Morgens am dritten September [1939] kam ich nach Hause, da brachte
mir die Post einen merkwürdig amtlich aussehenden Brief.
Es war meine Einberufung! Darauf war ich nicht gefaßt gewesen,
daß ich aktiv an diesem Krieg würde teilnehmen müssen.
Sehr nachdenklich schaute ich auf den Befehl, mich unverzüglich
in der Budapester Straße, in den Restaurationsräumen
des Zoo, Eingang Adlerportal, zu melden.
"Adlerportal des Zoo" - wie viele Erinnerungen verknüpften
sich mit dieser Bezeichnung! Hier war der Eingang zu den großen
prunkvollen Ballfesten, hier stiegen die berühmten Männer,
die schönsten Frauen aus ihren Autos, wenn sie zum Presseball,
zum Filmball, zu den ausgelassenen Maskenbällen kamen. Rings
leuchteten die Lichtreklamen, es lockten die elegantesten Schaufenster,
sie spiegelten sich im Asphalt. Hier pochte an solchen Abenden
der Pulsschlag der großen Metropole. Drinnen die breiten
Treppen, die Tanzsäle mit Stuck, Goldmosaiken, Deckengemälden
und spiegelndem Parkett: Marmorsaal, Kaisersaal, Bankettsaal,
grüne, rote Veranda.
Wie waren sie mir vertraut aus den zwanziger Jahren; damals hatte
ich als Berichterstatterin des »Berliner Börsen-Courier«
die großen Bälle besucht, um über die anwesenden
Prominenten zu schreiben, um den Berlinerinnen die schönsten
Ballgewänder der meist genannten Lieblinge von Bühne
und Film zu schildern.
Beim Betreten des Marmorsaals hatte ich einen Augenblick die Vorstellung,
als müßte gleich ein hinreißend spielendes Orchester
mit einem Tango einsetzen. Es war aber nur Stimmengewirr zu hören
und im Schein der strahlend hellen Kronleuchter, die in halber
Höhe des Saales schwebten, standen lauter aufgeregt sprechende
Gruppen von Damen und Herren beisammen. Sie alle waren wie ich
"einberufen" worden.
Es schien als sei eine Versammlung des "Reichsluftschutzbundes"
zusammengetreten, denn überall sah man die blaugrauen Uniformen
der Luftschutzwarte. Auch Frauen trugen diese Uniform. Ich selbst
hatte mir natürlich nie eine anfertigen lassen und vertrat
stets die Meinung, daß man auch in schlichtem Zivil gebrochene
Arme schienen und Kopfverbände anlegen könne.
Ich kam ins Gespräch mit einer Uniformierten. Sie sagte mir,
wir alle seien wegen unserer Fremdsprachenkenntnisse, die wir
vor Jahren einmal anläßlich einer Umfrage des »RLB«
auf dem Fragebogen angegeben hatten, hierher einberufen worden.
Mit dieser Dame, der später der Name »die Majorin«
beigelegt wurde, weil sie stets von »meinem Mann, dem Major«
sprach, bin ich vom ersten bis zum letzten Tag zusammen gewesen.
Anfangs war sie sehr kriegsbegeistert und ziemlich nazistisch,
dann mauserte sie sich gegen Ende des Krieges und sagte zum Schluß
nur noch mir vor Zorn rollenden Augen: »Welch ein Wahnsinn!«
Aber bis sie zu dieser späten Erkenntnis kam, machte sie
treulich alles mit, was man von ihr forderte und verlangte.
Eine Kommission von Offizieren schrieb unsere Personalien und
sonstige Daten auf und man erklärte uns, wir sollten sofort
unsere Arbeitspapiere herbeischaffen und uns als »dienstverpflichtet«
betrachten. Wir unterstünden nunmehr dem Oberkommando der
Werhmacht, wir seien damit Soldaten geworden, den Militärgesetzen
unterworfen und würden für jedes Vergehen mit dem strengsten
Strafmaß der Kriegsgesetze bestraft werden. Diese Mitteilungen
setzten die Laune der meist schon in reiferen Jahren stehenden
Damen und Herren beträchtlich herab.
Nur einige unter ihnen waren sichtlich stolz darauf, dem Vaterland
als »Soldaten« dienen zu dürfen. Schon wurde die
Frage aufgeworfen, ob wir wohl in Uniform gekleidet würden?
Manche, besonders einige Damen, erhofften dies.
