Es war der Winter 1942/43, in dem die Situation in Rußland bedenklich
wurde, als die Nachrichten über die hoffnungslose Lage von
Stalingrad auch denen unter den Deutschen bekannt wurde, die nicht
wie ich und meine Freunde den englischen Sender und Moskau hörten.
Die Luftangriffe auf Berlin kamen nun schon öfter vor, die
Ernährung war immer noch ausreichend, aber doch schon recht
einfach geworden. Die Stimmung sank von Tag zu Tag und die Reden
und Aufrufe von Goebbels hatten schon nicht mehr die Wirkung wie
früher. Als dann im Januar der Fall von Stalingrad von der
Regierung nicht bekanntgegeben wurde, um nicht die Feier der zehnjährigen
Wiederkehr des Jahrestages der Machtübernahme zu stören,
da wußten die Aufgeklärten unter den Deutschen, was
die Glocke geschlagen hatte. Aber die breite Masse ließ
sich nur gar zu gern weiter führen, in das Verderben.
Am dreißigsten Januar 1943 war um elf eine Rede von Göring
angesetzt, die wir wie alle solche Ansprachen in der Dienststelle
mitanhören sollten. Wir wurden dann alle zusammen in den
riesigen »Marmorsaal« kommandiert und trugen unsere
Stühle mit uns, denn wir konnten ja schließlich nicht
stundenlang stehen. An diesem Tag mußten wir eine ganze
Stunde warten. Göring begann erst um zwölf Uhr seine
Rede, weil Fliegerwarnung war. Es fiel aber kein Schuß,
die feindlichen Flieger waren lediglich in der Umgebung von Berlin.
Göring hatte sich immerhin lieber in seinen bombensicheren
Unterstand zurückgezogen, als an das Mikrophon zu treten.
Darüber wurde vielfach gespöttelt. Die Rede schilderte
dann die Kämpfe von Stalingrad und Göring verglich die
sich opfernden unglücklichen Soldaten mit den Helden der
Thermopyläen, ein völlig schiefer Vergleich.
Als am dritten Februar nachmittags durch Rundfunk die Kapitulation
von Stalingrad bekanntgegeben wurde, da weinte die alte Frau Schramm
bittere Tränen um die vielen gefallenen deutschen Soldaten
und wollte es nicht verstehen, daß der wahre Anlaß
zum Weinen darin lag, daß sie alle ganz sinnlos geopfert
worden waren, nur aus Ehrgeiz und Eitelkeit. »So etwa tut
der Führer nicht!« sagte sie. »Er liebt doch das
deutsche Volk!« Das war die Meinung vieler gutgläubiger
und durch die Nazi-Propaganda verdummter Deutscher.
Mir fällt hierbei auch noch ein, wie es mich beeindruckte,
folgende Notiz auf einem kleinen grünen Zettel an der Tür
des Staatstheaters in der Nürnberger Straße zu lesen:
»Die Vorstellung fällt aus. Als Würdigung (!) des
Falles von Stalingrad«. Ich dachte: Ungeschickter hätte
man diese Anzeige wohl nicht formulieren können! Wer weiß,
welcher Bühnenportier das da angeschrieben hatte. Auf Goebbels
Anordnung schlossen alle Theater und Kinos für drei Tage.