Dieser Eintrag stammt von Ursula Sabel (* 1924)
aus Kenn bei Trier
, 25.04.2000:
   Jugend im NS-Regime
Schule im NS-Regime


Jugenderinnerungen an das Dritte Reich


Ahnenpaß 1933 hatte Hitler die Macht ergriffen, und der Nationalsozialismus brachte seine Ideologie unters Volk. Für meinen Vater Hanns Berekoven kam der Tag, an dem er nachweisen mußte, daß in seinen Vorfahren kein jüdisches Blut floß. Er mußte also einen Arier-Paß erstellen. Da man ja von mehreren Generationen vorher weder Namen noch Geburts- und Sterbedaten weiß, mußte mein Vater auf Suche gehen. Da war ihm unser Auto eine willkommene Hilfe. Zunächst suchte er in der Eifel bei mehreren Bügermeistern nach Urkunden, später fand er die notwendigen Eintragungen nur noch bei den Pastören in den örtlichen Kirchenbüchern. Das Ergebnis wurde jeweils in den entsprechenden Vordruck im ›Ahnenpaß‹ eingetragen und beglaubigt. Das war eine zeitraubende Suche und ohne Auto wohl kaum zu bewältigen. So konnte mein Vater dann glaubhaft nachweisen, daß er wirklich arisches Blut in seiner Familie besaß, und er brauchte dadurch keine Schikanen (oder sogar Berufsverbot) zu erwarten. Den Ahnenpaß besitze ich noch aus dem Nachlaß meiner Eltern. Er reicht zurück bis ins Jahr 1706. Die meisten Vorfahren lebten im Raum Münstereifel.

In den Jahren von 1933-1939 traten viele Kollegen von der Schule meines Vaters und auch viele andere Leute in die Partei ein. Mancher war zwar nicht von dem Regime überzeugt, aber er mußte befürchten, daß er nicht befördert wurde in seinem Beruf, und dadurch seine Familie nur ein spärliches Einkommen hatte. Aber Hitler hatte gleich zu Anfang viele neue Arbeitsplätze geschaffen, und so hofften die Meisten auf Besserung.

In diesen Jahren, ich weiß die genauen Zeitpunkte nicht mehr, begann man mit dem Bau der Autobahn. Noch ehe sie befahren werden konnte, spazierten wir eines Nachmittages in Richtung Mülheimer Wald und konnten dann plötzlich unter uns von einer Brücke aus auf die riesige breite Zementdecke der zukünftigen Fahrbahn sehen.

Eine andere Aktion, die mir noch in Erinnerung blieb, ist die Sammlung für das ›Winterhilfswerk‹. Alle Familien wurden zum Spenden aufgefordert, und es gab regelmäßig kleine, bunt bemalte Holzfigürchen aus dem Sudetenland. Auch unterstützten wir den sogenannten Sudetenverein in der Schule.

Ahnenpaß Wenn ich mit Vater an die Tankstelle fuhr, konnte man während des Wartens in eine große Lagerhalle sehen, sie gehörte zu einem Südfrüchte-Import. Eines Tages herrschte dort große Stille, und ich erfuhr, daß es nun wegen der angespannten politischen Lage keine Apfelsinen und Bananen mehr geben werde. So konnte plötzlich alles zu Ende sein!

Hitler hatte übrigens in seinem Buch ›Mein Kampf‹ die Ziele seiner Regierung ganz deutlich ausgedrückt (nur haben die Wenigsten, man muß sagen leider! das Buch gelesen). Hitlers Ziel war es, unser germanisches arisches Volk zu stärken, die Juden und andere Minderheiten loszuwerden und gleichzeitig den Lebensraum für uns nach Osten hin zu erweitern. Das führte also zwangsläufig zu der schrecklichen Judenverfolgung, Ausweisung und Vernichtung. Ebenso war der Krieg vorprogrammiert. Wir haben zu Hause das Buch nie besessen oder auch nur gelesen. Trotzdem verstand mein Vater die Zeichen der Zeit, aber man mußte sich hüten, seine Gedanken auch nur irgendwo zu äußern. Das haben damals viele Menschen mit Verhaftung und Verschleppung teuer bezahlen müssen.

Die Medien, damals ja nur eine ›parteifreundliche‹ Zeitung und der kontrollierte Rundfunk, brachten ja nur einseitig zensierte Nachrichten, und so war eigentlich keiner so genau orientiert. Das Propaganda-Ministerium unter Leitung von Josef Goebbels tat alles, um der Bevölkerung die Menschenfreundlichkeit der Partei kundzutun. Jede Alters- und Berufsgruppen waren irgendwie angesprochen. So gab es, um die Leute bei Laune zu halten, die Organisation ›Kraft durch Freude‹ kurz KdF. Immer wieder hörte man im Rundfunk von großen Reisen und Dampferfahrten, mit denen die erfolgreichen Arbeiter und Arbeiterinnen belohnt wurden.

Daß dabei auch die Industrie einen gewaltigen Aufschwung durch die Produktion von Waffen und Munition erlebte, das sahen die wenigsten. Auch durch äußerst geschliffene Reden von Hitler, Goebbels, Göring und anderen Ministern wurde dem Volk über das Radio den ›Volksempfänger‹ der Wille zur vermeintlichen Erstarkung unseres Volkes und Landes eingehämmert. Es schien, als habe nun die eine Nation ein einziges großes Ziel, koste es was es wolle!