Je nach Vorbildung und Sprachkenntnissen wurden wir sogleich in
Gruppen eingeteilt. Ich kam, da ich Bankangestellte war, zur Gruppe
»Handel«, andere zu »Privat« wieder andere
zu »Chemie«. Was diese Worte bedeuteten, wurde uns vorerst
nicht mitgeteilt, doch sickerte es bald durch, daß hier
in den Festräumen des ZOO die Briefzensur eingerichtet würde.
Es war wieder einmal ganz typisch, daß von einer freien
Entscheidung für die Art der Arbeit keine Rede war. Man wurde
eingezogen, dienstverpflichtet, mit strengen Strafen bedroht und
wußte überhaupt noch nicht, zu welchen Leistungen man
herangezogen werden würde. Zuletzt wurden die drei- bis vierhundert
Personen, die an diesem vierten September eingestellt wurden,
zu tiefster Verschwiegenheit verpflichtet und nach Hause entlassen.
Über dem allen war es später Nachmittag geworden.
Sehr nachdenklich fuhr ich nach Hause. Ich war, ganz gegen meinen
Willen, von der Kriegsmaschine erfaßt worden. Mit dieser
Möglichkeit hatte ich nicht gerechnet. Wenn ich mir darüber
Gedanken gemacht hätte, dann wäre ich bestimmt nur auf
Rote-Kreuz-Pflegerin verfallen, doch dazu würden wohl noch
genug jüngere Frauen bereit sein.
In der Briefzensur sollte ich also arbeiten. Bei meinen leider
umfangreichen Sprachkenntnissen war das gewiß der richtige
Platz, aber ich war trotzdem gewiß nicht »der richtige
Mann« für diesen Platz. Ich las damals außer deutsch
noch acht europäische Sprachen und hatte auch schon viel
für Zeitungen und Zeitschriften übersetzt. Im Laufe
des Krieges lernte ich dann noch Ukrainisch und Esperanto hinzu
und wenn ich »lichte Momente« hatte, konnte ich die
slawischen Balkansprachen wenigstens verstehen, wenn auch nicht
wörtlich, so doch dem Sinn nach.
Das Wort »Briefzensur« mochte den meisten der Neueingestellten
nur ein vager Begriff sein, es verband sich vielleicht damit die
Vorstellung von unnötigerweise verzögerten und von fremden
Augen gelesenen Briefen ihrer Verwandten oder Freunde im Ausland.
Die deutsche Post wurde bereits seit geraumer Zeit »devisenamtlich
geprüft«. Ich aber wußte nur zu genau, was eine
Briefzensur im Kriege bedeutete. Es war ein Zufall oder eine besondere
Fügung, daß ich wenige Wochen vor Kriegsbeginn ein
Buch in die Hand bekommen und es mit der größten Aufmerksamkeit
gelesen hatte, das mich über das Wesen der Briefzensur gründlich
aufgeklärt hatte.
Dieses Buch hatte ich bei einem Straßenbuchhändler
am Wagen unter alten Büchern gefunden. Es war im regulären
Buchhandel nicht erhältlich, denn es gehörte zu den
Büchern über Spionage, die schon seit Jahren auf Befehl
des Oberkommandos der Wehrmacht aus den Buchhandlungen verschwunden
waren. Es hieß: »Die anderen Waffen« und sein
Verfasser war ein gewisser Silber, der seine Erlebnisse als deutscher
Agent im ersten Weltkrieg schilderte.
Aus diesem Buch hatte ich erfahren, wie wichtig eine präzis
arbeitende Briefzensur für einen kriegführenden Staat
sei, welche Möglichkeiten aber auch bestanden, die Arbeit
an einer solchen Stelle zu sabotieren. Herr Silber hatte es fertig
gebracht, den ganzen ersten Weltkrieg über zuerst als Prüfer
und dann sogar als Leiter einer wichtigen Abteilung der englischen
Zensurbehörde zu arbeiten und dort Spionage zu Gunsten Deutschlands
zu treiben. Er hatte Auftraggeber und Deckadressen im neutralen
Ausland. Das kam für mich ja nicht in Betracht. Ich mußte
erst sehen, wo ich eingesetzt und welcher Art meine Arbeit sein
würde. Doch daß ich loyal für die Nazis arbeiten
würde, kam bei meiner antifaschistischen und antimilitaristischen
Einstellung überhaupt nicht in Frage.
