Im Frühsommer 1943 begannen die schweren Bombenangriffe;
einmal brannte es auf unserem Dachboden, und wir mußten
während des Alarms aus dem Keller hinauf und löschen.
Es war eine abscheuliche Angelegenheit; wenn man zum ersten Mal
in einer Gefahr steht, ist man doch ängstlich. Später
haben wir so viel Schlimmeres erleiden müssen, als unter
Flakbeschuß auf dem Boden Feuer löschen, aber ich hatte
damals ein sehr starkes Furchtgefühl und ich glaubte, jeden
Augenblick könne eine Bombe gerade auf mich fallen.
Im Sommer 1943 bin ich einmal vor Angst ohnmächtig geworden
in unserem Luftschutzkeller. Als ich wieder zu mir kam, schwor
ich mir, daß mir das nicht noch einmal geschehen sollte.
Ich stellt mein ganzes Denken um, machte mir das Wort »Dein
Wille geschehe« ganz klar, sah ab von meinem eigenen kleinen
und unwichtigen Leben, stellte mich ganz unter Gottes Schutz und
unter seinen Willen und überwand damit ein für allemal
die Furcht. Die meisten Berliner wurden von einem Angriff zum
anderen ängstlicher und nervöser, sie erinnerten sich
der vielen zerstörten Häuser, der heimatlos gewordenen
Bekannten, der grausigen Verstümmelungen.
Es kursierten viele Schauernachrichten über lebendig eingeschlossene
Personen, über verbrannte Körper, die nur noch so groß
wie die kleiner Kinder waren, so daß man sie in einem Margarinekarton
beisetzen konnte, und so weiter. Vielfach wurde auch gesagt, bei
dem Einschlag von schweren Luftminen, die gegen Ende des Krieges
in Anwendung kamen, rissen die Lungen entzwei und dadurch trete
der Tod ein. Ich habe das nie für wahr gehalten, aber es
wurde in weiten Kreisen als große Gefahr angesehen.
Die Berliner verloren viel von ihrer großartigen Sicherheit,
mit der sie bisher den Krieg überstanden hatten, nun wurde
es auch für sie so gefährlich, wie es in Köln und
Hamburg schon seit einigen Monaten war. Doch es hatten viele ängstliche
Gemüter die Möglichkeit, aus Berlin fort aufs Land zu
gehen und in die kleinen Städte und Dörfer in den besetzten
Ostgebieten und nach Süddeutschland, ja nach der Tschechoslowakei.
Die Jugendlichen kamen mit ihren Schulklassen in die Landverschickungslager.
Die so evakuierten Berliner fanden es wunderbar, fern von Berlin
zu leben. Ihre wertvolleren Sachen hatten sie meist auch aus Berlin
herausgeholt, und wenn wirklich ein Bombenschaden ihre verlassenen
Wohnungen traf, so war ihnen von der Regierung versprochen worden,
sie reichlich zu entschädigen und ihnen die Häuser nach
dem »Endsieg« besser und schöner wieder aufzubauen.
Zu Anfang des Krieges gab es auch wirklich Entschädigungszahlungen
und Wiederaufbau. In der Nähe meiner Wohnung, am Schillerplatz,
wurde als eines der ersten Gebäude von Berlin, die von Bomben
zerstört wurden, das Haus einer Apotheke vernichtet; binnen
Jahresfrist war es wieder aufgebaut und es steht seither unversehrt
da.
Im Sommer 1943 waren die so folgenschweren Bombenangriffe mit
Phosphor auf Hamburg, die viele Opfer forderten und große
Zerstörungen anrichteten. Die Nachrichten darüber lösten
fast eine Panik aus. Nun kam noch dazu ein Flugblatt an alle Berliner
Haushaltungen, in dem Dr. Goebbels aufforderte, Wertsachen fortzubringen,
und anriet, Frauen, Kinder und alte Leute sollten Berlin verlassen,
das stark bedroht sei.
An meiner Arbeitsstselle in der ABP [Auslandsbriefprüfstelle]
wurde mitgeteilt, daß die Dienststelle auch von Berlin wegverlegt
werden sollte. Mir war das ein sehr unangenehmer Gedanke, ich
nicht mein Heim allein lassen. Frau Schramm, meine Vermieterin,
war zwar äußerst zuverlässig, sie war auch sehr
ruhig und tapfer bei den Angriffen, aber sie war eine alte und
körperlich stark behinderte Frau, sah kaum mehr und litt
an kranken Füßen. Im Falle eines größeren
Schadens oder eines durch Phosphor verursachten Brandes hätte
sie nicht viel retten können. Ich wollte aus diesen beiden
Gründen durchaus in Berlin bleiben und sann hin und her,
wie ich es nur bewerkstelligen könnte.
