1933 hatte Hitler die Macht ergriffen, und der Nationalsozialismus
brachte seine Ideologie unters Volk. Für meinen Vater Hanns Berekoven kam
der Tag, an dem er nachweisen mußte, daß in seinen
Vorfahren kein jüdisches Blut floß. Er mußte
also einen Arier-Paß erstellen. Da man ja von mehreren Generationen
vorher weder Namen noch Geburts- und Sterbedaten weiß, mußte
mein Vater auf Suche gehen. Da war ihm unser Auto eine willkommene
Hilfe. Zunächst suchte er in der Eifel bei mehreren Bügermeistern
nach Urkunden, später fand er die notwendigen Eintragungen
nur noch bei den Pastören in den örtlichen Kirchenbüchern.
Das Ergebnis wurde jeweils in den entsprechenden Vordruck im Ahnenpaß
eingetragen und beglaubigt. Das war eine zeitraubende Suche und
ohne Auto wohl kaum zu bewältigen. So konnte mein Vater dann
glaubhaft nachweisen, daß er wirklich arisches Blut in seiner
Familie besaß, und er brauchte dadurch keine Schikanen (oder
sogar Berufsverbot) zu erwarten. Den Ahnenpaß besitze ich
noch aus dem Nachlaß meiner Eltern. Er reicht zurück
bis ins Jahr 1706. Die meisten Vorfahren lebten im Raum Münstereifel.
In den Jahren von 1933-1939 traten viele Kollegen von der Schule
meines Vaters und auch viele andere Leute in die Partei ein. Mancher
war zwar nicht von dem Regime überzeugt, aber er mußte
befürchten, daß er nicht befördert wurde in seinem
Beruf, und dadurch seine Familie nur ein spärliches Einkommen
hatte. Aber Hitler hatte gleich zu Anfang viele neue Arbeitsplätze
geschaffen, und so hofften die Meisten auf Besserung.
In diesen Jahren, ich weiß die genauen Zeitpunkte nicht
mehr, begann man mit dem Bau der Autobahn. Noch ehe sie befahren
werden konnte, spazierten wir eines Nachmittages in Richtung Mülheimer
Wald und konnten dann plötzlich unter uns von einer Brücke
aus auf die riesige breite Zementdecke der zukünftigen Fahrbahn
sehen.
Eine andere Aktion, die mir noch in Erinnerung blieb, ist die
Sammlung für das Winterhilfswerk. Alle Familien
wurden zum Spenden aufgefordert, und es gab regelmäßig
kleine, bunt bemalte Holzfigürchen aus dem Sudetenland. Auch
unterstützten wir den sogenannten Sudetenverein in der Schule.
Wenn ich mit Vater an die Tankstelle fuhr, konnte man während
des Wartens in eine große Lagerhalle sehen, sie gehörte
zu einem Südfrüchte-Import. Eines Tages herrschte dort
große Stille, und ich erfuhr, daß es nun wegen der
angespannten politischen Lage keine Apfelsinen und Bananen mehr
geben werde. So konnte plötzlich alles zu Ende sein!
Hitler hatte übrigens in seinem Buch Mein Kampf
die Ziele seiner Regierung ganz deutlich ausgedrückt (nur
haben die Wenigsten, man muß sagen leider! das Buch gelesen).
Hitlers Ziel war es, unser germanisches arisches Volk zu stärken,
die Juden und andere Minderheiten loszuwerden und gleichzeitig
den Lebensraum für uns nach Osten hin zu erweitern. Das führte
also zwangsläufig zu der schrecklichen Judenverfolgung, Ausweisung
und Vernichtung. Ebenso war der Krieg vorprogrammiert. Wir haben
zu Hause das Buch nie besessen oder auch nur gelesen. Trotzdem
verstand mein Vater die Zeichen der Zeit, aber man mußte
sich hüten, seine Gedanken auch nur irgendwo zu äußern.
Das haben damals viele Menschen mit Verhaftung und Verschleppung
teuer bezahlen müssen.
Die Medien, damals ja nur eine parteifreundliche Zeitung
und der kontrollierte Rundfunk, brachten ja nur einseitig zensierte
Nachrichten, und so war eigentlich keiner so genau orientiert.
Das Propaganda-Ministerium unter Leitung von Josef Goebbels tat
alles, um der Bevölkerung die Menschenfreundlichkeit der
Partei kundzutun. Jede Alters- und Berufsgruppen waren irgendwie
angesprochen. So gab es, um die Leute bei Laune zu halten, die
Organisation Kraft durch Freude kurz KdF. Immer wieder
hörte man im Rundfunk von großen Reisen und Dampferfahrten,
mit denen die erfolgreichen Arbeiter und Arbeiterinnen belohnt
wurden.
Daß dabei auch die Industrie einen gewaltigen Aufschwung
durch die Produktion von Waffen und Munition erlebte, das sahen
die wenigsten. Auch durch äußerst geschliffene Reden
von Hitler, Goebbels, Göring und anderen Ministern wurde dem Volk über
das Radio den Volksempfänger der Wille zur vermeintlichen
Erstarkung unseres Volkes und Landes eingehämmert. Es schien,
als habe nun die eine Nation ein einziges großes Ziel, koste
es was es wolle!
