Bald nachdem ich von einem Urlaub zurückgekommen war und
mein Haus trotz schwerer Angriffe auf unsere Wohngegend heil wiedergesehen
hatte, kam der verhängnisvolle 20. Juli.
Berlin wurde von der Meldung über das stattgefundene und
mißglückte Attentat furchtbar durcheinandergerüttelt.
Am Morgen des 21. Juli sah man lauter erregte Gesichter. Nun kam
das große Abrechnen mit den Feinden des »von der Vorsehung
so wunderbar beschützten Mannes«.
Als ich Morgen des 21. Juli aus der U-Bahn stieg und den Weg zur
Schellingstraße, war ich wie jeden Morgen um diese Zeit
mitten in einem Schwarm von Offizieren, die alle in das Kriegsministerium
strebten, wo der Dienst auch schon um acht Uhr begann. Aber nicht
wie sonst gingen sie selbstbewußt und stolz erhobenen Hauptes
dorthin. Nein, sondern die blasse Angst sah aus ihren Augen und
stand in ihren verkrampften Gesichtern. Viele wußten nicht,
was sie dort in ihren Arbeitszimmern im »Bendlerblock«
erwarten mochte. Noch waren die Standgerichte an der Arbeit, noch
wurden Arreste und Erschießungen durchgeführt.
Am Tage nach dem Attentat traf ich meinen Bekannten Ri, wir hatten
uns zu einem Spaziergang in dem ziemlich verwüsteten Tiergarten
verabredet. Wir sprachen natürlich viel über diese Nachricht,
und ich mußte mit meinen Äußerungen sehr vorsichtig
sein, denn Ri war unbeschreiblich erbittert darüber, daß
so etwas möglich gewesen sei. Ich erinnere mich, daß
ich ihm damals sagte: »Du kennst die wirkliche Stimmung im
Volk nicht und du willst es auch nicht hören, wenn man dir
etwas darüber sagt. Ihr Parteigenossen seid nicht mehr im
Bilde darüber, wie die große Masse denkt. Es ist eine
Glaswand zwischen euch und den anderen.« »Das tut nichts«,
sagte er, »wenn nur die Partei die Macht hat, das durchzusetzen,
was sie für richtig hält.« Ich erzählte ihm
einiges von dem Inhalt der ausländischen Zeitungen, von dem
raschen Fortgang der Invasion, er hielt das alles nicht für
wichtig und war überzeugt davon, daß die »Wunderwaffe«
den »Endsieg« bringen werde. Ich fuhr früh nach
Hause, da ein Luftangriff zu erwarten war. In diesen unruhigen
Zeiten, als man nie wußte, wie sich die äußeren
Umstände entwickeln konnten, traf man keine Verabredungen
auf längere Sicht, und so trennten wir uns mit den Worten:
»Wer weiß, wann wir uns wiedersehen?« und er fügte
hinzu: »Wir haben ja beide warten gelernt ...«
Ein paar Tage später rief mich meine Freundin Lilo Gloeden
an und bat mich, nach dem Dienst zu ihr zu kommen, sie habe »etwas
Interessantes für mich«. Ich hatte die Vorstellung,
es sei eine Nachricht von unseren gemeinsamen Bekannten Beermanns
aus England und fragte: »Nachricht von Eva?« »Nein«,
sagte sie, »das nicht, aber etwas anderes Interessantes,
ich solle rasch kommen und zum Abendessen bei ihnen bleiben.
Bei Gloedens bekam man öftes interessante Sachen zu sehen
und zu hören. Dr. Gloeden, der Architekt war und ein gutes
Buch über Schinkel veröffentlicht hatte, war während
des Krieges zuerst bei einem Aufräumungstrupp im Osten beschäftigt
gewesen, dann hatte er den Auftrag, in einem großen Architekten-Büro
in Dresden an den Plänen für eine neue Stadt zu arbeiten,
die im Osten im galizischen Petroleumgebiet entstehen sollte,
irgendwo nicht weit von Krakau. Es war mehrmals dort an Ort und
Stelle, um das Terrain kennenzulernen, und hatte mancherlei von
dort zu erzählen. [...]
Als ich zu Gloedens fuhr, kaufte ich mir eine Zeitung, in der
ein Bild des flüchtigen Dr. Karl Gördeler abgebildet
war und eine Belohnung von einer Million Reichsmark auf seinen
Kopf ausgesetzt wurde. Das war damals noch eine sehr große
Summe Geldes. Die Läden waren zwar leer, aber man konnte
mit dem Gold sehr gut leben, denn es gab viel Nahrungsmittel auf
dem »schwarzen Markt« und die Preise waren noch nicht
besonders hoch. Ich weiß, daß Gloedens sehr viel zukauften,
sie hatten auch einem Bauern in Vorpommern mehrere tausend Mark
zum Ankauf von Hühnern gegeben und er lieferte ihnen dafür
Geflügel und Eier. Bei Gloedens ging eine junge Schieberin
ein und aus, die dank ihrer guten Beziehungen zu einem höheren
SS-Mann immer in der Lage war, Lebensmittel aus Holland und der
Schweiz zu besorgen. Ich weiß, daß sie einmal ein
ganzes Köfferchen voll Schweizer Schokolade brachte. Dafür
mußte sie selbst aber in Gold bezahlen, wie sie erzählte,
und die Tafel kostete daher fünfundzwanzig Mark. Diese Schokolade
war unverpackt, stammte aber, wie die Prägung zeigte, aus
allerersten Schweizer Fabriken, sie wurde über den Bodensee
geschmuggelt.
