Im Jahr 1938 fielen erste düstere Schatten über das
Leben. Meine besten Freunde waren Juden, ein Ehepaar Beermann,
ich kannte Dr. Beermann seit 1924, er war der Verlagsleiter des
»Berliner Börsen-Courier« gewesen, also mein Vorgesetzter,
und seine Frau war ebenso lange mit mir befreundet. Sie hatte
geheiratet, als schon die Lage für die Juden in Deutschland
sehr schwer war, und sie waren nicht emigriert, weil die alte
Frau Kommerzienrat Beermann nicht aus Berlin fort wollte, wo sie
geboren war, und weil sie sich nicht von ihrer prachtvollen Wohnung
und all ihren schönen Sachen trennen wollte. Dr. Beermann,
der ein so guter Sohn war, wie man es in jüdischen Familien
oft findet, blieb bei seiner Mutter.
Ich war sehr oft bei meinen Freunden in der Rankestraße
zu Gast. Immer kleiner wurde der Kreis, der dort verkehrte, einer
nach dem anderen wanderte aus. Eva Beermann hatte ein Töchterchen,
das Kind war Engländerin. Eine englische Dame hatte Eva nach
England eingeladen, als sie das Kind erwartete. So war die Kleine
dort geboren worden; sie stand unter dem Schutz des englischen
Konsuls. Das war den Eltern eine Beruhigung. [...]
Vom ersten Januar 1939 an waren meine jüdischen Freunde gezwungen,
ihren Vornamen Fritz und Eva die Namen »Israel« und
»Sarah« hinzuzufügen. Diese gemeine Maßnahme
konnte sie nicht kränken, aber es war ein derartiger Eingriff
in die allerpersönlichsten Rechte eines Menschen, der sich
darin ausdrückte, daß die jüdischen Mitbürger
ihre völlige Rechtlosigkeit einmal erkennen mußten.
Nun begannen auch Beermanns, ihre Auswanderung zu betreiben. Ich
begrüßte ihren Entschluß, so traurig es für
mich war, so eine treue Freundin wie Eva zu verlieren. [...]
Frau Beermann bekam damals noch von ihrer in Los Angeles wohnenden
Tochter, die schon im Jahre 1934 emigriert war, laufend Nachrichten
und Paketsendungen und das erleichterte ihr das Leben. Auch von
meinen Freunden in England hörte ich über diese Verbindung.
Weihnachten 1939 ließ sich die alte Dame operieren, ich
besuchte sie mehrmals während ihrer Krankheit im jüdischen
Krankenhaus in der Iranischen Straße. Sie hatte die Operation
gut überstanden und erholte sich rasch. Am Heiligen Abend
freute sie sich über den winzigen kleinen Tannenbaum, den
ich ihr brachte, und über das Konfekt, das ich auf Marken
bekommen hatte. Damals war die Versorgung im jüdischen Krankenhaus
noch ganz gut und die besten Berliner Ärzte praktizierten
dort, denn die jüdischen Ärzte durften »Arier«
nicht mehr behandeln oder vielmehr die Arier durften sich nicht
mehr in Behandlung bei jüdischen Ärzten begeben. Um
sie schon auf ihren Arztschildern als Juden auszuweisen, mußten
sie draußen an den von ihnen bewohnten Häusern hellblaue
Emailleschilder anbringen, auf denen ihr Name unter einem Davidstern
stand.
Im Herbst 1941 kam das abscheuliche Gesetz heraus, daß alle
Juden den gelben Stern tragen mußten. Das »Dritte Reich«
hatte schon vorher die Polen mit dem Abzeichen »P« gekennzeichnet,
eine außerordentlich unpopuläre Maßnahme. Es
handelte sich dabei um die Kennzeichnung jener aus Polen in das
Reich verschleppter polnischer Arbeiter, die man aus ihren Häusern
vertrieben hatte, um Platz für die »heim ins Reich«
gekommenen Auslandsdeutschen zu schaffen. Man sah in den großen
Städten nicht oft Polen, sie waren meist als Zwangsarbeiter
auf den großen Gütern untergebracht worden oder in
den Rüstungsbetrieben, wo sie in Lagern hinter Stacheldraht
gehalten wurden. In katholischen Gebieten Deutschlands kam es
oft vor, daß die Bauern und kleinen Besitzer den Polen besonders
freundlich entgegenkamen, auch die katholische Geistlichkeit sah
diese eifrigen Kirchenbesucher gern und ließ ihnen Gerechtigkeit
widerfahren. Das ärgerte natürlich die Partei und es
wurde in Massenauflagen ein Flugblatt veröffentlicht, das
jede Haushaltung im Reich und auch in Berlin durch einen Parteibeauftragten,
meist den Zellenwart, zugestellt bekam.
