In all meinen Schuljahren mußte ich jede Woche zum sogenannten
Heimabend der H.J. Wir Mädchen gehörten zu der Gruppe
BDM (Bund deutscher Mädchen in der Hitlerjugend). Dort habe
ich nicht viel von der Politik mitbekommen, wohl aber hatte ich
das Glück, einer Führerin zugeordnet zu sein, die sehr
viel mit uns gesungen hat. So erwarb ich mir einen großen
Schatz an z.T. guten Volksliedern. Bis zum Abitur lag damit mein
Wunsch, später auf irgend eine Weise Musik machen zu wollen
schon fest.
Zur Zeit der Hitlerjugend bekamen die Mädchen auch eine Uniform,
sie bestand aus einem dunkel blauen Rock, einer eingeknöpften
weißen Bluse und einem sogenannten Fahrtentuch, (schwarz,
mit einem Lederknoten am Kragenrand, wie eine Krawatte). Meine
Eltern standen dem Nationalsozialismus, dem Agieren Hitlers und
allem was damit zusammenhing sehr skeptisch gegenüber. Aus
den Nachrichten über den Rundfunk erfuhr man ja nur, was
für die Bevölkerung entsprechend zensiert war, also
auf keinen Fall etwas Kritisches. So mußte man sich mit
von Mund zu Mund Informationen begnügen. Meine Eltern ahnten
wohl schon Schlimmes, mein Vater hätte als Beamter sicher
in die Partei eintreten müssen, aber es ist ihm mit Erfolg
gelungen, das möglichst unauffällig zu verhindern. Aufgrund
der Einstellung meiner Eltern war es mir lange nicht vergönnt,
eine schmucke Uniform zu bekommen, obwohl ich zu den wöchentlichen
Heimabenden (am Nachmittag) gehen durfte.
Eines Tages bekam ich auf mein Drängen hin dann doch wenigstens
einen richtigen Rock mit den dazugehörigen Löchern im
Bündchen. Aber was ist zu tun, wenn man keine Bluse mit Knöpfen
hat, ich wollte den Rock doch gerne tragen. So ließ ich
mir von meiner Mutter Gardinenkordel von Loch zu Loch über
die Schultern spannen, ein bunter Pullover verdeckte zum Glück
alles, und ich fühlte mich gut in meiner Kluft. Aber weil
das ja keine Lösung auf Dauer sein konnte, grübelte
ich morgens und abends im Halbschlaf so lange, bis mir wirklich
plötzlich eine Idee kam: ich trug doch damals, um die langen
Strümpfe zu befestigen, ein sogenanntes Leibchen, ein kurzes
Oberteil, an welchem die Strumpfgummis (mit Löchern) befestigt
waren; an dieses Leibchen nähte ich mir mit Mutters Hilfe
entsprechende Knöpfe, und so konnte mein Rock halten, mein
Patent hat sich lange bewährt, denn vorerst bekam ich keine
Bluse.
Als wir mit unserer Jugendgruppe eines Tages Paßbilder gemacht
bekommen sollten, fehlte mir die richtige komplette Uniform, und
so mußte ich von den Kameradinnen annehmen, was mir fehlte:
zu meiner falschen Bluse bekam ich ein Fahrtentuch
mit Knoten und eine zünftige lederartige braune Jacke
mit Emblem auf dem Ärmel. Es wurde übrigens ein ganz
nettes Bild von mir, ich besitze es auch heute noch.
Im Sommer 1939 durfte ich mit meiner BDM-Gruppe aus Duisburg und Umgebung eine zehntägige Fahrt machen. Mit einem großen "Köln-Düsseldorfer"-Dampfer ging es zusammen mit vielen anderen Gruppen rheinaufwärts. Unsere kleine Einheit fuhr bis Mannheim mit, und dann wanderten wir am wunderschönen Neckar entlang. Übernachtet wurde in Jugendherbergen, ein herrliches Erlebnis für mich.
Der Höhepunkt der Fahrt war der abendliche Besuch der Reichsfestspiele im hell angestrahlten Heidelberger Schloß. Es gab "Die Räber" von Johann Friedrich von Schiller, eine richtige Sensation für mich!
Aus den frühen Jahren meiner Zeit in der Hitlerjugend sind
noch zwei Begebenheiten zu erzählen. Nachdem ich eine Zeit
lang an den Heimabenden (Nachmittage) teilgenommen hatte, ohne
politisch unangenehm aufgefallen zu sein, vertraute man mir sogar
mit Zustimmung meiner Eltern eine Gruppe von jüngeren Mädchen
an, um mich einmal in der Woche mit ihnen zu beschäftigen.
Ich nahm mit Freuden an und habe mit ihnen nach eigener Vorstellung
und in eigener Regie gebastelt und gesungen. Aber der Spaß
der Selbständigkeit hat nicht lange gedauert. Mit dem Grund
meiner Mutter, ich müsse für die Schule arbeiten und
habe keine Zeit mehr, mußte ich das Begonnene wieder aufgeben.
Das Zweite ist das Erlebnis, im Mülheimer Wald am Straßenrand
Spalier zu stehen. Wir wanderten als Gruppe aus Wedau etwa zwei
Stunden weit, bis in den Wald, der zu Mülheim-Ruhr gehörte.
Dort wurde der Führer erwartet, denn ein bedeutender Mann
aus der Führungsspitze der Stahlindustrie, Herr Kierdorf, wohnt
dort in einer Villa (die wir aber nie zu sehen bekamen); er feierte
an diesem Tage einen besonderen Geburtstag. Und weil die Industriebosse
für Hitler so lebenswichtig waren, hatte er seinen Besuch
zugesagt. Wir Kinder mit unseren kleinen Uniformen standen lange
vergeblich am Straßenrand im Gras und vertrieben uns mit
allerlei Späßchen die Zeit.
Mit mehreren Stunden Verspätung kamen dann die ersten Autos,
dann allmählich folgte eine Gruppe von Fahrzeugen, bis als
erster Prominenter Rudolf Hess, der Stellvertreter des Führers
(später bis zum Lebensende: Haft in Spandau) im offenen Wagen
an uns vorbei fuhr.
Im letzten offenen Wagen stand dann schließlich Adolf Hitler. Er schaute voll Stolz auf seine Jugend und grüßte mit erhobenem Arm nach rechts und links. Wir Kinder erhoben ebenfalls den Arm zum Hitlergruß und riefen: "Heil, Heil!" Bald war er vorübergefahren, aber das Warten hatte sich gelohnt, wir hatten ihn gesehen. - Ein großes Erlebnis war das nicht, aber immerhin!