Am fünften September begannen wir mit unserer Arbeit. Wir
wurden in kleineren Gruppen von etwa dreißig Personen zusammengestellt
und jede Gruppe hatte je einen Offizier als Vorgesetzten. Im Marmorsaal
waren die kanariengelb gestrichenen Tische und Stühle des
Gartenrestaurants ZOO zusammengestellt worden. Dort zog die Abteilung
III »Handel« ein.
Meine Gruppe unterstand einem Oberleutnant Lupprian, der im Frieden
Angestellter einer Berliner Großbank war. Er war sehr genau;
kleinlich sah er darauf, daß der Punkt genau über dem
i saß, und gab seiner Gruppe eine gründliche Ausbildung
nach dem Motto: »Kleinigkeiten haben Preußen groß
gemacht«. Da wir nur mit Einschreibe- und Wertbriefen zu
tun hatten, war diese Sorgfalt durchaus angebracht, denn ein verlorener
Einschreibebrief gab endlosen Ärger mit der Postzentrale
und mußte vom Bearbeiter mit zweiundvierzig Mark ersetzt
werden. [...]
Langsam lief in den kommenden Tagen die Arbeit an. Es kamen erst
wenig Postsendungen zu uns, weil die Deutsche Reichspost noch
Bedenken hatte, die ihr anvertrauten Sendungen aus der Hand zu
geben. Es mußte erst durch einen Erlaß des Oberkommandos
der Wehrmacht diese Angelegenheit geregelt werden. Besonders die
Frage der Einschreibebriefe, für die eine Haftung in Höhe
von zweiundvierzig Mark von Seiten der Post vorlag, mußte
erst geklärt werden. Sie wurde dann so geregelt, daß
diese Briefe in Listen mit laufenden Nummern zusammengestellt
wurden. Die in einem großen Saal des ZOO arbeitenden Postbeamten
lieferten sie nur gegen Quittung an die Prüfstelle aus, dort
bekam jeder Prüfer zur Zeit immer nur fünfundzwanzig
Stück wiederum gegen Quittung. Diese fünfundzwanzig
Briefe stellten einen Wert von tausend Mark dar, für die
der Bearbeiter im Verlustfalle einzustehen hatte. Auf den Inhalt
der Einschreibebriefe mußte man besonders sorgfältig
achten, deshalb wurden derartige Briefe vom Bearbeiter selbst
aufgeschnitten und verschlossen. Eine Nachkontrolle konnte hier
nicht stattfinden.
Die gewöhnliche Post wurde in einem großen Saal von
Frauen, die keinerlei Vorkenntnisse hatten und die aus allen möglichen
Berufen herausgezogen waren, mit der Schere aufgeschnitten, dann
chemisch geprüft, in den Lesegruppen gelesen und wiederum
im gleichen Saal verklebt. Hierbei fanden Stichprobenkontrollen
statt, die öfters zu Maßregelungen der zu »weitherzig«
arbeitenden Prüfer führten, denn die Offiziere litten
in der ersten Zeit des Krieges an einer ausgesprochenen »Spionitis«
und sahen in jedem Wort ein verabredetes Zeichen zur Übermittlung
militärischer Geheimnisse. Es gab viel Ärger und oft
sogar Tränen, wenn einer dieser Oberleutnants oder Hauptleute,
die im Frieden meist kleine Angestellte irgendeiner Handelsfirma
waren, den ihnen nun dienstlich unterstellten Damen und Herren
oft in wenig höflicher Form wegen Unterlassungen Vorwürfe
machten. [...]
Das Berliner Publikum sah plötzlich in seinem altvertrauten
ZOO nicht nur Affen, Löwen und andere Vierbeiner hinter Gittern,
sondern Mitmenschen, die sich da frei aber doch ziemlich abgesondert
bewegten. Auf Anrufe: »Wer sind Sie und was machen Sie?«
erfolgte keine Antwort, denn es war uns allerstrengste Schweigepflicht
über Art und Tätigkeit der ABP auferlegt worden.
So entstand in Berlin das Gerücht, im ZOO seien jetzt alle
die harmloseren Irren aus der großen Irrenanstalt Wittenau
untergebracht worden, um dort Raum für gemeingefährliche
Wahnsinnige zu schaffen, die in den Kriegsgebieten als Folge schrecklicher
Erlebnisse den Verstand verloren hätten. Dies glaubte ein
großer Teil der Berliner, jedoch nur eine kurze Zeit hindurch,
denn allzubald sickerte es durch, was für eine militärische
Dienststelle im ZOO ihr Quartier aufgeschlagen hatte. [...]