Dieses Schmachdokument war vom Volksbund für das Deutschtum
im Ausland herausgegeben und enthielt eine »Aufklärung«
über die »Stellungnahme zur Frage der Polen im Reich«.
Es hieß darin unter anderem: »Das Volksreich kann nur
dann ewigen Bestand haben, wenn jeder Deutsche in seiner Haltung
volksbewußt auftritt ... Deutsches Volk, vergiß nie,
daß die Greueltaten der Polen den Führer zwangen, mit
seiner bewaffneten Wehrmacht unsere Volksdeutschen zu schützen!
Der September 1939 hat auf volksdeutscher Seite in Polen achtundfünzigtausend
Opfer gefordert.« (Diese gänzlich verlogene Darstellung
vom Ausbruch des Krieges mußte hier wieder herhalten!)
Weiter hieß es dann: »Angehörige dieses Volkes
sind jetzt zu uns als Land- und Fabrikarbeiter und Kriegsgefangene
gekommen, weil wir ihre Arbeitskraft brauchen ... Vor allem achtet
darauf, daß nicht über den gemeinsamen Glauben Verbindungen
angeknüpft werden. Unsere Bauern kennen den Volkstumkampf
nicht und halten den polen, der sie ständig mit »Gelobt
sei Jesus Christus« begüßt, für einen anständigen
Menschen und antworten ihm »In Ewigkeit, Amen!«. Polen,
die nur mit den Kleidern, die sie auf dem Leibe hatten, ankamen,
erhielten von ihren Bauern Wäsche und Kleidungsstücke.
... (Hierin liegt das Eingeständnis, daß man die Polen
aus ihren Besitzungen, ihren Höfen und Häusern ohne
alles Gepäck vertrieben hatte.) »Achtet darauf, ob die
Polen lange Briefe nach Hause schreiben! Es sind aus Polen auf
diese Briefe hin Lebensmittel geschickt worden, so daß man
sich vorstellen kann, was der Pole nach Hause geschrieben hat.«
Als wenn man nicht auch in kurzen Briefen, ja mit einem Wort,
um Lebensmittel bitten könnte!) »Gebt ihm kein bares
Geld in die Hand!« (Also sollten die unglücklichen Polen
recht wie Sklaven umsonst arbeiten!) Am Schluß dieser Flugblätter
hieß es dann noch. »Deutscher! Der Pole sei niemals
dein Kamerad! Er steht unter jedem deutschen Volksgenossen auf
deinem Hof oder in deiner Fabrik. Vergiß nie, daß
du Angehöriger des Herrenvolkes bist!«
Als dieses Flugblatt auch bei uns in der Wohnung lag, las ich
es meiner Vermieterin Frau Schramm vor und sie sagte: »Pfui,
werfen Sie es weg!« aber ich sagte: »Nein, das hebe
ich auf, das ist ein Dokument der Schande, so etwas wird man später
gar nicht glauben, wenn man es nicht schwarz auf weiß lesen
kann.«
Als nun der Judenstern eingeführt wurde, da gab es wiederum
ein derartiges Flugblatt mit den abscheulichsten lügenhaften
Beschuldigungen. Sie zu wiederholen, würde hier nicht am
Platz sein, sie sind bekannt genug geworden. Auch dies Flugblatt
liegt noch vor mir, und ich erinnere mich nur zu gut, wie es mich
schmerzte, es zu lesen.
Goebbels hatte bei dieser Maßnahme auf einen mittelalterlichen
Gebrauch zurückgegriffen. Damals mußten die Juden auch
einen gelben Flicken am Gewand tragen. Es war am neunzehnten September
1941, als die Juden zum ersten Mal mit diesem Zeichen ihren Weg
zur Arbeit antraten. Sie wurden in verschiedenen Rüstungsbetrieben,
besonders bei Siemens, beschäftigt, waren dort in Gruppen
zusammengefaßt und unterstanden deutschen Werksmeistern.
