In den letzten Monaten unserer Schulzeit ging die Rede um, daß
wir bald zum Arbeitsdienst mußten. Meine Kameradinnen erhielten
denn auch schon ihre Einberufung zur ärztlichen
Untersuchung. Da ich jünger war als die anderen, wäre
ich noch nicht gezogen worden, aber um keine Zeit
zu verlieren, meldete ich mich als vorzeitig Dienende.
Das klappte auch, und so erhielt ich ein paar Wochen vor unserem
Abitur den Stellungsbefehl. Mir blieben nach dem Ende
der Schulzeit nur ein paar Tage, in denen ich zu Hause alles richten
konnte, dann fuhr ich mit zweien meiner Klassenkameradinnen per
Zug in den Westerwald nach Hergenroth bei Westerburg.
Am Rande des Dorfes fanden wir dann unser Lager: ein
zweistöckiger Steinbau und dazu zwei Baracken. Eine gepflegte
Anlage umgab das Ganze, und in der Mitte befand sich der Fahnenplatz.
Bei unserem Eintreffen (am 1. April 1942) wurde uns gemeinsam
der Schlafsaal in einer der Baracken zugewiesen, mein Bett war
das untere eines Etagenbettes direkt am Fenster. (So etwas am
Rande zu sein gefiel mir gut). Zu zwölf oder vierzehn Maiden
teilten wir uns mit einer jungen Führerin den Schlafsaal
für die nächsten sieben Monate. Ich fand alles den Verhältnissen
entsprechend ganz gut. Auf der Kleiderkammer, wurden
wir dann mit allen reichseigenen Kleidern versorgt, ich hatte
großes Glück, meine Sachen waren tadellos in Ordnung,
sie paßten mir, und ich brauchte im Laufe der Zeit kaum
etwas zu reparieren oder zu stopfen. Manche Maiden hatten ständig
Verschlissenes auszubessern.
Unsere Garderobe bestand aus: 2 blauen Baumwollkleidern mit kurzem
Arm, 2 weißen Schürzen mit Latz (inzwischen grau geworden),
2 roten Kopftüchern, 2 Paar Stiefeln, 2 Paar dicken Socken,
1 Paar Halbschuhen, 1 braunen Kleiderrock, 2 weißen Blusen,
1 Jackenkleid (Kostüm), 1 Hut und dazu auch noch reichseigene
Unterwäsche.
Unsere Belegschaft bestand schließlich aus etwa 45 Maiden,
einer netten Lagerleiterin (Führerin) und zwei Wirtschaftsführerinnen.
Zu den Räumlichkeiten gehörten etwa 5 Schlafsäle,
mehrere Führerinnenzimmer, 1 Tages- und Eßraum, ein
Empfangszimmer, dann die notwendigen Nebenräume wie Küche,
Wasch- und Bügelraum usw. In den ersten 6 Wochen gab es umfangreiche
Unterweisungen über alle möglichen Themen: Sinn- und
Bedeutung des RAD [Reichsarbeitsdienst], Verhalten im Lager und
im Außendienst, Plichten der Bauersfamilien uns gegenüber,
die landwirschaftlichen Besonderheiten im Westerwald, und nicht
zuletzt Anweisungen für alle Tage.
Die sechs Wochen Ausgangs- und Urlaubssperre vergingen wie im
Fluge, dann fing der Außendienst an; jeweils 6 Wochen in
einer bestimmten Familie. Auch hier traf ich es gut, ich bekam
eine Stelle im eigenen Dorf: die junge Familie mit drei Kindern
und ihrer Oma hatten außer der Landwirtschaft auch noch
eine kleine Schankwirtschaft zu versorgen. (In letztere durfte
keine Maid beschäftigt werden). Bei diesen Leuten habe ich
mich sehr wohl gefühlt und es machte mir Spaß, viel
draußen sein zu können. Ich half fast die ganzen sechs
Wochen bei der Heuernte, was damals noch sehr mühsam war,
ich mußte mich tüchtig plagen, um im Rhythmus beim
Wenden des Grases mithalten zu können; eine ganz ungewohnte
körperliche Anstrengung. Aber unsere Zeit am Tage war doch
sehr begrenzt: morgens erschienen wir meistens erst nach 10.00
Uhr, und abends mußten wir schon um 18.00 Uhr wieder im Lager
sein. Weil wir auch bei kleineren Hausarbeiten halfen, verging
die Zeit schnell; ich habe sogar gelernt die Kühe zu melken.
