In meiner Dienststelle in der Auslandsbriefprüfstelle [ABP] war
eine neue Gruppe gebildet worden: es kam ukrainische Post in großen
Mengen zur Prüfung und alle, die irgend russisch konnten,
wurden nun einfach gezwungen, ukrainisch zu lesen. Dabei ist zwischen
diesen beiden Sprachen ein sehr großer Unterschied. Sie
werden zwar beide mit russischen Buchstaben geschrieben, aber
das ist nicht das Wesentliche, schließlich werden ja alle
anderen europäischen Sprachen mit lateinischen Buchstaben
geschrieben und sie sind doch wesentlich verschieden. Die Vorgesetzten
befahlen jedoch einfach, ukrainisch zu lesen, und obgleich sich
mindestens achtzig von hundert der russisch beherrschenden Prüfer
für unfähig erklärten, wurden sie vor die Berge
und Packen ukrainischer Postkarten gesetzt und sollten sie lesen
und zensieren, und zwar, wie betont wurde, sehr streng zensieren,
nichts an Klagen oder ungünstigen Berichten aus Deutschland
durfte in der Ukraine bekannt werden. Alles, was der Zensur nicht
genehm war, sollte auf den Karten geschwärzt werden, und
wenn mehr als ein Drittel der Karte geschwärzt werden mußte,
wurde sie einfach vernichtet.
Auch ich wurde natürlich an diese Arbeit gesetzt. Aus Solidarität
mit den anderen protestierte ich laut und behauptete, kein Wort
zu verstehen. Wir wandten uns mit jeder Karte an die Tischleiter,
die sich vor unseren Fragen nicht zu retten wußten und ihrerseits
beinah meuterten. Wir schafften nicht mehr als zwanzig bis dreißig
Karten in der Arbeitszeit. Es kamen Ermahnungen, Verweise, Strafandrohungen
von den Vorgesetzten. Man richtete einen ukrainischen Sprachkurs
ein, an dem wir obligatorisch teilnehmen mußten. Wir lernten
jeden Tag zwei Stunden lang und der Lehrer verstand seine Sache
gut, wir erlernten allmählich wirklich einiges von der Sprache
und man beschaffte uns auch die nötigen Wörterbücher.
Dann wurde ein gewisses Prämiensystem eingeführt, wer
zweihundertfünfzig Karten gelesen und zensiert hatte, bekam
einen Passierschein »zum Besuch des Zahnarztes« oder
»in Familienangelegenheiten« und durfte vor Dienstschluß
das Gebäude der ABP verlassen. Das wurde aber nur kurze Zeit
durchgeführt, denn es war im tiefsten Grunde unmoralisch
und führte natürlich dazu, daß die Karten flüchtig
gelesen wurden.
Was aber waren das für Karten, die da täglich in immer
größeren Packen und Ballen auf die Tische gelegt wurden?
Es war die Post der weißen Sklaven, der von den Deutschen
aus der Ukraine unter lügnerischen Versprechungen verschleppten
Arbeiter, die an ihre Angehörigen schrieben, wie enttäuscht
sie von der Unterbringung, der Verpflegung und der Behandlung
an ihren Arbeitsplätzen seien. Es waren derartige Dokumente
der Verzweiflung und der Anklage, daß ein fühlendes
Herz nicht ungerührt bleiben konnte. Man hatte diesen Zwangsarbeitern
vorgespiegelt, sie würden es sehr gut in Deutschland haben.
Statt dessen hatte man sie an den Sammelpunkten in Güterwagen
verladen wie Vieh, man hatte sie tagelang ohne Verpflegung reisen
lassen, sie waren dann in Barackenlager gekommen, die mit Stacheldraht
von der Umwelt abgesperrt waren, dort wurden sie zuammengepfercht
in schmutzigen Räumen, sie wurden mit militärischer
Bewachung zur Arbeit in den Werken geführt und auch so wieder
zurückgeleitet.
