Die Osterwoche 1938 verlebte ich mit schwedischen Freunden in
Oberstdorf im Allgäu. Ich reiste am Sonnabend vor Palmsonntag
ab und in München hatte ich eine Stunde Aufenthalt. Es war
wieder eine Volksabstimmung, diesmal wegen der Angliederung Österreichs,
und ich hatte die Erlaubnis zur Urlaubsreise erst bekommen, als
ich einen für derartige Fälle vorgesehenen »Stimmschein«
vorgezeigt hatte, das heißt eine Berechtigung, unterwegs
an der Abstimmung teilzunehmen. Es wäre ja sonst meine Stimme
verloren gegangen!
Ich ging also auf dem Münchener Hauptbahnhof in das Wahllokal,
legte Paß und Stimmschein vor und erhielt einen Stimmzettel.
»Hier müssen Sie Ihr Kreuz hinmalen!« sagte der
Mann in Partei-Uniform und wies auf einen Kreis, in den »Ja«
gedruckt war. Ich dachte: das nennt sich geheime Wahl!, sah ihn
kühl an, ging in die Wahlzelle, schrieb quer über den
Stimmzettel ein derbes Schimpfwort, steckte den Stimmzettel in
einen Umschlag und warf ihn in die Urne.
Der Stimmzettel war natürlich ungültig, aber was hätte
ein »Nein« entscheiden können. Die Wahlresultate
waren schon vorher ausgerechnet, das wußten alle aufgeklärten
Leute.
Einige Tage später gab es in dem reizenden Winterkurort Oberstdorf
eine kleine Sensation. Am Gemeindehaus waren unter Glas und Rahmen
achtundsechzig Strickenden aufgehängt und daneben eine Mitteilung,
diese Stricke seien für die achtundsechzig Personen bestimmt,
die in der Gemeinde mit »Nein« gestimmt hätten.
Meine schwedischen Freunde staunten und photographierten diesen
Aushang. Der Mann meiner Freundin wollte mit dem Photo einen Beweis
dafür haben, wenn er diese Geschichte seinen Freunden erzählen
würde, die sie ihm sonst kaum glauben könnten.