Wenige Tage nach dem Parteitag der NSDAP in Nürnberg brach die Tschechenkrise aus, die
Europa schon damals dicht an den Abgrund drängte. In den
letzten Tagen des Septembers marschierten auf Befehl der Partei
alle Werktätigen Berlins in endlos langen Zügen zum
Lustgarten Unter den Linden, um für den Krieg zu demonstrieren.
Viele gingen mit Widerstreben, viele mit Angst im Herzen. Doch
wer fragte nach der wahren Meinung der Menschen? Marschieren hieß
es, und es wurde marschiert, dafür sorgten die »Obmänner«,
die »Zellenwarte« und sonstige Aufpasser, die im Dritten
Reich das Volk beherrschten.
Auch bei uns in der Bank war der Befehl ausgegeben worden, um
sechzehn Uhr vor dem Gebäude anzutreten. Jede einzelne Person
hatte durch ihre Unterschrift bezeugen müssen, daß
sie dem Befehl gelesen habe. Vor den Fenstern der Bibliothek sammelten
sich die Kollegen. Ich sah es und konnte mich nicht entschließen,
hinunterzugehen. Es sträubte sich alles in mir dagegen. Man
vermißte mich und schickte nach mir. Ich warf eine Reihe
Bücher aus dem Regal auf den Fußboden und hob sie wieder
auf. »Ich komme nach, in ein paar Minuten!« rief ich
dem Boten zu.
Inzwischen marschierten die anderen ab. Voran die Hakenkreuzfahne,
dann die Uniformierten in strammem Schritt. Neben der Fahne ging
der »Zellenobmann«, ein großer brutal aussehender
SS-Mann, Auslandsdeutscher, wie so viele Anhänger der Partei.
Er war ein erbitterter Judenfeind. Dann kamen die »Amtswalter«
In Uniformen, deren geschmacklose braune Farbe sich nur wenig
von denen der SA unterschied. Aber die »Amtswalter«
waren dicker, speckiger, bäuchiger. Mit breiten Ledergürteln
hielten sie die Leibesfülle zusammen.
Es folgten dann in Achterreihen die Parteigenossen, stolz das
Hakenkreuz am Rockaufschlag oder am Busen, hinter ihnen das gewöhnliche
Volk, zwar freundlich behandelt, aber doch etwas über die
Achsel angesehen von denen, die es geschafft hatten, in die Partei
aufgenommen zu werden. Dies war übrigens gleich nach der
»Machtübernahme« oft nur eine Geldfrage gewesen.
Wer damals einen Betrag locker machen konnte, wurde in die Listen
aufgenommen. Die Höhe der Zahlung schwankte weniger nach
den Vermögensverhältnissen des Antragstellers als nach
denen des Blockleiters, der die Beträge, »freiwillige
Spenden«, einzog. Ich weiß von derartigen Zahlungen,
die zwischen fünfzig und dreitausend Mark liegen.
Der Zug der zur Demonstration Bestellten verschwand um die Ecke
der Friedrichstraße. Ich setzte den Hut auf und zog die
Kostümjacke an. Beim Ausgang hielt mich der dicke Portier
Lenz auf, ein sehr tätiger Nazi. Er fragte, warum ich denn
noch im Hause sei. Ich versicherte, daß ich den Kollegen
folgen wolle. Doch ging ich in Wirklichkeit auf die andere Seite,
denn ich war nach Dienstschluß mit meinem besten und ältesten
Freund verabredet. Vor dem Hotel »Kaiserhof« wartete
er auf mich in einer Autotaxe. Er winkte mir und ich stieg ein.
Kotik saß ganz bleich im Wagen. »Mein Gott, Pincita,
ist das nicht fürchterlich? Sind denn die Menschen ganz von
Sinnen? Sie demonstrieren für den Krieg! Welch ein Wahnsinn!«
Wieder zog über den Wilhelmplatz eine große Anzahl
von Demonstranten, die Fahnen wehten im Sommerwind und sie sangen
ein Kampflied. Das Echo antwortete aus allen vier Ecken des großen
Platzes. Unser Taxi stoppte. »Wohin wollen wir fahren?«
fragte Kotik. »Hinaus aus der Innenstadt, ich kann diese
Umzüge nicht mehr sehen!« Wir fuhren in den Westen.
Aber oft noch mußten wir an Straßenkreuzungen halten
und Marschierende vorbeilassen.
Ganz Berlin war wieder einmal aufgeboten worden, um »kochende
Volksseele« zu mimen. Eine »spontane Willensäußerung«
des deutschen Volkes war dank der straffen Regie von Dr. Goebbels
am »Aufschäumen«. Überall, aus allen Stadtteilen
marschierten Männer und Frauen in langen Zügen zur Innenstadt,
Unter den Linden, und ihre Parole war: »Wir wollen den Krieg!«
Endlich waren wir draußen am Breitenbachplatz, wo schon
die Kühle des Grunewalds herüberstrich. In der Konditorei,
auf dem Dachgarten unter bunten Sonnenschirmen, war es still und
friedlich. Uns war ganz elend zu Mut, wir tranken einen Schnaps.
Kotik und ich, beide überzeugte Antimilitaristen und Kriegsgegner,
litten unter der Atmosphäre von Haß und Lüge,
die über Berlin lag. [...]
Die Spannung verschärfte sich immer mehr. Ich floh aus der
aufgeregten Stadt, nahm zwei Tage Urlaub und fuhr aufs Land zu
meinem Vetter Walter. Als ich auf der kleinen Station den Zug
verließ, sah ich marschierende Truppen. Ich erschrak über
dies Bild. War wirklich schon heimlich mobil gemacht? Ich hatte
einen Waldweg von einigen Kilometern zu machen. Der Wald steckte
voller Soldaten. Im Dorf hörte ich dann, es seinen nur Manöver.
Mit meinem Vetter verstand ich mich in vielen Punkten ganz ausgezeichnet.
Er war ein frommer Christ, ein überzeugter Gegner Hitlers
und ein aufopfernder Freund einiger Juden. Wir hatten einige sehr
schöne Gespräche auf langen Spaziergängen. Abends
saßen wir am Radio, und als endlich das Ergebnis der Unterredung
zwischen Chamberlain und Hitler bekannt wurde, waren wir wie von
einem Druck erlöst, der über uns gelegen hatte. Aber
wir wußten es wohl, daß es nur die Ruhe vor dem Sturm
sein könnte.