Ich habe selbst einen Eisenbahnfrachtbrief über einen Waggon
Ukrainer, fünfundzwanzig Burschen und fünfzehn Mädchen,
gesehen. Am furchtbarsten hatten es die unglücklichen Mädchen
und Burschen, die im Ruhrgebiet und anderen westlichen Teilen
Deutschlands arbeiten mußten, wo die Bombenangriffe damals
schon häufig und stark waren. Ihre Klagen über Behandlung
und mangelhaftes Essen schlossen immer mit der Anweisung, den
Nachbarn, dem ganzen Dorf davon Mitteilung zu machen, wie schlecht
man es in Deutschland treffe, damit ja nicht weitere Landsleute
sich anwerben lassen sollten. Und eben diese Nachrichten galt
es zu unterdrücken. Und eben diese Nachrichten mußten
meiner Meinung nach bekannt werden ...
Wie konnte ich hier helfen, wie konnte ich den strikten Dienstanweisungen
zuwiderhandeln, die Interessen der unglücklichen Ukrainer
vertreten, ihnen die Warnungen zukommen lassen? Es blieb mir nichts
anderes übrig, als bei dieser mir so verhaßten Arbeit
zu bleiben. Ich arbeitete mich also mit aller Kraft ein, wenn
ich zu Beginn noch gesagt hatte, für mich lohne es sich ja
kaum, den ukrainischen Kursur mitzumachen, denn nach einigen Wochen
würde ich ausscheiden, so lernte ich jetzt die fremde Sprache
mit dem größten Eifer. Ich wußte, daß der
Lehrer darauf beim Oberstleutnant hinweisen würde und daß
er sicher noch einen Versuch machen würde, mich in seiner
Gruppe zu halten.
Es kam dann auch genau so, wie ich erwartet hatte. Oberstleutnant
Jahn ließ mich zwei Tage vor meinem Ausscheiden rufen und
bat mich in der liebenswürdigsten Form, deren er als alter
Militär, gewohnt zu befehlen, überhaupt fähig war,
doch in seiner Gruppe zu bleiben. Ich sollte Tischleiterin werden,
und er versprach mir, bei der nächsten sich ergebenden Möglichkeit
mein Gehalt wieder auf den vorherigen Stand zu bringen.
Die Aussicht, Tischleiterin zu werden, war mir sehr unangenehm,
ich wollte in keiner Weise aus der Menge der Prüfer herausgehoben,
ich wollte nicht ausgezeichnet und befördert werden. Ich
hatte aber die Arbeit an der ukrainischen Post schon so weit kennengelernt,
daß ich verstand, nur als Tischleiterin könne man hier
wirkungsvoll sabotieren. Ich mußte es also annehmen. Äußerlich
sträubte ich mich nach Kräften, ich durfte nicht den
Eindruck erwecken, als komme mir diese Beförderung gelegen.
Ich wies darauf hin, wie wenig ich von der ukrainischen Sprache
verstünde, jeder Prüfer an meinem Tisch, der sie besser
als ich kenne, werde über mich als Tischleiterin die Achseln
zucken. Aus diesem Grunde bat ich, mich nur provisorisch mit diesem
Amt zu betrauen. Ich wurde daher nicht als Tischleiterin in den
Listen geführt, daran lag mir vor allem. Die Arbeit übernahm
ich. Was für eine Arbeit? An meinem Tisch saßen zwanzig
Personen, die in aller Eile aus allen möglichen Abteilungen
der ABP wegen ihrer russischen Sprachkenntnisse herausgezogen
worden waren. Ich mußte sie erst anlernen und sie waren
noch gar nicht fähig, so rasch zu arbeiten, wie es verlangt
wurde. Es war an den ukrainischen Tischen ein sehr strenges Reglement
eingeführt worden. Jeder Prüfer mußte die Anzahl
der von ihm gelesenen Karten angeben und das wurde tischweise
gemeldet.