Viele Menschen hatten in den Jahren bis 1938 schon ihre traurigen, existenzerschütternden Erfahrungen gemacht, als in der berüchtigten "Reichs-Kristallnacht" 1938 der Überfall auf alle Juden stattfand. Diese Aktion lief, soviel ich weiß, in allen deutschen Städten. Uniformierte drangen gewaltsam in die Wohnungen ein, überfielen die ahnungslosen Menschen, zerstörten ihre Wohnungen auf brutale Weise und warfen so viel sie konnten auch aus den oberen Stockwerken auf die Straße. Gleichzeitig setzte man landesweit die Synagogen in Brand, und viele dachten sicher, sie hätten mit der Zerstörung ihrer Mitmenschen ein gutes Werk getan.

Ahnenpaß Ich selbst war an dem besagten Morgen in Duisburg in der Schule, und wir sahen in der ersten Pause über unserer Schulhofsmauer die Flammen und den Rauch aufsteigen. Nachher gingen wir an die nächste Straßenecke und sahen ein schreckliches Bild: die ganze Straße lag voller Scherben, zerbrochenen Möbeln und Bildern, und manchen kostbaren Dingen wie z. B. ein zerbrochenes Klavier. Es war ein Bild des Grauens, und die Besitzer standen z.T. in ihren Haustüren oder hielten sich versteckt.

Es kam auch die Zeit, in der die jüdischen Geschäfte schließen mußten, und alle Juden einen gelben Stern (den Judenstern) an jedem Kleidungsstück befestigen mußten, besonders auf der Straße sollten sie für jeden kenntlich sein. Auch diese Dinge habe ich selber gesehen, aber man mußte still sein, ein Kommentar auch bei Freunden konnte gefährlich sein.

In unserer Klasse hatten wir seit der Sexta ab Ostern 1934 auch drei jüdische Mädchen. Seit der ›Reichs-Kristallnacht‹ kamen sie nicht mehr zur Schule, keiner gab uns nähere Informationen. Und da ich, wir wohnten ja in Wedau, mit keiner von ihnen außerschulische, persönliche Verbindungen hatte, erfuhr ich nie etwas von ihrem traurigen Schicksal. Es wäre auch gefährlich gewesen, an dieser Frage Interesse zu zeigen. Immer wieder hörten meine Eltern von Fällen, in denen Leute bei Nacht und Nebel aus ihren Wohnungen abgeholt und verhaftet wurden. Selbst das Denunzieren war üblich, jedem konnte jederzeit alles vorgeworfen werden, und keiner wußte, wo seine Angehörigen geblieben waren. Von dem Stil eines Arbeitslagers konnte man sich eine Vorstellung machen, aber daß es, wie man erst nach dem Krieg erfuhr, Konzentrationslager solch entsetzlichen Stils gab, das wußte damals wohl keiner, auch das ist heute kaum vorstellbar.

Damit alles Jüdische ausgemerzt wurde, durfte auch kein arischer Bürger einen jüdischen Vornamen aus dem Alten Testament haben. Nun war in unserer Klasse ein Mädchen, das hieß Ester.
Eines Tages erklärte sie unserer Klassenlehrerin, sie habe den Vornamen ändern müssen; sie hieße nun Dagmar! Nun mußten wir uns alle hüten, den alten, uns vertrauten Namen zu benutzen. Eine neue Verfügung bescherte uns in der Schule einen freien Samstag, nicht etwa, um mehr Freizeit zu haben, sondern damit an diesem Tage für alle Organisationen die Gelegenheit zu Treffen, Aufmärschen usw. gegeben sei. Da ich aber nicht in der HJ eingetragen war, mußte ich wie einige wenige aus der Unterstufe an diesem Tage in der Schule erscheinen. Es tat sich dort nichts Besonderes, aber wir mußten hin. Alles wurde von der obersten Leitung befohlen.

Unsere Schule war ein ziemlich großer Bau in der Landgerichtsstraße. Von der oberen Etage sah man über die hohe Mauer hinweg die obersten vergitterten Fenster der Zellen des Gefängnisses. Unser großer, mehrstöckiger Bau enthielt sehr viele Klassenräume, und andere Nebenräume, dazu als Besonderheit einen großen Festsaal, unsere Aula. Die Wände waren holzvertäfelt, vorne befand sich ein großes Podium für Konzert- oder Theatervorstellungen, und an der vorderen Wand sah man die kleinen und großen Pfeifen einer schönen Orgel. Dieser Raum diente nach 1933 auch der Nationalsozialistischen Unterweisung, besonders den Radioübertragungen, wenn Hitler oder eine andere große Persönlichkeit eine Rede hielt. Dann wurde plötzlich der Unterricht unterbrochen, wir mußten mit vielen Klassen gemeinsam in die Aula. Auch da durfte man nichts Verfängliches äußern.

Ein Mädchen hat einmal zu ihrer Nachbarin geäußert (bei einer Rede von ›unserem Führer‹): »der spricht aber leise, den versteht man ja nicht!«. Mein Vater wußte dann später, daß der Direktor davon unterrichtet wurde und den Vater zur Schule bestellen mußte, um ihn zu befragen, wie seine Tochter zu solcher abwertenden Bemerkung komme, war es vielleicht die häusliche, negative Einstellung zur Partei? Oder gar zu Hitler? - Zum Glück blieb es bei einem Verweis.

Mein Vater hat übrigens in dieser schönen Aula seine Orchester und Chorstunden abgehalten, wenn Kinder von mehreren Klassen beteiligt waren. Ich selber war ja noch in der Unterstufe und gehörte weder zum Chor noch zum Orchester. Aber bei einer Schulfeier sah und hörte ich meinen Vater, wie er die berühmte ›Kindersymphonie‹ von Haydn aufführte.

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