Der Leiter der bald auf sechshundert Personen angewachsenen Abteilung
III »Handel« war ein Rittmeister Mayer, genannt »bel
ami«, denn die Augen der Damen folgten ihm, wenn er durch
die Reihen der Tische schritt. Er sah recht gut, wenn auch etwas
trinkfreudig, aus und war sowohl in Zivil als auch in Uniform
tadellos gekleidet. Rittmeister Mayer bekam Blumenspenden, die
von zarter Hand auf seinen Schreibtisch niedergelegt wurden, ganz
früh am Morgen, ehe noch das Heer der Prüfer den Saal
füllte. Er bekam auch Briefchen mit Einladungen und von Zeit
zu Zeit anonyme Zuschriften, die ihn jedes Mal furchtbar erbosten
und zu langatmigen wortreichen Ansprachen »an sein versammeltes
Volk« Anlaß boten.
Dieser Rittmeister Mayer, der vom ersten bis zum letzten Tag bei
der ABP [Auslandsbriefprüfstelle] Berlin tätig war,
sprach in den ersten Tagen des Krieges ein Wort, das ich ihm nicht
vergessen habe, denn es war immerhin der Ausdruck menschlichen
Empfindens, das man sonst so selten bei unseren militärischen
Vorgesetzten spürte. Er kam damals in die Loge, in der die
Gruppe »Einschreibebriefe« an ihren kleinen gelben Tischen
arbeitete, und sprach einige allgemeine Redensarten mit uns. Da
sagte ein ganz junges Mädchen, die bei uns den Namen »Häslein«
führte, sie würde lieber in Gruppe IV »Privatpost«
arbeiten, die Handelskorrespondenz sei ihr so langweilig zu lesen.
Ob sie nicht in den Kaisersaal zur »Privatpost« versetzt
werden könne? Rittmeister Mayer antwortete ihr und wandte
sich dabei an uns alle in der Loge: »Meine Herrschaften,
seien Sie froh, daß Sie hier bei mir und nicht in der »Privatpost«
beschäftigt sind. Sie ahnen ja gar nicht, in was für
Konflikte Sie die Lektüre von Privatbriefen stürzen
kann, wenn einmal in diesen an und für sich meist sehr harmlosen
Briefen eine Stelle auftaucht, die zu Bedenken Anlaß gibt
und Sie als Prüfer vor die Frage stellt, ob Sie eine Anzeige
erstatten sollen oder nicht. Und wieviel Trauriges lesen Sie da
täglich in den Briefen der durch den Krieg unerbittlich getrennten
Familienmitglieder! Welch eine Flut von Tränen ist über
die ganze Zeit gekommen. Sie rauscht durch den Kaisersaal und
nur ganz stumpfe und seelenlose Menschen werden von diesem Elend
nicht berührt. Nein, bleiben Sie nur hier bei der sauberen,
klaren Handelspost, wo Sie nach genauen Richtlinien arbeiten können
und in keine seelischen Konflikte geraten.«
Wie sehr Rittmeister Mayer Recht hatte, erfuhr ich späterhin,
als ich jahrelang »Privtpost« lesen mußte. Es
konnten wirklich nur seelenlose Menschen diese Dokumente menschlicher
Verzweiflung gefühllos lesen oder gar kalt nach Vorschrift
zensieren. Aber ich muß aus meiner Erfahrung sagen, daß
der größte Teil der Prüfer so gefühllos war,
sich über den Inhalt der Briefe nur insofern Gedanken zu
machen, als er ihnen die Möglichkeit gab, eine »Vorlage«
zu schreiben, das heißt eine Anzeige zu machen und sie dem
Tischoffizier stolz zu übergeben. Die Prüfer, die im
Kaisersaal die Privatbriefe lasen, wurden in der ersten Zeit von
den mit der Prüfung der »Handelspost« Beschäftigten
etwas über die Achsel angesehen, obgleich sie gesellschaftlich
aus den gleichen Kreisen stammten. Es drückte sich in dieser
Haltung doch etwas von der Abscheu über die Schnüffelei
im Privatesten und nach der Gesinnung aus. Bald aber hatte sich
diese Abneigung ganz gegeben, wie denn überhaupt die Moral
in einem langsamen und stetigen Absinken war.