Da es nur Postkarten waren, die zum Lesen ausgegeben wurden, sollte
jeder zweihundertfünfzig Stück schaffen, doch waren
die Karten meist sehr unleserlich und sehr eng beschrieben und
zudem - in der den meisten fast fremden Sprache! Da gab es bei
manchen Ärger, bei manchen Damen auch Tränen ... Die
Konditorsfrau aus Riga, die Mutter eines sehr bekannten Zeichners,
die Verkäuferin aus Lodz, die an meinen Tisch geraten waren,
konnten ihr Pensum nie schaffen. Ich las in fliegender Eile, schon
ihnen gelesene Karten zu.
Es war eine strenge Nachkontrolle geschaffen worden, die stichprobenweise
die Arbeit der Tische nachprüfte. Die Vorsteherin war eine
üble, in der ganzen ABP sehr gefürchtete Nazistin, die
Rosenberg hieß. (Sie hatte später als einzige Frau
seit 1944 eine Offiziersstellung in der ABP inne.) Ihr kreischende
Stimme ertönte in den höchsten Tönen, wenn sie
einer Prüferin Vorhaltungen machte, falls sie unter der von
ihr abgezeichneten Post eine Nachlässigkeit entdeckt hatte.
Die Kontrolle sah sich aber natürlich nur die postfrei gegebenen,
also nicht beanstandeten Karten durch. Die Karten, auf denen einzelne
Sätze zum Schwärzen in der Chemie angezeichnet waren,
die sah sie nicht durch und darauf baute ich meinen Plan.
Alle Prüfer an meinem Tisch reichten mir die freigegebenen
Karten gebündelt und je hundert Stück und die zensierten
gaben sie mir einzeln. Diese prüfte ich dann noch einmal
durch. Die beanstandeten Stellen wurden von den Prüfern mit
Bleistift eingeklammert und wurden dann von der »Chemie«
mit schwarzem Lack überstrichen. Ich las diese Klagen und
Beschwerden, diese Warnungen und Flüche, und ich radierte
die Bleistiftklammern aus, gab also den Text frei. Dafür
mußte ich allerdings an anderer Stelle Streichungen vornehmen,
sonst hätte mein Tisch zu wenig angehalten, es wäre
sofort bei der Statistik, die jeden Tag aufgestellt wurde, bemerkt
worden. Ich strich also auf den gleichen Karten die herzlichen
Grüße an alle Dorfgenossen, an Wanja, Petja, Lolja,
Großmütterchen und Großväterchen, Onkelchen
und Tantchen undsoweiter. Diese Grüße, die immer namentlich
aufgeführt wurden, nahmen nach dörflicher Sitte oft
den dritten Teil der Karten ein. Man tat niemand ein Unrecht,
wenn man sie übermalen ließ.
Die Monate, während derer ich am ukrainischen Tisch arbeitete,
waren Monate einer fast allzu schweren Aufgabe. Lesen, zählen,
bündeln, radieren und entsprechende andere Stellen einklammern,
dazu zwei Stunden intensiven Unterricht in der ukrainischen Sprache
- ich war nach Beendigung des Dienstes völlig ausgepumpt.
Es kam noch dazu, daß wir zu etwa zweihundert in einem sehr
kleinen Raum, Tisch und Tisch und Stuhl an Stuhl arbeiteten und
daß die ganze Zeit gefragt und gesprochen wurde. Alle machten
ihre Arbeit sehr unlustig und nur unter dem Zwang. Mich persönlich
beeindruckten die Klagen, die aus den Karten aufstiegen, die Verzweiflung
der Ukrainer und ihre hoffnungslose Lage sehr stark. Ich hatte
in den Monaten den Eindruck, durch eine Flut von Tränen zu
waten.