Als ich Lilo Gloeden und ihre Mutter begrüßt hatte,
stellten sie mir einen großen dunklen Herrn vor als »einen
Freund ihres Mannes, Herr Exner«, der ausgebombt war und
nun bei ihnen leben würde.
Herr Exner sah gut aus, ein Herr in den besten Jahren, er trug
einen grauen Anzug und zu diesem Zeitpunkt, wo schon die meisten
Männer an der Front standen, war es erstaunlich, einen Zivilisten
von einigen vierzig Jahren zu sehen, denn mehr gab ich ihm nicht.
Aber man konnte ja nie wissen, ob es nicht jemand sei, der eine
wichtige Stellung in der Industrie oder an sonst einer Stelle
bekleidete, wo er »unabkömmlich« war und nicht
zum Militär-Dienst eingezogen wurde. Es wunderte mich, daß
ich, die ich doch die meisten Bekannten von Gloedens persönlich
oder dem Namen nach kannte, noch nie von Herrn Exner gehört
hatte.
Wir unterhielten uns natürlich über die brennenden Tagesfragen,
und ich zeigte den Steckbrief von Dr. Gordeler. Dann war es Zeit,
das Abendessen anzurichten, ich sollte mitessen. Lilo Gloeden
und ich gingen, aus einem Restaurant am Reichskanzlerplatz Bier
holen.
Kaum waren wir auf der Straße, so sagte sie mir: »Herr
Exner ist gar nicht ein Freund meines Mannes, er ist ein General
des zwanzigsten Juli, und wir werden ihn verstecken. Sie werden
uns dabei helfen, nicht wahr?« Das versprach ich ihr und
wollte wissen, wie er wirklich hieß, denn nach den Zeitungsnachrichten
sollten alle »Verräter« bis auf den flüchtigen
Gördeler und die zu den Russen übergelaufenen Generale
der Artillerie Lindemann und Major im Generalstab Kuhn gefangen,
erschossen oder durch Selbstmord geendet sein.
»Es ist General Lindemann«, sagte Lilo, »er ist
uns von Freunden zugesandt worden, mein Mann sollte ihm weiterhelfen,
aber er wird fürs erste ganz bei uns bleiben. Er wohnt im
Mädchenzimmer, und kein Mensch hat ihn kommen sehen.«
Wir kamen überein, daß ich mir noch den Anschein geben
solle, den wahren Sachverhalt nicht zu kennen.
Während des nun folgenden Abendessens erzählte uns »Herr
Exner« allerlei Erlebnisse von den Fronten, so von dem raschen
Vormarsch in Südrußland, den er im Sommer 1942 mitgemacht
hatte. Er sagte, er sei einer der ersten Deutschen gewesen, die
in die eroberte Stadt Odessa am 1. 7. 42 eingerückt seien.
Dort habe ein riesengroßes Denkmal eines russischen Heerführers
aus einem der früheren Kriege gestanden, und als er im Auto
daran vorbeifuhr, da habe sein Fahrer gerufen »Herr General,
der Kopf ist ab!« Er habe den Kopf als Trophäe in den
Wagen legen lasen und habe ihn später nach Berlin in das
Zeughaus geschickt. Als »Herr Exner« sich selbst als
General bezeichnete, stieß ich Lilo leise mit Fuß
an - sie und ihr Mann warfen sich einen Blick zu - ich aber rettete
die Situation, indem ich höchst überflüssigerweise
mitten in diese Kriegserinnerung ganz harmlos die Frage stellte:
»Herr Exner, sind Sie verwandt mit den Exners hier in Berlin,
die die große Abrißfirma haben, die nun durch den
guten Radiergummi der Verbündeten arbeitslos zu werden scheint?«
»Nein, ich habe hier in Berlin keine Verwandten«, sagte
"Herr Exner". »Ich stamme aus Hamburg.«
Wir verabredeten, daß ich am übernächsten Tag
wiederkommen und ihm die erste russische Stunde geben sollte,
er wollte gern die Sprache erlernen, zum wenigsten die wichtigsten
Wörter kennen, mit denen man sich verständigen konnte.
Als ich wegfuhr, fuhr Lilo mit mir im Lift hinunter. »Um
Gotteswillen, er ist ja unvorsichtig!« sagte ich, »das
mit dem General war doch furchtbar! Da muß ja der Dümmste
merken, daß hier etwas nicht stimmt.«
Nachdem ich mehrmals "Herrn Exner" russische Vokabeln
beigebracht hatte, sagte er mir, er habe die Absicht, an der Ostfront
überzulaufen. Damals waren die Russen schon stark im Vorgehen,
Riga war schon bedroht, Estland schon zum Teil besetzt. Er lernte
die Redensarten, mit denen er sich russischen Vorposten nähern
würde. »Nicht schießen!« »Ich laufe
über!« »Führ mich zu eurem Offizier!«
»Habt ihr einen Dolmetscher?« und so weiter.
Im Westen entwickelte sich der Vormarsch der Alliierten in Frankreich
mit großer Stetigkeit, aber nicht so rasch, wie es "Herr
Exner" angenommen hatte. Als die Verbündeten vor Paris
standen, war er der Ansicht, daß in sechs Wochen der Krieg
zu Ende und ganz Deutschland besetzt sein werde. Er zeigte uns
an Hand der großen Karte, die auf dem Flügel neben
dem Radio lag, wo die Brücken über die Seine waren,
und er wußte genau, welche Truppen unter wessen Befehl auf
deutscher Seite dort standen und ob sie noch zuverlässig
und kampftüchtig oder schon stark dezimiert und mit weniger
zuverlässigen Kampfverbänden aufgefüllt seien.