Ich muß sagen, daß ich aus jüdischen Kreisen
mehrfach bestätigt hörte, daß diese einfachen
Handwerker sich anständig gegen die ihnen unterstellten Juden
betragen haben. Eine Nichte der alten Frau Beermann arbeitete
in einem kleineren Betrieb und hatte sowohl von den Vorgesetzten
als auch von den anderen Arbeiterinnen nichts zu leiden. Sie ist
später auch aus Berlin abtransportiert worden und verschwunden.
Die Menschen, die den so gekennzeichneten Juden begegneten, blickten
sie an, neugierig, überheblich, manche auch beschämt.
Es kam oft vor, sehr zum Ärger der Nazis, daß Juden
in der Straßenbahn demonstrativ ein Platz angeboten wurde.
Man steckte ihnen unbemerkt eine Schachtel Zigaretten zu oder
Weißbrot, die sie nicht mehr kaufen durften. Es waren nicht
viele, die den Mut zu solchem Tun aufbrachten, aber einige haben
es doch getan.
Im Dezember fand sich in einem Brief aus New York ein Zeitungsausschnitt,
ein Gedicht, das in einer New Yorker deutschen Zeitung erschienen
war. Es lautete wie folgt:
Mein Orden.
Wollt man das Hakenkreuz mir reichen,
ich stieß es mit Entsetzen weg,
und deute auf mein Ehrenzeichen,
als Ritter vn dem gelben Fleck.
Schon unser Ahnherr hat's getragen,
mit seinem Herzblut voll durchtränkt,
auch lasset Euch von den Müttern sagen:
den gelben Fleck gab's nie geschenkt.
Kein Bonze konnt ihn je erwerben,
nicht Günstlingen ward er zuteil,
man durfte seinetwegen sterben,
doch für Verrat war er nicht feil.
Mögt ihr zwar weinend auf ihn schauen,
sei doch ein Leuchten in dem Blick;
Ihr Männer all und all Ihr Frauen,
zu Helden wählt euch das Geschick.
Grell zeigt er der Barbaren Tücke
und tut dem aug der Menschheit weh,
bis endlich doch der Welt zum Glücke
die »Neue Ordnung« einst ersteh.
Die Ordnung, die den Sieg des Bösen
niemals gefördert und gewollt ...
Sie wird von euch dies Zeichen lösen,
dem ihr so viele Tränen zollt!
Marg. Jacobson
Ich zitiere dieses Gedicht aus dem Gedächtnis, und ich glaube,
der letzte Vers ist ziemlich frei wiedergegeben. Es war nämlich
so, daß der Ausschnitt nicht in einem Brief lag, der durch
meine Hände ging, sondern von einem anderen Prüfer gefunden
wurde, der sofort eine Anzeige daraus machte und ihn so »befehlsgemäß«
zur Kenntnis der Gestapo brachte. Ich aber lernte ihn rasch auswendig
und schrieb ihn mir zu Hause auf, versteckte dann den Zettel,
indem ich ihn mit einem Reißnagel an der Unterseite eines
Tisches anpiekte, denn ich wollte ihn im Kreise meiner Freunde
verbreiten. Die tröstliche Tendenz der Verse war sehr gut
gemeint, aber der wirklichen Situation der Juden in Deutschland
allerdings wenig gerecht werdend. Ich überlegte hin und her
, ob dies Gedicht vielleicht doch den einen oder anderen der so
schmachvoll behandelten Juden trösten könne - und dann
schrieb ich es ab und nahm jeden Tag einen Zettel mit, wenn ich
im Morgengrauen aus dem Haus ging zur Dienststelle. Ich sah, wo
ein Schild eines jüdischen Arztes war, stieg die Treppen
hinauf und steckte es ihm in den Briefkasten. Das tat ich systematisch
eine Zeit lang, als auf meinem Weg zur Arbeit bereits alle Ärzte
bedient worden waren, ließ ich die Zettel in de U-Bahn liegen,
darauf vertrauend, daß sie schon irgendwer lesen und vielleicht
mal darüber nachdenken werde.
