Am 10. November 1938 war jener furchtbare Tag, als auf Goebbels
Gebot die jüdischen Geschäfte zerstört und geplündert
und jüdische Mitbürger auf der Straße geschlagen,
ja getötet und die jüdischen Gotteshäuser in Brand
gesteckt wurden. Nahe von der Bank, in der ich arbeitete, war
das Konfektionsviertel, der Sitz der »Haute Couture«
von Berlin, die vor dem Kriege sehr bedeutend war und viel für
den Export nach den nordischen Ländern arbeitete.
Die Inhaber dieser Modehäuser waren meist Juden. Als ich
um sechzehn Uhr aus dem Bankgebäude herauskam, hörte
ich wüstes Schreien und Brüllen, man plünderte
die Stofflager der Konfektionshäuser. Mir wurde ganz übel
dabei, aber ich hatte immer noch die Instinkte einer Journalistin,
ich mußte dabei sein, wenn etwas so Aufregendes, so Einmaliges
in Berlin geschah.
Wenn ich heute daran zurückdenken, nachdem ich die entsetzlichen
Kriegsjahre in Berlin überlebt habe, kommt mir die Plünderung
nicht mehr so grausig vor, aber damals war es ein Eindruck, der
höllisch war. Aus den obersten Stockwerken warfen SA-Männer
ganze Stoffballen herunter, die schönsten bunten Seiden wehten
wie lange Fahnen an den Häuserfronten herab, unten stand
die johlende Menge und riß sie an sich. Man sah Leute, die
die Ballen in Autotaxen packten und mit ihrer Beute wegfuhren.
Manchmal wurde ein Eimer Wasser herunter gegossen, um die Menge
auseinander zu jagen, dann warfen die SA-Männer die Schreibmaschinen
herunter, die in Stücke zersplitterten. Die Polizei stand
untätig dabei.
Ein Auto mit hohen SA-Führern fuhr ganz langsam durch das
Menschengedränge, die Herren sahen sich um und lachten laut
und herzlich. Ich war zutiefst angewidert. Ich dachte: »Wer
Wind sät, wird Sturm ernten«. Eine auf der Straße
liegende Scherbe Fensterglas hob ich auf, zum Gedenken an diesen
Tag, da Berlins Straßen voller Glas lagen.
Ich stieg in die U-Bahn, nach Hause zu fahren. Aber wieder zwang
es mich, am Wittenbergplatz auszusteigen. In der Tauentzienstraße
ging es noch toller her. Die herrlichen Auslagen der Luxusgeschäfte
waren schon leer geraubt, nun warfen die Zerstörer die Waren
aus den Lagern dem Publikum zu. Mir flogen mehrere Dutzend Seidenstrümpfe
vor die Brust. Ich warf sie zu Boden. Als ich mich dann bückte,
auch hier ein Stück Spiegelscherbe aufzuheben, war es mir
peinlich. Man hätte den Eindruck haben können, ich habe
da einen Brillantring aufgehoben.
Wie viele Glasscherben sind seit jenem »Tag des deutschen
Kristalls« in Berlin auf die Straße herabgeregnet.
Und doch habe ich noch die beiden Scherben, von denen ich jetzt
schreibe.
Als ich verwirrt und entrüstet nach Hause kam in die stille
Vorstadt, die von diesem Lärm und Geschrei, von diesen Untaten
noch nichts wußte, erwartete mich mein Freund Ri. Ich kannte
ihn schon seit 1924, wir hatten zusammen bei der Zeitung gearbeitet.
Er war jetzt Direktor bei einer großen Bank. Ri war einer
von jenen Deutschen, die sehr viel Kenntnisse hatten, ohne doch
ein kluger Mensch zu sein. Als Süddeutscher hatte er zudem
einen gefährlichen Hang zur Sentimentalität, die von
echtem Gefühl so verschieden ist.
Er war überzeugter Nationalsozialist, wie er früher
einmal überzeugter Demokrat gewesen war. Es hatte ihm einige
Mühe und auch Geld gekostet, Aufnahme in die Partei zu finden,
denn er hatte sich nicht etwa in den »Kampfjahren«,
sondern erst nach der »Machtübernahme« an sie herangemacht.