Meine zweite Stelle befand sich in Gershasen, das war nur mit
dem Fahrrad zu erreichen, natürlich ging die Zeit von unserem
Arbeiten ab. Zu vier Maiden fuhren wir morgens dorthin. Mit meinen
Bauersleuten mußte ich meistens aufs Feld, sie warteten
oft schon auf uns, denn sie waren auf uns angewiesen, die Männer
waren im Krieg. So konnten wir sinnvoll helfen.
Mein nächster Auftrag hieß: »6 Wochen Innendienst«,
das bedeutete wochenweise verschiedene Arbeiten im Lager zu verrichten.
Am beliebtesten war der Blumendienst, man streifte dienstlich
durch Feld und Wald und suchte Blumen für die Vasen. Hausarbeit
oder Dienst in Küche oder gar Waschküche machte keiner
gerne. Nachdem ich mich in mein Schicksal gefügt und die
Arbeit im Hause begonnen hatte, verunglückte eine Kameradin
mit dem Fahrrad so schwer, daß sie nicht mehr für den
Außendienst eingesetzt werden konnte, erst recht nicht mit
dem Rad. Da durfte ich einspringen und fuhr wieder
- allerdings zu einer anderen Familie - nach Gershasen. Inzwischen
war es Sommer geworden.
In der nächsten Familie in Westerburg, sie hatte außer
Landwirtschaft eine Müllerei und Bäckerei, half ich
im Haus, im Laden durfte ich nicht bedienen, so lauteten unsere
Bestimmungen, und half auf dem Feld bei der Getreideernte. Auch
hier waren die Leute sehr nett zu mir, und die Arbeit war gut
zu bewältigen. Diese Stelle befand sich in der Kreisstadt
Westerburg, und ich habe später, als ich schon lange verheiratet
war, diese und auch andere Familien noch einmal besucht. Das Wohnhaus,
die Mühle und der Laden sahen ganz anders aus, als ich es
in Erinnerung hatte. Als ich eintrat, sah ich fremde Gesichter.
Von dem Hausherrn erfuhr ich dann die schreckliche Geschichte:
Als er im Krieg an der Front weilte, ging über der kleinen
Stadt ein Bombenangriff nieder. Seine Frau wie auch Tochter und
Sohn kamen in den Trümmern seines Hauses ums Leben. Als er
Heimaturlaub bekam, fand er diese schreckliche Trümmerwüste
und erfuhr von Nachbarn vom Tode seiner Familie. So stand er vor
dem Nichts. Zum Glück, wenn man so sagen darf, fand er unter
den fleißigen Helfern eine junge Frau, die er dann später
heiratete, und mit der er Familie und Betrieb neu aufbauen konnte.
Es war für mich ein trauriges Wiedersehen, aber alle im Haus
waren sehr sympathisch und freundlich und haben mir zum Abschied
nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken noch reichlich Kuchen mit auf
den Weg gegeben. Später, als ich für meine Rentenberechnung
den Nachweis der Arbeitsdienstzeit brauchte, bekam ich sie von
diesem Bäcker.
Nun zurück ins Lager: Unsere Lagerführerin sorgte gut
für uns, alles lief regelrecht, obwohl sich manche Maiden
beschwerten, fand ich, daß man es gut aushalten konnte.
Auch die politische Schulung am Morgen war immer äußerst
sachlich, irgendwelche Beleidigung oder unpassende Beschimpfung
von Kriegsgegnern unterblieben vollkommen. Jeder Andersdenkende
wurde stillschweigend respektiert. Das habe ich ihr immer im Stillen
hoch angerechnet.