Diese Kenntnisse konnte ein Zivilist, wie es "Herr Exner"
in meinen Augen bleiben sollte, nicht haben. Ich sagte daher Lilo
Gloeden, daß es an der Zeit sei, mich nunmehr auch offiziell
einzuweihen. Nach Rücksprache mit ihrem Mann und ihrer Mutter
und mit General Lindemann wurde das dann auch getan. Ich gab dem
General die Hand und sagte: »Verlassen Sie sich auf meine
Verschwiegenheit. Sie haben meine volle Sympathie.«
Ich erfuhr also von ihm selbst, daß er, der Ritterkreuzträger
und seit Jahresfrist in der nächsten Umgebung Hitlers Beschäftigte,
Graf Stauffenberg gekannt und daß er ihm das benötigte
Sprengmaterial für das Attentat beschafft habe.
Wir verabredeten dann, daß ich im Falle einer Entdeckung
zu sagen habe, ich hätte ihn nur unter dem Namen "Exner"
als einen Freund von Dr. Gloeden kennengelernt, und ich hätte
nichts davon gewußt, daß er ganz bei Gloedens wohnte,
während Lilo Gloeden und ihre Mutter aussagen sollten, sie
hätten ihn für einen "getauchten" also illegal
lebenden, Juden gehalten.
Ich ging alle paar Tage zu Gloedens, wir spielten Bridge mit dem
General, er übte russisch, ich brachte ihm Bücher, die
ihn interessierten, so auch das Buch von Feuchtwanger "Erfolg",
ein Schlüsselroman aus den Anfangszeiten der nationalsozialistischen
Partei, der in Deutschland merkwürdigerweise nur wenig bekannt
geworden war, während die anderen Romane von Feuchtwanger
sehr weite Verbreitung gefunden hatten. Ich eilte aber meist schon
vor dem Abendessen nach Hause, um zu der Zeit, wenn Alarm zu erwarten
war, wieder zu Hause in unserem recht sicheren Keller zu sein.
Es handelte sich nur darum, Lebensmittel heranzuschaffen, um den
ohne Verpflegungsmarken aufgenommenen Gast zu ernähren. In
der Dienststelle war eine lebhafte Tauschaktion, Zigaretten gegen
Kartoffeln, im Gang, denn die Personen, die auswärts in Lokalen
zu essen pflegten, brauchten ihre Kartoffelmarken nicht abzugeben
und vertauschten sie. Das machte ich mir zunutze. Ferner hatten
wir in meinem Haushalt immer Brot übrig behalten, das Gloedens
sonst ihren "untergetauchten" jüdischen Freunden
hatten zukommen lassen. Um noch mehr Verpflegung heranzuschaffen,
besuchte ich meine Kusine, die mit Diplomatenkarten einer Gesandtschaft
lebte und mir von Zeit zu Zeit reichlich Reisemarken schenkte.
Ich deutete meiner Kusine an, daß ich für jemand zu
sorgen habe, der keine Lebensmittel beziehen könne ... sie
sagte: »Du, sei aber vorsichtig!« und gab mir eine Menge
der erbetenen Marken. [...]
Am 5. August brachten die Zeitungen die Liste der Namen aller
beteiligten hohen Militärs, und es war schrecklich, sie zu
lesen und die Schmähungen, mit denen Goebbels sie überhäufte.
Ein Mann jedoch, der sein Leben dabei auf das Spiel gesetzt hatte,
dem Attentäter Graf Stauffenberg den Sprengstoff zu beschaffen,
mußte mit Einsatz des eigenen Lebens geschützt werden.
General Lindemann wollte gern irgendeinen Ausweis haben - ich
dachte daran, meinen Personalausweis mit all seinen vertrauenerweckenden
Stempeln zu "verlieren" und ihn für den General
"umarbeiten" zu lassen. Gloeden, der ja schon falsche
Pässe für Juden beschafft hatte, besaß die nötigen
Beziehungen zu Paßfälschern. Nun stellte es sich heraus,
daß der General einen alten echten Ausweis als Schriftleiter
hatte, er war bis zu seiner Einberufung in Hamburg Mitarbeiter
an einer großen Tageszeitung gewesen. Mit diesem Ausweis
ließ sich etwas anfangen, aber es hätte eine Mitgliedsmarke
des laufenden Jahres darauf kleben müssen. Ich erinnerte
mich einer guten Bekannten, die Schriftleiterin war. Ich besuchte
sie und wollte zu gern ihren Ausweis an mich bringen - sie hätte
ihn ja als verloren melden und sich einen neuen ausstellen lassen
können. Ich ging um diese Frage herum wie die Katze um den
heißen Brei. Offen konnte ich es ihr nicht sagen, zu welchem
Zweck ich die Beitragsmarke des Jahres 1944 brauchte. Ich bekam
die Marke jedoch nicht von ihr, denn der Ausweis war bei ihren
Personalakten im Verlag Scherl. So war dieser Versuch umsonst
gewesen.
Bei den Bombenangriffen verließ General Lindemann nicht
mehr die Wohnung, während Gloedens sich in einen öffentlichen
Luftschutzkeller auf den Hof einer nahe gelegenen Schule begaben.
Er hätte dort ohne Ausweis allzu leicht einer der Streifen
in die Hände fallen können, die die Keller nach versteckten
Soldaten durchsuchten, die in Berlin am besten glaubten, unterschlupfen
zu können.