Wie es bei der dauernden Beschäftigung mit einer unmoralischen
Tätigkeit nicht anders zu erwarten war, ließen die
Widerstände nach. Waren in den ersten Monaten Flirts an der
Tagesordnung, so wuchsen daraus Ehescheidungen und häßliche
Zerwürfnisse. Die Beraubung von Lebensmittelpäckchen,
die in einer besonderen Abteilung geprüft wurden, nahm immer
größeren Umfang an. Es wurden Stichproben beim Verlassen
des Hauses angeordnet und dabei viel gestohlenes Gut gefunden.
Manchmal, wenn man etwas später aus dem Haus ging, sah man
schon beim Passieren der langen Korridore fortgeworfene Gegenstände
liegen: Schokolade, Tee, Speck. Das war ein Zeichen, daß
am Ausgang beim Adlerportal Untersuchungen stattfanden. Die Diebe
hatten davon Kenntnis bekommen und entledigten sich rasch der
gestohlenen Sachen. [...]
Nun noch einige Worte über unsere »hohen Vorgesetzten«,
die Leiter der Dienststelle Auslandsbriefprüfstelle Berlin,
kurz ABP genannt, und die Offiziere der »Abwehr III«
im Oberkommando der Wehrmacht. Von dem ersten Dienststellenleiter,
der die Dienststelle aufzog, merkten wir nur wenig. Er hieß
Major Huth und man sagte, er sein ein intimer Freund von Göring.
In seiner Dahlemer Villa hätten schon vor der »Machtergreifung«
Prominente verkehrt wie Göring mit seiner ersten Frau, Udet
und andere. Die höchsten Leiter der Abteilung »Abwehr
III« beim OKW sollten wir aber wenigstens dem Namen nach
kennen und so lernten wir sie mit ihren Rangbezeichnungen auswendig:
»Admiral Canaris«, Oberstleutnant Brusdeitis« und
andere, ich habe sie ebenso rasch vergessen, wie ich sie damals
zur Freude unseres Tischleiters Lupprian herbeten konnte, wenn
er uns diese Namen abfragte.
Dann wurde Major Huth versetzt und die ABP führte Major Freiherr
von Sell. Er übernahm außerdem die persönliche
Leitung der Gruppe VIII, die als »Auswertungsgruppe«
den Kopf der ganzen Briefstelle bildete. Major von Sell war Kammerherr
der »Kaiserin« - der zweiten Gattin Wilhelm II - und
hatte lange in Dorn Dienst gemacht. Er verwaltete das Hohenzollern-Vermögen
in Deutschland. Als während des Krieges der Ex-Kaiser in
Dorn starb, fuhr von Sell zur Beisetzung. Man sagt, er sei mit
dem überfüllten Zug nur mitgekommen, weil er durch ein
Fenster geklettert sei. Jedenfalls sah man ihn auf einem in der
Presse veröffentlichten Bild von der Beisetzung, er war einer
der Offiziere, die den Sarg aus dem Haus trugen.
Unter von Sells Führung wurde in den einzelnen Abteilungen
recht milde regiert. Noch herrschte nicht der grobe Kasernenhofton,
der später einriß. Es wurde sogar noch nicht verlangt,
daß Damen die Vorgesetzten mit ihrem militärischen
Rang anzureden hatten. Nun war natürlich die Menge älterer
Damen und Herren, die zum Teil nie im Leben im Beruf gestanden
hatten, schwer zu lenken. Es war schon eine recht eigenwillige
Gesellschaft. Unterordnung, Disziplin und Kameradschaft wären
bei der großen Menge von Angestellten durchaus nötig
gewesen, sie ließen sich aber durchaus nicht mit Gewalt
erzwingen.
Zu den starken sozialen Gegensätzen kamen alle die kleinlichen
Zersplitterungen durch Freundschafts- und Abneigungsgefühle,
die nicht durch die Einsicht gemildert und gemindert wurden, daß
man schließlich nicht auf Lebenszeit, sondern nur für
die Dauer des Krieges, den am Anfang alle für einen »Blitzkrieg«
hielten, zusammengekoppelt worden war. Alle deratigen Einstellungen
von Person zu Person faßten vielmehr festen Fuß, es
kam zu innigen Freundschaftsbünden und zu erbitterten Feindschaften,
die auch während der Arbeitszeit zu peinlichen Szenen führten.
Dazu kam noch die im Deutschen steckende und im »Dritten
Reich« stark wuchernde Sucht, Mitmenschen zu erziehen, den
Fehler beim Nachbarn vergrößert zu sehen und eigenen
Schwächen gegenüber blind zu sein. [...]