Die Briefschreiber waren oft sehr gebildete Menschen, Studenten
und Studentinnen, die die Deutschen verschleppt hatten. Sie schrieben
einen sehr guten Stil, während andere, die dörfliche
Jugend, weniger gut schrieben, aber so reizend poetisch und gefühlvoll
ihren Gedanken Ausdruck zu geben verstanden, daß ich das
ukrainische Volk sehr bewundern und lieben lernte. Die Postkarten
und vor allem die Briefe, die sich dazwischen auch zu uns verirrten
und gelesen wurden, waren voller poetischer Vergleiche. Meist
fingen sie mit einem Vers an, wie: »Ich setze mich an den
Eichentisch - Ich nehme die goldene Feder zur Hand ...« oder
»Draußen beugt der Sturm die Bäume - weißt
Du wohl, wer an Dich schreibt?«
Diese Briefeinleitungen in Versform tauchten immer wieder auf,
sie schienen ein Bestandteil der dörflichen Überlieferungen
und Sitten zu sein. Aber andere schrieben Verse, die sie aus ihrem
unmittelbaren Erleben heraus geschaffen hatten und die rührende
Dokumente menschlichen Leides und menschlicher Sehnsucht waren.
Es waren ergreifende Klagen darunter, die in ihrer Schlichtheit
mehr an die Seele rührten als große kunstvolle Dichtungen.
Mir sind leider nur wenige derartige Verse in der Erinnerung geblieben,
ich hatte nicht die nötige Zeit und Gelegenheit, sie abzuschreiben.
Doch habe ich mir einige auf Zettel notiert und will sie hier
in Prosa wiedergeben:
»Du großes Deutschland
warbst die ganze Jugend an,
setztest uns hinter Gitterdraht,
läßt uns nie mehr frei.
Man fuhr und in Viewaggons her,
man führt uns unter Bewachung zur Arbeit,
zehn Stunden arbeiten wir an den Maschinen,
ob wir auch krank vor Hunger sind.«
oder:
»Draußen weht der starke Wind,
Beugt die alten Bäume nieder.
An die Mutter schreibt ihr Kind
Aus der weiten Ferne wieder.
Guten Tag, mein Mütterlein,
Wie lebst du indessen?
Denkst Du auch dazwischen mein,
Hast mich nicht vergessen?
Abe ich hab allezeit
Immer Dein gedacht.
Meine Augen weinen
Bei Tage und bei Nacht.«
In der Übersetzung kann man zwar die Gedanken, kaum aber
die Gefühlstiefe von Versen erkennen, wie der folgenden:
»Tief ist das Meer,
Keiner kann den Grund sehen.
Fern von der Mutter weilt das Töchterchen,
Hat sie schon zwei Jahre lang nicht mehr gesehen.
Mütterchens Tochter ist herangewachsen,
Wie eine Rose aufblüht,
Aber sie muß in der Fremde leben,
Dort welkt sie hin wie Gras.
Mütterchen, geh früh in die Steppe,
Ganz früh, wenn die Sonne aufgeht,
Da hörst Du, wie ich weine,
Im fremden fernen Land.«
In der ersten Zeit waren es Briefe von Arbeitern, die den deutschen
Werbern gefolgt waren und Arbeitskontrakte unterschrieben hatten.
Später aber stand in den Briefen nicht nur die Enttäuschung
über den Betrug, den man an diesen »freiwilligen«
Arbeitern begangen hatte, da kamen die Berichte darüber,
wie man sie gefangen, umzingelt, aus der Kinovorstellung oder
aus der Kirche heraus verhaftet und nach Deutschland wie Sklaven
verschleppt hatte. Die Eltern wurden als Geiseln einbehalten,
wenn die Kinder flohen und sich in den Wäldern der nördlichen
Ukraine und Weißrußlands versteckt hielten.
Dort bildeten sich die ersten Partisanengruppen. Immer häufiger
war von ihnen in den Nachrichten aus der Ukraine die Rede. Denn
auch die Antwortbriefe auf die Karten gingen durch unsere Hände.