Am 9. August brachten alle Zeitungen die Bilder von den Verhandlungen
gegen die Männer des zwanzigsten Juli vor dem Volksgerichtshof
und schmähten sie wieder. Es war schwer, diese Gemeinheiten
zu lesen, doch sickerte es schon in diesen Tagen durch, daß
der Generalfeldmarschall von Witzleben eine ausgezeichnete Rede
gehalten und die Ideale der Verschwörer und ihre Beweggründe
umfassend dargestellt habe. Gerade er wurde von der Presse besonders
beschimpft und mit Schmutz beworfen. Die Todesurteile waren zu
erwarten gewesen, doch machte ihre Verkündung einen schweren
Eindruck.
In der gleichen Nummer des Völkischen Beobachters
wurde zum zweiten Mal ein Bild von Dr. Kalr Gördeler veröffentlicht
und wieder auf die hohe Summe hingewiesen, die auf seine Festnahme
gesetzt war. Von Lindemann war nirgends mehr die Rede, es schien,
als habe es die Gestapo aufgegeben, nach ihm zu suchen, wahrscheinlich
nahm sie an, daß er ebenso wie Generalstabsmajor Kuhn zu
den Russen übergelaufen sei. [...]
Am 19. August kam die Nachricht, daß eine Luftwaffenhelferin,
Helene Schwärzel, den steckbrieflich gesuchten Dr. Gördeler
erkannt und ihn angezeigt habe. Die ausländischen Sender,
besonders die Geheimsender, die wir bei Gloedens regelmäßig
abhörten, drohten ihr alle Strafen der Hölle an, wenn
sie je in die Hände der Rächer fallen werde. Sie bekam
vom "Führer" persönlich den Judaslohn ausgezahlt,
und die Zeitungen brachten eine ganze Reihe von Bildern von ihr.
Sie war auch beim Einzahlen des Schecks bei der Dresdner Bank
photographiert worden.
Am Sonntag, den 20. August, genau einen Monat nach dem Attentat,
das nach Dr. Gloedens Ansicht die Bezeichnung "Aktion: Beinah"
führen könnte, erschien im Völkischen Beobachter
ein Steckbrief gegen den "Deserteur Lindemann":
»Fünfhunderttausend Reichsmark Belohnung für Ergreifung
des Deserteurs Lindemann, Berlin, 19. August. Gesucht wird der
Deserteur Fritz Lindemann, geboren am 11. April 1894 in Berlin,
zuletzt wohnhaft in Hamburg. Lindemann hat sich an den Vorbereitungen
zum Attentat auf den Führer am 20. Juli beteiligt.
Personenbeschreibung: Etwa 1,80 m groß, schlank, straffe
Haltung, ovales Gesicht, seitlich gescheiteltes, dunkles Haar,
hohe Stirn. Trägt vermutlich einen gutsitzenden, zweireihigen
grauen Anzug.
Angaben jedweder Art, die zur Ergreifung des Täters dienlich
sind, nimmt jede Polizeibehörde entgegen.
Wer den Flüchtigen irgendwie unterstützt oder von seinem
jetzigen Aufenthalt Kenntnis hat und sich nunmehr nicht unverzüglich
bei der Polizei meldet, hat schwerste Strafe zu erwarten.«
Direkt darunter war folgende Notiz veröffentlicht:
»Wegen Begünstigung Gördelers verhaftet. Berlin,
19. August.
Bei der Fahndung nach dem flüchtigen Oberbürgermeister
a. D. Dr. Karl Gördeler wurde festgestellt, daß er
sich u. a. bei dem Rittergutsbesitzer Kraft Freiherr von Palombini
auf dessen Besitzung in Rahnsdorf, Kreis Torgau (Regierungsbezirk
Merseburg) einige Zeit verborgen gehalten hat. Die Eheleute Palombini,
die Gördeler in besonders raffinierter Form vor den Polizeibeamten
begünstigten, obwohl ihnen bekannt war, daß Gördeler
zu dem Kreis der Attentäter des 20. Juli gehört, sind
sofort verhaftet worden.
Die Besitzungen des Palombini werden zugunsten des Reiches eingezogen.
Außerdem haben beide hohe Strafen zu erwarten.«
Beim Morgenkaffee las ich es mit einem leichten Grauen, denn nun
war es klar, daß die Gestapo den General noch in Deutschland
vermutete. Wir hatten gedacht, wir würden ihn so lange verstecken
können, bis der Krieg zu Ende sei. General Lindemann war
in dieser Beziehung sehr optimistisch, Dr. Gloeden, seine Frau
und ich waren weniger hoffnungsvoll und sahen noch manche schwere
Prüfung vor uns, ehe die Waffen schweigen würden.
So ernst mich dieser Steckbrief stimmte, mußte ich doch
über das ihm beigegebene Bild lachen, denn es war dem schmalen
Gesicht des Generals ganz und gar unähnlich. Auf dem Steckbriefbild
war er ungefähr so feist wie Dr. Ley.
Als wir uns an jenem Sonntag nachmittags bei Gloedens zum Kaffee
zusammenfanden, begannen wir Pläne zu schmieden, wie der
General sicherer unterzubringen sei. Da ich die Wohnung von Feunden
betreute, sollte ich ihn dort einquartieren, doch war das gefährlicher,
als ihn in der Gloeden'schen Wohnung in der Kastanienalle zu lassen,
weil eine Person, die in einer seit langem unbewohnten Wohnung
auftauchte, den Nachbarn verdächtig vorkommen konnte. Es
war dies nur möglich gewesen, wenn man ihm gefälschte
Ausweispapiere besorgt hätte. Und an die kam Herr Gloeden
nicht heran. [...]