Als ich im Dezember Frau Beermann besuchte, hörte ich von
ihr, daß ein »Gedicht über den Judenstern aus
einer amerikanischen Zeitung« sehr verbreitet sei, sie kannte
es nicht auswendig, aber als ich es ihr aufsage, erkannte sie
den Wortlaut. Es freute mich, hier der Gestapo ins Handwerk gepfuscht
und den Text verbreitet zu haben.
Die alte Dame Beermann lebte in einer sehr netten Pension und
hatte dort einen angenehmen Kreis von gebildeten und feinen Juden
um sich. Ich besuchte sie meist am Sonntag vormittag nach dem
Gottesdienst, ein Autobus brachte mich in wenigen Minuten bis
zur Konstanzer Straße, und ich hatte dann gerade ein Stündchen
Zeit, bei ihr zu sitzen und mit ihr zu plaudern. Um halb ein Uhr
fuhr ich dann zum Mittagessen zurück nach Hause. Frau Beermann
feierte im Herbst 1941 ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag
in voller Gesundheit nach der gut überstandenen Operation
und hatte einen Blumenflor und Geschenke und eine große
Kaffeetafel für zwanzig Personen. Ihre Tochter konnte sie
noch mit Sendungen aus Amerika unterstützen.
Einige Wochen darauf, im April 1942, ging ich wieder zu ihr, da
sah ich zu meinem Entsetzen, daß das Schild der Pension
von der Wohnungstür entfernt worden war. Ich wußte,
was das zu bedeuten hatte: die Gestapo hatte die Pension geschlossen
wie schon so viele jüdische Privatpensionen! Mit zitternden
Knien ging ich die Treppen hinunter. Sollte ich es wagen, den
Portier zu befragen, wo die Bewohner der Pension geblieben waren?
Wie, wenn er ein Parteimann war und sich dafür interessierte,
was ich als »Arierin« in dem »Judennest« zu
suchen hätte? Ich war so beunruhigt über das Schicksal
meiner alten Freundin, daß ich es immerhin wagen mußte.
Die Portierfrau war aber ganz freundlich und gab Auskunft. Die
Schließung war erfolgt, weil ein hoher SS-Führer die
sehr schöne große Wohnung für sich ausbauen lassen
wollte. Frau Beermann war einige Häuser weiter zu ihrer Nichte
gezogen, die dort ein möbliertes Zimmer bewohnte.
Als ich aus dem Hause trat, sah ich sie auf der Straße.
Ich begrüßte sie und wollte mich nach ihrem Ergehen
erkundigen, aber sie zog mich rasch in einen Hausflur: »Sie
dürfen hier nicht mit mir stehen, ich trage doch den Stern!«
flüsterte sie.
Frau Beermann zog dann mehrfach um. Die immer stärker werdenden
Bombenangriffe, die häufigen Alarme setzten ihr furchtbar
zu. Sie fürchtete sich so vor den Bomben und war so nervös
bei den Alarmen. Die Juden durften in den Häusern, in denen
sie überhaupt nach geduldet wurden, nicht in die Luftschutzkeller
gehen, sie mußten in irgendeinem Kellerloch hocken und kamen
sich dort ausgestoßen und dem Tode ausgeliefert vor, obgleich
in Wirklichkeit die Luftschutzkeller bei dem Einschlag einer schweren
Bombe auch keinen Schutz geboten hätten. Doch in den ersten
Kriegsjahren waren ja die auf Berlin geworfenen Bomben noch nicht
so schweren Kalibers. Im Vergleich zu dem, was wir später
durchmachen mußten, waren die drei ersten Kriegsjahre sanft
und ungefährlich.
Bei meinen Bekannten Gloedens gingen viele Juden aus und ein und
Dr. Gloeden verschaffte ihnen, wie ich einmal von seiner Frau
erfuhr, falsche Papiere. Die Juden mußten aber dazu einen
Selbstmord vortäuschen, meist ließen sie ihre Kleider
an dem Ufer eines Sees in der Umgegend von Berlin liegen und sorgten
dafür, daß ein Judenpaß oder sonst ein Dokument
dabei lag. Wenn dann die Polizei von dem Selbstmord Kenntnis genommen
hatte, konnte der Jude sicher sein, nicht mehr gesucht zu werden.