Um aber wieder auf den Dienststellenleiter von Sell zurückzukommen,
so ist von ihm zu berichten, daß die ABP Berlin unter ihm
einen großen Aufschwung nahm und zahlenmäßig
stark anschwoll. Es wurden massenhaft Leute mit ziemlich bescheidenen
Sprachkenntnissen und noch schwächerer Allgemeinbildung eingestellt.
Die Arbeitsämter schickten alle »kriegsdienstverpflichteten«
Angestellten, die irgendwelche Fremdsprachenkenntnisse angaben,
zur ABP. Die Bewerber saßen in langen Reihen wartend in
den Wandelgängen und in den Pausen gingen wir an ihnen vorüber
und musterten sie.
Es kamen altgewordene Tänzerinnen, die früher einmal
schön und berühmt gewesen waren, so berühmt, daß
Zigarettenmarken nach ihnen benannt worden waren, es kamen Zirkusartisten
ohne Engagement, Maler und Musiker, Aufwartefrauen und sogar Farmer
aus Afrika, die als besondere Spezialität ihre Kenntnisse
der Suaheli-Sprache oder noch ausgefallenerer Neger-Dialekte anführten.
Man nahm sie alle in Dienst. Und auch die Farmer kamen dazwischen
zu einem Brief in Suaheli - ich erinnere mich, daß ein Missionar
an seine nach Deutschland gefahrene Frau Missionarin Briefe in
diesem Dialekt schrieb und ihr Inhalt bezog sich nicht auf das
Wort Gottes, sondern er war vielmehr derart, daß der sie
prüfende Afrikaner - wir nannten ihn nur den »Panterjäger«
- daß dieser Farmer sie dem Tischleiter Major Hartmann Wort
für Wort übersetzen mußte und wir aus dem prustenden
Lachen der beiden erkannten, daß es sich jedenfalls nicht
um militärische oder politische Dinge handeln konnte. [...]
Während der »Regierungszeit« des Herrn von Sell
wurden im Reich noch andere Briefprüfstellen aufgezogen.
Königsberg, Frankfurt am Main, München, Köln, Hamburg
und Wien bekamen je eine ABP. In Wien wurde die ganze Post von
und nach dem Balkan überwacht. Es hieß, in Wien seien
fabelhaft intelligente und fleißige Prüfer. Sie wurden
uns in »Tagesbefehlen« der Leitung als Muster vorgehalten.
Stehend mußten wir uns anhören, was wieder in Wien
an Erfolgen erzielt worden war: dort wurden Spione gefangen und
geheime Nachrichtenübermittlungen entdeckt. In einem mit
farbigen Stiften auf Karopapier gezeichnetem Stickmuster für
Kreuzstich wurde durch ungemein scharfsichtige Kombination der
verwendeten Farben und ihrer Reihenfolge die Nachricht entziffert:
»Artillerie nach Osten«, was ja an und für sich
ohne Angabe der Menge usw. keine kriegswichtige Mitteilung zu
nennen und zudem bei der durch die Briefzensur so beträchtlich
verzögerten Zustellung aller Briefe wahrscheinlich längst
überholt war.
Ein anderer »Tagesbefehl« teilte uns mit, daß
auf einem Notenblatt die Wiener ABP eine zwar unverständlich
gebliebene, für den Nachrichtenempfänger jedoch »zweifellos
äußerst wichtige« in Notenschrift verschlüsselte
Nachricht entdeckt worden war, jedenfalls sei die Melodie ganz
sinnlos gewesen.
Herr von Sell baute die ABP genau nach dem Schema der englischen
Briefzensur im ersten Weltkrieg auf, er übersah aber, daß
er bei weitem nicht das gute Material hatte, daß es den
Engländern ermöglicht hatte, aus der Briefprüfung
und ihrer Auswertung ein Instrument des Sieges zu machen. [...]
Die Dienstzeit bei der ABP war anfänglich so gelegt worden,
daß die eine Schicht von acht bis vierzehn Uhr, die andere
von vierzehn bis zwanzig Uhr arbeitete. Die Arbeitsfront, die
sich im Dritten Reich um alle Belange der Arbeit kümmerte,
hatte uns eine nur sechsstündige Arbeitszeit zugestanden,
weil wir den ganzen Tag über bei Lampenlicht lesen mußten.
Nun ist es ja und für sich schon eine sehr starke Anstrengung
der Augen, wenn man sechs Stunden hintereinander bei Licht liest.