Wenn ich damals meine Kündigung nicht zurückgezogen
hätte, wäre ich wohl bei irgendeinem Rüstungswerk
angestellt worden, dachte ich. Aber dann sagte ich mir, ich müsse
alles Gottes Führung überlassen. Dies war der einzig
richtige und tröstliche Gedanke, und er schützte mich
von diesem Zeitpunkt an, da ich ihn gefaßt hatte. Nur ließ
ich mich von der allgemeinen Nervosität doch so weit anstecken,
daß ich einen großen Teil meiner Garderobe und meiner
sonstigen Wertsachen aufs Land nach Pommern zu meiner Schwester
sandte. Die Postämter waren für diesen Zweck den ganzen
Tag geöffnet und die Berliner standen an, um die Unmassen
von Paketen aufzugeben, die sie, einer direkten Aufforderung der
Partei folgend, in Sicherheit aufs Land schickten. Wie vielen
von ihnen mag es so ergangen sein wie mir, die ich von diesen
sichergestellten Dingen nichts wiedergesehen habe, denn ich bekam
sie nicht wieder zurück, als gegen Ende des Krieges die Front
sich weiter und weiter nach Westen verschob und wir in Berlin
nicht mehr die Erlaubnis hatten, unsere Koffer abzuholen. [...]
Nun begann die grausame Zeit, wo man sich von seinen Freunden
mit dem herzzerreißenden Gedanken verabschiedete, wer weiß,
ob wir uns lebend wiedersehen? Ich ging nur sehr selten aus. Anfang
Juni führte es mich in die nach der ersten Zerstörung
wunderbar wieder aufgebaute Staatsoper. Es war Görings Wille
gewesen, der »seine« Oper aus den Trümmern wieder
erstehen ließ, schöner als sie vorher gewesen. Im Apollosaal
hingen vier große prachtvolle Porzellankronleuchter, die
einst Friedrich II. seiner Schwester nach Bayreuth gesandt hatte.
Die Spiegel hatten ebenfalls Porzellanrahmen mit Konsolen, auf
denen Porzellanvögel aus der Königlichen Porzellanmanufaktur
standen.
Die Oper war innen in einem stumpfen gedämpften Rot, in gold
und in Grau gehalten. Die Loge, in der ich mit meinem Bekannten
saß, hatte nur zwei Plätze, wir waren noch abgeschlossener
von den übrigen Besuchern, als wir es schon in früheren
Jahren waren. Wir sahen ein farbenprächtiges Ballett »Der
Teufel im Dorf« von Mlekar. Die Oper begann und schloß
schon früh, das war wegen der Angriffe so angeordnet worden.
Als wir herauskamen, war es die Stunde des Sonnenunterganges.
Wir schritten über den Gendarmenmarkt und sahen die beiden
großen Kirchen und das Staatliche Schauspielhaus in einer
prachtvollen Abendbeleuchtung. Zudem stand am südlichen Himmel
ein doppelter Regenbogen. Wie bald sank dies alles, Opernhaus,
Staatstheater, Kirchen, in Schutt und Asche!
Die Bonzen hatten in großem Maßstabe ihre Möbel,
ihre ganzen Wohnungseinrichtungen, von Berlin fortgeschafft, alles
per Autos, die für gewöhnlich Sterbliche nicht zur Verfügung
standen. Das war natürlich nicht unbemerkt vor sich gegangen,
man schimpfte weidlich auf diese so offensichtlich bevorzugten
Kreise, und die Parteileute mußten manches bittere Wort
einstecken, ohne entgegnen zu können. Damals kam der große
Nazi Baron von Nolde von einem Urlaub zurück, und er sagte
kopfschüttelnd: »Die Stimmung ist sehr schlecht!«
Ich dachte in meinem Herzen: Du Dummkopf merkst aber auch alles!
Wir hatten täglich oder vielmehr jede Nacht Alarm und saßen
in den Kellern, doch geschah in den ersten Wochen nach den Angriffen
auf Hamburg, die Berlin so nervös gemacht hatten, noch nichts
Ernstliches. Erst am dreiundzwanzigsten August kam es zu einem
Angriff, der Riesenbrände verursachte. Bei uns im Hause brannte
es auch wieder auf dem Boden und in einer Wohnung, deren Bewohner
verreist waren. Der Schlüssel fand sich nicht, es gab aufregende
Minuten, dann erwies es sich, daß der Luftschutzleiter ihn
in die Tasche gesteckt und es vergessen hatte. Während wir
alle verzweifelt nach ihm suchten, brannte es ganz munter hinter
der Tür. Wir drangen ein und konnten das Feuer ablöschen.