Herr Gloeden war von einer Reise nach Pommern zurückgekommen
und hatte wieder Proviant mitgebracht. Zum Mittagessen gab es
junge Pute und eine sehr schöne Apfelspeise. Dazu tranken
wir zwei Flaschen Rheinwein, und es erhob sich die Frage, ob wir
auch noch die dritte Flasche öffnen sollten - wir entschieden
aber, daß sie zum Abendessen auch noch gut münden würde.
Wir waren sehr heiter und brachten einen Trinkspruch auf den Sieg
der Alliierten aus.
Nach Tisch legten wir uns etwas hin, denn bei dem warmen Herbstwetter
hatte uns der Wein schläfrig gemacht. Um vier Uhr wollten
wir Kaffee trinken und eine leckere Apfeltorte verspeisen, die
ich schon in der Küche bewundert hatte.
Ich legte mich vorn im Wohnzimmer hin, Herr Gloeden verzog sich
in sein Büro neben der Wohnungstür, der General ging
in sein kleines Stübchen und die beiden Damen hinten in das
Schlafzimmer. Ich nahm mir das kleine Buch von Tucholsky Rheinsberg
aus dem Bücherschrank und begann zu lesen. Dies Buch, das
seinerzeit so großen Erfolg gehabt hatte, gefiel mir aber
gar nicht mehr. Ich überlegte, was der Grund dafür sein
könnte, daß ich es jetzt nicht mehr lesen mochte. Die
so unbeschwert-heitere Atmosphäre des Buches paßte
absolut nicht mehr in unsere so furchtbar ernste Zeit. Ich fand
die Dialoge läppisch, die ich früher witzig und graziös
gefunden hatte. Das Buch legte ich fort und zugleich erfaßte
mich ein unbeschreibliches Angstgefühl, wie ich es kaum bei
Angriffen kannte. Mein Herz wurde ganz kalt vor unbestimmter Furcht.
Da klingelte es an der Wohnungstür. Herr Gloeden öffnete.
Einen Augenblick darauf hörte ich ein Stimmengewirr und klatschende
Schläge ...
»Du Schwein, wo ist Lindemann?« schrien mehrere Stimmen.
In Sekundenschnelle erfaßte ich die Lage. Die Gestapo war
da! »Adieu, schönes Leben!« war mein erster Gedanke.
»Mitgefangen, mitgehangen ...«
Schon stand ein Mann in Zivil mit einem Revolver in der Hand im
Wohnzimmer, während in der Wohnung eine Reihe von Schüssen
fielen. »Wer sind Sie? Wohnen Sie auch hier?« brüllte
er mich an.
»Nein«, sagte ich, »ich wohne in Wilmersdorf, warum
sollte ich hier wohnen? Ich bin bloß zu Besuch hier.«
Ich wollte meine Handtasche ergreifen, die einige Schritte entfernt
auf dem Tisch lag. Er kam mir mit einem Sprung zuvor und riß
sie auf. Hatte er eine Waffe darin vermutet? Er gab sie mir nach
flüchtiger Prüfung des Inhalts.
Wenige Minuten später trafen wir uns alle im Entrée
der Wohnung. Da stand der General, aus einer Brustwunde stark
blutend, aber aufrecht und gefaßt. »Zum Arzt, sofort
zu einem Arzt« hieß es. Die Hände wurden ihm auf
den Rücken zusammengeschlossen, ebenso bei Herrn Gloeden,
dessen Gesicht blutig geschlagen war. Dann kamen die beiden Damen,
blaß und zitternd vor Schreck, mit leichten Mänteln,
ohne Hüte.
Alle vier blickten auf mich. Und ich sah von einem zum anderen.
Und einen Augenblick hatte ich die wahnsinnige Vorstellung, sie
könnten in mir etwa den Verräter sehen.
Dann wurden erst die beiden Herren die Treppen hinuntergeführt.
»Grad wollt er aus dem Fenster springen, da schoß ich
...« erzählte nebenan der eine Gestapobeamte einem anderen
Zivilisten. Der sagte: »Ich muß mir neue Munition aushändigen
lassen, mein Magazin ist leer geschossen ...«
»Sind die Kriminalbeamten aus Dresden schon angekommen?«
hörte ich. Aha, also von dort her war die Anzeige gekommen.
Dann wandte sich der eine Gestapomann direkt an uns, die wir noch
im Flur standen: »Sie haben uns schlaflose Nächte gemacht,
was glauben Sie, wie lange wir schon das Haus bei Tag und Nacht
bewachen ...«
Für mich gab es keine Handschellen, ich wurde nur an der
rechten Hand gefesselt und so an einem stählernen Kettchen
die Treppen hinuntergeführt, aber Lilo Gloeden und ihre Mutter
hatten Handschellen angelegt bekommen und ihre Arme waren nach
rückwärts gedreht und die Handgelenke auf dem Rücken
zusammengeschlossen.
Man hatte nicht damit gerechnet, eine Person mehr in der Wohnung
anzutreffen, sagte ich mir. Aus diesem Umstand mußte ich
meinen Vorteil ziehen ...
Im Wagen war auch ein Platz zu wenig, wir saßen zu dreien
auf dem Rücksitz, ich an der einen Seite. Man hatte mir das
Stahlband abgenommen, der Begleiter saß vorn beim Fahrer.