Ein maschinengeschriebener Brief ist rasch überflogen, zumal
man eine kurze geschäftliche Mitteilung mit einem Blick aufnimmt.
Ein handgeschriebener Privatbrief, noch dazu womöglich auf
dünnen Luftpostpapierbogen geschrieben ist schon eine andere
Sache. Nach Jahr und Tag hat man auch darin Übung, und ich
kann die unleserlichsten Schriften ganz gut entziffern, wenn ich
nur erst einmal festgestellt habe, um welche Sprache es sich handelt.
Zu Beginn der Kriegsarbeit rätselten viele Prüfer an
besonders unleserlichen Worten lange herum, anstatt gleich den
ganzen Satz zu lesen und aus seinem Sinn das eine Wort zu erraten.
Sie plagten sich unnütz wie Schulkinder, die in einem Lesetext
auf eine ihnen unbekannte Vokabel stoßen. [...]
Immer straffer wurde die Organisation durchgeführt. Wir bekamen
Ausweise, die wir wie die Gasmasken immer bei uns tragen und beim
Betreten des Hauses vorweisen mußten. Den Damen wurde das
Schminken und das Lackieren der Fingernägel streng untersagt.
Über dies lächerliche Verbot, das ein alter Weiberfeind
von Hauptmann erlassen hatte, setzten sich alle mit Selbstverständlichkeit
hinweg, obgleich er es uns durch eine ältere Dame, Typ Gouvernante
mit gebrannten Stirnlöckchen und Kneifer, feierlich eröffnen
ließ. Er bedrohte uns mit »Verweisen, strengen Verweisen,
Bestrafung und Entlassung« je nach dem Grad der angewandten
Kosmetik. Ich erinnere mich noch, wie diese alte Vogelscheuche
von Tisch zu Tisch ging und ansagte, alle weiblichen Angestellten
sollten sich in einem der Wandelgänge versammeln. Als wir
vollzählig waren, trat sie unter uns, warf sich in die Brust,
soweit ihr das bei großer Magerkeit möglich war, und
verkündete diesen Erlaß. Mehr oder weniger unterdrücktes
Lachen wurde laut, sie warf zornige Blicke um sich und ging. Wir
empfanden es als einen ganz willkürlichen Eingriff in unsere
persönlichsten Angelegenheiten. Es war wieder einmal ein
Versuch, und diesmal ein lächerlicher, uns zu unbedenklichem
Gehormsam zu zwingen, der dem Wesen des Militarismus entsprach.
In der ABP kamen alle paar Tage neue Vorschriften und neue Verbote
heraus, sie wurden uns an einem bestimmten Tag des Monats immer
vorgelesen und schließlich war es eine ganz lange Liste
geworden. Verboten war vor allem das Photographieren, dann das
Beisichtragen von Briefmarken, das Unterhalten in fremden Sprachen,
weil die Offiziere sie zumeist nicht verstanden, das Sprechen
über den Inhalt von Briefen, das Herumzeigen von Briefen.
Für alle diese Verbote war Entlassung als Strafe vorgesehen.
Damals bedeutete Entlassung die Zurverfügungstellung an das
Arbeitsamt und aller Voraussicht nach die Überweisung an
ein Rüstungswerk. Diese Aussicht war allerdings bitter, denn
keiner von uns wollte außerhalb der Stadt eine Arbeitszeit
von acht bis zehn Stunden ableisten.
Zu Ende des Krieges waren die Strafandrohungen viel schwerer.
Da hieß es, wir stünden unter SS-Strafvorschriften.
Bei »Unbotmäßigkeit, falscher dienstlicher Bekundung
oder unentschuldigtem Fernbleiben vom Dienst« stand uns ein
Aufenthalt bis zu sechs Wochen im Straflager Dachau bevor; in
besonders schweren Fällen müßten wir dort vierzehn
Stunden lang körperliche Arbeit bei verringerter Nahrungszuweisung
leisten und es sollte uns Redeerlaubnis und Beleuchtung entzogen
werden. Unsere Vorgesetzten drohten uns wirklich diese Strafen
allen Ernstes an, doch wir waren nicht in dem vorgesehenen Maße
beeindruckt. Wir waren damals schon durch die Bomben und andere
Gefahren so abgehärtet und verhärtet, daß wir
über das »Straflager Dachau« spotteten. Außerdem
wußten wir noch nichts davon, wie es in den Konzentrationslagern
zuging, erfuhren das erst später, im letzten Kriegsjahr,
als einiges aus den Lagern bekannt wurde.