Im Rundfunk war man ganz andere Töne gewöhnt. Besonders
beachtlich fand ich ihre Stellung zu unseren Kameradinnen aus
dem besetzten Luxemburg und Lothringen. Sie hatten wohl passiven
Widerstand gelobt. Wir Maiden merkten im Umgang mit ihnen nichts
Besonderes. Um so erstaunter war ich eines Tages, als eine von
ihnen an der aufgehängten Landkarte eine Stadt im Frontgebiet
zeigen sollte. Sie stand mit dem Stock vor der Karte und reagierte
überhaupt nicht. Sie fand auch nicht die deutsche
Grenze oder was auch immer gefragt wurde; nicht einmal Wasser
und Land wußte sie zu unterscheiden. Das ganze hat furchtbar
lange gedauert, und jeder fürchtete eine schreckliche Reaktion
unserer Führerin. Aber es hieß nur zum Schluß:
"setz' dich hin!" Das war alles! Nur gut, daß keine höhere
Vorgesetzte dabei war, sonst wäre sie ihren Posten los gewesen.
Damals wurden die Verfügungen immer strenger, auch mit unserer
Erlaubnis, am Sonntagmorgen Ausgang zu bekommen, für den
Kirchgang, wurde es uns nachher schwer gemacht: wir durften nur
gehen, wenn wir gemeinsam am Samstag nachmittag im Führerinnenzimmer
erschienen, um Erlaubnis zu erbitten. Was an unserer Führerin
lag, hat sie uns alles gerne erlaubt. Mir gewährte sie ein
extra Entgegenkommen: ich durfte als Einzige in meiner Freizeit
im Gäste-Empfangszimmer Geige üben. Ich wußte
diese Freundlichkeit sehr zu schätzen. Es hat mir nachher
leid getan, daß ich ihr meine Zuneigung nicht zeigen oder
sagen konnte, sie hätte ein gutes Wort brauchen können.
Auch ihre Sprüche, die sie an der Fahne zu Beginn des Tages
ausgesucht hatte, waren oft sehr feinsinnig und allgemeingültig,
immer frei von jeglichem Haß oder Propaganda.
Meine Arbeitsdienstzeit habe ich auch noch aus einem anderen Grunde
in guter Erinnerung: wir haben sehr oft und wirklich schön
gesungen. Fast immer leitete unsere Lagerführerin die mehrmals
wöchentlich stattfindende Singestunde. Sie verfügte
über einen großen Liederschatz, auch solche Lieder
übte sie geschickt mit uns ein, die nicht in dem Arbeitsmaiden-Liederbuch
standen. Sogar mehrstimmig gelang es uns unter ihrer Leitung zu
singen. Ich freute mich immer auf diese Stunde. Sicher brachte
sie von zuhause allerlei Talent mit, denn sie stammte aus einem
Lehrerhaus (mit zehn Kindern). Am besten gefiel mir der mehrstimmige
Satz: »Mit Lieb' bin ich umfangen«, den wollte ich mir
dann auch morgens zum Kaffe an meinem Geburtstag wünschen.
Aber leider kam dann eine der Wirschaftsführerinnen, die
hätte den vierstimmigen Satz nicht leiten können. -
Schade! So wünschte ich mir irgend ein einfaches bekanntes
Lied.
Am Abend unseres Geburtstages durften wir im Speisesaal feiern.
Man bekam zu diesem Zweck von daheim einen Kuchen geschickt, aus
der Küche gab es etwas zu trinken (vielleicht Sprudel oder
Limonade) und man verkleidete sich mit den reichseigenen Sachen,
die sich im Lager fanden, macht Gesellschaftsspiele oder tanzte
sogar. Bei mir hatten sich meine Kameradinnen verabredet, sie
verkleideten sich als kleine Mädchen, da war
die Stimmung wider erwarten besser, als wenn sie Damen
sein wollten.
In unserem Lager waren wir etwa zu zwölf Abiturientinnen,
mit diesen ergab sich öfter ein gutes, persönliches
Gespräch, u.a. auch über Literatur und - heute würde
man sagen über Fragen der Persönlichkeitsfindung. Wir
nahmen auch zum Essen oft ein keines Buch mit, denn unsere Führerinnen
ließen uns oft lange hinter unserem Stuhl stehen, um auf
sie zu warten, bis man beginnen durfte. Es gab zu dieser Zeit
sogenannte Feldpostausgaben, die waren für die
Soldaten gedacht, sie eigneten sich auch für uns, denn es
war mancher Dichter und Philosoph darin enthalten. Wenn die Führerin
erschien, ließen wir sie schnell auf unseren Stuhl fallen
und setzten uns darauf. So erregten wir keinen Anstoß. Genau
so wertvoll waren für uns die Heftchen Münchener
Lesebogen, ich glaube, so hießen sie (alles in Kleinstformat,
etwa DIN A6). Und es gab sogenannte Reclam-Hefte.