Lilo weinte still vor sich hin, und ich wischte ihr die Tränen
mit meinem Taschentuch ab, sprechen durften wir aber nicht miteinander.
Wir wurden in das Gestapo-Gebäude in der Prinz-Albrecht-Straße
gebracht, das schon ziemlich stark durch Bomben beschädigt
schien. Es war etwa drei Uhr, als wir ankamen, und man stellte
uns in ein Zimmer, ziemlich weit voneinander, auf und ein Beamter
hielt uns im Auge.
Wir standen so etwa fünf Stunden, was allmählich eine
große Strapaze wurde. Lilo Gloeden bat um einen Stuhl für
ihre Mutter, sie wurde bedroht und als »jüdisches Schwein«
beschimpft. Im Nebenzimmer stand Gloeden mit dem Gesicht zur Wand,
man hörte ihn nur schwer seufzen und stöhnen. Nach weiteren
Stunden, es war schon lange dunkel geworden, lehnte ich mich an
die Wand. Ein Beamter kam zu mir heran und sagte ruhig und fast
freundlich: »Sie dürfen sich nicht anlehnen!« aber
gleich darauf winkte er mich in das Nebenzimmer und wies mir schweigend
einen Stuhl. Es war eine Erlösung, sich setzen zu dürfen.
In der Nacht wurden wir verhört. Ich war fest entschlossen,
den Vorteil auszunutzen, daß man mich nur zufällig
in der Gloedenschen Wohnung angetroffen hatte. Ich hielt mich
genau an das, was ich auszusagen instruiert worden war. Ich war
sehr ruhig und gab meine Antworten völlig überlegt.
Als es hieß: »Wußten Sie denn nicht, daß
die Gloedens Juden waren? Wie konnten Sie als Deutsche Umgang
mit Juden pflegen?« sagte ich: »Allerdings habe ich
gehört, daß meine Freunde nicht rein arisch seien,
als ich aber bei der Gattin des Gauleiters von Niederösterreich,
Krau Kraatz, mit ihnen zum Bridge eingeladen wurde, da sagte ich
zu meiner Mutter, es sei doch wohl nicht an dem, sonst würden
doch diese Herrschaften nicht mit Gloedens verkehren.« Diese
Bemerkung war gut, sie wirkte durchaus überzeugend.
In den frühen Morgenstunden wurden wir in das Frauenuntersuchungsgefängnis
am Alexanderplatz eingeliefert. Wir mußten uns nackt ausfziehen,
und man nahm uns alles, Geld, Schmuck und den Inhalt unserer Taschen,
ab. Unsere Kleidung legten wir wieder an, und man wies uns jeder
eine Zelle zu. Die weißbekittelte "Frau Wachtmeister"
war freundlich zu mir. »Sie kommen bald raus«, sagte
sie. »Der Beamte hat's mir gesagt.« Der Gestapomann,
der uns begleitet hatte, war ein großer, sehr dicker, jovialer
Mann.
Die Zellentür schloß sich hinter mir, und ich legte
mich auf die Pritsche. Wie entsetzlich schmutzig das rotkarierte
Bettzeug war, konnte ich im Dunkeln nicht sehen, sonst hätte
ich mir nicht das Kostüm ausgezogen. Das sah er ich erst
am nächsten Morgen, als ich erwachte. Da sah ich auch die
Wascheinrichtung und das Klosett am Fußende der Pritsche.
Ich bekam einen Topf heißes braunes Wasser und einen Kanten
Brot, und ich aß meine erste Gefängniskost und dachte
an die schönen Dinge, die in der Speisekammer der Gloedenschen
Wohnung zurückgeblieben waren, und daß die Gestapoleute
sie aufessen würden: die kalte Pute und die herrliche Apfeltorte,
mit Puderzucker bestäubt, wie vom feinsten Konditor ... und
die Flasche Rheinwein und den Kaffee, den wir um vier Uhr hatten
trinken wollen. Und ich dachte, wir hätten doch recht eine
"Henkersmahlzeit" gehalten, ehe das Geschick über
uns hereinbrach.
An den Wänden meiner Zelle hatten sich verschiedene Gefangene
mit Namen und Sprüchen verewigt. Da stand »Vive la France!
Jeanette!« und ich dachte, wer das wohl gewesen sei, und
aus welchem Grund die Französin hier eingesperrt gewesen
sein mochte. An vielen Stellen waren lange Reihen von senkrechten
Strichen in die Wände geritzt, das waren die Tage, die irgendein
Häftling angezeichnet hatte, um nicht die Zeitrechnung zu
verlieren. Auch ich wollte einen derartigen Kalender anlegen,
wer weiß, wie lange ich hier in diesen engen vier Wänden
würde bleiben müssen ... ich zog eine Sicherheitsnadel
aus meiner Jackentasche und ritzte in die Holzverschalung der
Zentralheizung 3. 9. [...]
Am 5. September wurde ich aus meiner Zelle abgeholt, ich kam mir
sehr verwahrlost vor mit ungekämmtem Haar und ohne Seife
gewaschen. Ich litt sehr unter dem Mangel an Kamm, Zahnbürste
und Seife. (Später trug ich diese Gegenstände immer
in der Handtasche bei mir.) Im Auto traf ich noch einmal Lilo.
Sie sah sehr elend aus. Wir drückten uns stumm die Hand.
Aus einem Gespräch, das der dicke Beamte mit ihr führte,
erfuhr ich, daß sie am gestrigen Tag schon alles gestanden
hatte.