Seit kurzem trug er mit großem Stolz das »Bonbon«,
soll heißen: das Parteiabzeichen am Rockaufschlag. Er war
SA-Mann und trat bei jeder Gelegenheit an, das heißt marschierte
zu irgendwelchen Aufmärschen mit. Wir stritten uns erbittert,
sobald wir auf das Gebiet der Politik kamen. Er verübelte
mir meine Freundschaft mit den jüdischen Beermanns, er brachte
mir nationalsozialistische Bücher zum Lesen, wollte mich
durchaus bekehren und zum Eintritt in die Partei überreden.
Er sagte mir stets, ich hätte so »große Chancen«
als Parteimitglied. Zum wenigsten sollte ich in die »Frauenschaft«
eintreten. »Josi, du darfst nicht außen stehen. Du
mußt dich anschließen. Siehst du denn gar nicht, was
unser Führer will?« »O doch!« sagte ich.
Unser Verhältnis beruhte auf einer Hass-Liebe, die oft dauerhafter
bindet als Liebe. Wir trennten uns unter Verwünschungen,
mieden uns wochenlang, trafen uns wieder, begruben den Streit
und umgingen jenes Thema, das unsere Gegnerschaft erweisen mußte.
Gemeinsame Interessen banden uns, doch es war eine Kluft zwischen
uns aufgetan seit jenem unglückseligen Januar 1933. Ich nannte
ihn einen Opportunisten, er mich eine Judenfreundin und Kommunistin.
Wir hatten aber beide nicht die Kraft, uns ganz voneinander los
zu machen.
An diesem Abend traf ich nun zum ersten Mal auf Verständnis
für meine Ansichten. Auch Ri fand das, was da in der City
geschah, abscheulich und unerhört. Der gute Bürger in
ihm empörte sich gegen diese Vernichtung von Werten. Er rechnete
aus, welch ein Schaden den Versicherungsgesellschaften durch die
Glasschäden und andere Verluste entstehen würde. Aber
dann meinte er doch abschließend »Davon weiß
der Führer nichts, das ist Goebbels Werk!«
Beermanns telefonierten, ich sollte rasch kommen. Sie waren sehr
in Unruhe. In einem lange nicht mehr geöffneten Wandschrank
hatten sie die Jagdflinten des längst verstorbenen Kommerzienrats
gefunden. Waffen in einem jüdischen Hause! Das konnte schreckliche
Folgen haben. Wir berieten, was zu tun sei. Dann wurde Verpackungsmaterial
gekauft und es wurden große Pakete verschnürt. Am nächsten
Abend fuhr ich mit einer Taxe vor und holte sie ab. Dem Chauffeur
sagte ich, es seinen schmiedeeiserne Lampfenfüße. Ich
fuhr mit den Paketen zur Gepäckaufbewahrung des Bahnhofs
Zoo, nach einer halben Stunde holte ich sie von dort wieder ab
und brachte die Waffen in meinen Keller. Damals erschien mir dieser
Waffentransport wie ein aufregender Schmuggel.
Dann wurde befohlen, daß die Juden alle ihre Gold- und Silbersachen
abliefern mußten. Meine Freunde kauften altes Tischsilber,
zwei Zentner, die lieferten sie gegen Quittung ab; das sehr schöne
Silber für achtundvierzig Personen nahm ich in Verwahrung,
ebenso die sehr wertvollen Juwelen der alten Kommerzienrätin.
Sie hatte den Schmuck zum Glück nicht in einer Versicherung
gegen Diebstahl, so gab es keine Listen, auf Grund deren die Nazis
ihn hätten anfordern können.
Von diesen Dingen durfte Ri nichts wissen. Es war ein Glück
für mich, daß Frau Schramm, meine Mitbewohnerin, judenfreundlich
war. Sie hatte als Köchin in einem reichen jüdischen
Haus gedient und ließ nichts auf jüdische Herrschaften
kommen. Sonst aber war sie ziemlich überzeugt von der Richtigkeit
alles dessen, was Hitler tat. Sie hielt den »Völkischen
Beobachter«, und ich war recht zufrieden, daß das Abonnement
auf ihren Namen lief. Lange Jahre hatten wir ein demokratisches
Blatt gehalten. Der in unserem Haus wohnende »Zellenwart«
hatte sie jedoch überredet, das Blatt des Führers, den
»Völkischen Beobachter« zu bestellen. Ich lehnte
es ab, überhaupt eine Zeitung zu halten, sagte stets, ich
bekäme ja alle Zeitungen in der Bank zu lesen. Dort las ich
täglich den »Temps«, die »Times« und
»Svenska Dagbladet«.