Währen der RAD-Zeit wurden wir auch angehalten, nach Hause
zu schreiben; es wurde eine extra Schreibstunde eingesetzt. So
stand man in regelmäßiger Verbindung mit den Eltern.
Mein Vater machte mir zu dieser Zeit den Vorschlag, ich solle
doch mal Tagebuch führen. Ich machte dann auch den Versuch,
wußte aber doch nicht so recht, wie mein Geschriebenes wirken
könne, denn eigentlich gab es ja fast jeden Tag den gleichen
Rhythmus, das reine Programm schien mir langweilig. Erst heute
aus jetziger Sicht scheint es mir erwähnenswert zu sein.
In der Schule habe ich auch immer Probleme mit dem Aufsatzschreiben
gehabt, meist reichten sie so gerade aus, bei meinem Aufsatz über
unsere Lektüre Mozart auf der Reise nach Prag,
es ging mir eigentlich ganz gut in die Feder, bekam ich zu meinem
größten Schreck ein mangelhaft. Es war
wie ein Schock, und ich habe dieses Urteil nicht verstehen können.
Meine Eltern waren entsetzt, aber nun war ja nichts mehr zu ändern.
Ich weiß wohl, daß man mir riet, ich müsse mehr
lesen in meiner Freizeit; aber wie sollte ich das verwirklichen,
mir fehlte die richtige Literatur und die Motivation. Da nützte
mir der volle Bücherschrank meines Vaters sehr wenig.
Der Abitur-Aufsatz hat mir damals erst etwas Mut gegeben, meine
Gedanken zu Papier zu bringen; und da ich in den folgenden Jahren
oft außer Haus lebte und auch mit mancher Freundin gerne
Kontakt pflegte, gewöhnte ich mich ans Briefeschreiben. Statt
unangenehmer Kritik erhielt ich freundliche Antwort, das machte
mir Spaß. Und ich konnte schreiben, wie es mir in den Sinn
kam.
Gesundheitlich ging es mir in dieser Zeit sehr gut. Das Klima
im hoch gelegenen Teil des Westerwaldes war mir günstig,
ich litt nicht mehr, wie zuhause, an schrecklichem Schnupfen mit
tränenden Augen, sondern fühlte mich rundherum fit und
einsatzbereit. Nur eine Woche lang plagte mich ein schrecklicher
Husten, und ich machte bei dieser Gelegenheit die Erfahrung, im
Krankenzimmer liegen zu müssen.
Alles im Laufe der sieben Monate habe ich gerne mitgemacht, ob
das Unkraut jäten, Jauchegrube ausleeren, Briketts aufstapeln
oder Strohsäcke füllen hieß, mir war alles egal.
Ich brauchte nicht wie andere Kameradinnen am Metermaß die
abgelaufenen Tage unserer Zeit abzuschneiden. Für mich war
es eine glückliche Zeit. Wegen der Dringlichkeit unserer
Hilfe bei den Bauern wurde unsere Zeit von ursprünglich sechs
auf sieben Monate verlängert.
Als die Zeit zu Ende ging, verlas uns die Lagerführerin unsere neuen Arbeitseinsätze für die fünf Monate unseres "Kriegshilfsdienstes" (KHD). Während meine Kameradinnen fast zur Hälfte nach Ostdeutschland oder in die besetzten Ostgebiete in eine Munitionsfabrik oder als Straßenbahnschaffnerin nach Mainz abkommandiert wurden, kamen wir zu zweit zum Sozialdienst in einen Mainzer Kindergarten. Die Führerin hatte es wirklich besonders gut mit uns gemeint.
Dann ging es ab nach Mainz.
Dort kannte ich mich gar nicht aus, und so suchte ich zuerst den berühmten Dom. Dabei erlebte ich eine schreckliche Überraschung:
Vom Dom stand nur noch ein trauriger Rest, und das umliegende
Viertel war durch einen schlimmen Bombenangriff, der erst einige Wochen
zurücklag, total zerstört und dem Erdboden gleich gemacht.