Ich wurde viele Stunden lang von einem hohen SS-Führer mit
Majorsachselstücken verhört. Er ließ mich zuerst
stehen, bot mir dann aber einen Stuhl an. Er wollte durchaus von
mir erfahren, welche Juden bei Dr. Gloeden ein- und ausgingen,
und ich behauptete, keinen einzigen Namen zu kennen. Vor allem
fragte er immer nach einem gewissen Karpen, den ich immer "Karpfen"
nannte. »Aber der Name Meier, der ist Ihnen doch bekannt?«
hieß es dann. Ich sagte, ohne mich zu bedenken: »Natürlich,
Meier habe ich oft gehört!« »Ja? In welchem Zusammenhang?«
»Nun, der Gemüsehändler von Gloedens hieß
Meier, sie hat manchmal von Meier gesprochen.« »Nein,
den meinen wir nicht ...«, hieß es. Über den General,
den ich nur unter dem Namen Exner gekannt hatte, wollten sie auch
alles mögliche wissen.
Ich gab ohne weiteres zu, ihn oft gesehen zu haben. Es wäre
ja falsch gewesen, das zu leugnen, der Portier des Hauses kannte
mich seit Jahren, und es war möglich, daß er schon
verhört worden war und über meine häufigen Besuche
ausgesagt hatte. Vor allem wollte der SS-Offizier wissen, was
mir an General Lindemann aufgefallen war. »Aufgefallen?«
wiederholte ich. »Nun, ich fand ihn sehr gut aussehend. Ferner
fiel mir auf, daß er zwei sehr wertvolle Ringe trug, einen
Wappenring und einen Ring mit bunten Steinen und Brillanten.«
Nach einigen anderen Fragen kam der Inquisitor wieder darauf zurück,
was mir an dem sogenannten Exner aufgefallen sei? Wieder antwortete
ich etwas Belangloses.
Ich wollte doch gern wissen, worauf er hinaus wollte, um doppelt
vorsichtig zu antworten. Nach einer Stunde hatte ich ihn so weit,
daß er seinerseits das Stichwort gab: »Ja, ist Ihnen
denn nicht aufgefallen, daß er unruhig, nervös, ängstlich
war?« Aha, da also lag der Hund begraben!« »Nein«,
sagte ich, »er spielte ganz ruhig mit uns Bridge und war
gar nicht unruhig.« »Aber wenn es an der Wohnungstür
klingelte, fuhr er da nicht zusammen?« »Es hat nicht
geklingelt, wenn ich zum Kaffee da war. Es ist niemand gekommen.«
Schließlich dachte ich, nun muß ich der Fragerei ein
Ende machen, ich muß eine so große Harmlosigkeit vorbringen,
daß er von meiner Unschuld überzeugt wird. Genug für
heute! Eben fragte er mich: »Ist es Ihnen denn nicht aufgefallen,
daß Herr Exner Sie nicht zur U-Bahn begleitete, wenn Sie
gingen?« »Nein«, sagte ich. »Auch das ist
mir gar nicht aufgefallen, denn ich ging wegen der Bombenangriffe
immer ziemlich früh weg und er blieb noch bei Gloedens.«
»Nun, aber es wäre doch galanter gewesen, wenn er Sie
zur U-Bahn begleitet hätte?« »Ach«, sagte
ich, »die paar Schritt! Und außerdem erwarte ich von
verheirateten Herren keine Galanterien, ich habe ein Haar darin
gefunden, von verheirateten Männern verehrt zu werden.«
Als er nun wieder anfing: »Nun sagen Sie mir einmal, was
dachten Sie denn über diesen Herrn Exner, der da so plötzlich
bei Gloedens auftauchte?« da war es an der Zeit, die Katze
aus dem Sack zu lassen. »Also, ich werde es Ihnen ganz offen
sagen«, fing ich an, »Frau Gloeden ist doch wirklich
keine hübsche Frau.« (Die liebe Lilo hatte einen deformierten
Kiefer und war auf den ersten Blick recht häßlich.)
»Als ich nun immer wieder bei ihr den Herrn Exner traf, von
dem ich seit Sonntag weiß, daß es General Lindemann
ist, da dachte ich mir: das ist ein Verehrer von Lilo. Der hat
sich bei den reichen Gloedens mit der guten Küche recht ins
Fettnäpfchen gesetzt. Ich bin neugierig, wie lange das Herr
Gloeden mitansehen wird? Und mich lädt sie jetzt alle paar
Tage ein, damit ich ihren Verehrer kennenlernen und auf ihren
Erfolg neidisch werden soll.«
Der SS-Mann lachte laut. Ich hatte das erreicht, was ich mit dieser
Aussage bezweckt hatte. »Ja, nun lachen Sie mich aus!«
sagte ich. »Aber wissen Sie, sowas denkt man so als Frau.«
»Da waren Sie freilich gründlich auf dem Holzweg!«
lachte er. Und dann hieß es: »Ihre Vernehmung ist beendet.
Sie können gehen.«
Draußen nahm mich ein Zivilist in Empfang, der gleiche,
der das Protokoll über meine nächtliche Vernehmung diktiert
hatte. »Bitte hier unterschreiben Sie diesen Revers und dann
können Sie gehen. Sie sind frei!« fügte er hinzu.
Ich unterschrieb, daß ich völliges Stillschweigen über
meine Verhaftung, die äußeren Umstände derselben
und über meine Vernehmung zu wahren hätte.