Gloeden konnte ihnen eine Zeitlang ungarische Pässe verschaffen,
mit denen sie zu Fuß über Österreich nach Ungarn
gingen.
Andere Juden wiederum »tauchten unter«, das heißt,
sie versteckten sich in Berlin oder in der nächsten Umgebung
und lebten »illegal« bei Freunden. Sie hatten dann aber
keine Lebensmittelkarten und waren immer in Gefahr, denunziert,
erkannt oder bei einer Razzia gefaßt zu werden. Für
diese »getauchten Juden« gab ich alles erübrigte
Brot an Gloedens, die hatten Verwendung für jedes Stück.
Wenn ich zu ihnen zum Bridgespielen fuhr, hatte ich immer ein
Paket Brot oder auch Brotmarken bei mir. Das war damals nicht
so schwer zu machen, denn die Versorgung war noch recht reichlich.
Im Herbst 1943 begannen die großen Verschickungen von Juden
nach Theresienstadt, dort sollten sie in einem Ghetto untergebracht
werden und die Parteileute verbreiteten die Mitteilung, es werde
ihnen dort sehr gut gehen, kein Haar werde man ihnen krümmen.
Anfangs wurde dies auch von den betroffenen Juden geglaubt, sie
klammerten sich an die Hoffnung, man werde menschlich mit ihnen
verfahren. Als im September 1943 Frau Beermann längere Zeit
nichts von sich hatte hören lassen - sie schrieb mir sonst
dazwischen einen Brief, wann ich sie aufsuchen könnte und
wo sie wohnte, denn sie zog viel um und jedes Mal war das Zimmer
enger und sie teilte es zuletzt mit einer anderen jüdischen
Dame - da ich also längere Zeit nichts von ihr gehört
hatte, machte ich mich auf den Weg, sie aufzusuchen. Zwar wußte
ich nicht genau, wo sie wohnte, doch ich fragte in der letzten
Wohnung, in der ich sie besucht hatte, und man gab mir die Adresse.
Mit einem Strauß Herbstastern und etwas Konfekt stieg ich
die Treppen hinauf und klopfte an der bezeichneten Wohnungstür.
Ich kam zu Frau Beermann, als sie eben dabei war, ihre Habseligkeiten,
die letzten Besitztümer dieser ehemals so wohlhabenden Frau,
zu verschnüren, denn am nächsten Morgen sollte der Transport
nach Theresienstadt abgehen. Es war für mich ein entsetzlicher
Augenblick, als ich das erfuhr. Ich wußte, ich würde
später ihrem Sohn von diesem letzten Zusammensein mit seiner
so geliebten alten Mutter erzählen müssen. Es war ein
Herr von der jüdischen Gemeinde bei ihr, der ihr half. Sie
durfte nur wenig mitnehmen, darunter sollte aber auch ihre wunderbare
seidene Daunendecke sein. Alle ihre Habseligkeiten, auch die Wäsche,
mußte vorschriftsmäßig mit einem Namensstempel
gekennzeichnet werden. Es tat ihr recht leid, die schöne
Decke so zu verunzieren.
Ich sah meine Blumen mitten unter den Gegenständen stehen,
die sortiert wurden. Ich saß still in einer Ecke des kleinen
Zimmers und weinte, Es war so maßlos beschämend, dabei
zu stehen und nicht helfen zu können. Dann trug mir die alte
Dame Grüße an ihre Kinder auf. Ich küßte
sie zum Abschied und sie gab mir ihren Segen - den Segen einer
Todgeweihten, wie ich wohl ahnte. Sie selbst hatte keine Furcht.
Ihre Zimmergenossin aber hatte sich vor einigen Tagen aus dem
Fenster gestürzt.
Wie oft gehe ich an dem bei einem Bombenangriff ganz ausgebrannten
Haus in der einst so eleganten Rankestraße vorüber
und schaue hinauf nach den Fensterhöhlen, hinter denen so
viele Jahre hindurch meine lieben Freunde wohnten; es ist mir
unendlich wehmütig, jener Tage zu gedenken, da ich in ihrer
Familie so liebevoll aufgenommen war.