Viele Menschen hatten in den Jahren bis 1938 schon ihre traurigen,
existenzerschütternden Erfahrungen gemacht, als in der berüchtigten
"Reichs-Kristallnacht" 1938 der Überfall auf alle
Juden stattfand. Diese Aktion lief, soviel ich weiß, in allen
deutschen Städten. Uniformierte drangen gewaltsam in die
Wohnungen ein, überfielen die ahnungslosen Menschen, zerstörten
ihre Wohnungen auf brutale Weise und warfen so viel sie konnten
auch aus den oberen Stockwerken auf die Straße. Gleichzeitig
setzte man landesweit die Synagogen in Brand, und viele dachten
sicher, sie hätten mit der Zerstörung ihrer Mitmenschen
ein gutes Werk getan.
Ich selbst war an dem besagten Morgen in Duisburg in der Schule,
und wir sahen in der ersten Pause über unserer Schulhofsmauer
die Flammen und den Rauch aufsteigen. Nachher gingen wir an die
nächste Straßenecke und sahen ein schreckliches Bild:
die ganze Straße lag voller Scherben, zerbrochenen Möbeln
und Bildern, und manchen kostbaren Dingen wie z. B. ein zerbrochenes
Klavier. Es war ein Bild des Grauens, und die Besitzer standen
z.T. in ihren Haustüren oder hielten sich versteckt.
Es kam auch die Zeit, in der die jüdischen Geschäfte
schließen mußten, und alle Juden einen gelben Stern
(den Judenstern) an jedem Kleidungsstück befestigen mußten,
besonders auf der Straße sollten sie für jeden kenntlich
sein. Auch diese Dinge habe ich selber gesehen, aber man mußte
still sein, ein Kommentar auch bei Freunden konnte gefährlich
sein.
In unserer Klasse hatten wir seit der Sexta ab Ostern 1934 auch
drei jüdische Mädchen. Seit der Reichs-Kristallnacht
kamen sie nicht mehr zur Schule, keiner gab uns nähere Informationen.
Und da ich, wir wohnten ja in Wedau, mit keiner von ihnen außerschulische,
persönliche Verbindungen hatte, erfuhr ich nie etwas von
ihrem traurigen Schicksal. Es wäre auch gefährlich gewesen,
an dieser Frage Interesse zu zeigen. Immer wieder hörten
meine Eltern von Fällen, in denen Leute bei Nacht und Nebel
aus ihren Wohnungen abgeholt und verhaftet wurden. Selbst das
Denunzieren war üblich, jedem konnte jederzeit alles vorgeworfen
werden, und keiner wußte, wo seine Angehörigen geblieben
waren. Von dem Stil eines Arbeitslagers konnte man sich eine Vorstellung
machen, aber daß es, wie man erst nach dem Krieg erfuhr,
Konzentrationslager solch entsetzlichen Stils gab, das wußte
damals wohl keiner, auch das ist heute kaum vorstellbar.
Damit alles Jüdische ausgemerzt wurde, durfte auch kein arischer
Bürger einen jüdischen Vornamen aus dem Alten Testament
haben. Nun war in unserer Klasse ein Mädchen, das hieß
Ester.
Eines Tages erklärte sie unserer Klassenlehrerin, sie habe
den Vornamen ändern müssen; sie hieße nun Dagmar!
Nun mußten wir uns alle hüten, den alten, uns vertrauten
Namen zu benutzen. Eine neue Verfügung bescherte uns in der
Schule einen freien Samstag, nicht etwa, um mehr Freizeit zu haben,
sondern damit an diesem Tage für alle Organisationen die
Gelegenheit zu Treffen, Aufmärschen usw. gegeben sei. Da
ich aber nicht in der HJ eingetragen war, mußte ich wie
einige wenige aus der Unterstufe an diesem Tage in der Schule
erscheinen. Es tat sich dort nichts Besonderes, aber wir mußten
hin. Alles wurde von der obersten Leitung befohlen.
Unsere Schule war ein ziemlich großer Bau in der Landgerichtsstraße.
Von der oberen Etage sah man über die hohe Mauer hinweg die
obersten vergitterten Fenster der Zellen des Gefängnisses.
Unser großer, mehrstöckiger Bau enthielt sehr viele
Klassenräume, und andere Nebenräume, dazu als Besonderheit
einen großen Festsaal, unsere Aula. Die Wände waren
holzvertäfelt, vorne befand sich ein großes Podium
für Konzert- oder Theatervorstellungen, und an der vorderen
Wand sah man die kleinen und großen Pfeifen einer schönen
Orgel. Dieser Raum diente nach 1933 auch der Nationalsozialistischen
Unterweisung, besonders den Radioübertragungen, wenn Hitler
oder eine andere große Persönlichkeit eine Rede hielt.
Dann wurde plötzlich der Unterricht unterbrochen, wir mußten
mit vielen Klassen gemeinsam in die Aula. Auch da durfte man nichts
Verfängliches äußern.
Ein Mädchen hat einmal zu ihrer Nachbarin geäußert
(bei einer Rede von unserem Führer): »der
spricht aber leise, den versteht man ja nicht!«. Mein Vater
wußte dann später, daß der Direktor davon unterrichtet
wurde und den Vater zur Schule bestellen mußte, um ihn zu
befragen, wie seine Tochter zu solcher abwertenden Bemerkung komme,
war es vielleicht die häusliche, negative Einstellung zur
Partei? Oder gar zu Hitler? - Zum Glück blieb es bei einem
Verweis.
Mein Vater hat übrigens in dieser schönen Aula seine
Orchester und Chorstunden abgehalten, wenn Kinder von mehreren
Klassen beteiligt waren. Ich selber war ja noch in der Unterstufe
und gehörte weder zum Chor noch zum Orchester. Aber bei einer
Schulfeier sah und hörte ich meinen Vater, wie er die berühmte
Kindersymphonie von Haydn aufführte.