Anfang September 1938 fand der Parteitag in Nürnberg statt,
zu dem aus allen Teilen des Deutschen Reiches die Begeisterten
zusammenströmten. Es war eine sehr kriegerische Demonstration
und die Proklamation Hitlers, die wir in der Bank mitanhören
sollten, war entsprechend. Wir lasen sie am nächsten Tag
in den Blättern, denn es geschah bei dieser Übertragung,
daß durch irgendeinen technischen Fehler der Apparat nicht
funktionierte.
Wir saßen im großen Sitzungssaal auf unseren Plätzen
und hörten anderthalb Stunden lang nur unverständliches
Gebrüll und Lärm aus dem Lautsprecher. Dazwischen einmal
ein paar Wortfetzen aus dem Mund des großen Schreiers. Es
war eine Nervenprobe. Unser Präsident, der Vizepräsident
(Dr. Widmann-Lämmert, ehemaliger Adjutant Hitlers aus der
Zeit vor der Machtübernahme und von ihm zum zweiten Leiter
der Bank bestellt, ohne die geringsten Kenntnisse, dafür
aber ein hundertfünfzigprozentiger Nazi!) und alle Direktoren
saßen ebenso todernst vor diesem brüllenden Lautsprecher
wie die dreihundert Beamten.
Ich stellte Überlegungen darüber an, wie weit die Versklavung
bereits gediehen war. Ein jeder vernünftige Mensch hätte
den Lautsprecher abgestellt und die Bankangestellten an ihre Arbeit
oder nach Hause geschickt. Aber im Dritten Reich hieß es
gehorchen und den Mund halten.
Der Elektromonteur der Bank konnte den Fehler nicht finden. Er
stellte verschiedene Tonstärken an, aber es wurde nicht besser.
Widmann-Lämmert sah aus, als ob er ihn fressen wollte. Die
Lage war peinlich. Da plötzlich erlitt ein junger Buchhalter,
dessen Nerven es nicht mehr aushielten, einen Lachkrampf. Es war
schauerlich, das mitanzuhören. Er schrie vor Lachen, fiel
zu Boden, stieß hilfreiche Hände von sich und wälzte
sich buchstäblich vor Lachen auf dem Teppich. Man trug ihn
in die Krankenstube. Ich war Sanitäterin, hatte die erste
Hilfe zu leisten, mal einen Finger zu verbinden oder ein paar
Kopfweh-Tabletten auszugeben. Der junge Mann flüsterte mir
vertrauensvoll zu: »Wissen Sie, ich hielt es einfach nicht
mehr aus!«
Die Gelegenheit war da, eine Kognakflasche zu öffnen, die
für alle Fälle auch im Medizinschrank stand. Er bekam
von mir mehrere Kognaks zu trinken. Ich mußte ihm etwas
recht Gutes antun. Als er wieder bei sich und der Anfall überstanden
war, kamen die Vorgesetzten, nach ihm zu sehen. Die »Lautsprecher-Übertragung«
war beendet, ohne daß jemand in anderthalb Stunden auch
nur einen zusammenhängenden Satz verstanden hätte. So
etwas konnte wohl nur im Dritten Reich passieren! Derartigen Stumpfsinn
nannte man aber »Disziplin«!