Wie entsetzlich hatten aber zwei Häuserblocks gelitten, die
nur eine Querstraße von uns entfernt waren. Dort brannte
eine ganze Straße von beiden Seiten lichterloh und einige
schwere Bomben hatten mehrere Häuser zerstört. In dieser
Straße wohnte meine Kusine. Ich lief in ihre Wohnung und
konnte ihr helfen, einen Teil ihrer Sachen heraus und zu mir in
Sicherheit zu bringen. Mehrere Wände waren bei ihr eingestürzt
und der Brand griff schon auf ihr Haus über.
Die Hitze von den Bränden war so groß, daß ich
mir ein nasses Tuch um den Kopf band, auch um mich gegen den Funkenflug
zu schützen. Doch fror ich mit dem nassen Tuch bei dem entsetzlichen
Feuersturm, der aufgekommen war.
Meine Kusine und ich schleppten in einem Waschkorb so viel wie
möglich zu mir herüber, dann kam der Morgen und wir
gingen auf das Postamt nach Dahlem, um an unsere Angehörigen
zu telegrafieren, daß wir gesund und heil seien, denn wenn
ein Großangriff auf Berlin durch die Presse bekannt wurde,
ängstigten sie sich um uns.
Die wenigen geretteten Sachen verlor meine Kusine wenig später
bei einem schweren Angriff auf die Tiergartenstraße, wo
sie ein Zimmer in einem der schwedischen Gesandtschaft gehörenden
Haus bezogen hatte.
Nach diesem ersten schweren Angriff hatten wir viele Wochen lang
weder Gas noch elektrisches Licht und mußten uns irgendwie
behelfen. Am nächsten Abend saß ganz Berlin zitternd
vor Erwartung an den Lautsprechern, denn wir befürchteten
weitere Angriffe, wie dies in Hamburg der Fall gewesen war. Ich
erinnere mich, daß die B-Dur-Sonate von Mozart gespielt
wurde, es klang unglaublich schön und friedlich in das unruhige
Herz.
Um halb zwölf Uhr nachts war, wie erwartet, wieder Alarm.
Im Keller saßen aber diesmal nur zwei Greise, drei alte
Frauen und ich, alle anderen, auch der Luftschutzwart, hatten
die Stadt einfach verlassen oder waren in irgendeinen bombensicheren
Bunker gelaufen. Also ergriff ich als die Jüngste und Rüstigste
die Initiative, rannte bei Beschuß durch das große
Haus, schloß die Türen von vierzehn Wohnungen auf,
öffnete die Fenster und legte sie fest, damit sie bei einem
Bombeneinschlag nicht aus den Rahmen flogen. Die Schlüssel
hatten die geflüchteten Nachbarn wohlweislich im Luftschutzkeller
deponiert. Bei dieser schwachen Belegschaft des Luftschutzkellers,
in dem wir sonst mehr als dreißig Personen waren, darunter
mehrere handfeste jüngere Männer, war an ein Löschen
beim Ausbrechen eines Brandes nicht zu denken, wer sollte denn
Wasser schleppen? Die Lage war sehr ungemütlich, aber es
ging alles glimpflich für uns vorbei, der Angriff galt einem
anderen Stadtteil.
Nach diesen ersten großen Angriffen lag über Berlin
nachts ein heller roter Feuerschein und die Luft war voller Brandgeruch.
Wir hatten es am Mittag so dunkel wie nach Sonnenuntergang, so
dick waren die Rauchwolken.
Kotik, mein Bekannter, hatte von Anfang an gesagt, er werde bestimmt
durch die Bomben alles verlieren. Er versuchte, so viel wie irgend
möglich von seinen wertvollen alten Möbeln, Bildern
und Teppichen in Sicherheit zu bringen. Teils hatte er sie im
älteren Bau des Berliner Schlosses untergestellt, teils in
dem tiefsten Keller der Seehandlung (Preußische Staatsbank)
untergebracht, seine wertvolle Porzellansammlung stand zusammen
mit seinen Teppichen in einem als ganz sicher bezeichneten Keller.
Seine Wohnung ging langsam, Stück für Stück, von
einem großen Angriff zum anderen kaputt, bald brannte es
bei ihm, bald stürzten Türen und Fenster ein, dann wieder
fiel eine Wand ein. Sie war am Ende des Krieges, nach der Beschießung,
nur noch eine Ruine und konnte auch nicht wieder richtig hergestellt
werden, wurde nur eben notdürftig hergerichtet zum Wohnen.
Seine Schätze hat er aber ganz eingebüßt, alle
sicheren Keller wurden mit der Zeit zerstört und die vielen
Dinge, die er in den Banksafes untergebracht hatte, wurden geraubt.