Wir sollten nun wiederum alles anhalten, was sich auf die Partisanen
bezog. Die Nachrichten waren jedoch sehr versteckt, meist war
statt von den Partisanen von den Pilzen im Walde die Rede, die
in diesem Jahr so reichlich wuchsen. Es hieß dann: »Ivan
ging in die Pilze« oder »Man hat nahe beim Dorf Wölfe
gesehen«.
Die Ukrainer begrüßten erst das Erscheinen der Partisanen,
die den Deutschen manchen schweren Schaden zufügten. Doch
allmählich scheinen sich diese Trupps zu einer wahren Landplage
entwickelt zu haben. Sie mußten sich ernähren, und
wenn die Bauern nicht freiwillig das Nötige hergaben, wurden
sie überfallen und ausgeplündert, ja man las von Berichten,
daß die Partisanen die Dörfer abbrannten und Menschen
erschlugen. Das unglückliche ukrainische Volk stand zwischen
zwei Feuern: die grausamen Deutschen, die das Land in einer entsetzlichen
Weise ausbeuteten und aussogen, und die Partisanen, die zwar der
Deutschen erbitterten Feinde, aber zugleich der Schrecken der
Landbewohner waren. [...]
In diesem Sommer 1942, der für Berlin der letzte schöne
Sommer vor seiner Zerstörung war, war ich durch alle diese
Schilderungen von menschlichem Leid und Elend sehr stark beeindruckt
und ich wußte, wie wenig, wie blutwenig ich all der Ungerechtigkeit
und Willkür entgegensetzen konnte. Ich schickte an die Anschrift
mancher Briefschreiber, deren Briefe mir besonders nahe gingen,
Zigaretten, Briefpapier, Brotmarken und schrieb ihnen, sie sollten
nicht an den Menschen verzweifeln, nicht alle seien so grausam
und herzlos, wie es wohl jetzt ihnen erscheinen möge ...
doch es waren diese kleinen Gaben, die wenigen Worte im Verhältnis
zu all den Hunderttausenden, die ohne Trost, ohne ein Wort der
Aufrichtung bleiben mußten. Ich konnte jeden Tag nur eine
Anschrift auswendig behalten, mein Gedächtnis hatte schon
so sehr gelitten durch die geistlose Arbeit. [...]
Die Schilderungen der Ereignisse, der Partisanenüberfälle,
der deutschen Strafexpeditionen, der Bombenangriffe waren oft
sehr drastisch, aber dafür auch sehr beeindruckend. Selten
einmal las man von Guttaten deutscher Leute, von freundlichen
Vorgesetzten in der Fabrik, von Lagerführern, die für
die ihnen anvertrauten Ukrainer gut sorgten. Einige Mädchen
waren als Dienstmädchen in Familien von Offizieren und Nazis
vermittelt worden, die schrieben oft sehr zufrieden. Sie wurden
von den Hausfrauen meist gut behandelt und oft mit Kleidung beschenkt.
Als die ersten Löhne in den Fabriken und an die Landarbeiter
ausgezahlt worden waren, strebten alle zum nächsten Photographen,
und nun gingen bei uns hunderte, tausende, zehntausende von Postkarten
mit den Bildern der Ukrainer durch. Es waren hübsche, zum
Teil sogar bildschöne Mädchen, alle sehr stattlich und
üppig, die Burschen waren alle noch sehr jung, denn die älteren
waren schon zur Sowjet-Armee eingezogen gewesen, als das Land
erobert und besetzt wurde. Die ukrainischen Mädchen gefielen
den Deutschen nur allzu gut, doch ist es bekannt, wie streng sie
sich gegen die verhaßten Unterdrücker absonderten.
