Nach der Kapitulation von Stalingrad im Februar 1943 sah ich an
einer Häuserwand angeschrieben »1918«. Nichts weiter
als diese Jahreszahl, die die Erinnerung an die Lage Deutschlands
im Weltkrieg im Jahre 1918 wieder wecken sollte. Ich fand diese
Inschrift sehr einprägsam und habe meinerseits an vielen
Stellen die Zahl 1918 hingeschrieben. Meist tat ich es morgens
früh um halb acht auf dem Weg durch die dunkle Nürnberger
Straße. Ich hatte einen besonderen Stift, einen Dermatographen,
wie ihn die Ärzte benutzen, um auf dem Körper der Patienten
etwas anzuzeichnen.
Von diesem Stift hatte ich ein kleines Endchen abgeschnitten.
Wenn man nämlich derartige Parolen schreibt, muß man
das Schreibmaterial rasch wegwerfen können; im Falle man
beobachtet worden ist und zur Rede gestellt wird, darf sich der
Stift nicht finden lassen. Ebenso wie man von Flugblättern
nie mehr als ein Stück bei sich haben darf, sonst ist man
hinreichend verdächtig, sie zu verteilen, während man
bei nur einem Stück behaupten kann, es aufgelesen zu haben.
Wenn ich nachmittags vom Dienst die Nürnberger Straße
oder eine andere Straße zur U-Bahn entlang ging, dann sah
ich mir die Stellen an, wo ich morgens im Dunkeln »1918«
anschreiben könnte. Tags drauf sah ich die Jahreszahl mit
schwarzer Ölfarbe überstrichen: da waren Parteileute
unterwegs gewesen und hatten meine Inschriften und die anderer
»Saboteure« übermalt.
An der U-Bahn Rüdesheimer Platz waren auf dem unterirdischen
Bahnsteig große Plakate mit den Spielplänen der Staatstheater
angebracht, auf deren weißem Rand las man oft Parolen wie
»Hängt Goebbels« oder einen Galgen und daneben
ein »H«, man wußte schon, was das zu bedeuten
hatte. Dann waren am nächsten Tag die beschmierten Plakate
durch neue ersetzt. Wenn es möglich war, schrieb ich immer
ein »Ja« dazu.
Es klingt sehr einfach, aber es war recht aufregend, etwas anzuschreiben,
denn wenn man dabei gesehen wurde, hätte es die schwersten
Folgen haben können. Ich hatte auf alle Fälle die Ausrede
bereit, ich habe die Inschrift ausstreichen wollen, weil sie mich
beleidigte. Am leichtesten war es, nach nächtlichen Luftalarmen
an die Litfaßsäulen Parolen anzuschreiben. Ich weiß
wohl, daß diese Schreibereien durchaus kein Heldenstück
waren und daß sie auch nichts nutzen konnten. So, wie es
aber mich erfreute, wenn ich eine derartige Inschrift »1918«
oder »Hängt Goebbels« irgendwo entdeckte, so wolle
ich meinerseits Gleichgesinnten ein Lebenszeichen geben, indem
ich Parolen anschrieb.
Übrigens habe ich später einmal eine großartige
Inschrift gesehen. Es war ganz am Ende des Krieges, da wurde Propaganda
gemacht, daß die alten Leute sich freiwillig zum Dienst
bei der Luftverteidigung melden sollten, und es waren dazu Plakate
gedruckt, auf denen ein alter Großvater und eine weißhaarige
Großmutter mit strahlend zufriedenen Gesichtern von sich
behaupteten, wie gern sie ihre Kriegsarbeit machten. Am Breitenbachplatz
hatte jemand mit verstellter, ganz kindlicher Schrift dazu geschrieben
»Opa dof« und »Oma dof«; nun heißt »dof«
im Berliner Jargon bekanntlich dumm, beschränkt, und die
Straßenkinder schreiben mit Kreide auf die Bürgersteige,
wer von ihren Spielgefährten »dof« ist.
Die Person, die auf dies Propagandaplakat »Opa dof«,
»Oma dof« schrieb, hatte damit das Bild und den Text
schlagend ad absurdum geführt! Ebenso erschien in den letzten
Kriegsmonaten das riesige, grob gemalte Bild des »Schattenmannes«,
ein an die Häuserwände gemalter Schatten mit der Parole
»Pst!«, das heißt: »Schweige!«, »Feind
hört mit!« (übrigens ein Schlagwort aus dem ersten
Weltkrieg!} und die Berliner, die am »Endsieg« zu zweifeln
wagten, nannten das Bild »Adolf türmt!« das heißt
»Adolf rückt aus«. Diese Bezeichnung war auch aus
echt Berliner Witz geboren. Man konnte den »Schattenmann«,
dessen Abbildung man an jeder nur möglichen Stelle von Partei
wegen hingemalt hatte, nur noch lachend betrachten, wenn man diese
Parole kannte. Manchmal sah man eine kleine Reisetasche in seiner
Hand, dann war es noch komischer.
Noch eine kleine Geschichte über die Propagandaplakate: in
den allerletzten Wochen, als die Partei zum Kampf um, in und hinter
Berlin rüstete, den uns Dr. Ley vorhergesagt hatte, (er fand
dafür keinen Glauben, man konnte einfach nicht annehmen,
daß Berlin wirklich verteidigt werden sollte!), damals also
wurden mit den primitivsten Mitteln und vielfach durch Frauenarbeit
östlich und nördlich von Berlin Panzergräben und
Tanksperren gebaut. Ein kleines Plakat, massenhaft verbreitet,
warb für diese Frauenarbeit. Ich schrieb darunter: »Warum
denn noch Gräben schippen? Zieht doch einfach ein paar Strippen!«
(in Berlin nennt man Bindfaden »Strippe« und mein Vers
sollte darauf hinweisen, wie nutzlos die »Schipperei«,
das Graben, wäre). Ich hatte die Freude, meinen Vers noch
zweimal von fremder Hand geschrieben zu sehen.