Seine schöne Bibliothek verlagerte er zusammen mit Büchern
der Staatsbibliothek nach Süddeutschland, wo sie vernichtet
wurde, und was ihm von sichergestellten Sachen blieb, das waren
schließlich nur einige sehr wertvolle Bücher und mehrere
Hutschachteln, die in meinem Keller gestanden hatten. Seine düsteren
Vorahnungen hatten sich leider erfüllt ...
In der Dienststelle wurde nun der Spätdienst abgeschafft,
es wurden in einer Schule weitere Räume beschlagnahmt und
ein Teil der Prüfer dorthin ausquartiert. Wir arbeiteten
nun alle von acht bis sechzehn Uhr. Wir wurden zum Luftschutzdienst
abkommandiert und mußten dann die Nach über im Dienstgebäude
bleiben. Da wir über dreitausend Angestellte waren, kam der
einzelne nur sehr selten an die Reihe mit diesem Dienst. Ich machte
einmal eine Sonntags-Wache im Zoo, und da es ein schöner
warmer Maitag war, hatte ich die angenehmste Erinnerung an diesen
Dienst. Später im Kriege waren die Luftschutznachtwachen
sehr gefürchtet. Die im Zentrum der Stadt befindlichen Gebäude
waren den Angriffen viel stärker ausgesetzt als die reinen
Wohngegenden. [...]
Dann kamen die ersten so schweren Bombenangriffe auf Berlin im
November 1943. Der Norden Berlins litt schon damals schwer, wenn
auch die schlimmsten Zerstörungen im Berliner Westen waren.
In der Gegend, wo ich wohnte, in Wilmersdorf an der Grenze nach
Dahlem, merkte man am zweiundzwanzigsten November nicht viel von
dem schrecklichen Ausmaß dieses ersten Großangriffes.
Der Alarm begann früh, schon um neunzehn Uhr, es regnete
stark. Gegn einundzwanzig Uhr war Entwarnung, der Himmel rötete
sich, es brannte im Norden und Nordwesten, aber bei dem dichten
Nebel war nicht viel davon zu sehen, und wir gingen ruhig zu Bett,
während wenige Kilometer weiter große Teile der Stadt
in Trümmer und Schutt fielen.
Am Morgen fuhr ich zum Dienst, die U-Bahn fuhr nur bis zum Fehrbelliner
Platz. Von dort ein entsetzlicher Weg zwischen lauter brennenden
Häusern zum Zoo hin. Überall völlig verstörte
Menschen, die nur das Notwendigste gerettet hatten, teils in Schlafanzügen
mit hastig umgeworfenen Mänteln. Es regnete Asche herab,
die Glut war stellenweise unerträglich, die Haut des Gesichts
spannte sich.
Auch unsere Dienststelle im Zoo war völlig ausgebrannt. Der
Posten am Tor hatte die Weisung, uns alle für den kommenden
Montag zu bestellen. Als ich im Vorraum stand, kam ein verwildert
aussehender Schäferhund herbeigekrochen, ermattet und verstört.
Das arme Tier tat mir leid, ich wollte ihm von meinem Frühstücksbrot
abgeben - da kamen zwei uniformierte Tierwächter des Zoo
und fingen den aus seinem Käfig entsprungenen Wolf wieder
ein.
Bei den Tagesangriffen, die in den ersten Augusttagen 1944 erfolgten,
wurden massenhaft Flugzettel über Berlin abgeworfen, und
es gelang mir, einen davon zu erhaschen. Sie aufzulesen war nicht
schwer, sie kamen nach Beendigung des Alarms wie große weite
Schmetterlinge mit dem Wind dahergeflattert und fielen in allen
Straßen zu Boden. Doch an allen Ecken und auf allen Plätzen
standen auch schon die Beauftragten der Partei und ließen
sie einsammeln. Sie hatten ihre Augen überall und paßten
auf wie die Luchse, daß jeder aufgehobene Zettel ungelesen
ihnen abgeliefert wurde. Nach nächtlichen Angriffen gingen
sie mit Taschenlampen umher und suchten die weißen Zettel
selbst auf. Ich wollte aber gar zu gern wissen, was auf derartigen
Flugblättern stand, und ich brachte es fertig, von zwei Zetteln,
die ich aus einer Hecke herausholte, den einen klein zu zerknüllen
und nur den zweiten abzuliefern. Es gelang mir, den Zettel in
der Hand zu verstecken, während ich den anderen abgab. Ich
suchte dann noch ein paar Minuten ganz harmlos weiter und ging
heim, um zu lesen. Es war ein Aufruf an die in den Rüstungswerken
beschäftigten ausländischen Arbeiter, die Arbeit zu
sabotieren und ferner den englischen und russischen Sender abzuhören
und deren Mitteilungen über die Lage an den Fronten zu verbreiten.
Der Text war in mehreren Sprachen gedruckt.