Es ist sehr selten vorgekommen, daß eine Ukainerin sich
mit einem Deutschen in engere Beziehungen einließ. In den
Großstädten mag es vorgekommen sein, daß die
Ukrainerin das Liebchen eines Deutschen wurde, auf dem Lande und
in den kleinen Dörfern aber nicht. Ich habe später eine
Zeit lang »Deutsche Dienstpost aus dem Osten«, das heißt
Briefe der deutschen Zivilbeamten im besetzten Rußland gelesen.
In allen diesen Briefen wurde von den schönen ukrainischen
Mädchen mit der größten Hochachtung gesprochen.
Oft las ich: »... wenn nur unsere Frauen und Mädchen
sich so gut halten würden wie die Frauen hier ... «
»Außer ein paar Straßenmädchen in Kiew und
Odessa gibt es hier keine Weiber, die Mädchen sind ebenso
schön wie tugendhaft, die verheirateten Frauen zurückhaltend,
wie es unsere deutschen Frauen oft nicht sind ...«
Einmal hatte ich Grund herzlich zu lachen; da schrieb ein junges
ukrainisches Mädchen aus Essen, sie sei am Sonntag mit einer
Freundin in der Stadt spazieren gegangen und ein deutscher Mann
habe sie angesehen und gesagt »Donnerwetter!« »Liebe
Eltern«, schrieb die Ukrainerin, »warum hat dieser herzlose
Deutsche uns geflucht? Wir haben ihm doch nichts getan! Denn >Donnerwetter<
heißt >Blitz und Donner«, hab ich mir sagen lassen,
das muß ein arger Fluch sein ...« Das junge hübsche
Ding wußte nicht, daß "Donnerwetter der
Ausdruck erstaunten Wohlgefallens, großer Bewunderung ist.
[...]
Man wird mir zugeben, daß diese "moderne Legende
sehr aufschlußreich ist, was die Stimmung weiter Kreise
in der Ukraine betrifft. Die deutsche Besatzung hatte sich gewisse
Sympathien dadurch erworben, daß sie die geschlossenen Dorfkirchen
wieder öffnen ließ und für Gottesdienste sorgte.
In der schweren Kriegszeit war naturgemäß eine gewisse
Schicht der Bevölkerung von religiöser Sehnsucht erfaßt
worden und diese glaubten, in den Deutschen Förderer ihrer
kirchlichen Bestrebungen zu finden. Daher wandten sich eben diese
Kreise mit Sympathie den deutschen Eroberern zu. Die Erinnerung
an die Zeiten des "kämpfenden Marxismus scheinen
auch in einigen Kreisen noch sehr wach gewesen zu sein. [...]
Ich erinnere mich genau, daß ich im Spätherbst 1944
erstmals Genaueres über die Konzentrationslager erfuhr. Die
Schweizer Blätter und die amerikanische Zeitschrift Time,
die wir in unserer Auslandsbriefprüfstelle laufend in den
Sendungen der Japanischen Gesandtschaft aus Stockholm an die Berliner
Japanische Botschaft fanden, brachten Berichte über Maidanek
und veröffentlichen Photos, die wahrhaft erschütternd
waren.
Bis dahin hatte auch ich nur unbestimmte Gerüchte über
Greuel in den Lagern gehört. Es ist tatsächlich wahr,
daß große Teile des deutschen Volkes über diese
Dinge nicht im Bilde waren. Von KZ-Häftlingen hatte ich nur
durch Frau Schramm gehört, daß eine Gruppe von ihnen
eine Wohnung für einen hohen SS-Führer in Stand setzten
in einem Haus, in dem Frau Schramms Freundin Portiersfrau war.
Diese Häftlinge kamen morgens in einem Auto aus Sachsenhausen
und fuhren abends wieder zurück. Sie wurden sehr reichlich
verpflegt und gaben den Portiersleuten Konserven und andere Lebensmittel,
wenn diese ihnen Briefe besorgten. Sie waren, wie eben manche
Spezialarbeitergruppen im Außendienst, bevorzugt versorgt.