Wenn jemand von uns einen Passierschein zum Verlassen des Dienstgebäudes
während der Arbeitszeit vom Tischoffizier erbat und als Grund
den Besuch beim Zahnarzt angab, dann wurde er lachend gefragt:
»Na, ist das auch nicht etwa eine falsche dienstliche Bekundung?
Sie wissen doch: Dachau!« und die Antwort war treu und bieder:
»I wo, ich geh wirklich zum Zahnarzt«, wenn auch allerlei
persönliche Gründe vorlagen, die einen freien Nachmittag
erwünscht erscheinen ließen.
Trotz all dieser Strafandrohungen habe ich wenig von Bestrafungen
gehört. Es hatte sich im Laufe der jahrelangen Zusammenarbeit
ein familiäres Verhältnis zwischen den Tischoffizieren
und ihren Prüfern herausgebildet, und das Schlimmste, was
einigen Prüfern geschah, wenn sie auf Nachlässigkeit
ertappt wurden, war die Versetzung in eine andere Gruppe. Das
wurde allerdings als sehr unangenehm empfunden, denn es dauerte
immer eine ganze Weile, ehe man sich in der neuen Gruppe einlebte
und zurechtfand. [...]
Das erste Kriegsweihnachten wurde in der ABP mit einem der in
Nazi-Deutschland so beliebten »Kameradschaftsabende«
begangen, in einigen Sälen sollte eine Kaffeetafel und später
ein Abendessen gegeben werden, und es war eine sehr gute Tanzkapelle
verpflichtet worden. Außerdem aber wollten die zahlreichen
Künstler, die bei uns untergekommen waren, ihre Fähigkeiten
unter Beweis stellen. Wir hatten so viel Sängerinnen und
Tänzerinnen, mehrere Zirkusartisten und so weiter, daß
es ein ganz großes Programm wurde. Später kamen alle
diese Künstler zweiter Güte in der »Truppenbetreuung«
unter und gingen auf »Wehrmachtstourneen«, die sie bis
an den Polarkreis und bis an die afrikanische Wüste führten,
wo immer deutsche Soldaten standen.
Der Gedanke, an dieser Gestapo-Stelle eine »Weihnachtsfeier«
mitzumachen, war nicht nur mir, sondern auch manchen anderen recht
unsympathisch. Als mehrere Prüfer äußerten, sie
würden gern darauf verzichten, kam der Befehl heraus, die
»Weihnachtsfeier« sei »Dienst« und jeder müsse
erscheinen. Ich kam also zum »Dienst« in einem langen
schwarzen Abendkleid - auch das war Vorschrift, daß Gesellschaftskleidung
getragen werden sollte. [...]
Die zweite Weihnachtsfeier in der ABP war ebenfalls als »Dienst«
angesetzt worden, um alle Mitarbeiter auch wirklich zu »erfassen«.
Diesmal war für unsere Gruppe ein Mittagessen im Opernrestaurant
in Charlottenburg vorgesehen. Das dritte Kriegsweihnachten war
schon bedeutend weniger großartig, da gab es nichts zu essen
außer schlechtem Kaffee, genannt »Muckefuck«,
in der Kantine und musikalische Darbietungen einiger mehr oder
weniger stimmbegabter Damen. Gerade in das »Wiegenlied«
von Reger brüllte der Lautsprecher den Heeresbericht, der
zum ersten Mal von einer Frontverkürzung vor Moskau sprach.
Als er schwieg, sang die Sängerin das »Wiegenlied«
zu Ende. Der Gruppenleiter, ein alter sehr seniler Oberstleutnant
Jahn, hielt uns eine Ansprache, in der er uns die Schrecken des
kommenden Bombenkrieges an die Wand malte. Er hatte scheinbar
riesige Angst davor, und er hatte ja schließlich ganz recht
... Es war, wie ich in mein Tagebuch zu schreiben wagte, die Karikatur
einer Weihnachtsfeier.
Unser viertes Kriegsweihnachten ging unter sehr merkwürdigen
Umständen vor sich, die ABP war damals gerade aufgelöst
worden und wir alle wußten noch nicht, ob in welcher Form
wir weiter dort beschäftigt sein würden. Wieder war
die Zusammenkunft als »Dienst« angesetzt. Aber es saßen
nur die »Gruppen« zusammen bei einer Tasse schlechtem
Kaffee und selbst mitgebrachtem Kuchen. [...]