Meine Straße führte nicht mehr weiter, und kein Mensch
war zu sehen. Es roch schrecklich nach Betonstaub, Gas und nach
Verbranntem. Die Grundmauern der Häuser konnte man nicht
mehr erkennen, es war eine entsetzliche Wüste. Wieviel Leid
mag an diesem Angriffsabend über die Stadt hereingebrochen
sein?
Unser Kriegshilfsdienst-Lager befand sich in einem anderen Stadtviertel,
in der Nähe der evangelischen Christuskirche. Dieses Lager
befand sich auf der ersten Etage eines alten, großen Patrizierhauses,
welches vielleicht einer jüdischen Familie enteignet worden
war. Viele Juden hatten ja auch Deutschland fluchtartig verlassen,
ohne Rücksicht auf ihr Hab und Gut. Aber darüber verlor
man damals kein Wort. Unsere Gemeinschaft bestand vielleicht aus
20-30 Maiden. Wir kamen alle aus verschiedenen RAD-Lagern, mußten
uns also allmählich aufeinander einstellen. Fast alle wurden
als Schaffnerin bei der Straßenbahn eingesetzt, in der damaligen,
unruhigen Zeit mit allerlei fremden Menschen in den Großstädten
keine leichte Tätigkeit, und nicht ganz ungefährlich.
Anni und ich mußten unsere Arbeit im Kindergarten aufnehmen,
wir hatten wirklich das große Los gezogen.
Das Leben in einer solchen Gemeinschaft mit anderen Maiden bereitete
uns keine Probleme, wir trugen im Gegensatz zum RAD unsere zivile
Kleidung (mußten sie auch nach hause schicken zum Waschen),
und im Lager fand wenig an Gemeinschaftsverpflichtungen
statt. Jeder ging tagsüber seiner Pflicht nach, und abends
hatte man frei.
Den städtischen Kindergarten leitete eine etwas ältere,
unverheiratete Kindergärtnerin. Obwohl, wie sich allmählich
herausstellte, diese Dame streng katholisch war, ließ man
ihr trotzdem die Leitung. Wir verstanden uns gleich von Anfang
an, es harmonierte alles, das Religiöse durfte keine Rolle
spielen, es herrschte eben nur Wohlwollen auf beiden Seiten. Zum
Abschied bekam ich von ihr eine schöne Kunstkarte mit ein
paar freundlichen Abschiedsworten und einem Spruch: ....
im Grunde sind es die Verbindungen mit den Menschen, die dem Leben
seinen Wert geben. Heute kann ich nur bestätigen, daß
es seinen tiefen Sinn hat. Ich denke gerne an so viele liebe Menschen
zurück.
Unsere Lagerführerin lenkte die Geschicke unserer Maiden
anscheinend sehr aus dem Hintergrund. Wenn alles klappte, sahen
wir sie selten, wohl natürlich bei den Mahlzeiten oder sonstigen
Schulungsstunden. Als ich einmal in ihrem Zimmer eine tolle Radioanlage
entdeckt hatte, dachte ich, es ergäbe sich vielleicht einmal
die Gelegenheit, dort gute Musik zu hören. Regelmäßig
am Sonntag nachmittag brachte der Rundfunk eine gute Sendung mit
klassischer Musik. Fast alle Maiden waren draußen unterwegs,
und auch unsere Führerin war meistens fort. Darum faßte
ich mir eines Tages ein Herz und fragte um Erlaubnis, in ihrem
Zimmer diese Sendung hören zu dürfen. Sie gewährte
mir gerne dieses Vertrauen, gab mir ein paar Instruktionen, und
mir ging mein Herzenswunsch in Erfüllung. Ganz ohne gute
Musik zu hören, wären mir die Wochen sicher unerträglich
lang geworden. Ich war ihr sehr dankbar dafür. Meine Geige
konnte ich in dieser Zeit nicht benutzen.
An einen freien Nachmittag kann ich mich noch gut erinnern: Ich
hatte erfahren, daß bei Wiesbaden auf einer Anhöhe
eine berühmte russische Kapelle stehe, diese wollte ich mir
gerne ansehen. So machte ich mich alleine auf den Weg und fragte
mich durch, bis ich sie gefunden hatte. Es lohnte sich wirklich,
obwohl mir das Alleinsein nicht gefiel.