Darauf drückte er mir die Hand und sagte: »Ich freue
mich, daß sich Ihre Unschuld in dieser Angelegenheit herausgestellt
hat. Ihre Freunde sind geständig. Sie werden Sie nie wiedersehen.
Warum aber verkehrten Sie auch mit Juden? Die Juden sind unser
Unglück. General Lindemann ist übrigens auch jüdisch
versippt.«
Nun unterlag ich der Verlockung, noch das Tüpfelchen auf
das i zu setzen, dem sich so klug vorkommenden SS-Major noch einmal
meine geistige Überlegenheit zu zeigen. Ich sagte: »Ich
möchte noch einmal herum zum "Chef".« (Der
Major wurde von allen nur der "Chef" genannt, seinen
Namen weiß ich nicht.)
»Haben Sie noch etwas zu Ihrer Aussage hinzuzufügen?«
fragte mich der Gestapobeamte sehr interressiert.
»Nein, nur ein paar Worte möchte ich ihm sagen.«
Man meldete mich an, und ich stand gleich darauf wieder vor meinem
>Gesprächspartner<. »Was wünschen Sie von
mir?« »Ich möchte Ihnen nur sagen, daß ich
nicht einen Augenblick seit meiner Verhaftung Angst gehabt habe
...« sagte ich. Und er lächelnd: »Wer ein reines
Gewissen hat, braucht sich auch vor uns nicht zu fürchten
...«
Ich dachte bei mir: wer weiß, in welche Lage ich noch bei
längerer Dauer dieses Krieges gerate, und es wird mir gut
sein, wenn ich bei den Gestapoleuten hier in der Prinz-Albrecht-Straße
ein gutes Gedächtnis hinterlasse. Ich muß einen dermaßen
unschuldigen Eindruck erwecken, daß sie mich nie wieder
der Teilnahme an irgendwelchen Umtrieben verdächtigen.
Darauf wurde ich im gleichen kleinen grauen Wagen zurück
zum Alexanderplatz gefahren, von dem ich morgens abgeholt wurde.
Ich sah eine Uhr, es war fünf Uhr nachmittags geworden. Es
dauerte nicht lange, so hatte ich meine Wertsachen und die siebzehn
Mark und 33 Pfennige wieder erhalten, die man mir abgenommen hatte.
Als ich die vielen Treppen hinunter und durch die vielen eisernen
Gefängnistüren geschleust worden war, sagte der Gestapobeamte
zu mir: »Da drüben ist die U-Bahn, da können Sie
nach Hause fahren.« Ich aber dachte "Immer keck!"
und sagte: »Ach, nehmen Sie mich doch in Ihrem Wagen mit
bis zum Spittelmarkt, ich muß zu meinem Schneider.«
Er sah mich perplex an: »Na, sowas ist mir auch noch nicht
vorgekommen, daß jemand, den wir frei lassen, nicht sofort
wie ein Hase über den Hof und durch jenes Tor dort in die
Freiheit läuft«, und er fügte hinzu: »Bitte,
steigen Sie ein!« Am Spittelmarkt bat ich zu halten und stieg
aus. »Nun sagen Sie womöglich noch »Auf Wiedersehen?«
sagte er. »Nein, ich sage: "Guten Abend!"«
lachte ich.
Auf der Herimfahrt in der U-Bahn genoß ich das Gefühl,
frei zu sein, wie ein Geschenk, die drei Tage im Gefängnis
waren mir allerdings sehr schnell vergangen, aber sie hatten mir
doch einen ganz kleinen Begriff davon gegeben, wie es ist, wenn
man seiner Freiheit beraubt ist. Zugleich packte mich der Kummer
um das Schicksal meiner Freunde. Was würde aus Lilo, aus
ihrer lieben alten Mutter und aus Dr. Gloeden werden?
Ich ahnte, daß es für ihre Tat die schwerste Strafe
geben würde. Bestenfalls für die beiden Damen lange
Konzentrationslager- oder gar Zuchthausstrafen. Ich war den Tränen
nahe, als ich das bedachte, da ich aber Lilo bei unserer Autofahrt
zum Verhör mein einziges Taschentuch zugesteckt hatte, als
ich bemerkte, daß ihres schon ganz tränennaß
war, mußte ich die Tränen, die mich bedrängten,
herunterwürgen.
Erst zehn Tage nach unserer Verhaftung, am dreizehnten September,
wurde in der Presse durch eine kurze Notiz bekanntgegeben, daß
der "Deserteur" Lindemann in Berlin durch die Aufmerksamkeit
eines Zivilingenieurs gefaßt worden sei. Der Denunziant
hatte die ausgelobte Summe, eine halbe Million Mark erhalten.
Über sein Ende erfuhr ich erst im Herbst 1947, also drei
Jahre später, authentisches durch seine Witwe, die mich besuchte.
Er war an den Folgen der schweren Verletzung gestorben, die ihm
der Schuß des Gestapomannes beigebracht hatte, als er aus
dem Fenster hatte springen wollen. Er war noch lebend in das Staatskrankenhaus
eingeliefert worden, und man hatte ihn sofort operiert, doch war
das Bauchfell zerstört und eine Rettung nicht mehr möglich;
er hatte noch mehrere Wochen gelebt, anfangs gefesselt und von
zwei SS-Leuten bewacht. Die leitende Ärztin der Abteilung
hatte ihm die Schmerzen möglichst erspart und viel Morphium
gegeben.
Meine Freunde wurden vor dem Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.
Dr. Gloeden ist gleich danach hingrichtet worden, die beiden Damen
im Dezember.