gar nicht.