Einmal traf ich in Wiesbaden mit meiner Tante Agnes aus Köln
zusammen. Wir besuchten ihren Mann dort, der mit seiner Truppe
zu dieser Zeit in Wiesbaden lag. Mein Onkel wurde übrigens
später im Rußlandfeldzug eingesetzt und gefangen genommen.
Er kehrte erst lange nach Kriegsschluß wieder nach Köln
zurück, allerdings halb verhungert und mit schweren Hungerödemen.
Er brauchte lange Jahre, ehe er wieder richtig zu Kräften
kam. Er mußte Schreckliches durchmachen, ein Bild verfolgte
mich noch lange: Irgendwann waren die Gefangenen in einem Raum
eingefercht; Tag und Nacht ließ man sie nicht heraus, dabei
war der Raum so eng, daß die armen Menschen nicht einmal
Platz hatten, sich auf dem Boden auf die andere Seite zu drehen,
es ging nur, wenn sich alle gleichzeitig drehten. Im übrigen
mußten sie stehen bleiben, und das bei dauerndem Hungerzustand.
Wie mag es ihnen sonst noch ergangen sein, mein Onkel hat uns
kaum mehr erzählt, es war so schrecklich für ihn.
Inzwischen vergingen für uns die Wochen in dem üblichen
Rhythmus. Es wurde Winter, die Adventszeit brach an. Zu drei Maiden
aus unserem Zimmer gedachten wir, wie zuhause unseren Adventskranz
aufzustellen. Ein Hocker in unserem Schlafraum schien uns dazu
gut geeignet, und sobald unser Schmuck beschafft war, fingen wir
auch abends mit ein paar Adventsliedern an, den Tag würdig
zu beschließen. Keine unserer Kameradinnen hatte etwas gegen
Gesang und Kerzenduft, im Gegenteil, es gefiel allen. In der letzten
Woche vor Weihnachten stellten wir sogar eine improvisierte Krippe
auf, es wurden besinnliche Abende mit manchem ernsten, religiösen
Gespräch. Eigentlich hatten wir alle verhältnismäßig
wenig genauere Kenntnisse über unseren Glauben, denn schon
seit Jahren gab es in der Schule keinen Religionsunterricht mehr.
Mit dem Kinderglauben reichte es für uns inzwischen
nicht mehr. Es gab viele offene Fragen. Jeder von uns hatte wohl
schon seine Weltananschauung, aber im Gespräch mit anderen
gab es immer neue Aspekte, die man bejahen oder ablehnen mußte.
Um mein Grundwissen in meiner Religion auf den neuesten Stand
zu bringen, konnte ich mir in Mainz zwei dünne Religionsbücher
für die Oberstufe der Höheren Schule kaufen, ich glaube
sie hießen Licht und Leben. Da konnte ich manches
nachschlagen. Außer dem Besuch der Sonntagsmesse pflegte
ich in dieser Zeit ein intensives Gebetsleben. Das unterstützte
mich in der Suche nach einem wahrhaft christlichen Leben, denn
die Kenntnis der Lehre alleine konnte für mich kein Lebensinhalt
sein.
Inzwischen neigte sich unsere Zeit des Kriegshilfsdienstes dem
Ende zu. Zum 1. April 1943 sollten wir wieder zuhause sein. Da
es wegen der Kriegsverhältnisse mit meinem Musikstudium nichts
werden konnte, hat mein Vater sich Gedanken gemacht, was bei meinen
Interessen wohl als Beruf in Frage kommen könnte. Eines Tages
erhielt ich in Mainz einen Brief, in dem mein Vater mir ein Stellenangebot
der bekannten Firma Siemens und Halske in Essen beilegte. Diese
große Elektrofirma (eine Niederlassung in Essen) suchte
Abiturientinnen, die durch eine hauseigene Ausbildung zu Elektro-Assistentinnen
ausgebildet werden sollten. Der Lehrgang sollte zwei Jahre dauern,
und es gab sogar ein kleines Gehalt (sozusagen als Ausbildungshilfe).
Übrigens wurden wir im Angestellten-Verhältnis geführt,
man bezahlte Sozialabgaben für uns und dadurch kam ich in
den Genuß der Versicherung bei der BfA, was später
wichtig für mich wurde wegen der Rente. Die kurze Information
gefiel mir, und so meldete mein Vater mich in Essen an. Ich fuhr
dann sehr zuversichtlich nach meiner KHD-Zeit heim.