Im Jahre 1940 kam der Krieg für uns in Duisburg wesentlich
näher. Es begann die schreckliche Zeit der Luftangriffe.
Zunächst wurden die Angriffe nur bei Nacht geflogen. Wenn
die Maschinen in Grenznähe gesichtet wurden, ertönten
bei uns die Sirenen in dem furchtbaren Jaulton, viele Male auf
und ab, Alarm. Alle Bürger hatten sofort den
Keller oder einen anderen Schutzraum aufzusuchen.
Mit dicken Eisenbahnschwellen hat mein Vater schon bald unseren
Vorratskeller abgestützt; er lag mitten unter unserem Haus
ohne Außenmauer. Meist lagen wir schon zu Bett, wenn die
Sirene ertönte. Dann mußten wir uns im Dunkeln anziehen,
denn es durfte bei Strafe kein Lichtschein nach draußen
fallen. Wir schnappten uns unsere Koffer und ich auch meine Geige und
dann schnell in den Keller. Dort standen dann später zwei
Holzpritschen zum Hinlegen. Und wir blieben bis zur Entwarnung,
einem langgezogenen Dauerton.
Die vorgeschriebene Verdunkelung brachte übrigens manche Arbeit mit sich.
Wir hatten zwar Außenblenden vor den Fenstern, aber durch
die vielen Rillen wäre Licht nach draußen gedrungen,
und die Flugzeuge hätten vielleicht einen Anhaltspunkt für
ihr Ziel gehabt. So beklebten wir unsere Blenden mit schwarzem
Papier, und waren ängstlich bemüht, pünktlich zu
schließen. Aber vor die vielen kleinen Treppenfenster machte mein Vater
kleine schwarze Rollos aus Papier, mit denen man sehr sorgfältig umgehen
mußte.
In unserer weiteren Nachbarschaft wohnten Eisenbahnerfamilien, deren Männer
irgendwann in ihrem Garten einen kleinen Bunker bauten. Aber nur wer sich beteiligt
hatte, durfte hinein. Da hatten wir Pech, denn mein Vater erfuhr
zu spät davon, hätte aber auch nicht zum Material etwas
beitragen können. So blieb uns lange nichts anderes übrig,
als im Keller Sicherheit zu suchen. Leider hörte man oft,
daß die Menschen dort getroffen und unter dem Haus verschüttet
wurden. Manchmal blieben wir auch zitternd oben in unseren Betten,
es mußte uns ja nicht gerade treffen, so dachten wir. Aber
schlafen konnten wir doch nicht vor lauter Angst. Oft brummten
die Flieger über unserem Haus.
Allmählich nahmen die Überflüge und die Angriffe
auf die Städte immer mehr zu, und es wurde uns klar, in welcher
Gefahr wir uns befanden, und daß unser Keller vielleicht
unser Grab werden könnte. Da beschloß mein Vater, meiner Mutter und mir
in unserem Garten einen Unterstand zu graben, wie im ersten Weltkrieg
im Schützengraben. Aber er wollte es uns recht gemütlich
machen, soweit das möglich sein könnte. Ich bin ihm
dabei zur Hand gegangen: erst wurde ein tiefes Loch ausgehoben,
so daß meine Mutter und ich uns gerade gegenüber sitzen
konnten. (Mein Vater und mein Bruder mußten bald mit der
Schule in die Kinder-Landverschickung).
Die Abdeckung des Eingangsloches machte Vater aus einem dicken, gebogenen Baumstamm
wie ein Tor. Das Dach machte er aus dicken Brettern und deckte
alles mit viel Erde hoch angehäuft zu. Eine Türe gab
es nicht, der schräge Eingang führte im Winkel hinunter.
Die Wände kleideten wir mit Flechtwerk aus Reisig aus, zwei
Bretter wurden unsere Sitzgelegenheit. So waren wir vor dem Verschüttetsein
bewahrt, nur ein direkter Treffer konnte uns evtl. das Leben kosten,
aber wahrscheinlich gab es ja genügend andere Ziele; so fühlten
wir uns relativ sicher.
Wie oft bin ich mit meiner Mutter in den folgenden Monaten sogar im tiefsten Winter
mitten in der Nacht bei Eis und Schnee in voller Garderobe, dazu mit Jacke, Mantel
und Schal, mit altem Kittel als Schutz vor Nässe und Schmutz,
mit Mütze und einem alten ausgedienten Stahlhelm durch den
Garten gelaufen, einen großen Koffer und meinen Geigenkasten
in der Hand. Den Koffer stellten wir an unserem Gartenzaun ab,
und meine Geige nahm ich mit in unseren Unterstand in unser gemütliches
Erdloch. Man soll es nicht glauben, aber wir schliefen oft im
Sitzen ein und wurden erst durch die Sirene bei der Entwarnung
wieder wach nach manchmal mehr als einer Stunde - oder zwei.
Am anderen Morgen standen wir aus unseren Betten auf, und ich
fuhr mit dem Rad zur Schule, als ob nichts gewesen wäre.
Erst 1942 begannen die Tagesangriffe, so daß wir Tag und
Nacht keine Ruhe mehr hatten.